Der sehr bescheiden angezogene Herr. Ich bin nicht mehr und nicht weniger als einer jener Beamten und nehme eine Stellung ein, deren Träger in der Komödie vorgeführt werden; und ich bin erst vorgestern aus meinem Städtchen hier angekommen.

Herr B. Das hätte ich kaum geglaubt. Und scheint es Ihnen nach alledem nicht peinlich, mit solchen Menschen zu dienen und zusammen zu leben?

Der sehr bescheiden angezogene Herr. Peinlich? Darauf möchte ich Ihnen folgendes antworten: ich gestehe, daß ich oft die Geduld verloren habe. In unserem Städtchen gehören nicht alle Beamten zu dem ehrlichen Dutzend, oft muß man die Wände hinaufklettern, um eine gute Tat durchzusetzen, schon mehrere Male wollte ich den Dienst quittieren; aber jetzt, eben nach dieser Vorstellung, fühle ich eine Frische und zugleich neue Kraft, um meine Tätigkeit fortzusetzen. Mich tröstet schon der Gedanke, daß die Gemeinheit bei uns nicht verborgen bleibt oder gar gefördert wird. Daß sie dort, im Angesicht aller ehrlichen Menschen vom Lachen getroffen wird; daß es eine Feder gibt, die es nicht unterläßt, unsere niedrigen Taten bloßzustellen, wenn dies auch unserem nationalen Stolze nicht schmeichelt, und daß es bei uns eine gute Regierung gibt, die es gestattet, dies all denen vor Augen zu führen, für die es bestimmt ist; und schon das allein gibt mir den Mut, meinen nutzbringenden Dienst fortzusetzen.

Herr A. Erlauben Sie mir, Ihnen einen Vorschlag zu machen. Ich bekleide ein Amt, ein ziemlich hohes Amt. Ich brauche wahrhaft edeldenkende und ehrliche Mitarbeiter. Ich biete Ihnen eine Stellung an, in der Sie ein weites Feld für Ihre Tätigkeit finden werden, die Ihnen unvergleichlich mehr Vorteile bieten wird und wo Sie an einer achtbaren Stelle stehen werden.

Der sehr bescheiden angezogene Herr. Gestatten Sie mir, Ihnen von ganzem Herzen und ganzer Seele für Ihr Anerbieten zu danken. Und erlauben Sie mir zugleich, es abzulehnen. Wenn ich fühle, daß ich in meiner Stellung nützlich sein kann, wäre es dann anständig von mir, sie zu verlassen? Und wie kann ich sie verlassen, wo ich nicht fest überzeugt bin, daß nach mir nicht irgend ein Kerl kommen wird, der ein Schreckensregiment beginnt. Wenn Sie aber das Anerbieten als Belohnung gedacht haben, so gestatten Sie mir Ihnen folgendes zu sagen: Ich habe wie alle andern dem Dichter des Stückes applaudiert, aber ich habe ihn nicht hervorgerufen. Was für eine Belohnung käme ihm zu? Wem das Stück gefällt, der mag es loben, aber er — er hat nur seine Pflicht erfüllt. Wir sind wahrhaftig so weit gekommen, daß einer sich nicht nur um einer Heldentat willen, sondern schon wenn er einem andern im Leben oder im Dienst nicht schadet, für einen Gott weiß wie edlen Menschen hält, und ernsthaft beleidigt ist, wenn man dies nicht bemerkt und ihn nicht dafür belohnt. „Aber ich bitte,“ schreit er, „ich war Zeit meines Lebens ein ehrlicher Mensch, ich habe kaum eine Niederträchtigkeit begangen, — warum gibt man mir kein Amt, keine Orden?“ Ich dagegen denke so: wer nicht ohne Aufmunterung anständig sein kann — an dessen Anstand glaube ich nicht; sein Krämeranstand ist keinen Heller wert!

Herr A. Zumindest werden Sie mir doch Ihre nähere Bekanntschaft nicht versagen: verzeihen Sie meine Zudringlichkeit. Sie sehen ja selbst, daß sie die Folge meiner aufrichtigen Hochachtung ist. Geben Sie mir Ihre Adresse.

Der sehr bescheiden angezogene Herr. Hier ist meine Adresse. Aber seien Sie überzeugt, ich werde nicht zulassen, daß Sie von ihr Gebrauch machen, und schon morgen früh werde ich selbst bei Ihnen vorsprechen. Verzeihen Sie mir, ich bin nicht in der großen Welt erzogen und kann nicht reden ... Aber bei einem Staatsbeamten diese großmütige Aufmerksamkeit, dieses Streben nach dem Guten zu finden ... Gott gebe, daß jeder Herrscher von solchen Leuten umgeben sei! (Entfernt sich eilig.)

Herr A. (dreht die Visitkarte in den Händen herum). Ich blicke auf diese Karte und den mir unbekannten Namen, und mir wird das Herz so voll. Wie sich dieser anfangs so traurige Eindruck von selbst verflüchtigt hat! Gott behüte dich, mein Rußland, das wir noch so wenig kennen! In der fernsten Provinz, in einem deiner verlorenen Winkel ist so eine Perle verborgen und sicher ist sie nicht die einzige. Sie sind wie die Körner einer Goldader, versprengt in den finstern Tiefen deines Granits. Es liegt ein Gefühl tiefen Trostes in einer solchen Erscheinung, und es wurde hell in meiner Seele nach der Begegnung mit diesem Beamten, wie es in seiner eignen Seele hell wurde nach der Aufführung dieser Komödie. Leben Sie wohl! Ich danke Ihnen, daß Sie mir diese Begegnung verschafft haben. (Entfernt sich.)

Herr W. (tritt zu Herrn B. heran). Wer war das, mit dem Sie sprachen? Ich glaube, er ist Minister, nicht wahr?

Herr P. (kommt von der anderen Seite). Hör doch Bruder, was ist das eigentlich für eine Geschichte? ...