„Das macht der Mangel an Bildung,“ bemerkte Tschitschikow.
„Weiß Gott, woran das liegt. Wir haben doch auch eine gewisse Bildung, haben die Universität besucht, und wozu taugen wir? Was habe ich zum Beispiel gelernt? Verstehe ich es denn zu leben, eher habe ich es gelernt, mein Geld für allerhand Luxus und überflüssige Finessen auszugeben; und ich kenne bloß solche Dinge, die einen Geld kosten? — Aber glauben Sie nur nicht, daß das daher kommt, weil ich einen schlechten Unterricht genossen habe. — Durchaus nicht, der Unterricht war nicht schlechter als der meiner Kameraden. Zweien oder dreien von ihnen hat er ja auch genützt, aber vielleicht nur deshalb, weil sie auch ohnedies gescheit und begabt genug waren, die übrigen haben für nichts Interesse, als wie man seine Gesundheit ruiniert und andern Leuten ihr Geld abnimmt. Bei Gott. Wissen Sie, was ich glaube: mitunter kommt es mir fast so vor, als ob der Russe — ein verlorener Mensch ist. Wir wollen alles und können nichts. Alles verschieben wir auf morgen, dann nehmen wir uns vor, ein neues Leben zu beginnen, und strenge Diät zu halten; ja prosit, noch am selben Abend schlägt man sich den Bauch so voll, daß einem die Augenlider zusinken und man die Zunge kaum bewegen kann — dann sitzt man da wie eine Eule und glotzt die andern Leute an — wahrhaftig. Und so sind wir alle!“
„Ja,“ sagte Tschitschikow lächelnd, „so was kann vorkommen!“
„Wir sind garnicht zum Vernünftigsein geboren. Ich glaube nicht, daß es vernünftige Menschen unter uns gibt. Selbst wenn ich mit meinen eigenen Augen sehe, daß ein Mensch ein geordnetes Leben führt, Geld verdient und erspart, dann traue ich ihm trotzdem nicht. Lassen Sie ihn erst einmal alt werden, früher oder später fällt er doch dem Teufel in die Krallen und bringt seinen letzten Heller durch. Und so sind alle: die Gebildeten wie die Ungebildeten. Nein, es fehlt uns eben noch etwas, ich weiß freilich selbst nicht recht, was es ist.“
Auf dem Rückwege genoß man denselben Anblick. Eine grauenhafte Unordnung machte sich überall in unangenehmer Weise bemerkbar. Das einzige Neue war eine große Pfütze inmitten der Straße. Alles bot das Bild einer furchtbaren Verwilderung und Vernachlässigung dar: beim Gutsherrn wie beim Bauern. Ein böses Weib in einem fettigen groben Leinenrock hatte ein kleines Mädchen halbtot geprügelt und schimpfte nun, was das Zeug hält, auf eine dritte Person, indem sie alle Teufel zu Hilfe rief. Etwas weiter standen zwei Bauern und sahen mit stoischem Gleichmut zu, wie das betrunkene Weib sich ereiferte und schimpfte. Der eine kratzte sich die hintere Partie und der andere gähnte. Dieses Gähnen schien sich auch den Häusern und Gebäuden mitzuteilen, selbst die Dächer schienen zu gähnen. Dieser Anblick wirkte ansteckend auf Platonow, er konnte sich nicht enthalten gleichfalls zu gähnen. — Ein Flicken saß auf dem andern. Bei einer Hütte ersetzte ein Haustor das Dach, die morschen, eingefallenen Fensterrahmen wurden von Stangen gestützt, welche aus der herrschaftlichen Scheune entwendet waren. Wie man sieht, hielt man sich im Haushalt an das System der Fabel von „Trischkas Kaphtan“, man trennte die Aufschläge und Rockschöße ab, um die Löcher im Ärmel zu stopfen.
„Das ist gerade kein beneidenswerter Zustand,“ sagte Tschitschikow, als sie nach gründlicher Besichtigung vor dem Hause anlangten ... Man begab sich ins Zimmer, und die Gäste waren erstaunt über die seltsame Mischung von Armut und dem Flitterglanz eines modernen Luxus. Auf dem Tintenfaß saß eine Figur, die wohl Shakespeare darstellen sollte, auf dem Tische lag ein eleganter Elfenbeinstift, mit dem sich der Hausherr den eigenen Rücken kratzte. Die Hausfrau war modern und geschmackvoll gekleidet, sie sprach von der Stadt, und vom Theater, das dort gerade eröffnet worden war. Die Kinder waren lustig und munter. Die Knaben und die Mädchen trugen hübsche und geschmackvolle Kleider. Es wäre freilich besser gewesen, sie hätten bunte Leinenröcke und schlichte Hemdchen angezogen, und wären im Hofe herumgelaufen ganz wie die einfachen Bauernkinder. Bald erschien auch eine Dame, die der Hausfrau einen Besuch machte, eine schreckliche Schwätzerin, die furchtbar viel unnützes und törichtes Zeug plapperte. Die Damen zogen sich zurück, und die Kinder liefen gleich darauf auch fort. Die Herren blieben allein im Zimmer.
„Also, was ist Ihr Preis?“ sagte Tschitschikow. „Ich muß gestehen, es wäre mir lieb den äußersten Preis zu erfahren, denn das Gut ist in einer viel schlechteren Verfassung, als ich annahm.“
„Oh, in der allerschlechtesten Verfassung, Pawel Iwanowitsch,“ versetzte Chlobujew. „Aber das ist noch nicht alles. Ich will Ihnen nichts verheimlichen: von den hundert Seelen, die in der Revisionsliste stehen, sind nur noch fünfzig am Leben; die Cholera hat bei uns furchtbar aufgeräumt; der Rest ist ohne Paß davongelaufen. Sie können Sie auch zu den Toten zählen; wenn man sie von Gerichts wegen zurückholen wollte, dann würde das solche Unkosten verursachen, daß das ganze Gut den Gerichten verfiele. Ich fordere daher auch nur fünfunddreißigtausend.“
Tschitschikow fing natürlich an zu handeln.
„Ich bitte Sie? Fünfunddreißigtausend! Fünfunddreißigtausend für so ein Gut! Nein sagen wir doch lieber fünfundzwanzigtausend.“