„Merkwürdig. Dann kann ich es nicht verstehen. Aber vielleicht hatten Sie unter Mißernten und Epidemieen zu leiden? Haben Sie vielleicht viele Bauern verloren?“
„Im Gegenteil, alles befindet sich in der schönsten Verfassung, mein Bruder ist ein vorzüglicher Landwirt.“
„Und bei alledem sind Sie traurig und verstimmt! Das verstehe ich nicht,“ sprach Tschitschikow achselzuckend.
„Passen Sie auf, den Trübsinn wollen wir gleich verjagen,“ sagte der Hauswirt, „Alexascha, lauf mal rasch nach der Küche und sag dem Koch, er soll uns die Fischpastetchen hereinbringen. Wo ist nur der Faulpelz Emeljan! Der hält wohl wieder Maulaffen feil. Und dieser Dieb, der Antoschka? Warum tragen sie die kalte Platte nicht auf?“
Jetzt aber öffnete sich die Türe. Der Faulpelz Emeljan und der Dieb Antoschka erschienen mit einer Serviette unter dem Arm, deckten den Tisch, und stellten einen Untersatz mit sechs Karaffen voll Likören von verschiedener Farbe darauf. Um diese gruppierte sich bald eine ganze Kette von Tellern, mit allerhand appetitreizenden Speisen. Die Diener bewegten sich flink hin und her und trugen immer neue zugedeckte Schüsseln herein, in denen man die Butter lustig schmoren hörte. Der Faulpelz Emeljan und der Dieb Antoschka machten ihre Sache ganz vortrefflich. Sie hatten ihre Spitznamen gewissermaßen bloß zum Ansporn und zur Ermunterung erhalten. Der Hausherr war durchaus kein Freund vom Schimpfen, dazu war er viel zu gutmütig; aber ein Russe kann halt ohne ein gepfeffertes Wort nicht auskommen. Er braucht es ebenso wie sein Gläschen Schnaps zur Beförderung der Verdauung. Was ist zu machen! Das ist nun einmal seine Natur, daß er die reizlose Kost nicht leiden mag!
Auf die kalte Platte folgte das eigentliche Mittagessen. Hier verwandelte sich unser gutmütiger Hausherr in einen wahren Tyrannen. Kaum bemerkte er, daß einer der Gäste nur noch ein Stück auf dem Teller hatte, so legte er ihm sofort ein zweites auf, indem er hinzufügte: „In der Welt paart sich alles, Mensch, Tier und Vogel!“ Hatte einer zwei Stück auf seinem Teller, so legte er ihm noch ein drittes auf, indem er bemerkte: „Das ist doch keine Zahl: zwei! Aller guten Dinge sind drei.“ Hatte der Gast drei Stücke gegessen, so rief er schon: „Haben Sie etwa schon einen dreirädrigen Wagen oder eine dreieckige Hütte gesehen?“ Auch auf die Zahl vier, auf die fünf usw. hatte er ein Sprichwort bereit. Tschitschikow hatte sicherlich schon seine zwölf Stücke verschlungen und dachte: „Na, jetzt wird dem Hausherrn doch wohl nichts mehr einfallen!“ Aber er irrte sich: ohne ein Wort zu sagen, legte ihm dieser den ganzen Rückenteil eines am Spieß gebratenen Kalbes samt den Nieren auf den Teller. Und was für eines Kalbes!
„Es hat zwei Jahre lang nichts wie Milch bekommen,“ sagte der Hausherr. „Ich hab’s gepflegt wie mein eigenes Kind.“
„Ich kann nicht mehr!“ stöhnte Tschitschikow.
„Kosten Sie mal erst, und dann sagen Sie: ich kann nicht mehr!“
„Es geht nicht mehr rein! Ich hab’ keinen Platz mehr im Magen.“