„Es ist dir wohl bekannt, lieber Iwan Fjodorowitsch,“ begann sie, „daß dein Gutshof achtzehn Leibeigene zählt; übrigens nur laut der letzten Revision, in Wirklichkeit werden’s vielleicht noch mehr sein, vielleicht gar bis an die vierundzwanzig. Doch es handelt sich nicht darum, du kennst wohl das Wäldchen, das sich hinter unserer Trift befindet, und wohl auch die breite Wiese hinter diesem Walde: sie ist mindestens zwanzig Deßjatin groß, und es wächst so viel Gras darauf, daß man jedes Jahr für mehr als hundert Rubel davon verkaufen kann, besonders wenn, wie man erzählt, ein Kavallerie-Regiment in Gadjatsch stehen wird.“
„Gewiß, liebe Tante; das Gras ist sehr gut!“
„Ich weiß selbst, daß es sehr gut ist; aber weißt du auch, daß dieses ganze Land eigentlich von Rechts wegen dir gehört? Was siehst du mich so groß an? Hör mich an, Iwan Fjodorowitsch! Erinnerst du dich noch an Stepan Kusmitsch? Warum sage ich eigentlich: erinnerst du dich? Du warst ja damals noch so klein, daß du nicht einmal seinen Namen aussprechen konntest. Wie solltest du dir da noch eine Erinnerung bewahrt haben! Ich weiß noch: als ich grad vor Philippi zu euch kam und ich dich auf die Arme nahm, da hättest du mir beinahe das ganze Kleid verdorben; zum Glück konnte ich dich noch der Amme Matrjona übergeben, so abscheulich warst du damals .... Aber es handelt sich ja nicht darum. Das ganze Land, das sich hinter unserem Gutshof befindet, und selbst das Dorf Chortystsche gehörte damals Stepan Kusmitsch. Und da muß ich dir sagen — denn damals warst du noch nicht auf der Welt — der kam zu jener Zeit oft zu deiner Mutter zu Besuch, — freilich zu einer Zeit, da dein Vater nicht zu Hause war. Ich sag’ es jedoch nicht, um ihr einen Vorwurf daraus zu machen. — Gott sei ihrer Seele gnädig! Obwohl die Selige mir gegenüber im Unrecht war. Aber es handelt sich jetzt nicht darum. Wie dem auch sei, genug, Stepan Kusmitsch setzte eine Schenkungsurkunde auf, in der er dir das Gut vermachte, von dem ich dir eben sprach. Deine selige Mutter hatte jedoch, — unter uns gesagt, einen ganz wunderlichen Charakter. Selbst der Teufel (Gott verzeih mir dies häßliche Wort!) hätte sie nicht verstehen können. Wohin sie diese Urkunde gesteckt hat — das weiß der liebe Himmel. Ich glaube einfach, sie befindet sich in den Händen des alten Junggesellen, Grigori Grigorjewitsch Stortschenko. Und nun ist alles diesem dickbäuchigen Schurken zugefallen. Bei Gott, ich wäre bereit, um alles in der Welt zu wetten, daß er die Urkunde einfach unterschlagen hat.“
„Darf ich fragen, liebe Tante, ob das derselbe Stortschenko ist, den ich auf der Station kennen gelernt habe?“ Und Iwan Fjodorowitsch erzählte ihr von seiner Begegnung.
„Wer weiß!“ antwortete die Tante nach kurzem Nachdenken. „Vielleicht ist er doch kein Schuft. Es ist wahr, er lebt erst ein halbes Jahr lang hier, und in so kurzer Zeit kann man einen Menschen nicht genau kennen lernen. Die Alte, das heißt seine Mutter, soll, wie ich gehört habe, eine sehr vernünftige Frau sein und sich meisterlich darauf verstehen, Gurken einzulegen, und ihre Mägde sollen großartige Teppiche weben. Da er dich, wie du sagst, so freundlich empfangen hat, so fahre nur zu ihm hin: vielleicht wird der alte Sünder auf sein Gewissen hören und zurückgeben, was ihm nicht gehört. Du kannst meinetwegen die Kalesche nehmen, nur haben die verdammten Kinder hinten alle Nägel herausgezogen; man muß vorher dem Kutscher Omeljko sagen, daß er das Leder festnageln soll.“
„Wozu nur, liebe Tante? Ich nehme lieber das Wägelchen, in dem Sie auf die Jagd fahren.“
Damit schloß das Gespräch.
IV.
Das Diner
Iwan Fjodorowitsch kam um die Mittagszeit im Dorfe Chortystsche an, und wurde etwas unruhig, als er sich dem Herrenhause näherte. Dieses Haus war sehr lang und nicht mit Schilf gedeckt, wie die Häuser so vieler Gutsbesitzer in der Umgegend, sondern hatte ein Holzdach. Die zwei Schuppen im Hofe waren ebenfalls mit Holzdächern versehen; und das Tor war aus Eichenholz. Iwan Fjodorowitsch glich einem jener Stutzer, die auf einen Ball kommen und plötzlich bemerken, daß, wohin sie auch blicken mögen, alle Leute feiner gekleidet sind als sie selbst. Er ließ sein Wägelchen respektvoll neben einem Schuppen halten und ging zu Fuß auf die Freitreppe zu.
„Ah! Iwan Fjodorowitsch!“ rief der dicke Grigori Grigorjewitsch, der gerade im Hof herumspazierte; er hatte einen Rock an, aber keine Kravatte, keine Weste und keine Hosenträger. Aber auch dies Kostüm schien ihn bei seiner Leibesfülle noch zu belästigen, denn der Schweiß rieselte ihm nur so vom Gesicht herunter.