Maria Alexandrowna. Sie finden vielleicht, daß es zu schwierig für Sie ist?
Sobatschkin. Oh, nein, gar nicht. Aber diese Verliebten ... Sie glauben gar nicht, zu welch sinnlosen Dingen und unpassenden Kindereien sie sich hinreißen lassen: bald sind es Pistolen, bald ... weiß der Teufel, was. Nicht etwa, daß mich das irgendwie ... aber wissen Sie, es schickt sich nicht in der guten Gesellschaft.
Maria Alexandrowna. Oh! Was das betrifft, da seien Sie ganz ruhig. Verlassen Sie sich nur auf mich — das werde ich schon nicht zulassen.
Sobatschkin. Übrigens war das nur eine Nebenbemerkung. Glauben Sie mir, Maria Alexandrowna, wenn es sich darum handelte, mein Leben für Sie aufs Spiel zu setzen: bei Gott, ich würde es mit Vergnügen tun! Ich liebe Sie so sehr, daß es mir, um die Wahrheit zu sagen, fast etwas peinlich ist: sie mögen Gott weiß was glauben, und doch ist es nur tiefe Verehrung. — Ach ja, ausgezeichnet, daß ich mich daran erinnere! Ich wollte Sie bitten, Maria Alexandrowna, mir auf kurze Zeit zweitausend Rubel zu leihen. Weiß der Teufel, was ich für ein idiotisches Gedächtnis habe! Als ich mich anzog, habe ich immerfort daran gedacht: nur die Brieftasche nicht vergessen! Ich lege sie absichtlich auf den Tisch, gerade vor meine Augen. Und nun hab’ ich alles mitgenommen, hab’ die Tabaksdose mitgenommen und ein zweites Taschentuch — nur die Brieftasche ist auf dem Tisch liegen geblieben.
Maria Alexandrowna (beiseite). Was soll ich mit ihm machen? Gebe ich ihm das Geld, so wird er mich vollends auspressen, gebe ich’s ihm nicht, so wird er in der ganzen Stadt solch einen Unsinn über mich verbreiten, daß ich mein Gesicht nirgends sehen lassen kann. Das beste ist, daß er noch behauptet, die Brieftasche vergessen zu haben! Die Brieftasche hast du bei dir, das weiß ich genau, aber sie ist leer. Doch was soll ich machen — man muß ihm das Geld geben. (Laut.) Bitte, Andrej Kondratjewitsch, warten Sie hier, ich werde es Ihnen gleich bringen.
Sobatschkin. Sehr schön, ich werde mich ein Weilchen hersetzen.
Maria Alexandrowna (während sie weggeht, beiseite). Ohne Geld wird der Lump ja doch nichts machen.
Sobatschkin (allein). Diese Zweitausend kann ich gerade ausgezeichnet gebrauchen. Meine Schulden werde ich davon allerdings nicht bezahlen: der Schuster kann warten, der Schneider kann warten, und Anna Iwanowna kann auch warten: sie wird natürlich wieder Lärm schlagen, aber was soll ich machen? Ich kann doch nicht überall mit dem Gelde um mich werfen! Sie hat an meiner Liebe genug, und was das Kleid betrifft — da lügt sie, das hat sie! ... Ich werde es so machen: nächstens wird ein Fest stattfinden, und wenn mein Wägelchen auch noch neu ist, so kennt es doch jeder und hat es schon gesehen. Aber ich höre, daß Jochim soeben mit einem Wagen fertig geworden ist, der ganz nach der letzten Mode gebaut ist und den er noch niemandem gezeigt hat. Wenn ich diese Zweitausend noch zu meinem Wagen hinzulege, so werde ich ihn sehr gut dafür eintauschen können. Ah, wissen Sie, das wird Effekt machen! ... Auf dem ganzen Fest werden höchstens ein oder zwei solche Wagen zu sehen sein. Überall wird man dann von mir sprechen ... Inzwischen muß ich allerdings über Maria Alexandrownas Auftrag nachdenken. Mir scheint, daß es das Vernünftigste ist, wenn ich mit Liebesbriefen beginne. Wie, wenn ich etwa einen Brief in ihrem Namen schriebe und ihn zufällig in seiner Gegenwart fallen ließe oder ihn auf dem Tisch in seinem Zimmer vergesse? Gewiß, es kann allerlei Böses dabei herauskommen. Nun und das wäre? Schlimmstenfalls kann es Schläge geben ... Schläge tun natürlich weh, aber doch nicht so, daß man ... Außerdem kann ich ja auch davonlaufen; und wenn es irgendwie gefährlich wird — laufe ich geradezu in das Schlafzimmer Maria Alexandrownas und zwar direkt unter ihr Bett. Mag er mich doch dort hervorholen! Die Hauptsache ist, wie der Brief geschrieben werden muß! Ich kann in den Tod keine Briefe schreiben: das ist mein Ende! Der Teufel weiß warum! Im Gespräch könnte ich alles, scheint mir, sehr schön auseinandersetzen; aber sowie ich die Feder anfasse, so ist es mir, als ob mir jemand eine Ohrfeige gegeben hätte. Konfusion und nichts als Konfusion — ich kann die Hand nicht bewegen, und alles ist aus ... Vielleicht geht’s so: Ich habe noch einige Briefe, die vor kurzem an mich geschrieben worden sind; wenn ich einen von den besseren aussuchte, den Namen wegradierte und einen andern an seine Stelle setzte? Hm — das ist wirklich nicht übel? Bei Gott, ich werde mal in meinen Taschen nachsehen, ob ich nicht einen finde, den ich brauchen kann. (Nimmt ein paar Briefe aus der Tasche.) Zum Beispiel dieser! (Liest.) „Ich bin Gottseidank gesund, aber ich werde krank vor Schmerz. Oder haben Sie mich ganz vergessen, mein Herzchen? Iwan Danilowitsch hat Sie im Teater gesehen, mein Herzchen — ach, wären Sie doch zu mir gekommen und hätten Sie mich durch Ihre heiteren Gespreche beruhigt.“ Hol’s der Teufel, ich glaube die Orthographie stimmt nicht. Nein, mit dem läßt sich keine Falle legen, glaube ich. (Liest weiter.) „Ich habe ein Strumpfband für Sie gestickt, mein Herzchen.“ Und jetzt wird sie zärtlich. Etwas reichlich bukolisch und schmeckt nach Chateaubriand. Ah, hier ist noch etwas, vielleicht findet sich etwas Besseres darunter! (Faltet einen Brief auseinander, kneift ein Auge zu und bemüht sich, ihn zu entziffern.) „Lie-bens-wür-di-ger Freund!“ Nein, das heißt nicht liebenswürdiger Freund: aber wie heißt es denn nur? „Zärtlichster, Teuerster?“ Nein, auch nicht Teuerster, nein, nein. (Liest.) „Lu-lu-lu-mp.“ Hm. (Beißt die Lippen zusammen.) „Wenn du verräterischer Räuber meiner Unschuld, wenn du dem Krämer das Geld, das ich in der Unerfahrenheit meiner Seele für dich geborgt habe, nicht bezahlst, werde ich dich, du ekelhafte Fratze (das letzte Wort preßt er beinahe zwischen den Zähnen hervor) ... der Polizei anzeigen!“ Der Teufel soll sie holen, wahrhaftig, der Teufel soll sie holen! Es steht doch wirklich garnichts in diesem Brief. Gewiß: man kann alles sagen, aber man muß es doch anständig ausdrücken; in Worten, die einen Menschen nicht verletzen. Nein, nein, ich sehe, alle diese Briefe sind nicht geeignet. Man muß etwas Kräftiges suchen, etwas, worin etwas wie Siedehitze, wie man zu sagen pflegt — zu spüren ist. Ah, hier, hier — sehen wir uns mal das an! (Liest.) „Grausamer Tyrann meiner Seele!“ Aha, das ist gut. „Laß dich durch mein Herzensschicksal rühren!“ Sehr edel! Bei Gott, sehr edel! Da spürt man doch die Erziehung! Man sieht gleich, wie sich jemand benimmt. So muß man schreiben: empfindsam und doch wird der Mensch nicht beleidigt. Diesen Brief werde ich ihm zustecken. Weiter brauche ich ja gar nicht erst zu lesen: ich weiß nur nicht, wie man den Namen so ausradieren kann, daß nichts zu sehen ist. (Er blickt auf die Unterschrift.) Aha, das ist schön! Es steht gar kein Name darunter! Ausgezeichnet! Das kann ich unterschreiben! Nein, wie sich die Sache von selbst macht! — Und dabei sagt man noch: das Äußere kommt nicht in Betracht! Wenn du nicht hübsch wärst, so würde man sich nicht in dich verlieben, so würde man dir keine Briefe schreiben, und hätte ich keine Briefe, so würde ich nicht wissen, wie ich die Geschichte anfangen soll. (Tritt vor den Spiegel.) Heut hab’ ich mich noch ein bißchen gehen lassen: manchmal ist mir’s sogar, als ob ich ein bedeutendes Gesicht habe ... Schade, daß meine Zähne schlecht sind, sonst hätte ich die größte Ähnlichkeit mit Fürst Bagration. Ich weiß nur nicht, wie ich mir den Backenbart stehen lassen soll: so, daß er ringsherum eine ausgesprochene Freese bildet — wie mit Tuch benäht, wie man zu sagen pflegt — oder ob ich alles kahl abrasieren und mir nur unter der Lippe etwas zulegen soll? Ah?
Nach dem Theater
(Epilog zu einer neuen Komödie.)