„Auf mein Gut Wytrebenjki“.
„Wytrebenjki!“ rief der gestrenge Frager. „Gestatten Sie, mein Herr, gestatten Sie!“ rief er, indem er auf ihn zutrat und mit den Armen um sich schlug, gleich als ob er sich gegen jemanden wehren, oder sich durch eine Menschenmenge hindurchdrängen wollte. Dann aber trat er auf ihn zu, schloß Iwan Fjodorowitsch in die Arme und küßte ihn zuerst auf die rechte, dann auf die linke und dann wieder auf die rechte Wange. Iwan Fjodorowitsch fand Gefallen an diesem Zärtlichkeitsausbruch, denn die großen Wangen des Fremden erschienen seinen Lippen wie zwei weiche Kissen.
„Erlauben Sie, mein Herr, daß wir einander kennen lernen!“ fuhr der Dicke fort. „Ich bin Gutsbesitzer, und zwar ebenfalls im Kreise Gadjatsch; ich bin Ihr Nachbar, wohne höchstens fünf Werst von Ihrem Gutshof Wytrebenjki entfernt auf meinem Gute Chortystsche, und heiße Grigori Grigorjewitsch Stortschenko. Nein, unbedingt, mein Herr, unbedingt .... ich will nichts von Ihnen wissen, wenn Sie nicht zu mir nach Chortystsche zu Besuch kommen. Jetzt muß ich eilig in Geschäften weiter .... Was soll denn das da bedeuten?“ sprach er mit sanfter Stimme zu seinem Reitknecht, einem Knaben in einem Kosakenkittel mit geflickten Ellenbogen und verwunderter Miene, der allerhand Pakete und Schachteln auf den Tisch stellte. „Was soll das? Wie?“ — und Grigori Grigorjewitschs Stimme wurde zusehends strenger und strenger. „Habe ich dir etwa befohlen, das hierher zu stellen, du Schurke? Habe ich dir nicht befohlen, zuerst das Huhn warm zu machen, Halunke du? Pack dich!“ rief er und stampfte mit dem Fuße auf. „Halt, du Fratz du! Wo ist denn das Kästchen mit den Flaschen? Iwan Fjodorowitsch!“ fuhr er fort, indem er ein Gläschen Kräuterschnaps einschenkte, „bitte ergebenst: ärztlich empfohlen!“
„Bei Gott, ich kann nicht .... ich hatte schon Gelegenheit ....“ sagte Iwan Fjodorowitsch stockend.
„Nein, ich will nichts hören, mein Herr!“ rief der Gutsbesitzer mit erhobener Stimme, „ich will nichts hören! Ich rühr’ mich nicht vom Fleck, bis Sie getrunken haben ....“
Iwan Fjodorowitsch sah ein, daß hier eine Weigerung unmöglich war, und trank den Schnaps nicht ohne Vergnügen.
„Hier ist Huhn, mein Herr,“ fuhr der dicke Grigori Grigorjewitsch fort, indem er das Huhn in seinem Holzkästchen mit dem Messer zerlegte. „Ich muß Ihnen sagen, meine Köchin Jawdocha liebt es manchmal, ein Gläschen hinter die Binde zu gießen, und daher macht sie’s zuweilen zu trocken. He, Junge!“ und hierbei wandte er sich an den Knaben im Kosakenkittel, der gerade ein Federbett und ein Kissen hereinbrachte, „mach mir das Bett auf dem Fußboden, mitten in der Stube! Paß aber auch gut auf, lege recht viel Heu unter das Kopfkissen! Und reiße dem Frauenzimmer ein bißchen Hanf aus der Decke, damit ich mir zur Nacht die Ohren zustopfen kann! Sie müssen nämlich wissen, mein Herr, daß ich die Gewohnheit habe, mir nachts die Ohren zuzustopfen, seit jener verfluchten Geschichte, wo mir einmal in einer großrussischen Kneipe eine Schwabe ins Ohr gekrochen ist. Wie ich später erfahren habe, essen diese verdammten Russen sogar Kohlsuppe mit Schwaben. Es ist unmöglich zu beschreiben, was damals mit mir vorging: es kitzelte und kitzelte mir nur so im Ohr ... na, um auf die Wände zu klettern! Schließlich hat mir ein einfaches altes Weib geholfen, aber das war schon hier in unserer Gegend, und womit glauben Sie? Ganz einfach, indem sie mich besprach. Was denken Sie über die Ärzte, mein Herr? Ich meine, die foppen uns nur und halten uns zum Besten; manche alte Frau weiß zwanzigmal mehr, als all diese Ärzte.“
„In der Tat, was Sie da zu sagen belieben, ist vollkommen richtig. In der Tat, es gibt ....“ Und Iwan Fjodorowitsch hielt inne, als ob er kein passendes Wort finden konnte. An dieser Stelle muß ich sagen, daß er überhaupt ziemlich wortkarg war. Vielleicht rührte das von seiner Schüchternheit her, vielleicht aber entsprach es auch nur dem Wunsche, sich möglichst hübsch auszudrücken.
„Schüttle das Heu nur recht tüchtig; tüchtig, hörst du!“ rief Grigori Grigorjewitsch seinem Lakai zu. „Hier ist das Heu so abscheulich, daß man nur allzuleicht auf ein Ästchen stoßen kann. Ich erlaube mir, Ihnen eine gute Nacht zu wünschen, mein Herr! Morgen werden wir uns wohl nicht mehr sehen: ich fahre noch vor Tagesanbruch weiter. Ihr Jude wird hier wohl seinen Sabbath halten, morgen ist nämlich Sonnabend; da brauchen Sie nicht so früh aufzustehen. Vergessen Sie nur meine Bitte nicht, ich will einfach nichts von Ihnen wissen, wenn Sie nicht nach Chortystsche kommen.“
Der Kammerdiener zog dem Grigori Grigorjewitsch Rock und Stiefel aus, half ihm statt dessen in einen Schlafrock hinein, und Grigori Grigorjewitsch warf sich auf sein Bett, was genau so aussah, wie wenn ein riesiges Federbett sich auf ein anderes gelegt hätte.