Aber wie groß war seine Überraschung, als seine schrecklichen Kollegen ihn merken ließen, daß sein Mantel einer feierlichen Einweihung bedürfe und daß sie auf ein feines Mahl rechneten. Der arme Akaki Akakiewitsch war darüber so bestürzt, so betäubt, daß er nicht wußte, was er zu seiner Entschuldigung anführen sollte. Errötend stotterte er, das Kleidungsstück sei gar nicht so neu, wie man glauben mochte, der Mantel wäre vielmehr schon ganz alt.

Einer seiner Vorgesetzten, irgend ein Gehilfe des Bürovorstehers, der ohne Zweifel dartun wollte, daß er so gar nicht stolz auf seinen Rang und Titel war und daß er die Gesellschaft seiner Untergebenen nicht verschmähte, nahm das Wort und sagte:

„Meine Herren, anstelle von Akaki Akakiewitsch werde ich Sie bewirten. Ich lade Sie ein, diesen Abend den Tee bei mir einzunehmen, ich habe heute gerade Geburtstag!“

Alle Beamten dankten ihrem Chef für seine Güte und beeilten sich, seine Einladung mit großer Freude anzunehmen. Akaki Akakiewitsch wollte zuerst ablehnen, man hielt ihm jedoch vor, daß das sehr unhöflich von ihm wäre, gewissermaßen eine unverzeihliche Handlungsweise, und so fügte er sich denn in das Notwendige.

In Gedanken empfand er übrigens eine gewisse Freude darüber, daß er auf diese Art Gelegenheit hatte, sich in seinem Mantel auf der Straße zu zeigen. Dieser ganze Tag war für ihn ein Fest. In dieser glücklichen Stimmung trat er in seine Wohnung ein, zog seinen Mantel aus und hängte ihn, nachdem er einmal übers andre Stoff und Futter geprüft hatte, an die Wand. Dann holte er seine alte Kapuze herbei, um sie mit Petrowitschs Meisterstück zu vergleichen. Seine Blicke wanderten von einem Kleidungsstück zum andern und sanft lächelnd dachte er: „Welch ein Unterschied!“ Und noch lange nachher, beim Mittagessen konnte er sich eines Lächelns nicht erwehren, wenn er daran dachte, in was für einer Verfassung sein alter Mantel sich befand.

Ganz fröhlich nahm er diesmal seine Mahlzeit ein, und darnach setzte er sich nicht wie sonst an seine Kopieen. Nein er streckte sich wie ein rechter Sybarit auf seinem Sofa aus und erwartete das Herannahen des Abends. Dann zog er sich schnell an, nahm seinen Mantel und ging.

Es dürfte mir leider nicht möglich sein, Ihnen die Wohnung dieses Vorgesetzten anzugeben, der seine Untergebenen so freigebig eingeladen hatte. Mein Gedächtnis beginnt bereits etwas nachzulassen, und die Straßen und Häuser St. Petersburgs richten in meinem Hirn eine derartige Verwirrung an, daß ich große Mühe habe, mich nur einigermaßen zurecht zu finden. Einzig und allein daran erinnere ich mich, daß der würdige Beamte in einem der schönsten Stadtviertel wohnte, und daß infolgedessen seine Wohnung sehr weit von der Akakis entfernt war.

Zuerst durchwanderte der Titular-Rat mehrere schlechtbeleuchtete Straßen, die ganz ausgestorben schienen, aber je mehr er sich der Wohnung seines Vorgesetzten näherte, um so heller und belebter wurden die Straßen. Er begegnete einer zahllosen Menge nach der neuesten Mode gekleideter Spaziergänger, schönen eleganten Frauen und Herren, die Biberkragen trugen. Die Bauernschlitten mit ihren Holzbänken und ihren mit goldenen Nägeln geschmückten Gittern wurden immer seltener, und alle Augenblicke bemerkte er forsche Kutscher mit roten Samtmützen, die mit Bärenfellen versehene Schlitten aus lackiertem Holz und prachtvolle Karossen lenkten, oder er sah vornehme Equipagen mit eleganten Kutschböcken, die knirschend über den Schnee dahinglitten.

Das war für unsern Akaki Akakiewitsch ein gänzlich neues Schauspiel. Seit vielen Jahren war er nicht des Abends ausgegangen. So recht neugierig blieb er vor der Auslage einer Kunsthandlung stehen. Ein Gemälde zog seine Aufmerksamkeit auf sich. Das war das Porträt einer Frau, die ihren Schuh ausgezogen hatte und ihren kleinen entzückenden Fuß von einem jungen Manne mit dickem Schnurrbart und langer Fliege, der durch eine halbgeöffnete Tür blickte, bewundern ließ.

Nachdem Akaki Akakiewitsch dieses Bild genug angeschaut hatte, schüttelte er den Kopf und setzte lächelnd seinen Weg fort. Warum lächelte er wohl? Etwa wegen der Fremdheit des Gegenstandes? für den er sich trotzdem gleich allen anderen Leuten ein gewisses Verständnis bewahrt hatte? Oder vielleicht deshalb, weil er wie die meisten seiner Kollegen dachte: die Franzosen haben mitunter etwas zu seltsame Einfälle; wenn sie einmal so eine Sache machen wollen, dann ist es wirklich so eine Sache. Ach, er dachte wohl an gar nichts, und im übrigen ist es sehr schwer, sich in die Seele eines andern zu versetzen und die Gedanken der Menschen zu lesen.