Der sehr bescheiden angezogene Herr. Auch ich muß gestehen, daß ich sehr froh bin, die Unterhaltung fortsetzen zu können. Ich habe soeben allerlei Diskussionen gehört, zum Beispiel: daß das alles nicht wahr sei, daß es eine Verhöhnung unserer Regierung, unserer Sitten sei und daß das alles gar nicht vorgeführt werden dürfe. Das zwang mich, das ganze Stück noch einmal durchzudenken und in Gedanken zu überschauen. Und ich muß gestehen, daß mir der Gehalt der Komödie noch bedeutender erschien. Mir scheint, das Lachen trifft hier am stärksten und tiefsten die Heuchelei, die wohlanständige Maske, unter der Niedrigkeit und Schurkerei erscheinen, den Schelm, der sich hinter dem Äußeren eines ehrbaren Mannes verbirgt. Ich muß gestehen, ich empfand Freude, als ich sah, wie lächerlich die ehrbaren Worte im Munde eines Schurken klingen, und wie ungeheuer lächerlich wurde allen vom Parkett bis zum Olymp diese von ihm angenommene Maske. Und danach gibt es noch Menschen, die behaupten, daß man so etwas nicht auf der Bühne vorführen sollte! Ich vernahm eine Bemerkung, die ein, wie mir schien, sehr achtbarer Herr gemacht hatte: „Und was wird das Volk sagen, wenn es sieht, daß bei uns solche Übergriffe vorkommen?“
Herr A. Ich muß gestehen, entschuldigen Sie, daß mir selbst auch diese Frage aufgetaucht ist: und was wird unser Volk sagen, wenn es dies alles sieht?
Der sehr bescheiden angezogene Herr. Was das Volk sagen wird? (Geht zur Seite, zwei Männer in Armjaks gehen vorüber.)
Der blaue Armjak (zum grauen). Frech waren die Woiwoden, aber sie erblaßten doch, als das Zarengericht begann! (Beide gehen hinaus.)
Der sehr bescheiden angezogene Herr. Das wird das Volk sagen! Haben Sie gehört?
Herr A. Was?
Der sehr bescheiden angezogene Herr. Es wird sagen: „Frech waren die Woiwoden, aber sie erblaßten doch, als das Zarengericht begann!“ Haben Sie gehört, wie sicher der Instinkt und das Gefühl des Menschen sind? Wie treu das einfache Auge sieht, wenn es nicht von Theorien und Gedanken verschleiert ist, die aus Büchern herausgezupft sind; sondern alles aus der menschlichen Natur schöpft? Ist es denn nicht ganz offensichtlich, daß nach so einer Vorstellung das Volk mehr Glauben an die Regierung bekommt? Ja, es braucht solche Aufführungen! Es soll die Regierung von ihren schlechten Vertretern trennen lernen. Es soll sehen, daß die Übergriffe nicht von der Regierung aus geschehen, sondern von denen, die ihre Forderungen nicht verstehen. Die der Regierung gegenüber keine Verantwortung auf sich nehmen wollen. Es soll sehen, daß sie edel denkt, daß sie mit wachem Auge alle gleich behütet, daß sie früher oder später die Verräter des Gesetzes, der Ehre und der heiligen Pflicht der Menschheit herausfinden wird, daß die, die kein reines Gewissen haben, vor ihr erblassen werden. Ja, es muß diese Vorstellungen sehen; glauben Sie mir, wenn es einmal am eigenen Leibe die Schikanen und Ungerechtigkeiten erfahren sollte, wird es getröstet, mit einem festen Glauben an das stets wache höhere Gesetz aus dieser Vorstellung hinausgehen. Auch noch eine andere Bemerkung gefiel mir: „Das Volk wird eine schlechte Meinung von seinen Beamten bekommen.“ Das heißt, man glaubt, daß das Volk hier im Theater zum ersten Male seine Vorgesetzten kennen lernt: wenn ihm zu Hause irgendein schurkischer Amtmann den Fuß auf den Nacken setzt, so wird es dies nicht bemerken, aber wenn es ins Theater geht, dann erst gehen ihm die Augen auf. Man hält unser Volk wirklich für dümmer als einen Klotz — für so dumm, daß es nicht imstande ist, zu unterscheiden, ob ein Kuchen mit Fleisch oder mit Brei gefüllt ist. Nein, jetzt scheint es mir sogar gut, daß auf der Bühne kein einziger ehrlicher Mensch vorgeführt wurde. Der Mensch ist so eitel: zeige ihm unter vielen schlechten Eigenschaften nur eine gute, und er wird stolz aus dem Theater gehen. Nein, es ist gut, daß nur Ausnahmefälle und lasterhafte Menschen dargestellt sind, die so in die Augen fallen, daß man nicht ihr Mitbürger zu sein wünscht, daß man sich zu gestehen schämt, daß es so etwas überhaupt gibt.
Herr A. Aber gibt es denn bei uns wirklich solche Menschen, genau solche?
Der sehr bescheiden angezogene Herr. Gestatten Sie mir, Ihnen darauf folgendes zu antworten: ich weiß nicht, warum ich jedesmal traurig werde, wenn ich eine solche Frage höre. Ich kann offen mit Ihnen sprechen, in Ihren Zügen sehe ich etwas, das mich zur Aufrichtigkeit auffordert. Der Mensch stellt zu allererst diese Frage: „Gibt es denn wirklich solche Menschen?“ Aber hat man je gehört, daß einer diese Frage gestellt hätte: „Bin ich denn selbst ganz frei von diesen Lastern?“ Niemals, niemals! Noch eins — ich will ja offen mit Ihnen reden. — Ich habe ein gutes Herz und viel Liebe in meiner Brust, aber wenn Sie wüßten, wieviel seelische Anstrengungen und Erschütterungen es mich gekostet hat, um nicht in viele Laster zu verfallen, in die man unwillkürlich gerät, wenn man mit den Menschen zusammenlebt! Und wie kann ich jetzt sagen, daß in mir selbst, in diesem Augenblick, sich nicht die gleichen Neigungen regen, über die alle vor zehn Minuten gelacht haben, über die ich selbst gelacht habe?
Herr A. (nach kurzem Schweigen). Ich muß gestehen, Ihre Worte zwingen mich zum Nachdenken. Und wenn ich mich erinnere, wenn ich mir vorstelle, wie stolz uns unsere europäische Erziehung gemacht hat, wie sie uns überhaupt vor uns selbst verborgen hat, wie hochmütig und mit welcher Verachtung wir auf jene sehen, die diesen äußeren Schliff nicht empfangen haben, wie jeder von uns sich fast als Heiligen hinstellt, und von dem Schlechten immer in dritter Person spricht — ich muß gestehen, dann wird mir traurig zumute ... Aber verzeihen Sie meine Unbescheidenheit — Sie sind übrigens selbst schuld daran — darf ich wissen, mit wem ich das Vergnügen zu sprechen habe?