Am andern Morgen begab er sich sofort zum Bezirks-Kommissar. Man bedeutete ihm, daß dieser hohe Beamte noch schlief. Um zehn Uhr kam er wieder. Der hohe Beamte schlief noch. Um elf Uhr war der Kommissar ausgegangen. Der Titular-Rat stellte sich noch einmal um die Essenszeit ein, aber die Schreiber wollten ihn durchaus nicht vorlassen und fragten ihn, was er wolle und warum er es denn so eilig habe, ihren Chef zu sprechen. Zum erstenmal in seinem Leben machte Akaki Akakiewitsch einen Energieversuch. Er erklärte kategorisch, daß er unbedingt und zwar auf der Stelle mit dem Kommissar reden müsse, er komme aus dem Departement, daher dürfe man ihn keinesfalls abweisen, denn es handle sich um eine äußerst wichtige Staatsangelegenheit, und sollte es etwa jemand einfallen, ihn zu behindern, so würde er sich beschweren, und dies könnte ihnen teuer zu stehen kommen.
Auf solchen Ton konnte man nichts weiter erwidern. Einer der Schreiber ging hinaus, um den Chef herbeizuzitieren. Dieser gewährte nun Akaki Akakiewitsch eine Audienz, hörte sich jedoch seine Erzählung über den Raub seines Mantels in einer recht merkwürdigen Weise an. Anstatt sich für den Hauptpunkt, nämlich den Diebstahl, zu interessieren, fragte er den Titular-Rat, wie er denn dazu gekommen wäre, zu so ungewöhnlicher Stunde nach Hause zu gehen, und ob er nicht etwa in einem verdächtigen Hause gewesen sei.
Völlig verblüfft durch diese Frage fand der Titular-Rat keine Antwort und zog sich zurück, ohne genau zu wissen, ob man sich überhaupt mit seiner Angelegenheit beschäftigen würde oder nicht.
Er war den ganzen Tag über nicht in seinem Bureau gewesen: (ein unerhörtes Ereignis in seinem Leben). Am folgenden Tage erschien er wieder, aber in welchem Zustand! bleich, aufgeregt, mit seinem alten Mantel, der nun noch jämmerlicher aussah als ehedem. Als seine Kollegen erfuhren, welches Unglück ihn betroffen hatte, fanden sich noch immer einige Rohlinge, die aus vollem Halse darüber lachen zu müssen glaubten; die Mehrzahl indessen empfand aufrichtiges Mitleid mit ihm und veranstaltete zu seinen Gunsten eine Subskription. Unglücklicherweise hatte dieses löbliche Unternehmen nur ein völlig ungenügendes Resultat, weil diese selben Beamten und Vorgesetzten bereits kurz vorher zu zwei Subskriptionen beigesteuert hatten: zunächst mußten sie sich ein Porträt ihres Direktors anfertigen lassen, sodann handelte es sich um das Abonnement auf ein Werk, das ein Freund ihres Chefs soeben hatte erscheinen lassen. Das war der Grund, weswegen nur eine ganz unbedeutende Summe zusammenkam.
Einer von ihnen, der Akaki Akakiewitsch ehrliche Teilnahme entgegenbrachte, wollte ihm wenigstens aus Mangel an Besserem einen guten Rat geben. Er sagte ihm, daß es verlorene Mühe wäre, sich noch einmal an den Bezirkskommissar zu wenden, denn vorausgesetzt, daß dieser Beamte sich wirklich Mühe geben sollte, um sich das Lob seiner Vorgesetzten zu verdienen, und daß es ihm in der Tat glücken sollte, seinen Mantel aufzufinden, so würde die Polizei dieses Kleidungsstück so lange in Verwahrung behalten, bis sich der Titular-Rat nicht unumstößlich sicher als der alleinige und wahre Besitzer des Mantels legitimiert habe. Er ermahnte ihn also, sich an eine gewisse, hochgestellte Persönlichkeit zu wenden, welche hochstehende Persönlichkeit dank ihrer guten Beziehungen zu den Behörden die Sache ohne große Schwierigkeit erledigen könne.
In seiner Verwirrung entschloß sich Akaki, dieser Ansicht Folge zu leisten. Welche Stellung in der Beamtenskala diese hohe Persönlichkeit eigentlich bekleidete, wie hoch denn ihr Rang in Wirklichkeit war, hätte man nicht sagen können. Man wußte einzig und allein, daß diese hohe Persönlichkeit erst seit kurzer Zeit in ihrem Amte säße, bis dahin war sie nämlich eine ganz unbedeutende Persönlichkeit gewesen. Allerdings gab es andre noch höher gestellte Persönlichkeiten, aber bekanntlich finden sich ja immer Leute, in deren Augen eine Persönlichkeit, die andre Menschen für unbedeutend halten, eine sehr hohe und bedeutende Persönlichkeit ist. Genug, der in Frage stehende Beamte setzte alle möglichen Hebel in Bewegung, um noch höher zu steigen. So zwang er alle andern Beamten, die unter ihm standen, am Fuße der Treppe auf ihn zu warten, bis er erschien, und niemand konnte direkt zu ihm gelangen, sondern dies alles mußte auf dem strengsten Ordnungswege geschehen. Der Kollegien-Sekretär teilte einem Regierungs-Sekretär das Audienzgesuch mit, der es seinerseits an einen Titular-Rat oder einen noch höheren Beamten weitergab, und dieser stattete endlich der hohen Persönlichkeit darüber Bericht ab.
Das ist der gewöhnliche Gang der Geschäfte in unserem heiligen Rußland. Der Wunsch, es den hohen Beamten gleich zu tun, bewirkt, daß jeder die Manieren seines Vorgesetzten nachäfft. Vor noch nicht allzu langer Zeit ließ ein erst eben zum Chef eines kleinen Bureaus beförderter Titular-Rat über einem seiner Zimmer die Aufschrift „Beratungssaal“ anbringen. An der Tür standen Diener mit roten Kragen und gestickten Röcken, um die Bittsteller anzumelden und einzulassen, die sie in einen äußerst kleinen, kaum einem gewöhnlichen Schreibtisch Platz bietenden „Saal“ hineinführten.
Aber kehren wir zu unserer hohen Persönlichkeit, zu unserem Beamten, zurück. Er hatte eine imponierende majestätische Haltung, wenngleich sein Benehmen und seine Gewohnheiten recht primitiv waren; sein System faßte sich in einem einzigen Wort zusammen, und dieses hieß: Strenge, Strenge, Strenge. Er pflegte dieses Wort dreimal zu wiederholen, und beim letztenmal sah er den, mit dem er gerade zu tun hatte, bedeutungsvoll an. Er hätte gut darauf verzichten können, soviel Energie zu entfalten, denn seine zehn Untergebenen, die den ganzen Regierungsmechanismus seiner Kanzelei bildeten, fürchteten ihn schon ohnehin genug. Wenn sie ihn nur von weitem sahen, legten sie eiligst ihren Federhalter hin und stürzten herbei, um bei seinem Vorübergang Spalier zu bilden. In seinen Gesprächen mit seinen Untergebenen beobachtete er immer eine strenge Haltung und sprach stets nur folgende Worte:
„Was erlauben Sie sich? Wissen Sie auch, mit wem Sie sprechen? Vergessen Sie nicht, wen Sie vor sich haben!“
Im übrigen war er ein braver Mann und liebenswürdig und gefällig gegen seine Freunde. Nur sein Generalsrang hatte ihm den Kopf verdreht. Seit dem Tage, an dem er ihn erhalten hatte, verbrachte er den größten Teil seiner Zeit in einer Art Schwindel und wußte kaum noch, wie er sich benehmen sollte, doch wurde er wieder im Verkehr mit seinesgleichen menschlich und vernünftig. Dann benahm er sich wie ein anständiger und in mancher Beziehung sogar wie ein recht gescheiter Mensch. Befand er sich jedoch mit einem Untergebenen zusammen, dann war der Teufel los — dann beschränkte er sich auf ein strenges Schweigen, und in dieser Situation war er wirklich zu bedauern, um so mehr, als er selbst empfand, wie viel angenehmer er seine Zeit hätte verbringen können.