„Was setzt dich so in Erstaunen?“

„Weiß denn der Herr nicht, daß Gott den Branntwein geschaffen hat, damit ihn jedermann probiere? Das sind doch alles Leckermäuler und Feinschmecker. Fünf Werst wird der Edelmann herlaufen hinter dem Faß, wird ä Löchelchen hineinbohren, und wenn nichts herauskommt, wird er sich gleich sagen: der Jude wird schon kein leeres Faß mit sich herumschleppen, es wird schon was darin sein! Packt den Juden, bindet den Juden, nehmt dem Juden alles Geld fort, steckt den Juden ins Gefängnis! Denn alles was es Schlechtes auf der Welt gibt, wird gewälzt auf den Juden, jeder behandelt den Juden wie einen Hund: alle denken, wer ein Jude ist, ist kein Mensch.“

„Nun, so verstecke mich in einem Fischwagen!“

„Das geht nicht Herr, bei Gott, es geht nicht. In ganz Polen sind die Menschen jetzt so ausgehungert wie die Hunde: sie würden die Fische fortschleppen und den Herrn entdecken.“

„So setz mich meinetwegen auf den Teufel, aber bring mich hin!“

„So hört doch Herr,“ sagte der Jude, streifte die Ärmelaufschläge in die Höhe und streckte seine weit auseinander gespreizten Finger gegen ihn aus. „Wir werden es so machen. Jetzt werden überall Festungen und Schlösser gebaut: es sind französische Baumeister aus Deutschland angekommen, und deshalb gibt es viele Wagen mit Ziegeln und Steinen auf der Landstraße. Der Herr soll sich also auf den Boden eines Wagens ausstrecken, und ich werde über ihn mit Ziegeln bepacken. Der Herr sieht gesund und kräftig aus, es wird ihm nichts schaden, wenn die Last ein bißchen schwer drückt; ich werde unten in den Wagen eine kleine Öffnung bohren, um dem Herrn die Nahrung zu reichen.“

„Mach was du willst, nur spann an!“

Nach einer Stunde verließ ein Wagen mit Ziegelsteinen, vor den zwei Mähren gespannt waren, die Stadt Uman. Auf der einen saß der lange Jankel, und seine großen Hängelocken flatterten lustig unter der Judenmütze hervor, während er auf dem Gaule herumhopste, auf dem er sich ausnahm wie eine am Wege stehende Meilenstange.

Elftes Kapitel

Zu der Zeit, als sich die hier beschriebenen Ereignisse abspielten, gab es in den Grenzorten keine Zollbeamten und Aufseher, diese Schrecken der Handelsstädte, und man durfte mit sich schleppen, was man nur wollte. Nahm jemand eine Revision oder Untersuchung vor, so geschah das mehr zu seinem eigenen Vergnügen, besonders wenn sich allerhand schöne und verlockende Dinge auf dem Wagen befanden: natürlich mußte aber auch die eigene Faust eine gewisse Kraft haben. Nach den Ziegelsteinen gelüstete es jedoch niemanden, und so fuhr der Wagen unbehindert durch das Tor der Hauptstadt ein. Bulba konnte in seinem engen Käfig nur das Lärmen und Fluchen der Kutscher hören, sonst vernahm er nichts. Jankel, der unaufhörlich auf seinem kleinen mit Staub bedeckten Klepper herumhopste, lenkte nach einigen Umwegen in eine dunkle schmale Straße ein, die den Namen Schmutz- oder Judenstraße trug, weil beinah sämtliche Juden von Warschau hier wohnten. Diese Straße besaß große Ähnlichkeit mit der inneren Seite eines Hinterhofs, und die Sonne schien überhaupt nie ihren Weg hierher zu finden. Die gänzlich verräucherten Holzhäuser mit den unzähligen Stangen, die aus den Fenstern hervorragten, schienen die Dunkelheit noch zu vergrößern. Hin und wieder schimmerte eine rote Backsteinwand hervor, aber auch sie war meist schon ganz schwarz. Nur hie und da leuchtete einem von oben ein in Sonne getauchtes, weiß getünchtes Stück Mauer entgegen und blendete die Augen durch seine unerträgliche Helligkeit. Alles, was man hier sah, bot einen abstoßenden und wenig erfreulichen Anblick dar: Röhren, Lumpen, Abfälle und zerbrochene Kübel, die man auf die Straße hinausgeworfen hatte, trieben sich hier herum. Jeder, der etwas besaß, was er nicht brauchen konnte, warf es auf die Straße hinaus und überließ es den Vorübergehenden, ihre Freude an all dem Unrat zu haben. Ein Reiter, der auf seinem Pferde saß, reichte mit der Hand bis fast an die Stangen heran, die mitten über die Straße, von einem Hause zum andern gezogen waren und auf denen die Juden ihre Strümpfe, ihre kurzen Hosen und geräucherte Gänse aufzuhängen pflegten. Hin und wieder blickte das hübsche von nachgedunkelten Perlen umrahmte Gesichtchen einer Jüdin aus dem Fenster hervor, ein Haufen kleiner schmutziger Judenkinder mit krausen Haaren wälzte sich schreiend im Unrat herum. Ein rothaariger Jude, dessen ganzes Gesicht mit Sommersprossen bedeckt war, (was ihm eine gewisse Ähnlichkeit mit einem Spatzenei verlieh) blickte aus einem Fenster heraus und sprach Jankel sofort in seinem Kauderwelsch an, worauf dieser sogleich in den Hof fuhr. Ein anderer Jude, der gerade durch die Straße kam, blieb stehen und nahm auch an dem Gespräch teil, und als Bulba endlich unter den Ziegelsteinen hervorkroch, erblickte er drei Juden, die heftig aufeinander einsprachen.