„Nein, nein! Du spottest, rede nicht .... Ich sehe, wie dein Mund sich öffnet und mich die weißen Reihen deiner alten Zähne spöttisch anblicken!“

Und er sprang rasend vor — und erschlug den heiligen Einsiedler.

Da stöhnte etwas schwer auf, und das Stöhnen hallte durch Feld und Wald weiter. Hinter dem Walde streckten sich ein Paar dürre hagere Hände mit langen Krallen hervor, fingen an zu beben und verschwanden wieder.

Und schon war keine Angst mehr da, und er fühlte nichts mehr. Alles erschien ihm verschwommen: in seinen Ohren sauste es, es rauschte ihm im Kopfe wie wenn er trunken wäre. Er sprang aufs Roß und ritt gen Kanew, von dort gedachte er seinen Weg über Tscherkany geradeaus zu den Tataren und nach der Krim zu lenken, doch wußte er selbst nicht, zu welchem Zweck er es tat. Er ritt einen Tag lang und ritt einen zweiten, aber Kanew wollte sich immer noch nicht sehen lassen. Es war der richtige Weg, und er hätte schon längst in Kanew sein müssen, aber die Stadt wurde und wurde nicht sichtbar. Da leuchteten plötzlich in der Ferne die Kuppeln von Kirchen auf, aber es war nicht Kanew, sondern Schumsk. Der Zauberer war aufs höchste betroffen, als er sah, daß er eine falsche Richtung eingeschlagen hatte; er jagte sein Roß zurück auf Kijew zu, und einen Tag später tauchte eine Stadt vor ihm auf, aber es war wieder nicht Kijew, sondern Halitsch, eine Stadt, die noch weiter von Kijew entfernt ist als selbst Schumsk und schon nahe bei Ungarn liegt. Ohne zu wissen, was er tun sollte, riß er sein Pferd wieder herum. Aber wiederum fühlte er, daß er in der entgegengesetzten Richtung dahinritt, und immer weiter und weiter. Kein Mensch in der Welt hätte sagen können, was in der Seele des Zauberers vorging; und hätte jemand hinein geblickt und gesehen, was dort geschah, so hätte er keine Nacht mehr ruhig geschlafen, und nie hätt’ er mehr gelacht. Das war nicht Wut, nicht Furcht noch wilder Groll. Es gibt kein Wort dafür in der Welt. Es glühte und siedete in ihm, die ganze Welt hätte er mit seinem Rosse zerstampfen, die ganze Erde von Kijew bis Halitsch mitsamt all den Menschen und allem, was drauf lebte, packen, und sie im Schwarzen Meere ertränken mögen. Doch war es nicht Grimm, warum er dies tun wollte, er wußte selbst nicht warum. Und er erbebte, als ganz nahe vor ihm die Karpathen und der hohe Kriwan erschienen, der sich eine schwarze Wolke wie eine Mütze auf seinen Schädel gestülpt hatte; aber das Roß jagte immer weiter dahin und trabte schließlich bis ins Gebirge. Plötzlich verschwanden die Wolken und vor ihm erschien in furchtbarer Erhabenheit der Reiter ..... Der Zauberer mühte sich, Halt zu machen und zog die Zügel straff, aber das Roß wieherte wild, warf den Kopf empor und raste dem Ritter entgegen. Da ward dem Zauberer zumute, als ob alles in ihm erstarrte und ihm schien, der regungslose Ritter rührte sich vom Fleck; er machte auf einmal die Augen weit auf, sah den ihm entgegeneilenden Zauberer an und lacht laut auf. Wie ein Donner rollte das wilde Gelächter durchs Gebirge, hallte dröhnend im Herzen des Zauberers wieder und erschütterte sein ganzes Innere. Es schien ihm, als ob ein furchtbares, gewaltiges Wesen in ihn hineingekrochen wäre und in seinem Inneren umherwandere, auf sein Herz und alle seine Sehnen loshämmerte, so gewaltig hallte das Gelächter in ihm wieder!

Der Reiter packte den Zauberer mit seiner schrecklichen Hand und hob ihn hoch in die Lüfte, und im Nu war der Zauberer tot, doch er öffnete nach dem Tode noch die Augen; aber schon war er ein Leichnam und sah wie ein Toter vor sich hin. So fürchterlich blickt kein Lebender und auch kein Auferstandener. Er rollte die blinden Augen nach allen Seiten, und er sah, wie sich die Toten in Kijew, Galizien und in den Karpaten erhoben, und sie alle glichen ihm von Angesicht, wie zwei Tropfen Wasser einander gleichen.

Bleich, totenbleich, der eine den anderen an Größe überragend, und der eine knochiger als der andere, so drängten sie sich um den Ritter, der seine furchtbare Beute in der Hand hielt. Noch einmal lachte der Ritter auf und dann schleuderte er sie in den Abgrund. Und alle Toten sprangen in den Abgrund herab, fingen den toten Zauberer auf und bohrten ihre Zähne in ihn hinein. Aber da war noch einer, der größer und furchtbarer war als alle; der wollte sich auch aus der Erde erheben, doch er vermochte es nicht, er hatte nicht mehr die Kraft, es zu tun. — So riesengroß war er geworden in seiner Erdengrube; hätte er sich erhoben, so hätte er die Karpathen umgestürzt und das Siebengebirge und das Türkenreich dazu. Ein wenig nur rührte er sich im Grabe — und es ging ein Beben über die ganze Erde, viele Häuser wurden allerorten umgeworfen, und viele Menschen erstickten.

Oft hört man in den Karpathen ein Schnauben, wie wenn das Wasser über tausend Mühlräder dahinrauscht: das sind die Toten, die in einem Abgrund, dem man nicht entrinnen kann und den noch nie ein Mensch gesehen hat, an einem Leichnam nagen, und jeden graut es, vorbeizugehen. Gar oft geschieht es, daß die Erde von einem Ende bis zum andern erbebt: das kommt, wie die Schriftgelehrten sagen, daher, daß irgendwo, in der Nähe des Meeres ein Berg steht; aus dem schlagen Flammen und fließen brennende Ströme hervor. Aber die greisen Männer im Ungarlande und auch in Galizien wissen es besser und erzählen von dem ungeheueren Toten, der in die Erde hineinwuchs, sich erheben will und so das Weltall erschüttert.

XVI.

In der Stadt Gluchow hatte sich das Volk um einen greisen Harfenspieler geschart und lauschte wohl schon eine Stunde lang dem Spiele des Blinden. Kein Harfenspieler hatte je so wundersame Lieder, so herrlich hatte noch nie ein Harfenspieler gesungen. Er sang von den Hetmans der alten Zeiten: von dem Sagajdatschny und von Chmelnitzki. Ja, das war eine andere Zeit: weit berühmt und geehrt waren damals die Kosaken; sie zertraten ihre Feinde mit den Hufen ihrer Rosse, und niemand wagte es, ihrer zu spotten. Aber der Greis sang auch lustige Lieder und er ließ seine Augen im Kreise umherwandern wie ein Sehender, und die Finger mit den Knochenstäbchen flogen wie Fliegen über die Saiten, sodaß die Saiten von selbst zu spielen schienen; und ringsherum stand das Volk, — die Greise gesenkten Hauptes, und die Jungen, die Augen zum Sänger erhoben, und wagten es nicht einmal, untereinander zu flüstern.

„Wartet einmal!“ sprach der Alte. „Ich will euch singen von einer längstvergangnen Begebenheit.“