„He, Bursche! Wo steckst du nur, du Schuft? Komm her, leg mir die Decke zurecht! He, Junge, lege mir noch Heu unter den Kopf! Wie? sind die Pferde schon getränkt? Noch mehr Heu! Hierher, da unter die Seite! Aber so lege mir doch die Decke zurecht, du Schurke! So! Besser, noch besser .... Oh! ....“
Und Grigori Grigorjewitsch seufzte noch ein paarmal tief auf, und erfüllte das ganze Zimmer mit einem fürchterlichen Pfeifen, das aus seiner Nase hervordrang; er schnarchte zuweilen so laut, daß die alte Frau, die auf der Ofenbank schlummerte, aufwachte, verwundert in alle Ecken und Winkel guckte, und erst, als sie nichts besonderes bemerkte, beruhigt wieder einschlief.
Als Iwan Fjodorowitsch am nächsten Morgen erwachte, war der dicke Gutsbesitzer nicht mehr da. Das war das einzige merkwürdige Ereignis, das sich während seiner Reise zugetragen hatte. Zwei Tage darauf näherte er sich seinem Gutshof.
Er fühlte, wie sein Herz heftig zu schlagen begann, als die Windmühle, ihre Flügel schwenkend, hervorschaute, und als in dem Maße, wie der Jude seine Stuten den Berg hinaufjagte, unten eine Reihe von Weiden auftauchte. Hell und lebhaft schimmerte der Teich zwischen ihnen auf und strömte eine kühlende Frische aus. Hier pflegte er früher zu baden; und in demselben Teiche war er einstmals mit den Dorfjungen, bis zum Halse im Wasser, herumgewatet, um Krebse zu fangen. Das Wägelchen fuhr den Damm hinauf, und jetzt erblickte Iwan Fjodorowitsch das alte mit Schilf gedeckte Häuschen, und die alten Äpfel- und Kirschbäume, auf denen er einstmals heimlich herumgeklettert war. Kaum war er in den Hof eingefahren, so kamen von allen Seiten Hunde aller möglichen Rassen herbeigelaufen: schwarze, dunkelbraune, graue, scheckige. Die einen warfen sich den Pferden bellend vor die Füße, die anderen liefen hinterdrein, da sie merkten, daß die Achse mit Fett eingeschmiert war; ein Hund stand neben der Küche, hatte die Pfote auf einen Knochen gelegt und kläffte aus Leibeskräften; ein andrer bellte von ferne, rannte hin und her, und wedelte mit dem Schweif, gleich als ob er sagen wollte: „Seht, ihr Christenmenschen, was ich noch für ein Jüngling bin!“ Mehrere Jungen in schmutzigen Hemden kamen herausgelaufen, um zu gaffen. Eine Sau, die mit sechzehn Ferkeln im Hofe herumpromenierte, hob ihre Schnauze mit prüfender Miene in die Höhe und grunzte noch lauter als sonst. Im Hofe lag auf einem Stück grober Leinwand eine Unmenge Weizen, Gerste und Buchweizen, und all dieses trocknete in der Sonne. Auch auf dem Dache lagen allerhand Kräuter zum Trocknen: Nagelkraut, Grindkraut und mehr dergleichen.
Iwan Fjodorowitsch war dermaßen in Betrachtung all dieser Herrlichkeiten versunken, daß er erst wieder zu sich kam, als ein scheckiger Hund den vom Bock herunterkriechenden Juden in die Wade biß. Das Gesinde, das auch herbeigeeilt war und aus einer Köchin, einer Frau und zwei Mädeln in wollenen Röcken bestand, meldete ihm, nachdem alle laut ausgerufen hatten „Da ist ja der junge Herr!“, daß sich die Tante im Gemüsegarten befände und zusammen mit der Dienstmagd Paloschka und dem Kutscher Omeljka, der manchmal auch das Amt eines Gärtners und Wärters versah, Weizen säe. Aber die Tante, die den Wagen von ferne erblickt hatte, war schon selbst erschienen. Iwan Fjodorowitsch erstaunte, als sie ihn fast in ihren Armen in die Höhe hob, und er fing beinahe an zu zweifeln, ob das auch wirklich dieselbe Tante sei, die ihm so viel von ihrer Gebrechlichkeit und Kränklichkeit geschrieben hatte.
III.
Die Tante
Tante Wassilissa Kaschparowna war damals gegen fünfzig Jahre alt. Sie war nie verheiratet gewesen, und sie behauptete, das jungfräuliche Leben sei ihr wertvoller als alles auf der Welt. Übrigens hatte — so viel ich mich besinnen kann, — auch nie jemand um ihre Hand angehalten. Das kam daher, daß alle Männer ihr gegenüber eine gewisse Schüchternheit empfanden und nicht den Mut hatten, ihr ihre Gefühle zu erklären. „Wassilissa Kaschparowna hat sehr viel Charakter,“ sagten die Freier, und sie hatten recht, denn Wassilissa Kaschparowna verstand es, einen sammetweich zu machen. Aus dem versoffenen Müller, der zu gar nichts mehr zu gebrauchen war, hatte sie ohne Anwendung irgendwelcher äußerer Mittel und nur indem sie ihn täglich ein paarmal am Schopfe rupfte, verstanden, einen ganzen Menschen, ja, mehr noch, geradezu einen Goldklumpen zu machen. Ihr Wuchs ging ins Riesenhafte, und ihre Beleibtheit und Kraft entsprachen ihm. Es hatte den Anschein, als ob die Natur einen unverzeihlichen Fehler begangen habe, als sie es ihr zum Schicksal bestimmte, an den Werktagen ewig einen dunkelbraunen Morgenrock mit kleinen Säumchen und am Ostersonntag und an ihrem Namenstage einen roten Kaschmir-Schal zu tragen, während ihr ein Dragonerschnurrbart und lange Schaftstiefel am besten gestanden hätten. Dafür aber entsprach ihre Beschäftigung vollkommen ihrem Charakter, sie konnte rudern, und zwar besser als irgend ein Fischer; sie ging auf die Jagd; sie beaufsichtigte die Schnitter, sie kannte die Zahl der Kürbisse und Melonen auf dem Felde auswendig; sie erhob eine Steuer von fünf Kopeken von jedem Wagen, der über ihren Damm fuhr; sie kletterte auf die Bäume und schüttelte die Birnen herunter; sie prügelte eigenhändig ihre faulen „Vasallen“ mit ihrer schrecklichen Hand und belohnte die Würdigen mit einem Schnaps aus derselben gestrengen Hand. Und fast zur gleichen Zeit konnte sie schimpfen, Leinwand färben, in die Küche rennen, Kwas bereiten, und Honig einmachen; sie machte sich den ganzen lieben Tag zu schaffen und versäumte nichts. Die Folge davon war, daß Iwan Fjodorowitschs kleines Gut, das nach der letzten Revision achtzehn Leibeigene gezählt hatte, förmlich aufblühte, und zwar im vollen Sinne dieses Wortes. Übrigens liebte sie auch ihren Neffen viel zu sehr und hob sorgsam jede Kopeke für ihn auf.
Seit Iwan Fjodorowitsch wieder zu Hause war, ging eine große Veränderung in seinem Leben vor und es schlug völlig neue Bahnen ein. Es schien so, als ob die Natur ihn geradezu dazu geschaffen hätte, ein Gut mit achtzehn Leibeigenen zu beaufsichtigen. Sogar die Tante merkte, daß er einen guten Landwirt abgeben würde, obwohl sie ihm übrigens nicht gestattete, sich in alle Fragen der Wirtschaft einzumischen. „Der Junge ist noch nicht alt genug!“ pflegte sie gewöhnlich zu sagen, trotzdem Iwan Fjodorowitsch mindestens vierzig Jahre alt war; „woher soll er auch alles wissen!“
Er wich jedoch auf dem Felde keinen Schritt von den Schnittern und Mähern, und dies bereitete seiner sanften Seele einen unaussprechlichen Genuß. Ein Dutzend glänzender Sensen und mehr fliegen einmütig in einem Schwunge in die Höhe; das Gras sinkt rauschend in harmonischen Reihen zur Erde; und nun erklingen die Lieder der Schnitterinnen, bald lustig, wie beim Empfang von Gästen, und bald wehmütig, wie bei einer Trennung; der Abend ist still und die Luft ist rein! — O wie köstlich ist solch ein Abend! Wie leicht und frisch ist die Luft! wie erscheint dann alles belebt: die Steppe rötet sich, blaut und glüht in allen Farben auf; Wachteln, Trappgänse, Möwen, Heimchen und tausende von Insekten: sie alle pfeifen, summen, knarren, schreien, und auf einmal ist’s ein harmonischer Chor; und nichts verstummt auch nur für einen Augenblick. Schon senkt sich die Sonne herab und versteckt sich. Ah! wie frisch und wohlig wird einem da! Auf dem Felde werden hie und da Feuer entzündet und Kessel aufgestellt, und die schnauzbärtigen Schnitter setzen sich rings um die Kessel herum; von den brodelnden Klößen steigt ein Dampf auf; der Abend graut .... Es wäre schwer zu sagen, was dann in Iwan Fjodorowitsch vorging. Er vergaß es, wenn er sich zu den Schnittern gesellte, von ihren Klößen zu kosten, obwohl er sie doch so gerne aß, stand regungslos auf einem Fleck da, verfolgte eine hoch im Himmel schwirrende Möwe mit den Augen oder zählte die Garben des abgemähten Kornes, die das Feld überfluteten.
Bald erzählte man überall von Iwan Fjodorowitsch, er sei ein großer Landwirt vor dem Herrn. Die Tante konnte sich nicht genug über ihren Neffen freuen und ließ sich keine Gelegenheit entgehen, mit ihm zu prahlen und wichtig zu tun. Eines Tages aber — es war am Ausgang des Juli und schon nach Beendigung der Ernte — faßte Wassilissa Kaschparowna ihren Neffen mit geheimnisvoller Miene bei der Hand und erklärte ihm, sie wolle mit ihm über etwas sprechen, was sie schon seit langem beschäftigte.