„Hört ihr das Schreien, ihr Burschen? Jemand ruft uns zu Hilfe!“ sprach da Pan Danilo, indem er sich an seine Ruderer wandte.

„Ja, wir hören jemand rufen, und dort von jener Seite her, scheint’s!“ riefen alle Burschen zugleich und wiesen nach dem Friedhof. Doch es war schon wieder alles still. Der Kahn wendete nun und fuhr um eine Landzunge herum. Plötzlich ließen die Leute ihre Ruder sinken und blickten starr zum Ufer hinüber. Auch Pan Danilo hielt inne: Angst und kaltes Grauen rannen durch der Kosaken Adern.

Das Kreuz auf einem der Gräber wankte, und plötzlich erhob sich daraus ganz leise ein vertrockneter Leichnam. Er hatte einen Bart, der bis auf den Gürtel reichte, und lange Krallen an den Fingern, die noch länger waren als die Finger. Leis erhob er die Arme, sein Gesicht erschauerte und verzerrte sich. Man sah ihm an, daß er entsetzliche Qualen litt.

„Mir ist so schwül, so schwül!“ stöhnte er mit wilder unmenschlicher Stimme. Seine Stimme bohrte sich einem ins Herz wie ein Messer. Aber plötzlich war der Leichnam wieder in der Erde verschwunden. Dann wankte ein anderes Kreuz, und wiederum entstieg ein Leichnam dem Grabe, noch schrecklicher und noch größer als jener: er war ganz von Haar überwachsen, sein Bart ging bis an die Knie und die Krallen an den Knochen waren noch länger. Er rief noch wilder: „Mir ist so schwül!“ und sank in die Erde zurück. Jetzt wankte ein drittes Kreuz, und ein dritter Leichnam stand auf. Da schien’s, als wenn ein riesenhaftes Knochengerüst sich hoch über die Erde erhob. Der Bart floß bis zu den Fersen herab, die Finger mit den riesigen Krallen gruben sich tief in die Erde, furchtbar warf er die Arme empor, als ob er bis an den Mond langen wollte, und er begann zu schreien, wie wenn ihm einer seine gelben Knochen zersägte ....

Das schlafende Kind, das in Katerinas Armen lag, stieß einen Schrei aus und erwachte; die Pani selbst schrie auf, die Ruderer ließen die Mützen in den Dnjepr fallen, und auch der Pan erschauerte.

Auf einmal aber war alles verschwunden, als wär’ es überhaupt nie gewesen, doch die Burschen griffen noch lange nicht zu den Rudern. Besorgt blickte Burulbasch auf seine junge Frau, die das schreiende Kind voller Schrecken in ihren Armen in Schlaf wiegte; er drückte sie an sein Herz und küßte sie auf die Stirn. „Fürchte dich nicht, Katerina! Schau: es ist ja nichts!“ sprach er und wies nach allen Seiten. „Der Zauberer will den Menschen nur Schrecken einjagen, damit ihm niemand bis an sein unsauberes Nest gelange. Nur Weiber kann er damit schrecken! Gib mir den Sohn doch herüber!“

Bei diesen Worten hob Pan Danilo seinen Sohn in die Höhe und drückte ihn an seine Lippen. „Nun, mein Iwan, fürchtest du dich vor Zauberern? — Sag: ‚nein, Vater, ich bin ein Kosak!‘ Doch genug, hör auf zu weinen! Wir fahren nach Hause! Gleich sind wir wieder zu Haus, dann kocht Mutter dir Brei, legt den Iwan in die Wiege und singt ihm das Lied:

Lulli, lulli, lulli, lulli!

Schlaf, mein Söhnchen, schlafe ein!

Bleib gesund und wachs mir fein!