Endlich gelangte er vor das Haus, in dem der Gehilfe des Bureauchefs wohnte. Sein Vorgesetzter lebte wie ein Grandseigneur; auf der Treppe brannte eine Laterne, bewohnte er doch eine ganze Etage im zweiten Stock. Als unser Akaki Akakiewitsch eingetreten war, erblickte er eine lange Reihe Galoschen, dazwischen dampfte und brodelte mitten im Zimmer ein Samowar, an den Wänden hingen die Mäntel, von denen mehrere mit Samt- und mit Pelzkragen versehen waren. Aus dem Zimmer nebenan drang ein wirres Geräusch, das bestimmtere Formen annahm, als ein Diener die Tür öffnete und mit einem Tablett voll leerer Tassen, einem Topf mit Sahne und einem Korb mit Kuchen herausschritt. Die Gäste mußten bereits lange versammelt sein, und sie hatten augenscheinlich bereits ihre erste Tasse Tee geleert.

Akaki hängte seinen Mantel selbst an einen Haken und ging dann auf das hell erleuchtete Zimmer zu, in dem sich seine mit langen Pfeifen ausgerüsteten Kollegen um einen Spieltisch gruppiert hatten, sich sehr laut unterhielten und ihm Stühle hin und her schoben.

Er trat ein, blieb jedoch verlegen auf der Türschwelle stehen, da er nicht wußte, was er tun sollte. Aber seine Kollegen hatten ihn schon bemerkt, begrüßten ihn mit großem Hallo und eilten sofort in das Vorzimmer, um seinen Mantel zu bewundern. Dieser Ansturm raubte unserem braven Titular-Rat seine ganze Haltung. Da er aber ein schlichter und treuherziger Mann war, freute er sich dennoch ganz aufrichtig über die Glückwünsche, die man ihm zu seinem kostbaren Kleidungsstücke darbrachte. Bald darauf gaben seine Kollegen ihm nun die Freiheit wieder und gingen an ihre Whisttische zurück. Diese Bewegung, diese Erregung, die lebhafte Konversation, die vielen Menschen ... das alles verwirrte unseren schüchternen Akaki Akakiewitsch im höchsten Grade. Er wußte nicht, wo er seine Hände und Füße hintun, wie er sie verbergen sollte; schließlich setzte er sich zu den Spielern, sah bald auf ihre Karten, bald auf ihre Gesichter, nach kurzer Zeit fing er jedoch zu gähnen und sich zu langweilen an, denn er empfand, daß die Stunde bereits längst verstrichen war, um die er sich zur Ruhe zu begeben pflegte. Er wollte sich zurückziehen, doch hielt man ihn zurück, indem man ihm klarmachte, er dürfe sich unmöglich entfernen, ohne ein Glas Champagner zur Feier dieses denkwürdigen Tages getrunken zu haben.

Nach einer Stunde trug man das Abendessen auf, das aus Heringsalat, kaltem Kalbsbraten, Kuchen, Pasteten und gemischtem Backwerk bestand; zu jedem Gang gab es den sogenannten Champagner. Akaki Akakiewitsch sah sich genötigt, zwei große Gläser von diesem prickelnden Getränk zu leeren, und nach kurzer Zeit bereits begann alles um ihn herum ein heiteres Ansehen anzunehmen. Indes vergaß er nicht, daß Mitternacht vorüber und daß es längst Zeit zum Nachhausegehen war.

In der Furcht, noch länger zurückgehalten zu werden, schlich er sich insgeheim ins Vorzimmer, wo er den Schmerz erlebte, seinen Mantel auf dem Boden erblicken zu müssen. Er schüttelte ihn mit größter Sorgfalt, entfernte jedes kleine Federchen, zog ihn an und ging die Treppe hinunter.

Die Straßen waren noch beleuchtet. Die kleinen von den Dienstboten und dem niederen Volke besuchten Läden waren noch geöffnet; einige waren zwar schon verschlossen, doch konnte man an dem Lichtschein, der aus den Türspalten fiel, unschwer erkennen, daß die Gäste noch nicht gegangen waren. Wahrscheinlich saßen die Knechte und Mägde noch immer in lebhaftem Gespräche beisammen, in dem sie ihre Herren in vollkommener Unklarheit über ihren Aufenthaltsort ließen.

Überaus froh und etwas bezecht schlug Akaki Akakiewitsch den Weg nach seiner Wohnung ein. Er lief sogar, ohne zu wissen warum, einer Dame nach, die wie ein Blitz an ihm vorbeihuschte, und deren sämtliche Körperteile sich in lebhafter Bewegung befanden. Aber er besann sich bald wieder, blieb einen Augenblick stehen und setzte dann seinen Weg langsam weiter fort, höchst verwundert über das lebhafte Tempo, das er angeschlagen hatte. Bald gelangte er wieder in dunkele und unbelebte Gassen und plötzlich merkte er, daß er sich in einer jener Straßen befand, die sich des Tags und noch mehr in der Nacht durch ihre Ruhe auszeichneten. Heute aber erschien sie noch einsamer und schauerlicher. Alles um ihn hatte ein finsteres Aussehen. Die Laternen wurden immer seltener, da die Stadtverwaltung offenbar nur wenig Öl für die Beleuchtung dieses Viertels bewilligte ... Holzhäuser, Palisadenzäune — aber nirgends eine lebende Seele. Bei dem fahlen Schein dieser Laternen glänzte der Schnee, und all die kleinen Häuser mit ihren verschlossenen Läden lagen in der Dunkelheit gar trübselig da. Er gelangte an eine Stelle, wo die Straße in einen riesigen, mit Häusern bebauten Platz mündete, die von der anderen Seite aus kaum zu sehen waren. Es schien fast, als befände man sich in einer weiten und trostlosen Wüste.

In der Ferne, Gott weiß wo, schimmerte ein Licht von einem Schilderhause her, das ihm am Ende der Welt zu stehen schien. Mit einem Male verlor Akaki Akakiewitsch seine fröhliche Stimmung. Er ging mit starkem Herzklopfen auf das Licht zu, er ahnte eine drohende Gefahr. Der vor ihm liegende Raum erschien ihm größer als der Ozean.

„Nein,“ sagte er, „ich will lieber garnicht hinsehen!“

Und er ging weiter, indem er die Augen beständig zumachte. Als er sie öffnete, sah er sich plötzlich von mehreren bärtigen Männern umgeben, deren Gesichter er nicht erkennen konnte. Es wurde ihm dunkel vor den Augen, sein Herz krampfte sich zusammen.