„Geht weiter! Geht weiter!“
Das Phantom fuhr fort, in der Nähe der Kalinkinbrücke umzugehen, und verbreitete in dem ganzen Viertel einen gewaltigen Schrecken unter allen ängstlichen Leuten.
Kehren wir jedoch zu der hohen Persönlichkeit, der ursprünglichen Veranlassung unserer phantastischen, aber durchaus wahren Geschichte, zurück. Der Wahrheit gemäß müssen wir zugeben, daß die hohe Persönlichkeit, bald nachdem sich der arme von ihr so schlecht behandelte Akaki Akakiewitsch entfernt hatte, etwas wie Mitleid mit ihm empfand. Ein gewisses Gefühl der Teilnahme war dem Herzen des hohen Herrn durchaus nicht fremd; er selbst hatte manch edle Regung, — sein einziger Fehler bestand darin, sie infolge des maßlosen Stolzes auf seinen Titel zu unterdrücken. Als sein Freund gegangen war, hatte er sich aufs teilnahmsvollste mit diesem unglücklichen bleichen Titular-Rat beschäftigt, den er immer in seiner Verstörtheit vor sich sah, sich krümmend unter den grausamen Vorwürfen, die er ihm gemacht hatte. Diese Vision beunruhigte ihn derartig, daß er eines Tages einem seiner Beamten den Auftrag gab, sich über Akaki Akakiewitschs Schicksal zu unterrichten und festzustellen, ob man noch etwas für ihn tun könne.
Als der Bote mit der Nachricht zurückkam, daß der arme kleine Beamte kurz nach der Audienz einem plötzlichen Fieberanfall zum Opfer gefallen war, empfand der General-Direktor starke Gewissensbisse und verbrachte den ganzen Tag in der düstersten Stimmung.
Um sich ein wenig zu zerstreuen und seine peinlichen Eindrücke zu verjagen, begab er sich des Abends zu einem Freunde, bei dem er eine angenehme Gesellschaft antraf, und — was die Hauptsache war — lauter Personen von seinem Rang, so daß er sich nicht zu genieren brauchte.
Und wirklich sah er sich auch bald all seiner melancholischen Gedanken enthoben, er wurde wieder lebhaft, fing Feuer, beteiligte sich in liebenswürdigster Weise an den Gesprächen, wie wenn nichts vorgefallen wäre, und verbrachte so einen sehr schönen Abend.
Zum Souper trank er zwei Glas Champagner, bekanntlich das beste Mittel, um seine Heiterkeit wieder zu gewinnen. Unter dem Einflusse dieses schäumenden Trankes bekam er Lust zu etwas ganz Besonderem: er beschloß daher, nicht unmittelbar nach Hause zu gehen, sondern eine seiner Freundinnen, ich glaube es war eine deutsche Dame, namens Karoline Iwanowna, aufzusuchen, zu der er zärtliche Beziehungen unterhielt.
Ich möchte hierbei betonen, daß die hohe Persönlichkeit keineswegs mehr jung war, ja, daß man sie überall als tadellosen Gatten und guten Familienvater rühmte. Ihre beiden Söhne, deren einer bereits in einem Ministerium angestellt war, und ein sechszehnjähriges Töchterchen mit einer zwar hakenförmigen aber doch ganz reizenden Nase, kamen allmorgentlich in sein Zimmer, um ihm die Hand zu küssen und ihm mit den Worten: Bonjour, papa guten Morgen zu sagen.
Seine Gattin, eine frische und noch immer anziehende Erscheinung, bot ihm zuerst die Hand zum Kusse, ergriff sodann die seine und drehte sie nach innen, um sie ihrerseits an ihre Lippen zu führen. Obgleich sich die hohe Persönlichkeit also in ihrer Häuslichkeit äußerst wohl fühlte und durch die Zärtlichkeiten der Familienmitglieder vollauf befriedigt schien, glaubte sie dennoch auch in einem anderen Viertel den Galanten spielen zu müssen. Die Freundin, mit der seine Gattin seine Zärtlichkeiten teilen mußte, war keineswegs jünger als diese; aber so sind die Rätsel des Lebens, und wir sind ja nicht befugt, sie hier lösen zu wollen.
Die hohe Persönlichkeit ging also die Treppe hinunter, bestieg ihren Schlitten und sagte zu dem Kutscher: