„Da sei Gott vor! Liebste! Was doch die Weiber und Dummköpfe nicht alles erzählen. Du bringst dich nur um deine Ruhe, du könntest dich ängstigen und nachher nicht gut schlafen!“
„Erzähl, erzähl, liebster, schönster Junge!“ rief sie, preßte ihr Gesicht an seine Wange und umschlang ihn fest. „Nein, du liebst mich nicht! Sicher liebst du noch ein anderes Mädchen! Ich ängstige mich doch nicht — ich schlafe die Nacht über ganz ruhig. Aber wenn du mir’s nicht erzählst, werde ich nicht einschlafen können. Ich werde mich quälen und werde grübeln .... erzähle, Lewko!“
„Die Leute sprechen wohl die Wahrheit, die da sagen, daß ein Teufel in den Mädchen sitzt und beständig ihre Neugier reizt. So höre denn. Vor langer Zeit, mein Herz, da lebte ein Hauptmann in diesem Hause. Dieser Hauptmann hatte ein Töchterlein, ein hübsches Fräulein, so weiß wie Schnee, ganz so wie dein Gesichtchen. Des Hauptmanns Weib war schon lange tot, und der Hauptmann gedachte nun, sich eine andere Frau zu nehmen. ‚Wirst du mich auch liebkosen wie früher, Väterchen, wenn du dir eine andere Frau nimmst?‘ — Freilich, mein liebes Töchterchen, noch fester als früher werd’ ich dich an mein Herze drücken! Glänzendere Ohrringe noch und Perlen werd’ ich dir schenken!“
„Der Hauptmann brachte das junge Weib in sein Haus. Schön war das junge Weib, rosig und weiß war das junge Weib, und doch blickte sie so furchtbar auf ihre Stieftochter, daß die aufschrie bei ihrem Anblick, die strenge Stiefmutter aber sprach den ganzen Tag über kein Wort. So kam die Nacht heran. Der Hauptmann begab sich mit seinem jungen Weibe ins Schlafgemach; und auch das schneeweiße Fräulein schloß sich in ihre Kammer ein. Bitter ward ihr zumute und sie begann zu weinen. Plötzlich sieht sie, wie eine schreckliche Katze auf sie zuschleicht; ihr Fell glüht, und ihre eisernen Krallen schlagen laut auf die Diele. Voll Angst springt sie auf die Bank, — die Katze ihr nach; sie springt auf die Ofenbank, die Katze folgt ihr dort hinauf, und mit einem Male springt sie dem Mädchen an den Hals und beginnt sie zu würgen. Mit einem Schrei riß das Mädchen sie von sich los und schleuderte sie zu Boden. Und wieder schleicht die schreckliche Katze heran. Ein Grausen erfaßt das Mädchen. An der Wand hing ihres Vaters Säbel. Sie packte ihn, und sausend fiel der Hieb, — die Tatze mit den Eisenkrallen flog ab, und die Katze verschwand winselnd in der dunklen Ecke. Den ganzen Tag über verließ die junge Frau ihr Gemach nicht, erst am dritten Tage erschien sie wieder mit einer verbundenen Hand. Da ging dem armen Fräulein eine Ahnung auf, daß ihre Stiefmutter eine Hexe war, und daß sie ihr die Hand abgehauen hatte. Am vierten Tage befahl der Hauptmann seiner Tochter, Wasser herbei zu tragen und das Haus zu fegen wie eine gemeine Magd, und verbot ihr, sich in den herrschaftlichen Gemächern zu zeigen. Der Ärmsten ward so schwer ums Herz, doch was konnte sie tun, sie mußte ja den Willen des Vaters erfüllen. Am fünften Tage jagte der Hauptmann seine Tochter barfuß aus dem Hause, und gab ihr nicht einmal ein Stückchen Brot mit auf den Weg. Da schlug das Fräulein die Hände vor das Gesicht und begann bitterlich zu schluchzen. ‚O mein Vater, in Verderben gestürzt hast du deine eigne Tochter. Die Hexe hat deine sündige Seele ins Verderben gestürzt! Möge Gott dir verzeihen, mir hat Er wohl nicht länger zu leben beschieden ....‘ — Siehst du da ....?“ wandte sich Lewko an Hanna und wies mit dem Finger auf das Haus, „schau hin: dort hinter dem Hause ist das Ufer am steilsten. Von diesem Ufer stürzte sich das Fräulein ins Wasser, und ward seit dem Tage nicht mehr gesehen ....“
„Und die Hexe?“ unterbrach ihn Hanna ängstlich und richtete ihre tränenschweren Augen auf ihn.
„Die Hexe? Alte Weiber haben das Märchen ersonnen, daß seit jener Zeit in mondhellen Nächten alle ertrunkenen Mädchen in den Garten des Hauptmanns kamen, um sich im Mondlicht zu wärmen, und des Hauptmanns Töchterlein war die erste unter ihnen. Eines Nachts erblickte sie ihre Stiefmutter neben dem Teich, fiel über sie her und schleppte sie mit Geschrei ins Wasser. Aber auch diesmal ließ sich die Hexe nicht aus der Fassung bringen, sie verwandelte sich unter dem Wasser in eine von den Ertrunkenen und entkam so der Peitsche aus grünem Schilf, mit der die Ertrunkenen sie schlagen wollten.
Glaub’ einer den Weibern! — Man erzählt auch noch, daß das Fräulein seit jener Nacht die Ertrunkenen um sich sammelt, jeder einzelnen ins Gesicht blickt, und sich abmüht, zu erkennen, welche von ihnen die Hexe sei; aber bis jetzt hat sie es noch nicht erfahren. Und wenn sie einen Menschen in die Hände bekommt, so zwingt sie ihn, die Hexe zu suchen, und droht ihm, ihn sonst zu ertränken. So erzählen die alten Leute, liebe Halja! .... Unser jetziger Pan aber will an dieser Stelle eine Schnapsbrennerei errichten und hat schon eigens dazu einen Brennmeister hergeschickt .... Doch ich höre reden. Die Unsrigen kommen vom Singen zurück. Leb’ wohl, Halja! Schlafe ruhig und denk nicht an diese Weibermärchen.“ —
Mit diesen Worten umschlang er sie noch fester, küßte sie und ging.
„Leb’ wohl, Lewko!“ sprach Hanna und richtete sinnend ihre Augen auf den dunklen Wald.
In diesem Augenblicke begann ein riesenhafter Feuer-Mond majestätisch aus der Erde zu wachsen. Noch lag die eine Hälfte unter der Erde, aber schon erfüllte sich die ganze Welt mit einem feierlichen Lichte. Der Teich sprühte Funken. Der Schatten der Bäume löste sich scharf vom dunklen Grün.