„Aber ich bitte Sie, wenn die Menschen die Dinge doch ganz einfach so nehmen wollten, wie sie sind. Aber da will gleich jeder Kunstschlosser und Mechaniker sein und holt gleich ein Instrument herbei, um das Kästchen zu öffnen, während es doch ganz einfach aufgeht. Und dazu muß er erst extra nach England fahren! Das ist es! Solche Narren!“ Bei diesen Worten spuckte Konstanshoglo aus. „Und dabei kommt er tausendmal dümmer zurück, als wie er ins Ausland fuhr.“

„Aber Konstantin, du regst dich schon wieder auf!“ sagte die Frau besorgt, „du weißt doch, daß dir das schadet.“

„Ja, wie soll man sich denn da nicht aufregen! Wenn es sich hierbei noch um etwas handelte, was einen nichts angeht. Aber das sind doch alles Dinge, die einem am Herzen liegen. Es schmerzt einen doch, wenn man sieht, wie der russische Charakter verdorben wird. Es ist jetzt eine Don Quixoterie bei uns aufgekommen, die wir früher garnicht gekannt haben! Wenn einem die Aufklärung zu Kopfe gestiegen ist, dann wird er gleich ein Don Quixote. Gründet allerhand Schulen, von denen sich nicht mal ein Narr was träumen läßt. Diese Schulen bilden nur Menschen heran, die zu nichts nütze sind, weder auf dem Lande, noch in der Stadt. Höchstens lauter Trinker, die einen sehr hohen Begriff von ihrer Würde haben. Oder so einer will in Humanität machen — dann wird er ein Don Quixote der Humanität: baut allerhand alberne Krankenhäuser und Asyle mit Säulenhallen für ’ne Million, richtet sich selbst zugrunde und bringt andere Leute an den Bettelstab. Da habt ihr dann die Humanität!“

Aber Tschitschikow war es keineswegs um die Aufklärung zu tun. Er wollte durchaus näheres darüber erfahren, wie man mit jedem Plunder was verdienen könne; jedoch Kostanshoglo ließ ihn nicht zu Worte kommen; immer neue, heftige Reden entströmten seinem Munde, er war jetzt schon nicht mehr imstande, sie zu unterdrücken.

„Und dann grübeln sie darüber nach, wie sie den Bauern aufklären sollen ... sorgt mal erst dafür, daß er reich und ein tüchtiger Landwirt wird, dann wird er schon selbst für seine Bildung sorgen. Sie können sich garnicht vorstellen, wie dumm heutzutage alle Leute geworden sind. Was diese Federfuchser nicht alles schreiben! Wenn einer ein Buch in die Welt setzt, dann stürzen sich gleich alle darauf ... Hören Sie doch, was sie jetzt für eine neue Weisheit verkündigen: ‚Der Bauer führt ein zu primitives Leben; er muß auch den Luxus kennen lernen, man muß ihm höhere Bedürfnisse beibringen ...‘ Weil sie selbst dank diesem Luxus zu Waschlappen geworden sind und weil es keinen achtzehnjährigen Burschen mehr gibt, der nicht schon von allem gekostet, bald keine Zähne mehr im Munde, und eine Glatze hat, wie eine Schweinsblase — darum wollen Sie andere Leute gleichfalls anstecken. Wir sollten Gott danken, daß wir doch wenigstens noch einen gesunden Stand haben, der noch nichts von diesen Launen und Einfällen weiß! Dafür müßten wir Gott unendlich dankbar sein. Jawohl — der Landmann verdient unsere allergrößte Achtung — wozu rührt ihr ihn also an? Gott gebe, daß alle Leute so wären wie er.“

„Sie glauben also, es sei noch das Einträglichste sich mit der Landwirtschaft zu beschäftigen?“ fragte Tschitschikow.

„Das Sittlichste, wenn auch nicht gerade das Einträglichste. ‚Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen‘, heißt es in der Bibel. Daran ist nicht zu rütteln und zu deuteln. Es ist durch eine hundertjährige Erfahrung erwiesen, daß die Beschäftigung mit dem Ackerbau den Menschen reiner, edler, besser und sittlicher macht. Ich sage nicht — daß man nichts andres tun dürfe — aber der Grund zu allem muß in der Landwirtschaft liegen ... das ist’s. Die Fabriken werden schon ganz von selbst kommen; richtige, vernünftige Fabriken — in denen Dinge hergestellt werden, die der Mensch hier, an Ort und Stelle braucht, und nicht all diese Luxusgegenstände, die nur zur Befriedigung eingebildeter Bedürfnisse dienen und die heute unsere Menschen nur verweichlichen. Nicht solche Fabriken, die um ihrer Existenz willen und um nur einen recht großen Absatz zu haben, zu den schändlichsten Mitteln ihre Zuflucht nehmen, und das unglückliche Volk verderben und verführen. Ich für meinen Teil, werde nie ein solches Unternehmen gründen, und wenn die Leute mir noch so viel von seinem Nutzen vorreden, ich werde mich nie dazu hergeben, jene sogenannten höheren Bedürfnisse zu erzeugen und Tabak, Zucker usw. zu produzieren, und wenn ich eine Million deswegen verlieren müßte. Wenn schon das Laster durchaus in die Welt kommen soll, dann will ich wenigstens meine Hände nicht mit im Spiele haben! Ich will rein dastehen vor Gott ... Zwanzig Jahre lang lebe ich in und mit dem Volke; ich weiß, was das für Folgen hat.“

„Was mich am meisten wundert, ist dies, daß man die Reste und Abfälle so gut verwerten und mit jedem Plunder Geld verdienen kann, vorausgesetzt natürlich, daß man sparsam und weise zu wirtschaften versteht.“

„Hm! Und unsere Volkswirtschaftler!“ fuhr Kostanshoglo fort, ohne auf ihn zu hören, und sein Gesicht nahm einen boshaften und sarkastischen Ausdruck an. „Tüchtige Leute diese Herren Ökonomen! Ein Narr sitzt auf dem andern. Die Kerls sehen nicht weiter als ihre dumme Nase reicht! Und so ein Esel steigt noch aufs Katheder, setzt die Brille auf und ... Narren!“ Und wieder spuckte er ärgerlich aus.

„Das ist alles sehr schön und richtig, ärgere dich aber doch bitte nicht so,“ sagte die Frau, „als ob es nicht möglich ist, über diese Dinge zu reden, ohne gleich außer sich zu geraten.“[(8)]