„Aber mit dem größten Vergnügen. Meinetwegen sogar drei Tage.“
„Nun denn, also abgemacht. Wir fahren!“ sagte Platonow lebhaft.
Tschitschikow schlug ein. „Bravo. Wir fahren!“
„Wohin? Wohin?“ rief der Hausherr, der eben aus dem Schlafe erwacht war, und sie erstaunt anstarrte. — „Nein, liebe Herren, ich habe die Räder von Ihrem Wagen abnehmen lassen und Ihren Hengst haben wir fortgejagt, Platon Michailowitsch, der ist fünfzehn Werst weit von hier. Nein, heute müssen Sie schon die Nacht bei mir bleiben, morgen essen wir etwas früher zu Mittag, und dann mögt Ihr meinetwegen reisen.“
Was sollte man da machen? Man mußte sich schon zum Bleiben entschließen. Dafür wurden sie durch einen wundervollen Frühlingsabend schadlos gehalten. Der Hausherr gab ein Fest auf dem Flusse. Zwölf Ruderer mit vierundzwanzig Rudern führten sie unter frohen Gesängen über den spiegelglatten Rücken des Sees. Aus dem See gelangten sie in den Fluß, der sich in unabsehbare Ferne vor ihnen ausdehnte und überall von flachen Ufern begrenzt war. Sie mußten immerfort über Taue hinwegfahren, die quer durch den Fluß gezogen, und an denen Netze befestigt waren. Auch nicht eine Welle kräuselte die glatte Wasserfläche; ganz still und lautlos glitten die herrlichen Landschaftsbilder an ihnen vorüber, und dunkele Gehölze und Haine entzückten ihren Blick durch die mannigfache Anordnung und Gruppierung ihrer Bäume. In gleichmäßigem Takt legten sich die Bootsknechte in die Ruder; sie erhoben sie alle vierundzwanzig plötzlich wie ein Mann in die Höhe — und wie von selbst, einem leichten Vogel gleich, glitt der Kahn über den unbeweglichen Wasserspiegel dahin. Ein junger Bursche, ein starker breitschultriger Kerl, der dritte Mann vom Steuer, machte den Vorsänger und stimmte mit seiner reinen hellen Stimme, die aus einer Nachtigallenkehle zu kommen schien, ein Lied an, dann fielen fünf andre ein, sechs weitere lösten sie ab, und laut schwoll an und ergoß sich der Gesang: unendlich und grenzenlos, wie Rußland selbst. Sogar Petuch ließ sich manchmal fortreißen und unterstützte den Chor, wenn es ihm an Kraft fehlte, mit einem Ton, der eine gewisse Ähnlichkeit mit Hühnergegacker hatte; ja sogar Tschitschikow hatte an diesem Abend das lebhafte Gefühl, daß er ein Russe sei. Nur Platonow dachte: „Was ist eigentlich schönes an diesem melancholischen Lied? Es stimmt einen nur noch trauriger, als man schon ist.“
Es fing schon an zu dämmern, als man zurückkehrte. Es wurde finster; die Ruder schlugen jetzt das Wasser, in dem sich der Himmel schon nicht mehr spiegelte. Als man am Ufer landete, war es bereits völlig dunkel. Überall waren Holzstöße angezündet, die Fischer kochten auf Dreifüßen eine Suppe aus lebendigen noch zappelnden Bärschen. Alles war schon zu Hause. Das Vieh und das Geflügel war schon lange in den Ställen, der Staub, den sie aufwirbelten, hatte sich gelegt, die Hirten standen an den Toren und warteten auf die Milchtöpfe und auf eine Einladung zur Fischsuppe. Das leise Gesumme der menschlichen Stimmen klang durch die Nacht, und fernes Hundegebell hallte aus einem Nachbardorf herüber. Der Mond ging eben auf und begann die dunkele Umgegend in sein Licht zu hüllen; bald lag alles hell erleuchtet da. Welch herrliches Bild! Aber es gab niemand, der sich daran erfreuen konnte. Statt sich auf ein paar feurige Hengste zu schwingen und im tollen Galopp um die Wette durch die Nacht zu jagen, saßen Nikolascha und Alexascha stumm da und dachten an Moskau, an die Café’s und Theater, von denen ihnen ein Kadett, der aus der Hauptstadt zu Besuch gekommen war, soviel vorerzählt hatte; ihr Vater dachte daran, wie er seine Gäste recht schön abfüttern könnte, und Platonow gähnte. Am lebhaftesten war noch Tschitschikow: „nein wirklich, ich muß mir auch einmal ein Gut kaufen!“ Und er sah sich schon im Geiste an der Seite eines strammen Weibchens, umringt von einer ganzen Schaar kleiner Tschitschikows.
Beim Abendessen aß man wieder sehr reichlich. Als Tschitschikow das ihm zum Schlafen angewiesene Zimmer betrat und sich zu Bett legte, da befühlte er seinen Bauch und sagte: „Die reinste Trommel! Da geht kein Polizeimeister mehr hinein!“ Die Umstände fügten es so merkwürdig, daß sich dicht neben dem Schlafzimmer die Stube des Hausherrn befand. Die Zwischenwand war sehr dünn, und daher konnte man alles hören, was nebenan gesprochen wurde. Der Hausherr bestellte gerade beim Koch unter dem Namen eines frühen Dejeuners ein regelrechtes Mittagsessen für den morgigen Tag. Und wie gründlich er das besorgte! Bei einem Toten wäre noch der Appetit erwacht!
„Dann backst du mir eine viereckige Fischpastete,“ sagte er, indem er mit der Zunge schnalzte und die Luft heftig einsog. „Ein Viertel füllst du mit den Bocken des Störs und mit Mark, das andere mit Buchweizenbrei, Schwämmen, Zwiebeln, süßer Fischmilch, Hirn und noch so was Ähnlichem, na du weißt schon ... Auf der einen Seite mußt du sie recht braun backen, auf der anderen braucht sie nicht so durchgebacken zu sein. Vor allem achte auf die Füllung — die muß gründlich geschmort werden, daß sie sich auch ordentlich verbindet, weißt du, und ja nicht auseinanderfällt, sondern einem im Munde zergeht, wie Schnee; man darf es selbst kaum merken.“ Während er dies sagte, schnalzte Petuch wieder mit der Zunge und gab einen schmatzenden Laut von sich.
„Hol’s der Teufel! Der läßt einen nicht schlafen,“ dachte Tschitschikow und zog sich die Decke über den Kopf, um nur nichts mehr zu hören. Aber das half ihm nichts, auch unter der Decke hörte er Petuch noch.
„Und garniere mir den Stör auch recht fein mit Sternchen aus roten Rüben, mit Stinten und Pfifferlingen; nimm auch noch Rüben, Möhren, Bohnen und noch dies und jenes dazu, du weißt schon; also recht viel Garnitur, hörst du! Den Schweinemagen mußt du mit Eis füllen, damit er auch ordentlich aufgeht!“