„Ach! Sie sind ein Freund von schönen Ausblicken,“ sagte Kostanshoglo plötzlich, und sah ihn sehr streng an. „Nehmen Sie sich in acht, wenn Sie zuviel auf die schöne Aussicht geben, können Sie eines Tages ohne Brot und auch ohne alle Aussichten dasitzen. Fragen Sie lieber nach dem Nutzen und nicht nach der äußeren Schönheit. Die Schönheit wird schon von selbst kommen. Das beste Beispiel sind die Städte: die allerschönsten Städte sind die, welche gleichsam von selbst aus dem Boden gewachsen sind, wo jeder sich ein Haus nach seinem eigenen Geschmack und Bedürfnis gebaut hat. Die Städte dagegen, die alle nach einer Schablone gebaut sind, — sehen aus wie Kasernen. Vergessen Sie die Schönheit und denken Sie vor allem an den Nutzen und an Ihre Bedürfnisse.“
„Wie schade, daß man so lange warten muß! Man möchte alles recht schnell so sehen, wie man es zu haben wünscht ...“
„Sie sind doch kein fünfundzwanzigjähriger Jüngling ...! Man merkt gleich den Petersburger Beamten ...! Geduld! Arbeiten Sie mal erst sechs Jahre nacheinander. Pflanzen, säen, graben Sie, ohne einen Augenblick auszuruhen. Es ist schwer, gewiß, es ist sogar sehr schwer. Aber wenn Sie den Boden erst einmal gründlich aufgerüttelt haben, sodaß er Ihnen selbst hilft, so ist das gleich eine ganz andre Sache, als Ihre .... Ja, ja, Verehrtester, dann werden Sie merken, daß außer Ihren siebzig noch siebenhundert andre, unsichtbare Hände an der Arbeit waren! Alles verzehnfacht sich! Ich brauchte jetzt keinen Finger zu rühren — und doch ginge alles wie von selbst. Ja die Natur liebt die Geduld: das ist ein Gesetz, das uns der Herr selbst gegeben hat, Er der die Geduldigen selig pries.“
„Wenn man Sie reden hört, dann fühlt man neue Kraft durch seine Adern rinnen. Man bekommt Mut und Lust zum Schaffen!“
„Sehen Sie doch, wie das Stück Land dort gepflügt ist!“ rief Kostanshoglo mitleidig und bitter aus, indem er auf den Abhang zeigte. „Ich kann es hier nicht länger aushalten; diese Unordnung und Verwahrlosung bringt mich um. Sie können den Kauf mit ihm auch ohne mich abschließen. Nehmen Sie diesem Narren diesen Schatz so schnell als möglich ab. Er schändet bloß Gottes herrliche Natur!“ Kostanshoglo war sehr aufgeregt und sah finster und ärgerlich drein. Er nahm Abschied von Tschitschikow, holte Chlobujew ein und verabschiedete sich gleichfalls von ihm.
„Aber ich bitte Sie, Konstantin Fjodorowitsch!“ sagte der Hausherr erstaunt, „Sie sind doch erst eben gekommen und wollen schon wieder fort!“
„Ich kann nicht länger bleiben. Ich muß unbedingt wieder nach Hause fahren,“ versetzte Kostanshoglo. Er verabschiedete sich, stieg in den Wagen und fuhr davon.
Chlobujew schien den Grund seines plötzlichen Verschwindens begriffen zu haben.
„Konstantin Fjodorowitsch hat’s nicht ausgehalten,“ sagte er, „für einen so tüchtigen Landwirt wie er ist es freilich kein Vergnügen, diese schreckliche Wirtschaft mit anzusehn. Glauben Sie mir, Pawel Iwanowitsch, ich habe in diesem Jahr nicht einmal Korn gesät. Mein Ehrenwort! Ich hatte keinen Samen, ganz abgesehen davon, daß ich keinen Pflug und kein Pferd habe, um zu pflügen. Man sagt, Ihr Bruder sei ein so vorzüglicher Wirt, Platon Michailowitsch; von Konstantin Fjodorowitsch will ich gar nicht reden! — Das ist ein Napoleon in seinem Fach. Ich habe mich schon oft gefragt: Warum mußten sich soviel Geist und Verstand in einem Kopfe vereinigen. Warum konnte nicht auch für meinen Schädel wenigstens ein Tröpfchen übrig bleiben. Nehmen Sie sich in acht, meine Herren; beim Übergang über diesen Steg ist die größte Vorsicht geboten, wenn Sie nicht in die Pfütze plumpsen wollen. Ich habe im Frühjahr die Bretter ausbessern lassen ... Am meisten tun mir meine armen Bauern leid ... sie brauchen ein gutes Beispiel, aber was kann ich ihnen für ein Beispiel geben? Was soll ich machen? Nehmen Sie sie mir ab, Pawel Iwanowitsch. Wie soll ich sie an Ordnung gewöhnen, wenn ich selbst ein so unordentlicher Mensch bin? Ich hätte sie am liebsten ganz freigelassen, aber das hätte ja auch keinen Sinn. Ich weiß sehr gut, daß man erst andre Menschen aus ihnen machen muß, Menschen, die zu leben verstehen. Dazu bedürfte es eines gerechten und strengen Mannes, der immer mit ihnen zusammenlebt und sie durch sein eigenes Beispiel und seine unermüdliche Tätigkeit ... Ein Russe — das sehe ich an mir selbst — kann nicht ohne einen Menschen auskommen, der ihn aufmuntert und anspornt, sonst schläft er ein und versauert.“
„Seltsam,“ sagte Platonow, „woran liegt das bloß; daß der Russe immer gleich einschläft, und daß der gemeine Mann ein Taugenichts und ein Trunkenbold wird, wenn man ihn aus dem Auge läßt!“