1832.

VI
Einige Worte über Puschkin

Bei dem Namen Puschkin steigt sofort der Gedanke an Rußlands nationalen Dichter auf. Und in der Tat — es gibt keinen unter unseren Dichtern, der höher stände, keiner kann mit mehr Recht national genannt werden, als er. Daher gebührt dieser Titel vor allem ihm, wie keinem andern. In ihm ist, wie in einem Wörterbuch, der ganze Reichtum, die ganze Kraft und Geschmeidigkeit unserer Sprache niedergelegt. Er hat mehr, denn je ein anderer, ihre Grenzen erweitert und uns ihre gewaltigen Dimensionen offenbart. Puschkin ist eine ganz außerordentliche Erscheinung, ja vielleicht die erste und einzige, die der russische Geist hervorgebracht hat, das ist der russische Mensch in seiner höchsten und letzten Ausprägung, wie er sich uns vielleicht erst in zwei Jahrhunderten darstellen wird. In ihm spiegelt sich die russische Natur, die russische Seele, die russische Sprache und der russische Charakter in einer solch reinen sublimen Schönheit, wie eine Landschaft auf der konvexen Oberfläche eines optischen Glases.

Schon sein Leben war echt russisch. Die freie Ungebundenheit und Fülle, nach der es den Russen verlangt, wenn er sich für einen Augenblick selbst vergißt, und die eine so starke Anziehungskraft auf die frische russische Jugend besitzt, sind auch für die ersten Jahre charakteristisch, während der er die große Welt betritt. — Wie mit Absicht führte ihn das Schicksal gerade dorthin, wo die Grenzen Rußlands durch Schroffheit und charaktervolle Majestät der Natur bezeichnet werden, wo die grenzenlose russische Ebene vom Südwind umfächelt und von steil in die Wolken ragenden Bergen unterbrochen wird. Der gigantische, mit ewigem Schnee bedeckte Kaukasus, der mitten aus der heißen südlichen Ebene emporsteigt, machte einen tiefen Eindruck auf ihn, man kann sagen, er erweckte die Kräfte seiner Seele und sprengte die letzten Ketten, die den freien Gedanken noch beschwerten. Das poesievolle, zügellose Leben der verwegenen Bergbewohner, ihre ständigen Zusammenstöße und ihre plötzlichen unwiderstehlichen Überfälle entzückten ihn. Und seit jener Zeit erhielt sein Pinsel jenen wunderbaren Schwung und jene Kühnheit, die das ganze Rußland, das erst eben zu lesen begonnen hatte, so tief ergriff. Wenn er den Kampf eines Tschetschenzen mit einem Kosaken schildert, dann sind seine Worte wie Blitze; sie funkeln wie eine blanke Säbelklinge und stürmen schneller dahin, als die Wogen der Schlacht. Nur er versteht es, den Kaukasus zu besingen; er ist mit seiner ganzen Seele, mit allen seinen Sinnen in ihn verliebt; er ist ganz erfüllt, ganz durchdrungen von der Schönheit seiner Landschaft, vom südlichen Himmel, von den herrlichen, Grusischen Ebenen, von den berauschenden Nächten und Gärten der Krim. Das macht wohl, daß er in all seinen Werken da am wärmsten und feurigsten ist, wo seine Seele vom Hauch des Südens getroffen wird. Unwillkürlich setzt er hier seine ganze Kraft ein, und daher übten auch seine Schöpfungen, die, vom Kaukasus handelnd, vom freien Leben der Tscherkessen und den Nächten der Krim erfüllt sind, jenen herrlichen magischen Zauber aus; selbst die, denen es an Geschmack fehlte, und deren geistige Fähigkeiten nicht ausreichten, um ihn zu verstehen, waren von ihnen entzückt. Das Kühne ist am leichtesten verständlich, es weitet die Seele mächtig und gewaltig aus, vor allem die der Jugend, die es immer nach Ungewöhnlichem dürstet. Kein einziger Poet in ganz Rußland hatte ein so beneidenswertes Schicksal wie Puschkin. Der Ruhm keines einzigen hat sich so schnell verbreitet, wie der seine. Alle fühlten sich verpflichtet, bei jeder passenden oder unpassenden Gelegenheit einige von den herrlichen, glänzenden Stellen aus seinen Werken zu zitieren, oder doch wenigstens zu verballhornisieren. Schon sein Name allein hatte etwas Elektrisierendes; ein müßiger Tintenkleckser brauchte ihn nur in einer seiner Arbeiten zu erwähnen, und sie wurde überall gelesen[3].

Schon bei seinem ersten Auftreten war er durch und durch national; denn die wahre Nationalität besteht ja nicht in der Beschreibung eines russischen Sarafans, sondern in dem Geist eines Volkes. Ein Dichter kann auch dann noch national bleiben, wenn er ganz fremde Welten darstellt, nur muß er sie mit seinen Augen durch sein nationales Element hindurch, mit den Augen seines Volkes anschauen, er muß so reden und fühlen, daß seine Landsleute meinen, sie seien es selbst, die so fühlten und redeten. Wenn man von den Eigenschaften sprechen will, die die Vorzüge Puschkins im Vergleich mit anderen Schriftstellern bilden, so muß man sagen, daß sie in der außergewöhnlichen Kürze seiner Schilderungen und in der seltenen Kunst liegen, einen Gegenstand mit ein paar Strichen zu zeichnen. Seine Epitheta sind so kühn und treffend, daß sie oft eine lange Umschreibung ersetzen, sein Pinsel stürmt förmlich dahin. Ein kleines Werk von ihm ist stets ebensoviel wert, wie eine ganze große Dichtung. Man kann kaum von einem anderen Dichter sagen, daß bei ihm in einem kleinen Stücke so viel Größe, Schlichtheit und Kraft enthalten sei, wie bei Puschkin. Aber seine letzten Werke, die er in der Zeit verfaßte, als der Kaukasus mit seiner schroffen Majestät, mit seinen mächtigen in die Wolken ragenden Gipfeln seinen Blicken entschwunden war, als er sich ins Herz Rußlands zurückzog und sich tiefer in die schlichte Ebene, in das Studium des Lebens und der Sitten seiner Landsleute versenkte, als er ein echt nationaler Dichter sein wollte — diese seine letzten Dichtungen überraschten nicht mehr durch die Farbenpracht und die blendende Kühnheit, die all seine Werke erfüllte, wenn er vom Elbrus, von den Bergvölkern des Kaukasus, von der Krim und Grusien erzählte.

Ich glaube, diese Erscheinung ist nicht schwer zu erklären. Alle Leser, die gebildeten und ungebildeten waren von seiner kühnen Pinselführung und dem Zauber seiner Bilder entzückt und verlangten stürmisch, er solle volkstümliche und historische Themata zum Gegenstand seiner Poesie machen, sie vergaßen, daß man doch unmöglich das ruhige und weniger von Leidenschaften erfüllte russische Leben mit denselben Farben malen konnte, wie die Berge des Kaukasus und seine freien Bewohner. Die Masse des Publikums, die sozusagen die Nation ausmacht, ist sehr seltsam in ihren Anforderungen und Wünschen; sie schreit: „Schildere uns, so wie wir sind, völlig wahrheitsgetreu, stelle die Taten unserer Ahnen dar, und zwar so, wie sie sich wirklich vollzogen haben.“ Aber, wenn es der Dichter dann versucht, ihrem Ruf Folge zu leisten, und alles wahrheitsgetreu, d. h. ganz so wie es sich abspielte, zu schildern, dann heißt es gleich: „Das ist matt, das ist schwach, das ist schlecht, es entspricht durchaus nicht der Wahrheit.“ Die Masse des Volkes gleicht in dieser Hinsicht einer Dame, die bei einem Maler ein Porträt bestellt, und den Wunsch äußert, er solle es so ähnlich wie möglich machen; aber weh ihm, wenn er es nicht versteht, alle ihre Fehler zu verhüllen! Die russische Geschichte nimmt erst in ihrer letzten Epoche unter den Zaren eine große Lebhaftigkeit an; bis dahin war der Charakter des Volkes meist recht farblos, die verschiedenen Abstufungen der Leidenschaften waren ihm unbekannt. Den Poeten trifft keine Schuld; aber auch dem Volk kann man sein Gefühl nicht übelnehmen, das es verleitet, den Taten seiner Vorfahren größeren Wert beizulegen. Daher hat der Poet zwei Möglichkeiten: entweder sein Pathos höher emporzuschrauben, dem Schwächlichen größere Kraft einzuflößen, mit Feuer von Dingen zu reden, die in sich selbst keine starke innere Wärme haben, dann ist die Masse seiner Verehrer, die Masse des Volks auf seiner Seite und zugleich mit ihr das Geld; oder er muß der Wahrheit treu bleiben, groß sein, wo auch das Thema groß ist, kühn und schroff sein, wo wahrhafte Kühnheit und Schroffheit sich zeigt, ruhig und still bleiben, wo auch die Ereignisse nicht sieden und brodeln. Dann aber kann er der Masse „Lebewohl“ sagen. Sie wird ihm nicht zujubeln, es sei denn, daß der Gegenstand, den er darstellt, schon an und für sich so groß und gewaltig ist, daß er einen allgemeinen Enthusiasmus entfachen muß. Der Dichter vermied den ersten Weg, eben weil er Dichter bleiben wollte, und weil ein jeder, der nur einen Funken des heiligen Berufes in sich fühlt, ein so feines Empfinden hat, das es ihm nicht erlaubt, sein Talent durch solche Mittel zu offenbaren. Niemand wird leugnen, daß ein wilder Bergbewohner mit seiner kriegerischen Tracht, der so frei wie die Freiheit selbst, der sein eigener Herr und Richter ist, einen viel stärkeren Eindruck macht, als irgendein Assessor; und obgleich der erstere seinen Feind getötet, nachdem er ihm in einer Felsspalte auflauerte, oder ein ganzes Dorf niedergebrannt hat, so erscheint er uns doch viel bedeutender und interessanter und erweckt immer in weit höherem Grade Mitleid, als unser Beisitzer in seinem fadenscheinigen, mit Tabakflecken beschmutzten Frack, der, ohne es zu wollen, nur auf dem Wege von allerhand Nachforschungen und Nachprüfungen eine Reihe von allen möglichen Leibeigenen und Freien ins Elend gebracht hat.

Aber der eine wie der andere sind beides Erscheinungen, die unserer Welt angehören; sie haben beide ein Anrecht auf unsere Aufmerksamkeit, obwohl aus einem ganz natürlichen Grunde das, was wir seltener sehen, unsere Phantasie weit stärker erregt, und so ist der Umstand, daß der Dichter das Gewöhnliche dem Ungewöhnlichen vorzieht, nichts anderes als eine falsche Rechnung des Dichters — eine falsche Rechnung gegenüber seinem zahlreichen Publikum — aber freilich nicht gegenüber sich selbst. Dadurch verliert er nicht, nein, er gewinnt vielleicht sogar noch an Wert, allerdings wohl nur in den Augen einiger weniger Sachkundiger. Bei dieser Gelegenheit fällt mir eine Geschichte aus meiner Kindheit ein. Ich hatte immer eine gewisse Leidenschaft für die Malerei. Ich interessierte mich besonders für eine Landschaft, die ich gemalt hatte, und in deren Vordergrunde sich ein verdorrter Baum erhob. Ich lebte damals auf dem Lande, die Kunstkenner und die Richter, die über mich zu urteilen hatten, waren meine Nachbarn. Einer von ihnen warf einen prüfenden Blick auf das Bild, schüttelte den Kopf und sagte: — „Ein guter Künstler wählt sich immer einen schönen, schlanken Baum mit jungen, frischen Blättern und nicht einen vertrockneten.“ In meiner Kindheit verdroß es mich, solche Urteile zu hören, aber später habe ich daraus eine Lehre gezogen: man muß wissen, was der Masse gefällt und was ihr nicht gefällt. Die Werke Puschkins, die aus der russischen Natur herauswachsen, sind ebenso still und leidenschaftslos, wie die russische Natur. Nur der kann sie ganz verstehen, dessen Seele wahrhaft russische Elemente in sich trägt, der Rußland seine Heimat nennt, dessen Geist so zart organisiert ist und dessen Gefühl so fein zu empfinden gelernt hat, daß er die scheinbar unbedeutenden russischen Lieder und den russischen Geist nachempfinden kann; denn je alltäglicher der Gegenstand ist, desto höher muß der Dichter stehn, um aus ihm das Ungewöhnliche an die Oberfläche zu ziehen, und zwar so, daß dieses Ungewöhnliche zugleich die lauterste Wahrheit darstellt. In der Tat: sind Puschkins letzte Werke auch in ihrem ganzen Werte erkannt worden? Hat auch nur einer den Boris Godunow richtig verstanden und seine Bedeutung begriffen, dieses große und tiefe Werk, voll innerer, unnahbarer Poesie, das jeden groben, bunten Schmuck verschmäht, der der Masse ins Auge sticht. Jedenfalls ist nie ein richtiges Urteil über diese Werke gedruckt worden, und sie sind bis heute so gut wie unbeachtet geblieben.

In seinen kleinen Schriften, dieser herrlichen Anthologie ist Puschkin außerordentlich vielseitig, hier erscheint er noch umfassender und bedeutender als in seinen Dichtungen. Einzelne von diesen kleinen Werken haben etwas so Packendes und Blendendes, daß sie ein jeder verstehen kann, aber der weitaus größte Teil unter ihnen, und zwar die allerschönsten erscheinen der großen Masse unbedeutend und gewöhnlich. Um sie zu verstehen, muß man einen ganz besonderen Spürsinn und einen viel feineren Geschmack haben, als ihn ein Mensch besitzt, auf den nur die allergrößten und hervorstechendsten Züge wirken. Hierzu muß man der groben, schweren Speisen längst überdrüssig, man muß in gewissem Maße Sybarit sein, dem nur kleine Vögel von der Größe eines Fingerhuts oder solche Gerichte Genuß gewähren, deren Geschmack dem fade, seltsam und unangenehm erscheinen muß, der an die Gerichte seines Kochs, eines Leibeigenen vom Lande, gewöhnt ist. Diese Sammlung seiner kleinen Gedichte stellt eine Reihe blendender Bilder dar. Es ist jene klare Welt, erfüllt von jenen Zügen, die nur den Alten bekannt waren, jene Welt, in der die Natur so lebendig zu uns spricht und sich so hell wiederspiegelt, wie in der silbernen Flut eines Flusses, aus dem plötzlich ein blendendweißer Nacken, schneeweiße Hände und ein Alabasterhals, umschattet von nachtschwarzen Locken — oder kristallene Trauben, Myrten und schattige Haine leuchtend emportauchen, als wären sie für das Leben geschaffen. Hier ist alles beisammen: Genuß, Einfalt und ein plötzlicher Höhenflug des Gedankens, der die begeisterte Seele des Lesers plötzlich mit heiligem Schaudern umfängt.

Das sind keine Kaskaden einer Rhetorik, die nur durch Wortreichtum gefällt und in denen ein jeder Satz nur deshalb so wuchtig wirkt, weil er sich mit andern verbindet und durch das Getön der ganzen Masse betäubt, aber einzeln betrachtet, schwach und inhaltsleer erscheint. Hier fehlt jede Beredsamkeit, hier gibt es nur Poesie. Es fehlt jeder äußere Glanz, alles ist einfach, anständig, von nur innerer Klarheit erfüllt, die sich jedoch nicht sofort offenbart. Hier ist alles lakonisch, wie die wahre Poesie es immer ist. Es sind immer nur wenige Worte, aber sie sind so treffend, daß sie alles sagen. In jedem Worte liegt ein ganzer unendlicher Abgrund beschlossen, jedes Wort ist so unerschöpflich wie der Dichter selbst. So kommt es, daß man diese kleinen Werke immer wieder liest, während dieser hohe Vorzug einem Werke fehlt, in dem der Grundgedanke allzu klar hervorleuchtet. Es war mir immer merkwürdig, Urteile von Männern, die den Ruf von Kunstkennern und Literaten hatten, über diese Werke zu hören; hatte ich ehemals doch viel auf sie gegeben, ehe ich ihre Ansichten über diesen Gegenstand kennen gelernt hatte. Man kann diese kleinen Werke einen Prüfstein nennen, an dem man den Geschmack und das ästhetische Gefühl des Kritikers messen kann. Aber seltsam! Man sollte meinen, diese Gedichte müßten jedem verständlich sein! Sie sind so schlicht und zugleich erhaben, so glühend und leuchtend, so sinnlich und zugleich doch wieder so kindlich rein. Wie könnte man sie nicht verstehen? Aber ach, es ist eine unerschütterliche Wahrheit: je mehr ein Poet ein wahrer Dichter ist, je mehr er nur die Gefühle darstellt, die nur ein Dichter kennt und empfindet, um so handgreiflich kleiner wird der Kreis der ihn umgebenden Menge, ja er wird schließlich so eng, daß man zuletzt die Zahl seiner wahren Bewunderer an den Fingern abzählen kann.

1832.