Ein dritter (tritt heran und klopft ihm leicht auf die Schulter). Du hast unrecht. Die Liebe kann ebenso wie jedes andere Gefühl Ingredienz einer Komödie sein.
Der andere. Ich sage ja auch gar nicht, daß sie es nicht sein kann. Aber die Liebe kann, wie andere erhabenere Gefühle, nur dann einen erhebenden Eindruck machen, wenn sie in ihrer ganzen Tiefe entwickelt wird. Hat man einmal begonnen, sie darzustellen, muß man alles andere aufopfern; alles, was eben den Charakter der Komödie ausmacht, verblaßt dann, und die Bedeutung der Komödie als Angelegenheit der Gesellschaft verschwindet.
Der dritte. Also muß der Gegenstand der Komödie unbedingt etwas Niedriges sein? Die Komödie ist also immer ein untergeordnetes Genre?
Der andere. Für den, der nur auf die Worte achtet und nicht den Sinn zu begreifen sucht, wird es so sein. Kann das Positive wie das Negative nicht der gleichen Absicht dienen? Können die Komödie und die Tragödie nicht den gleichen hohen Gedanken ausdrücken? Die seelischen Schwingungen eines schurkischen und ehrlosen Menschen, die gröbsten wie die feinsten, — zeichnen sie nicht schon das Bild eines ehrenhaften Mannes? Verraten denn nicht die Anhäufung von Niedrigkeiten, von Verletzungen der Gesetze und der Gerechtigkeit deutlich, was Gesetz, Pflicht und Gerechtigkeit von uns fordert? In den Händen eines geschickten Arztes heilen das heiße wie das kalte Wasser mit gleichem Erfolge dieselben Krankheiten. In der Hand des Talents kann alles ein Mittel des Schönen werden, wenn es nur durch die hohe Absicht, dem Schönen zu dienen, geleitet wird.
Ein vierter (tritt hinzu). Was kann dem Schönen dienen und worüber streitet ihr?
Der erste. Der Streit entstand bei uns über die Komödie. Wir sprechen allgemein von der Komödie, über die neue Komödie hat noch keiner ein Wort gesagt. Und was haben Sie zu bemerken?
Der vierte. Ich möchte folgendes bemerken: man spürt das Talent, Beobachtung des Lebens, viel Lächerliches, Richtiges, der Natur Abgelauschtes, aber ganz allgemein: dem Stück fehlt etwas. Man sieht weder eine Intrige noch eine Auflösung. Es ist doch merkwürdig, daß alle unsere Komödiendichter nicht ohne die Regierung auskommen können. Ohne sie schließt bei ihnen keine Komödie.
Der dritte. Das ist wahr. Aber übrigens, es ist andererseits sehr natürlich. Wir haben doch alle mit der Regierung zu tun, wir stehen ja fast alle in ihrem Dienst; unser aller Interessen sind mehr oder weniger mit der Regierung verknüpft. Es ist also nicht verwunderlich, wenn sich das in den Schöpfungen unserer Dichter spiegelt.
Der vierte. Richtig. Mag diese Beziehung auch spürbar sein, so ist es doch lächerlich, daß ein Stück keinesfalls ohne die Regierung auskommen kann. Sie muß unbedingt erscheinen: wie das unentrinnbare Schicksal in den Tragödien der Alten.
Der andere. Nun sehen Sie: es ist also beinahe etwas Unwillkürliches bei unseren Komödiendichtern. Und das bildet also ein charakteristisches Merkmal unserer Komödie. Unsere Seele enthält irgendeinen geheimen Glauben an die Regierung. Nun? Dabei ist doch nichts Schlimmes: Gott gebe, daß die Regierung immer und überall von ihrer Bestimmung, die Vertreterin der Vorsehung auf Erden zu sein, zu hören bekommt. Und daß wir daran glauben, so wie die Alten geglaubt haben, daß das Verbrechen vom Schicksal ereilt wird.