Kowalew war außer sich vor Freude: „Wo ist sie, wo? Ich laufe sofort hin!“
„Seien Sie ganz ruhig, ich weiß, daß Sie sie brauchen, ich habe sie deshalb gleich mitgebracht. Das Seltsamste ist, daß der Hauptschuldige an der ganzen Sache ein Lump von Barbier aus der Wosnessenski-Straße ist, der zurzeit schon in Polizeigewahrsam sitzt. Ich habe ihn schon lange in Verdacht, daß er ein Dieb und ein Trunkenbold ist; erst vor drei Tagen hat er im Gostinny Dwor ein halbes Dutzend Knöpfe gestohlen. Ihre Nase ist gänzlich unversehrt.“ Mit diesen Worten steckte der Polizeikommissar seine Hand in die Tasche und holte die Nase heraus, die in ein Stück Papier eingewickelt war.
„Ja, das ist sie!“ rief Kowalew ganz selig aus. „Das ist sie wirklich. Wollen Sie eine Tasse Tee mit mir trinken?“
„Mit dem größten Vergnügen, aber es ist mir leider unmöglich. Ich bin sehr beschäftigt. Die Lebensmittel sind jetzt so teuer geworden. Meine Schwiegermutter, d. h. die Mutter meiner Frau, wohnt auch bei mir im Hause. Und dann habe ich noch Kinder. Der Älteste berechtigt zu den schönsten Hoffnungen, das ist wirklich ein recht intelligenter Bursche, mir fehlen nur leider die Mittel, ihm eine gute Erziehung zu geben.“
Kowalew begriff die Anspielung, nahm einen roten Zettel vom Tisch und drückte ihn dem Polizeikommissar in die Hand, dieser machte einen Kratzfuß und ging zur Tür hinaus; fast im selben Augenblick hörte Kowalew seine Stimme auf der Straße, wo er einem dummen Bauern, der mit seiner Fuhre auf den Boulevard geraten war, eine kräftige Mahnung in Form einer Ohrfeige erteilte. Der Kollegienassessor kam endlich wieder zu sich, denn die Freude hatte ihm alle Besinnung geraubt ... „Gott sei Dank, jetzt habe ich doch wieder eine Nase! Nun will ich sie mir aber auch wieder ansetzen.“ Mit diesen Worten versuchte er es, sie an ihren alten Platz zu bringen, aber zu seinem Erstaunen mußte er bemerken, daß die Nase durchaus nicht haften bleiben wollte. „Nun sitz doch fest, du Rindvieh!“ sagte er zu ihr, aber die Nase war ganz dumm und fiel immer wieder auf den Tisch, sowie er sie losließ. Das Gesicht des Majors verzerrte sich krampfhaft. „Sollte sie wirklich nicht haften bleiben?“ sprach er erschrocken. Aber die Nase fiel tatsächlich auf den Tisch. „Ach Gott, ach Gott! Ja, wie kann sie denn auch festsitzen? Ich habe ja ganz vergessen, daß, wenn sie einmal abgeschnitten ist, man sie doch gar nicht wieder ansetzen kann.“
Unterdessen hatte sich das Gerücht von diesem außerordentlichen Ereignis in der ganzen Residenz verbreitet, und natürlich, wie das zu geschehen pflegt, nicht ohne viele Zutaten und Ausschmückungen. Um diese Zeit standen gerade alle Gemüter unter dem Eindruck übernatürlicher Vorgänge: erst kurz vorher hatten Experimente mit dem tierischen Magnetismus das ganze Publikum beschäftigt. Dazu war die Geschichte mit den tanzenden Stühlen in der Stallhofstraße noch in jedermanns Gedächtnis, und es war daher kein Wunder, daß man sich bald darauf zu erzählen begann, die Nase des Kollegienassessors Kowalew gehe jeden Tag pünktlich um drei Uhr auf dem Newski-Prospekt spazieren. Eine Menge von Neugierigen strömte dort jeden Tag zusammen. Dieses Ereignis bildete das besondere Entzücken all jener eleganten Müßigänger, die bei keiner Gesellschaft fehlen, und die es sich zur Pflicht machen, die Damen zu unterhalten und zum Lachen zu bringen. Die Sache kam ihnen sehr gelegen, da ihr Vorrat an Neuigkeiten zurzeit völlig erschöpft war. Aber es gab doch auch viele, die sehr ungehalten über diese Klatschereien waren, und ein Herr mit einem Stern erklärte ganz empört, er begreife nicht, wie in einem aufgeklärten Jahrhundert solche falsche und abgeschmackte Gerüchte entstehen könnten; ja er wunderte sich, daß die Regierung diesen Vorgängen nicht mehr Beachtung schenkte. Dieser Herr gehörte augenscheinlich zu jener Menschenklasse, die es für wünschenswert hält, daß die Regierung sich in alle Angelegenheiten mische, selbst in die alltäglichen Zwistigkeiten der Ehegatten.
Der arme Kollegienassessor hatte von all diesen Gerüchten Kunde bekommen, obwohl ich nicht sagen kann, auf welche Weise, denn er verließ fast niemals sein Zimmer. — Er befahl, niemand vorzulassen, ließ sich nirgends sehen, nicht einmal im Theater, und wenn selbst die tollste Posse gegeben wurde; er spielte nicht einmal mehr eine Partie Boston, mied sogar Herrn Jaryschkin, der sein Busenfreund war, und magerte im Laufe eines Monats derartig ab, daß er bald mehr einer Leiche als einem lebendigen Menschen glich ...
Übrigens war all das, was hier beschrieben ist, nur ein Traum des Majors. Als er wieder erwachte, geriet er so außer sich vor Freude, daß er wie toll aus seinem Bette sprang, zum Spiegel lief, und als er sich überzeugt hatte, daß alles am rechten Flecke saß, im bloßen Hemde durch das Zimmer zu hüpfen begann. Er führte sogar einen ganzen Tanz auf, der eine Art Mischung aus einer Française und einer polnischen Mazurka darstellte. Und als sein Diener Iwan den Kopf durch die Tür steckte, um zu sehen, was sein Herr treibe, da rief der Major ihm zu: „Mach, daß du hinaus kommst! Worüber wunderst du dich?“ Nach einer Minute aber warf er sich aufs Bett, richtete sich jedoch gleich wieder auf und schrie: „He, Iwan!“ — „Was wünschen der gnädige Herr?“ — „Hat nicht ein Mädel — so ein hübsches, nettes Mädel nach dem Major Kowalew gefragt?“ — „Nein, gnädiger Herr!“ — „Hm,“ sagte der Major Kowalew und blickte lächelnd in den Spiegel.“
Gogol hat „Die Nase“ noch einmal für die erste Gesamtausgabe seiner Werke umgearbeitet und ihr dort einen andern Schluß gegeben. Im Sowremennik („Zeitgenossen“) von Puschkin lautet dieser Schluß folgendermaßen:
„Da geschah etwas ganz Merkwürdiges und Unerklärliches. Plötzlich befand sich die Nase des Majors wieder an ihrem alten Platze. Dies geschah im Anfang Mai, ich kann jedoch nicht genau sagen, ob es am fünften oder sechsten Mai war. Als der Major frühmorgens erwachte, nahm er den Spiegel zur Hand und bemerkte, daß die Nase sich ganz, wie es sich gehörte, zwischen den beiden Wangen des Majors befand. Höchst erstaunt ließ er den Spiegel auf den Boden fallen und befühlte die Nase mehrmals mit der Hand, denn er war nicht sicher, ob es auch wirklich eine Nase sei. Aber da er sich überzeugte, daß es in der Tat nichts anders als seine höchsteigene Nase war, sprang er aus dem Bett und absolvierte im Zimmer einen Tanz, der eine Mischung aus einer Française und einem russischen Trepak darstellte. — Dann ließ er sich anziehen, wusch sich und rasierte sich das Kinn, das bereits eine große Ähnlichkeit mit einer Bürste angenommen hatte, mit der man sich bequem die Kleider bürsten konnte. — Und schon nach wenigen Minuten sah man den Kollegienassessor auf dem Newski-Prospekt herumspazieren, wo er lustig einherschritt und fröhliche Blicke auf alle Passanten warf; viele sahen ihn sogar im Gostinny Dwor ein schmales Ordensband kaufen, zu welchem Zwecke dies jedoch geschah — das hätte freilich niemand sagen können, denn er besaß gar keinen Orden.