„Wie konntest du das nur erfahren, mein Gemahl?“ fragte Katerina erstaunt. „Doch, nein. Gar vieles, was du erzählt hast, ward mit nicht bekannt. Nein, mir hat nicht geträumt, der Vater habe meine Mutter getötet; auch hab’ ich keine Toten gesehen, ich habe nichts gesehen. Nein, Danilo, es war ganz anders, wie du’s erzählst. O, wie furchtbar ist doch mein Vater!“
„Das ist fürwahr auch kein Wunder, daß du gar vieles davon nicht sahest! Du weißt doch nicht den zehnten Teil von dem, was deine Seele weiß. Weißt du — dein Vater — das ist der Antichrist! Erst im vorigen Jahr, als ich mich mit den Polen zum Feldzug in die Krim aufmachte (damals hielt ich’s noch mit diesem Heidenvolk), da hat der Abt des Bruderklosters zu mir gesagt (und das ist ein heiliger Mann, Weib!), der Antichrist habe die Macht, jedes Menschen Seele zu beschwören; die lustwandle dann nach eigenem Willen, wenn er einschläft, und fliege zusammen mit den Erzengeln um Gottes Gemach herum. Schon auf den ersten Blick wollt’ mir deines Vaters Gesicht nicht recht gefallen. Hätt’ ich geahnt, daß du solch einen Vater hast, nie hätt’ ich mich mit dir vermählt; ich hätt’ dich verlassen und der Seele nimmer die Sünde aufgebürdet, mich der Sippe des Antichrist zu verschwägern.“
„Danilo!“ rief Katerina, verbarg ihr Gesicht in den Händen und schluchzte auf. „Hab’ ich je eine Schuld gegen dich auf mich geladen? Ward ich dir je untreu, geliebter Gemahl? Womit hab’ ich deinen Zorn auf mich gelenkt? Hab’ ich dir nicht treu gedient? Hab’ ich denn je ein widriges Wort gesprochen, wenn du angezecht vom lustigen Schmaus heimkamst? Gebar ich dir nicht einen schwarzbrauigen Sohn? ...“
„Weine nicht, Katerina, jetzt kenne ich dich, und ich werde dich nie verlassen. Alle Sünden liegen bei deinem Vater!“
„Nein, nenne ihn nicht meinen Vater! Er ist nicht mein Vater! Gott ist mein Zeuge, ich sage mich von ihm los! Er ist der Antichrist und ein Gottesverächter! Mag er verderben, mag er ersaufen, nie biet’ ich die Hand ihm zur Rettung. Und wenn er dahinsiecht an einem todbringenden Kraut, so will ich ihm kein Wasser zum Trinken reichen. Du bist mir mein Vater!“
VI.
In Pan Danilos tiefem Verließe sitzt der Zauberer in eiserne Ketten geschmiedet; fern über dem Dnjepr brennt sein satanisches Schloß, und blutrote Wellen gurgeln und lecken an den uralten Mauern empor. Nicht wegen Hexerei, noch um gottwidrige Taten sitzt der Zauberer im tiefen Verließ: die richtet nur Gott; um eines geheimen Verrates willen sitzt er dort, und wegen seines Bundes mit den Feinden des rechtgläubigen Russenlands — den er mit den Römlingen eingegangen, um ihnen das ukrainische Volk zu verschachern und die christlichen Kirchen niederzubrennen. Gar finster und grimmig ist der Zauberer; nachtschwarzes Sinnen zieht durch seinen Kopf; nur ein Tag noch bleibt ihm zu leben, und morgen gilt’s, Abschied zu nehmen von der Welt: morgen erwartet ihn Tod. Kein leichter Tod wartet auf ihn: es ginge noch gnädig ab, wenn er lebendig im Kessel gekocht oder wenn ihm die sündhafte Haut abgezogen würde. Düster und grimmig ist der Zauberer, und er läßt den Kopf hängen. Vielleicht geht er vor seiner Sterbestunde noch in sich; doch sind seine Sünden nicht so, daß Gott ihm verzeihen könnte. Hoch oben vor ihm ist ein schmales Fenster, das Eisenstäbe vergittern. Mit seinen klirrenden Ketten hat er sich bis zum Fenster emporgehoben, um zu schauen, ob seine Tochter nicht vorbeiginge. Sie ist mild wie ein Täubchen und nicht rachesüchtig. Würde sie sich nicht des Vaters erbarmen? ... Aber es war niemand da. Tief unten zieht der Weg sich hin, aber niemand wandert auf ihm. Und tiefer noch zieht der Dnjepr vorbei; aber der achtet auf niemand: er tost dahin, und schmerzlich ist’s dem Gefesselten, seinem dumpfen Rauschen zu lauschen.
Da erschien jemand auf dem Wege — es war ein Kosak! Schwer seufzte der Gefangene auf, und wieder ward alles tot und leer. Doch dort in der Ferne kam jemand herab ...... Ein grüner Überwurf flatterte empor, ein goldener Kopfschmuck glänzte auf dem Haupte. Das war sie! Noch enger preßte er sich ans Fenster. Sie kam näher und immer näher ...
„Katerina! Meine Tochter, erbarme dich! Hab’ Mitleid mit mir! .......“
Aber sie blieb stumm, sie wollte ihn nicht hören. Sie wendete nicht einmal die Augen nach dem Gefängnis, und schon war sie vorbei und wieder verschwunden. Leer wird die Welt, wehmütig rauscht der Dnjepr; hoffnungslose Trauer und Wehmut umfängt das Herz; aber wußte wohl der Zauberer, was Wehmut ist?