Der treue Stetzko stand schon angekleidet da in seiner ganzen Kosakenausrüstung. Danilo setzte die Lammfellmütze auf, machte das Fenster zu, schob den Riegel vor die Tür, schloß sie ab und ging zwischen den schlafenden Kosaken hindurch auf den Hof und in die Berge hinaus.
Der Himmel war jetzt schon fast völlig klar. Ein frischer Wind wehte leise vom Dnjepr herüber. Und hätte man nicht von ferne den Schrei einer Möwe gehört, so wäre alles tot und starr erschienen. Doch jetzt vernahm man ein Rascheln ..... Burulbasch versteckte sich leise mit seinem treuen Diener hinter dem Gestrüpp, das einen Verhau verdeckte. Vom Berge kam jemand herabgeschritten, mit zwei Pistolen im roten Schupan, und an der Seite den Säbel. — „Das ist der Schwäher!“ sagte Pan Danilo, während er ihn hinterm Busch beschaute. „Wohin nur geht er zu dieser Stunde und wozu? — Gähne nicht, Stetzko, und gib acht, welchen Weg der Herr Vater einschlägt!“ Der Mann im roten Schupan schritt zum Ufer hinab, machte eine Wendung und ging auf die Landzunge zu: „Ah, dahin geht’s also!“ sprach Pan Danilo. „Wie, Stetzko, ist er nicht geradeswegs in die Höhle des Zaubrers geschlichen?“
„Ja, sicher an keinen anderen Ort, Pan Danilo, sonst würden wir ihn auf jener Seite sehen, aber er ist vor dem Schlosse verschwunden.“
„Halt, kriechen wir aus dem Verhau und gehen wir seinen Spuren nach. Dahinter steckt etwas. Nein, Katerina, hab’s dir wohl gleich gesagt, daß dein Vater kein guter Mensch sei; sein Tun ist nicht das eines Rechtgläubigen!“
Schon standen Pan Danilo und sein getreuer Bursch auf der Landzunge. Schon waren sie nicht mehr zu sehen, denn der dichte Wald, der das Schloß rings umgab, ließ nichts von ihnen gewahr werden. In der Höhe leuchtete schwach ein Fensterchen auf. Unten standen die Kosaken und trachteten hineinzukommen: doch waren weder Tor noch Tür zu sehen; vom Hof aus gab’s sicher einen Zugang, aber wie sollte man dort hingelangen? Von ferne hörte man Ketten rasseln und Hunde herumlaufen.
„Was grüble ich noch lange!“ sprach Pan Danilo, als er eine hohe Eiche vor dem Fenster erblickte. „Bleib hier, mein Junge! Ich steig’ auf die Eiche: von hier aus kann ich gerad ins Fenster schauen.“
Da nahm er seinen Gürtel ab, legte den Säbel nieder, damit er nicht klirrte, griff in die Zweige und schwang sich hinauf. Das Fenster war immer noch hell. Dicht davor klammerte er sich mit einer Hand, auf einem Aste zusammengekauert, am Baum fest, und was sah er? Im Zimmer brannte kein Licht, doch es leuchtete ganz. Die Wände waren mit wunderlichen Zeichen bedeckt und mit Waffen behängt; doch war es höchst seltsames Gewaffen: solches tragen weder die Türken noch die Bewohner der Krim, weder Polen noch Christen, noch das wackere Schwedenvolk. Unter der Decke flogen Fledermäuse hin und her, und ihr Schatten huschte über die Wände, die Türen und die Diele. Doch da öffnete sich ganz leise und ohne zu knarren die Tür. Ein Mann im roten Schupan trat herein und ging geradewegs auf den Tisch zu, der mit einem weißen Tuche bedeckt war. „Er ist’s! Es ist der Schwiegervater!“ Pan Danilo kauerte sich noch mehr zusammen und drückte sich noch fester an den Baumstamm.
Doch der Schwiegervater hatte nicht Zeit darnach zu sehen, ob ihm jemand ins Fenster guckte oder nicht. Finster trat er herein und zornig riß er die Decke vom Tisch herab — und plötzlich ergoß sich fast unmerklich ein blau durchsichtiges Licht übers Zimmer, und nur die Wellen des alten bleichgoldigen Lichtes, die sich noch nicht mit dem neuen vermischt hatten, fluteten auf und ab wie ein azurenes Meer und zogen sich, wie ein buntscheinendes Aderngeflecht im Marmor, durch die Luft. Da stellte er einen Topf auf den Tisch und begann Kräuter hineinzuwerfen.
Pan Danilo sah genauer hin, doch jetzt gewahrte er schon den roten Schupan nicht mehr; statt dessen hatte jener weite Pluderhosen an, wie sie die Türken tragen, in seinem Gürtel steckten Pistolen, und auf dem Kopfe hatte er eine wunderliche Mütze, ganz mit Zeichen bemalt, die aber weder dem russischen, noch dem polnischen Alphabet angehörten. Er sah ihm ins Antlitz — und auch das Gesicht begann sich zu verwandeln: die Nase fing an sich zu dehnen und hing ihm bald über die Lippe herüber; der Mund breitete sich bis an die Ohren, ein Hauer kroch aus ihm hervor und bog sich zur Seite — vor ihm stand derselbe Zauberer, der einst beim Jessaul auf der Hochzeit erschienen war. „Dein Traum ist wahr, Katerina!“ dachte Burulbasch.
Der Zauberer fing an, den Tisch schneller zu umkreisen, die Zeichen an der Wand begannen sich rascher zu ändern und Fledermäuse flatterten wilder herauf und herab, hin und her. Das blaue Licht ward milder und milder und schien ganz zu verlöschen. Und schon hellte die Kammer sich auf von sanft rosigem Licht. Wie ein zarter Klang, so floß das wundersame Licht in alle Winkel, doch plötzlich schwand es dahin, und es wurde ganz dunkel. Nur ein Geräusch war noch zu hören, wie wenn zur stillen Abendstunde der Wind kreisend auf dem Wasserspiegel spielt und die Silberweiden noch tiefer zum Wasser biegt. Und Pan Danilo ist’s, als ob im Gemach ein Mond aufglänzte, Sterne auf und ab wandelten und ein dunkelblauer Himmel darüber aufleuchtete, ja sogar die Kühle der Nachtluft hauchte ihm ins Gesicht. Dann aber ist’s Pan Danilo plötzlich so (er zupfte sich gar am Schnurrbart, ob er nicht schliefe), als breite sich im Gemach schon kein Himmel mehr aus, sondern als sei dies seine eigene Schlafkammer: an den Wänden hängen seine Säbel von Tataren und Türken; längs der Wände Bretter mit allerhand Geschirr und Hausgeräten; auf dem Tische Brot und Salz, und dort hängt die Wiege. Doch statt der Heiligen blickten schreckliche Larven aus den Bilderrahmen hervor, und auf der Ofenbank ..... aber nun sank ein Nebel hernieder und legte sich auf alles, und es wurde wieder dunkel. Und wieder erfüllt sich der Raum in wunderbarem Klingen mit rosigem Lichte und wieder steht der Zauberer regungslos da in seinem sonderbaren Turban. Die Klänge werden immer stärker und tiefer, das sanfte Rosenlicht wird immer heller, und etwas wie eine weiße Wolke strich durch das Zimmer. Und es kam Pan Danilo so vor, als sei die Wolke keine Wolke, sondern eine Frau; doch was war das, war sie gar aus Luft gewebt? Wie stand sie denn da, ohne die Erde zu berühren? Sie stützte sich auf nichts, und das rosige Licht und die Zeichen an der Wand schimmerten durch sie hindurch. Doch jetzt bewegte sie den durchsichtigen Kopf: die blaßblauen Augen leuchteten still auf, das Haar fiel ihr kraus wie ein fahlgrauer Nebel über die Schultern, ein blasses Rot färbte ihre Lippen, wie wenn in der Frühe das junge Morgenrot kümmerlich durch den bleichen durchsichtigen Himmel hindurchschimmert, ganz wie ein schwacher Schatten leuchteten ihre Brauen. „Ah! es ist Katerina.“ Und Danilo fühlte, wie ihm die Glieder erstarrten; er wollte sprechen, doch seine Lippen bewegten sich lautlos.