Diese Worte trafen unseren Helden mitten ins Herz! Man muß nämlich wissen, daß Kowalew eine äußerst empfindliche Natur war. Er konnte alles verzeihen, was man über ihn sagte, nur keinen Verstoß gegen die seiner amtlichen Würde gebührende Achtung. Er war der Ansicht, daß man auch in den Theaterstücken wohl eine Bemerkung über die höheren Offiziere durchlassen könne, aber niemals ein Wort, das sich gegen die Stabsoffiziere richtet. Der Empfang des Polizeikommissars brachte ihn derartig aus der Fassung, daß er empört den Kopf schüttelte, die Hände weit ausstreckte und würdevoll ausrief: „Ich muß gestehen, daß ich auf solche beleidigende Äußerungen nichts zu erwidern habe ...“ Und damit ging er hinaus.

Der Major kehrte mehr tot als lebendig nach Hause zurück; nach all diesen seelischen Erschütterungen wußte er kaum noch, ob er auf seinen Füßen stehe oder nicht. Er warf sich müde in einen Lehnstuhl und brach, nachdem er sich ein wenig ausgeruht hatte, in bittere Klagen aus: „Mein Gott, mein Gott! Womit habe ich bloß ein solches Unglück verdient? Hätte ich noch eine Hand oder einen Fuß verloren, wären mir meine beiden Ohren abhanden gekommen — es wäre noch immer leichter zu ertragen, aber ein Mensch ohne Nase — das ist ein Ding, das man nehmen und zum Fenster hinauswerfen möchte. Hätte man sie mir noch abgeschnitten, oder wäre ich selbst schuld daran — aber so ganz ohne Grund zu verschwinden! Weiß Gott, das ist doch zu unwahrscheinlich! Vielleicht schlafe ich bloß, und ich habe dies alles nur geträumt.“ — Und der Kollegien-Assessor kniff sich mit dem Finger ins Fleisch, sodaß er vor Schmerz beinahe laut aufgeschrieen hätte. „Nein, hol’s der Teufel, ich schlafe nicht!“ Er stand ganz leise auf, näherte sich vorsichtig dem Spiegel, kniff die Augen erst ein wenig zu und blickte dann plötzlich hinein: „Wer weiß, vielleicht hatte er doch noch eine Nase!“ aber er sprang sogleich wieder vom Spiegel zurück und murmelte: „Weiß der Teufel! Die reinste Karikatur!“

Und in der Tat, der Fall war wirklich ganz unmöglich und völlig unwahrscheinlich; man hätte ihn wirklich für einen Traum halten müssen, wenn er nicht tatsächlich passiert wäre und sich nicht eine ganze Menge von völlig einwandfreien Beweisen dafür gefunden hätte. Der Major überlegte lange Zeit, wer wohl hier der Schuldige sein möchte; und kam schließlich zum Resultat, daß noch am ehesten eine Witwe, die Gattin eines verstorbenen Stabsoffiziers, die Schuld an seinem Unglück treffe. Diese wünschte nämlich, daß der Major ihre Tochter heiraten solle, und er hatte ihr auch in der Tat die Cour geschnitten, war aber zugleich einer deutlichen Erklärung stets aus dem Wege gegangen. Als ihm jedoch die Witwe offen mitteilte, daß sie ihm gern ihre Tochter zur Frau geben würde, da trat er den Rückzug an und sagte, er sei noch zu jung und müsse noch gegen fünf Jahre dienen, um die runde Zahl von zweiundvierzig Jahren zu erreichen. Sicherlich hatte sich die Witwe an ihm rächen wollen, sich daher entschlossen, ihn zu verstümmeln, und ein paar alte Hexen gegen ihn aufgehetzt, wahrscheinlich aber hatte auch sie selbst mit dabei geholfen.

Während er noch über diese Dinge nachgrübelte, hörte er plötzlich im Vorzimmer eine fremde Stimme: „Wohnt hier der Kollegienassessor Kowalew?“

„Bitte treten Sie ein. Der Kollegienassessor ist zu Hause!“ sagte er, indem er vom Stuhl aufsprang und die Türe öffnete. Es war der Polizeikommissar, der am Ende der Isaksbrücke gestanden hatte, ein Mann von sehr würdigem Äußeren.

„Ich glaube, Sie beliebten, Ihre Nase zu verlieren.“

„In der Tat!“

„Sie ist soeben angehalten worden.“

„Was sagen Sie“ rief der Major hocherfreut aus. „Auf welche Weise ist das geschehen?“

„Durch einen sehr merkwürdigen Zufall. Man hat sie fast im Moment ihrer Abreise angehalten. Sie hatte schon ihren Platz im Postwagen eingenommen, um nach Riga zu fahren. Der Paß war schon längst ausgestellt und lautete auf einen Schuldirektor in Tambow. Das Merkwürdigste jedoch ist, daß ich sie selber für einen Herrn gehalten habe, aber ich hatte zum Glück meine Brille mitgenommen; so setzte ich sie denn auf und erkannte sogleich, daß es nur eine Nase war. Ich bin nämlich kurzsichtig, und wie Sie jetzt vor mir stehen, unterscheide ich weder Nase noch Bart oder sonst etwas. Meine Schwiegermutter, die Mutter meiner Frau, sieht auch fast gar nichts.“