Der erste. Sehr richtig, das ist Zeitverschwendung und sonst nichts. Lauter Fabeln und Torheiten! Man müßte es einfach verbieten, ihnen Tinte und Feder in die Hand zu geben. Aber das Volk strömt heraus — wollen wir gehen! Lärm machen, schreien, Beifall klatschen! Und die Sache ist doch ganz wertlos! Fabeln! (Sie entfernen sich. Die Menge lichtet sich, einige Zurückgebliebene laufen vorüber.)

Der gutmütige Beamte. Nun immerhin, er hätte doch wirklich wenigstens einen anständigen Menschen auftreten lassen können. Aber nichts als Schurken und Gauner!

Ein Mann aus dem Volke. Hörst du, erwarte mich an der Straßenkreuzung! Ich laufe nur hinein und hole meine Handschuhe.

Ein vornehmer Herr (sieht auf die Uhr). Es ist bald ein Uhr. Noch nie bin ich so spät aus dem Theater gekommen. (Er entfernt sich.)

Ein Beamter der sich verspätet hat. Nichts als unnütz verlorene Zeit! Nein, ich gehe nie mehr ins Theater! (Er entfernt sich, das Vestibül leert sich.)

Der Autor des Stücks (tritt hervor). Ich habe mehr gehört, als ich vermutete. Was für eine bunte Menge von Ansichten. Wie glücklich ist doch der Komödiendichter, der einer Nation entstammt, wo die Gesellschaft noch keine kompakte unbewegliche Masse bildet, wo sie noch nicht von einer Rinde alter Vorurteile umgeben ist, die die Gedanken aller mit derselben Form und demselben Maß umschließt; wo jeder Mensch seine eigene Meinung hat, wo jeder selbst der Schöpfer seines Charakters ist. Welche Mannigfaltigkeit liegt in allen diesen Meinungen, und wie leuchtete doch aus allen der starke, klare, russische Geist hervor!: in dem edlen Streben des Staatsmanns, in der hohen Selbstverleugnung des in die Provinz verschlagenen Beamten, in der zarten Schönheit einer großmütigen Frauenseele, dem ästhetischen Gefühl der Kenner und in dem schlichten sicheren Instinkt des Volkes. Wie war selbst in den unfreundlichen Urteilen noch so vieles enthalten, was der Komödiendichter wissen muß! Ja, ich bin befriedigt. Aber warum wird mir so traurig ums Herz ...? Seltsam: es schmerzt mich, daß keiner die redliche Person bemerkt hat, die in meinem Stück auftritt. Und doch gibt es eine ehrliche, edle Persönlichkeit, die während des ganzen Stückes mitwirkt. Diese edle ehrliche Person war — das Lachen. Es war hochherzig, weil es sich hervorzutreten entschloß, trotz der gemeinen Bedeutung, die die Welt ihm beilegt. Es war hochherzig, weil es sich hervorzutreten entschloß, obschon es dem Komödiendichter einen schlechten Ruf einbrachte — den Ruf eines kalten Egoisten, und sogar die Leute zwang, an das Vorhandensein zarter Seelenregungen bei ihm zu zweifeln. Für dieses Lachen ist keiner eingetreten. Ich aber, der Komödiendichter, ich diente ihm treu und ehrlich, und darum muß ich sein Fürsprecher sein. Nein, das Lachen hat eine größere Bedeutung und ist tiefer, als alle glauben — nicht das Lachen, das ein flüchtiger Reiz, das die Galle oder ein krankhafter Charakter erzeugt; auch nicht das leichte Lachen, das der müßigen Zerstreuung und Unterhaltung dient — sondern jenes Lachen, das ganz aus der lichten Natur des Menschen strömt — das aus ihr hervorströmt, weil sich auf ihrem Grunde sein ewig sprudelnder Quell befindet; ein Lachen das den Gegenstand vertieft, und hell hervortreten läßt, was sonst flüchtig vorübergeglitten wäre, und ohne dessen durchdringende Kraft diese Kleinheit und die Hohlheit des Lebens den Menschen nicht so mit Schrecken erfüllen würde. Das Verächtliche und Nichtige, an dem er täglich gleichgültig vorbeigeht, würde nicht mit dieser furchtbaren, beinahe bizarren Gewalt vor ihm emporwachsen und er würde nicht in den Ruf ausbrechen: „Gibt es denn wirklich solche Menschen?“ während es, wie er selbst weiß, noch viel schlimmere Menschen gibt. Nein, die haben unrecht, die da behaupten, daß das Lachen uns empört. Nur das Finstere empört uns, das Lachen aber ist leuchtend und hell. Vieles würde den Menschen empören, wenn es ihm in seiner ganzen Nacktheit gezeigt würde, aber von der Macht des Lachens erleuchtet, bringt es unserer Seele Frieden und Versöhnung. Und wer an einem boshaften Menschen Rache nehmen will, söhnt sich schon beinahe mit ihm aus, wenn er gewahr wird, wie die gemeinen Regungen seiner Seele verlacht werden. Die sind ungerecht, die da behaupten, das Lachen wirke nicht auf die, gegen die es gerichtet ist, und daß der Spitzbube der erste ist, der über einen andern Spitzbuben lacht. Der Enkel des Schurken wird darüber lachen, aber über seinen schurkischen Zeitgenossen wird kein Spitzbube lachen können. Er merkt, daß sich der Eindruck seines Wesens schon allen unwiderstehlich eingeprägt hat, daß eine einzige gemeine Bewegung von ihm genügt, um ihm diesen Eindruck als ewiges Kennzeichen anzuheften; und vor dem Spott fürchtet sich sogar der, der sich vor nichts auf der Welt mehr fürchtet. Nein, nur dem ist jenes gütige Lachen gegeben, der ein von Grund aus gutes Herz hat. Aber man hört sie nicht, die gewaltsame Macht dieses Lachens; „was lächerlich ist, ist gemein“, sagt die Welt; nur das, was im erhobenem Tone gesagt wird, nur das wird als das Hohe bezeichnet. Aber mein Gott, wie viel Menschen gehen täglich an uns vorüber, für die es überhaupt nichts Hohes in der Welt gibt! Alles, was die Begeisterung erschuf, ist für sie Torheit und Fabelei. Die Werke Shakespeares sind Fabeln für sie, die heiligsten Regungen der Seele sind auch nichts als Fabeln. Nein, nicht verletzte kleinliche Dichtereitelkeit zwingt mich, das zu sagen, nicht weil meine unreifen schwachen Schöpfungen soeben als Fabeln bezeichnet wurden — nein, ich sehe meine Fehler ein, ich sehe ein, daß ich Vorwürfe verdient habe; aber meine Seele konnte es nicht gleichgültig ertragen, daß die vollendetsten Schöpfungen als Torheiten und Fabeln bezeichnet wurden, daß alle Leuchten und Sterne dieser Welt nur für Verfasser von Torheiten und Fabeln gehalten wurden. Das Herz tat mir weh, als ich sah, wieviel stumpfe, tote Menschen es hier, mitten im treibenden Leben gibt, die uns durch die starre Kälte ihrer Seelen erschrecken, durch die unfruchtbare Wüstenei ihrer Herzen; das Herz tat mir weh, als ich sah, wie auf ihren unempfindlichen Gesichtern auch nicht die Spur eines Eindrucks dessen aufblitzte, was einer von tiefer Liebe erfüllten Seele himmlische Tränen entlockt hätte. Und ihre Zunge zögerte keinen Augenblick, ihr ewiges „Fabeln“, „Fabeln“ auszusprechen. Doch sieh, Jahrhunderte sind verflossen, Städte und Völker sind vom Angesicht der Erde getilgt und verschwunden, wie Rauch ist alles verflogen, was einstmals war — aber die Fabeln leben noch und wiederholen sich bis heute, und andächtig lauschen ihnen weise Herrscher, tiefsinnige Fürsten, der herrliche Greis und der von edlem Streben erfüllte Jüngling. Fabeln ...! Es ächzen die Balkone und die Brüstungen des Theaters: von oben bis unten erschauert alles, ist ganz in ein einziges Gefühl, in einen Augenblick verwandelt, alles verschmilzt zu einem einzigen Menschen, alle Menschen treffen wie Brüder in einer seelischen Regung zusammen, und der einstimmige Beifallssturm wird zu einer hehren Dankhymne für den, der schon seit fünfhundert Jahren nicht mehr auf der Welt ist. Vernehmen es seine verwesten Knochen im Grabe? Gibt seine Seele Antwort, die im Leben so herbes Leid erduldet hat? Fabeln ...! Dort, in die Reihen der erschütterten Menge tritt ein vom Unglück und der schier unerträglichen Last des Lebens Gebeugter; schon will er in seiner Verzweiflung Hand an sich legen — da plötzlich entströmen erfrischende Tränen seinen Augen, er geht hinaus, versöhnt mit dem Leben, und bittet den Himmel um neue Leiden und Schmerzen, nur damit er leben und wieder Tränen vergießen kann über solche Fabeln. Fabeln ...! Die Welt würde einschlummern ohne solche Fabeln, das Leben verflachen, Schlamm und Schimmel würden die Seele überziehen. Fabeln ...! Oh! heilig seien die Namen derer, die solchen Fabeln andächtig gelauscht haben, heilig noch ihren Enkeln bis in alle Ewigkeit: der wunderbare Finger der Vorsehung schwebte ewig über dem Haupt ihrer Schöpfer. Selbst in den Zeiten des Unglücks und der Verfolgungen traten die Vornehmsten und Besten im Staate, als die ersten, schützend auf ihre Seite, und ein gekrönter Monarch beschattete sie mit seinem königlichen Schild von der Höhe seines unerreichbaren Thrones.

Wohlan denn, frisch auf den Weg. Nicht möge die Seele der Tadel verwirren, sondern hochherzig nehme sie die Hinweise auf ihre Mängel hin. Selbst das darf sie nicht betrüben, daß man ihr große Regungen und die heilige Liebe zur Menschheit abspricht. Die Welt gleicht einem Strudel: ewig kreisen in ihr Meinungen und Ansichten, aber sie alle zermahlt die Zeit: wie eine Schale fallen die falschen ab, aber gleich harten Körnern bleiben unerschütterlich die ewigen Wahrheiten bestehen. Was einst als hohl und leer angesehen wurde, kann später mit ernster Bedeutung ausgerüstet erscheinen. In der Tiefe eines kalten Gelächters entdeckt man vielleicht plötzlich glühende Funken einer ewigen, machtvollen Liebe. Und wer will es wissen — vielleicht kommt einmal die Zeit, wo alle Menschen anerkennen, daß kraft der gleichen Gesetze, nach denen der Stolze und Starke im Unglück klein und schwach erscheint, während das Elend den Schwachen zu einem Riesen emporwachsen läßt — daß kraft der gleichen Gesetze der, der häufig weint und bittre, von Herzen kommende Tränen vergießt, vielleicht mehr lacht als alle andern auf der Welt ...!

Anhang

Der Revisor

Diese Komödie ist im Jahre 1834 begonnen. Das Bühnenmanuskript wurde am 4. Dezember 1835 vollendet und am 2. März für die Aufführung freigegeben, trotzdem fuhr der Autor fort, auch nach der Freigabe durch die Zensur an diesem Texte weiterzuarbeiten. Am 19. April 1836 fand die erste Aufführung am Alexandertheater zu St. Petersburg, und zwar an einem Sonntage statt — das kleine Theater in Moskau folgte am 25. Mai desselben Jahres. Zugleich mit der Aufführung erfolgte die Drucklegung der Buchausgabe des Revisor, die sich in vieler Hinsicht von der Bühnenausgabe unterschied. Das Buch erschien im April 1836 (die Unterschrift des Zensors trägt das Datum: den 13. März 1836). Von diesem Zeitpunkt ab ist der Revisor mehrmals und zu verschiedenen Zeiten immer wieder umgearbeitet worden, bis er die Fassung erhielt, die im dritten Bande der ersten Ausgabe der „Werke Gogols“ abgedruckt ist. Die endgültige Umarbeitung des Textes fällt in den Zeitabschnitt zwischen dem März 1841 und dem 15. Juli 1842. Eine der letzten Fassungen, die im Druck vorliegen, weist folgende Abweichungen gegenüber den vorhergehenden Ausgaben auf: