Akaki war völlig gelähmt; er zitterte, seufzte, konnte sich kaum aufrecht halten und wäre ohne das Zuhilfekommen des Bureaudieners unfehlbar zu Boden gesunken. Man führte, oder vielmehr man schleppte ihn fast ohnmächtig hinaus.

Der General-Direktor war über die Wirkung seiner Worte ganz erstaunt; sie überstieg seine Erwartung, und voller Genugtuung darüber, daß sein herrischer Ton auf einen Greis einen solchen Eindruck gemacht hatte, daß dieser arme Mann sein Bewußtsein verlor, warf er einen flüchtigen Blick auf seinen Freund, um zu sehen, wie er diesen Ausgang aufgenommen hatte. Wie grenzenlos wurde da seine Zufriedenheit mit sich selbst, als er sogar bei seinem Freunde, der unschlüssig dasaß und ihn mit einem gewissen Schrecken ansah, einen tiefen Eindruck feststellte!

Wie Akaki Akakiewitsch die Treppe hinunter gelangte und wie er die Straßen durchwanderte, darüber hätte er selbst niemals Rechenschaft geben können; denn er war mehr tot als lebendig. In seinem ganzen Leben war er noch nicht von einem General-Direktor, und noch dazu von einem so strengen General-Direktor, so heftig gescholten worden.

In dem heulenden Schneesturm, der draußen tobte, wanderte er mit offenem Munde dahin, ohne dieses abscheuliche Wetter überhaupt zu bemerken, und ohne auf dem Trottoir vor dem Schneegestöber Schutz zu suchen. Der Wind, der nach Petersburger Sitte aus allen vier Himmelsrichtungen blies, verursachte ihm eine Halsentzündung. Nach Hause zurückgekehrt, war er außerstande, ein Wort zu sprechen. Sein ganzer Körper war geschwollen, und daher legte sich Akaki Akakiewitsch zu Bett. So groß ist mitunter die Wirkung einer gründlichen Moralpauke!

Am folgenden Tage fieberte Akaki heftig. Dank der großmütigen Hilfe des St. Petersburger Klimas machte seine Krankheit in kurzer Zeit beunruhigende Fortschritte. Als der Arzt sich einstellte, war all seine Kunst bereits nutzlos. Der Doktor fühlte ihm den Puls, aber er konnte nichts mehr ausrichten, so verschrieb er ihm denn ein Rezept, um ihn doch nicht ohne die Segnungen der medizinischen Wissenschaft sterben zu lassen, und erklärte, daß der Kranke nur noch zwei Tage zu leben hätte.

Dann wandte er sich an Akakis Wirtin und sagte: „Sie haben keine Zeit mehr zu verlieren; lassen Sie ihm doch gleich einen Sarg aus Fichtenholz machen, denn ein eichner wäre für diesen armen Mann wohl zu teuer.“

Hörte Akaki Akakiewitsch diese verhängnisvollen Worte? Waren sie es, die eine so erschütternde Wirkung auf ihn ausübten? Beklagte er sich ganz leise über sein trauriges Schicksal? Niemand hätte es sagen können, redete er doch bereits im Delirium. Seltsame Visionen jagten unaufhörlich durch sein geschwächtes Hirn. Bald sah er sich Petrowitsch gegenüber, den er beauftragte, ihm einen Mantel anzufertigen, bald sah er Fußangeln für die Diebe, die er beständig unter seinem Bett zu entdecken glaubte. Bald hatten sie sich unter seiner Decke verkrochen, und er flehte seine Wirtin an, sie fortzujagen. Bald fragte er, warum die alte Kapuze noch an der Wand hänge, wo er doch einen neuen Mantel habe, bald sah er sich vor dem General-Direktor, der ihn wieder mit Vorwürfen überhäufte, so daß er seine Exzellenz um Gnade bat. Bald verwirrte er sich in so seltsame und schreckliche Flüche und Reden, daß die erschreckte alte Frau sich bekreuzigte. Niemals in ihrem Leben hatte sie derartige Dinge von ihm gehört, und die zornigen Worte des Kranken ließen sie um so mehr außer sich geraten, als der Titel einer Exzellenz jeden Augenblick wiederkehrte. Bald murmelte er von neuem sinnlose Sätze ohne Zusammenhang, die sich aber immer um denselben Punkt drehten: um den Mantel.

Endlich hauchte der arme Akaki Akakiewitsch seinen letzten Seufzer aus. Man legte weder auf sein Zimmer noch auf seinen Schrank Siegel — und zwar aus dem einfachen Grunde, weil er keinen Erben hatte und nur ein Päckchen Gänsefedern, ein Heft mit weißem Aktenpapier, drei Paar Strümpfe, einige Hosenknöpfe und seinen alten Mantel hinterließ. Wem fielen diese Reliquien zu? Das weiß Gott allein! Der Verfasser dieser Erzählung muß gestehen, daß er es unterlassen hat, sich genauer darüber zu informieren.

Akaki Akakiewitsch wurde in ein Leichentuch gehüllt und nach dem Kirchhof gebracht, auf dem man ihn beisetzte. Die große Stadt Petersburg fuhr in ihrem gewöhnlichen Leben fort, wie wenn der Titularrat niemals existiert hätte.

So schwand ein menschliches Wesen dahin, das weder einen Beschützer, noch einen Freund gehabt, das nie jemand ein wahrhaft herzliches Interesse eingeflößt, das nicht einmal die Neugier der sonst doch so forschungswütigen Männer erregt hatte, jener Schnüffler, die es doch sonst nicht verschmähen, eine gewöhnliche Fliege zum Zwecke einer mikroskopischen Untersuchung auf die Nadel zu spießen. Ohne ein einziges Wort der Klage hatte dieses Wesen die Mißachtung und den Spott seiner Kollegen ertragen. Ohne daß es je ein außerordentliches Erlebnis gehabt hätte, war es seinen Weg zum Grabe dahingewandert, und als ihm am Ende seiner Tage ein Lichtblick in Form eines Mantels sein elendes Dasein belebt hatte, mußte das Schicksal es niederwerfen, ganz so, wie es auch die Großen dieser Welt niederzuwerfen pflegt! ....