Unterwegs passierte nichts besonders Bemerkenswertes. Man reiste etwas über vierzehn Tage lang. Vielleicht wäre Iwan Fjodorowitsch noch früher angekommen, wenn der fromme Jude nicht seinen Sabbath eingehalten und nicht den ganzen Tag über, in seine Pferdedecke gehüllt, gebetet hätte. Wie ich übrigens schon gelegentlich bemerkt habe, war Iwan Fjodorowitsch ein Mensch, der keine Langeweile aufkommen ließ. Während dieser Zeit schnallte er seinen Koffer auf, nahm seine Wäsche heraus, musterte sie, ob sie auch gut gewaschen und richtig zusammengelegt sei, entfernte behutsam ein Federchen von seiner Uniform, die schon keine Epauletten mehr zierten, und legte alles wieder in schönster Weise zusammen. Er liebte im Allgemeinen das Bücherlesen nicht; und wenn er auch hie und da in das Wahrsagebuch hineinblickte, so geschah es nur deshalb, weil er es gern hatte, bekannten Dingen, die er schon einige Male gelesen, wieder einmal zu begegnen. Genau so besucht der Städter seinen Klub, nicht etwa um irgend etwas Neues zu hören, sondern um dort Freunde zu treffen, mit denen er seit unvordenklichen Zeiten im Klub zu plaudern gewohnt ist. Oder so liest ein Beamter ein paarmal täglich mit viel Genuß das Adreßbuch, nicht etwa um irgendwelcher tiefer diplomatischer Pläne willen, sondern weil ihn die gedruckten Namen amüsieren. „Ah! Das ist Iwan Gawrilowitsch so und so! ....“ murmelt er dumpf vor sich hin. „Ah! Da bin ich! hm! ....“ Und am folgenden Tage liest er’s wieder, wobei er seine Lektüre mit denselben Interjektionen begleitet.
Nach einer vierzehntägigen Fahrt erreichte Iwan Fjodorowitsch ein Dörfchen, das hundert Werst von Gadjatsch entfernt war. Es war gerade ein Freitag und die Sonne war schon längst untergegangen, als er samt seinem Wagen und dem Juden in den Hof des Gasthauses einfuhr.
Dieses Gasthaus unterschied sich durch nichts von allen andren Gasthäusern, die man in kleinen Dörfern vorfindet. Dort bringt man dem Fremden zumeist mit viel Eifer Heu und Hafer entgegen, gleich als ob er ein Postgaul wäre. Will er dagegen frühstücken, wie anständige Leute es gewöhnlich zu tun pflegen, so soll er sich seinen Appetit ruhig und unversehrt bis zu einer anderen Gelegenheit aufsparen. Indessen, da Iwan Fjodorowitsch all das wußte, hatte er sich rechtzeitig zwei Bündel Brezeln und Wurst besorgt, bestellte sich jetzt nur einen Schnaps, an dem es in keinem Wirtshaus fehlt, und begann sein Abendmahl, indem er auf der Bank vor dem Eichentisch Platz nahm, der fest in den Lehmboden eingegraben war.
Währenddessen kam unter mächtigem Gerassel ein Wagen heran. Das Tor knarrte, aber der Wagen fuhr noch lange nicht in den Hof hinein und man hörte jemand mit lauter Stimme auf die Alte losschimpfen, der das Wirtshaus gehörte. „Gut, ich steige hier ab,“ hörte Iwan Fjodorowitsch den Fremden rufen, „wenn mich aber auch nur eine Wanze beißt, so prügle ich dich durch, bei Gott, du alte Hexe, ich prügle dich durch, und bezahle dir nichts für dein Heu!“
Einen Augenblick später ging die Tür auf, und herein trat, oder richtiger gesagt, kroch ein dicker Mann in einem grünen Rock. Sein Kopf saß unbeweglich auf dem kurzen Halse, der infolge des Doppelkinns noch dicker erschien. Schon nach dem bloßen Äußeren hätte man glauben können, einen Mann vor sich zu haben, der sich nie den Kopf über Alfanzereien zerbrach, und dessen Leben ruhig dahinglitt wie Öl.
„Ich wünsche Ihnen eine gute Gesundheit, mein Herr!“ rief er, als er Iwan Fjodorowitsch erblickte.
Iwan Fjodorowitsch verneigte sich stumm.
„Darf ich fragen, mit wem habe ich die Ehre, zu sprechen?“ fuhr der dicke Fremde fort.
Bei diesen Fragen erhob sich Iwan Fjodorowitsch unwillkürlich von seinem Platze und richtete sich stramm auf, wie er es zu tun pflegte, wenn sein Oberst sich bei ihm nach irgend etwas erkundigte. „Leutnant außer Diensten Iwan Fjodorowitsch Schponjka,“ antwortete er.
„Darf ich fragen, wohin Sie zu fahren belieben?“