Die Leute drängten sich noch enger zusammen, und der Blinde begann:

Zur Zeit Pan Stephans, des Fürsten von Siebenbürgen (der Fürst von Siebenbürgen war auch König der Polen), da lebten einmal zwei Kosaken: Iwan und Petro. Sie lebten wie zwei Brüder. „Hör, Iwan,“ sagte Petro einst, „alles, was wir erbeuten, — sei zu gleichen Teilen unter uns geteilt; des einen Freude sei des andern Freude und des einen Kummer sei des andern Schmerz; des einen Beute soll auch dem anderen zukommen, und wenn der eine in Gefangenschaft gerät, soll der andere alles verkaufen und Lösegeld zahlen, oder selbst in Gefangenschaft gehen.“ Und so geschah’s auch, alles, was die Kosaken erbeuteten, teilten sie untereinander: ob sie nun fremdes Vieh wegtrieben oder Pferde — sie teilten alles zu gleichen Teilen unter sich.


Einst führte König Stephan Krieg mit dem Türkenvolk. Drei Wochen schon focht er gegen den Türken und konnte ihn immer noch nicht vertreiben. Die Türken aber hatten einen Pascha, der ganz allein mit zehn Janitscharen ein ganzes Heer in die Flucht schlagen konnte. Da tat König Stephan kund, wenn sich ein Wagehals fände, der ihm den Pascha lebend oder tot brächte, so wolle er ihm allein einen so hohen Lohn bezahlen, wie den, den er seinem ganzen Heere zukommen ließ. Da sprach Iwan zu Petro: „Komm, Herzensbruder, wir wollen den Pascha fangen!“ Und die Kosaken ritten davon: der eine hierhin, der andere dorthin.


Ob ihn Petro nun gefangen hätte oder nicht, das läßt sich nicht sagen, doch schon führt Iwan den Pascha an einem Strick um den Hals vor den König. „Tapfrer Kosak,“ sprach König Stephan und ließ ihm allein soviel Lohn ausbezahlen, als sonst sein ganzes Heer erhielt; und er hieß ihm Land zuzuteilen, wo er welches haben wollte, und Vieh schenken, soviel er nur wünschte. Wie Iwan nun den Lohn vom König erhalten hatte, teilte er ihn noch am selbigen Tage zu gleichen Teilen unter sich und Petro. Petro bekam die Hälfte vom Lohne des Königs, aber der konnte es nicht verwinden, daß Iwan vom Könige solche Ehren zuteil geworden waren, und in den Tiefen seiner Seele regten sich Rachegedanken.


Einst ritten die beiden Ritter jenseits der Karpathen durch das Land, das der König ihnen geschenkt hatte, und der Kosak Iwan hatte auch seinen Sohn neben sich auf dem Roß sitzen und ihn fest an sich gebunden. Schon senkte sich die Dämmerung aufs Land herab — sie aber ritten immer weiter und weiter. Der Knabe schlief, und auch Iwan fing an einzuschlummern. „Schlaf nicht, Kosak, denn gefahrvoll sind die Pfade in den Bergen!“ .... Doch der Kosak hatte ein Pferd, das alle Wege kannte, und nie stolperte oder strauchelte es. Ein Abgrund lag tief zwischen den Bergen versenkt, und noch niemand hatte den Grund des Schlundes gesehen, denn so hoch es von der Erde bis zum Himmel ist, so tief ist es bis zum Grunde jener Schlucht. Über den Abgrund führte ein Steg — über dem noch gerade zwei Menschen hinweg reiten konnten, nicht aber drei. Behutsam schritt das Roß mit dem schlummernden Kosaken über den Steg. An seiner Seite aber ritt Petro, er bebte am ganzen Leibe und hielt vor Freude den Atem an, und nun blickte er um sich, stieß seinen selbst erkorenen Bruder in den Abgrund hinab, und das Roß stürzte mitsamt dem Kosaken und dem Kinde in die Tiefe.


Doch der Kosak vermochte noch einen Ast zu erfassen, und das Pferd stürzte allein hinab. So begann er denn, mit seinem Sohne auf dem Rücken, in die Höhe zu klimmen; und er war schon beinahe ganz oben, da erhob er die Augen und sah, wie Petro mit seiner Pike nach ihm zielte, um ihn wieder hinabzustoßen. „O, du gerechter Gott! Hätte ich doch lieber nicht die Augen erhoben; warum muß ich jetzt sehn, wie mein erkorener Bruder mit der Pike nach mir zielt, um mich wieder hinabzustoßen. O, lieber Bruder! Stich zu mit der Pike, wenn’s mir denn schon so beschieden ist, nur nimm meinen Sohn zu dir: was hat das unschuldige Kind denn getan, daß es solch grimmen Tod erleiden soll?“ Da lachte Petro, stieß mit der Pike nach ihm, und der Kosak flog samt dem Knaben in den Abgrund hinab. Und Petro nahm all sein Hab und Gut an sich, und lebte dahin wie ein Pascha. Niemand hatte solche Viehherden wie Petro, und nirgends gab’s so viel Schafe und Hammel, wie er besaß. Doch eines Tages starb Petro.