„Auf Wiedersehn!“ sagte Schiller und schloß die Tür hinter ihm.

Der Leutnant war fest entschlossen, seine Werbung nicht aufzugeben, obgleich die Blondine ihm sichtlich Widerstand entgegensetzte. Er konnte es nicht fassen, daß man ihm widerstehen könnte, um so weniger, als seine Liebenswürdigkeit und sein illustrer Rang ihm alles Recht auf Entgegenkommen gab. Man muß noch hinzufügen, daß Frau Schiller bei all ihrem Liebreiz sehr beschränkt war. Übrigens bildet ja bei einer hübschen Frau die Dummheit noch einen besonderen Reiz. Wenigstens habe ich viele Männer gekannt, die von der Dummheit ihrer Frauen begeistert waren und in ihr ein Symptom kindlicher Unschuld sahen. Die Schönheit bringt geradezu Wunder hervor. Alle geistigen Mängel wirken bei einer schönen Frau, anstatt abzustoßen, nur noch besonders anziehend; selbst das Laster erhält einen gewissen Anschein von Lieblichkeit. Aber wo die Schönheit fehlt, da muß eine Frau mindestens zwanzigmal so klug sein wie ein Mann, um Achtung oder gar Liebe einzuflößen. Doch trotz ihrer Beschränktheit war Frau Schiller stets ihrer Pflicht treu geblieben, daher wurde es Piragow sehr schwer, sein kühnes Unternehmen erfolgreich zu Ende zu führen. Allein die Überwindung von Hindernissen ist stets mit Genuß verbunden, und so wurde unsere Blondine ihm nur noch interessanter. Er fing an, sich sehr oft nach den Sporen zu erkundigen, so daß Schiller dies zuletzt lästig wurde. Er gab sich alle Mühe, die begonnene Arbeit schnell zu beendigen, und endlich waren die Sporen fertig.

„Ach, welch eine herrliche Arbeit!“ rief der Leutnant Piragow beim Anblick der Sporen. „Mein Gott, wie vortrefflich sind sie gemacht. Selbst unser General nennt solche nicht sein eigen!“

Ein Gefühl der Selbstzufriedenheit erfüllte Schillers Seele. Seine Augen nahmen einen vergnügten Ausdruck an, und er war innerlich bereit, sich völlig mit Piragow auszusöhnen. „Dieser russische Offizier ist ein kluger Mann!“ dachte er bei sich.

„Nicht wahr, Sie können doch auch Einfassungen für Dolche und andere Waffen anfertigen?“

„Oh, gewiß kann ich das,“ sagte Schiller lächelnd.

„So machen Sie mir also eine Fassung für meinen Dolch. Ich werde ihn Ihnen bringen; ich habe einen sehr schönen türkischen Dolch, aber ich möchte ihn anders fassen lassen!“

Schiller traf dieser Vorschlag wie eine Bombe. Er runzelte die Stirn. „Da haben wir’s!“ dachte er bei sich, und schalt sich innerlich, daß er selbst Anlaß zu einer neuen Bestellung gegeben hatte. Es jetzt noch abzulehnen, schien ihm unehrenhaft, auch hatte ja der russische Offizier seine Arbeit gelobt. — Kopfschüttelnd erklärte er seine Bereitwilligkeit, aber der Kuß, den Piragow der zierlichen Blondine beim Fortgehen dreist auf die Lippen drückte, brachte ihn vollends aus der Fassung.

Ich halte es nicht für überflüssig, den Leser etwas näher mit Schiller bekannt zu machen. Schiller war ein echter Deutscher in vollstem Sinn des Wortes. Schon als zwanzigjähriger Jüngling, in jener glücklichen Zeit, wo ein Russe noch sorglos in den Tag hinein lebt, hatte sich Schiller bereits sein Leben zurechtgelegt und wich nie und in keinem Fall von seinem Ziel ab. Er hatte bei sich beschlossen, immer um 7 Uhr aufzustehn, um 2 Uhr zu Mittag zu essen, in allem gewissenhaft zu sein und sich Sonntags zu betrinken. Er hatte sich vorgenommen, im Laufe von zehn Jahren ein Kapital von 50000 Rubeln zurückzulegen, und schon dieser Entschluß genügte, um die Erfüllung seines Planes so sicher und unumstößlich zu machen wie das Schicksal; denn eher vergißt es ein Beamter, in das Vorzimmer seines Chefs hineinzublicken, als daß ein Deutscher sich entschließt, sein Wort zu brechen. Niemals gab er mehr aus, als er sich vorgenommen hatte, und wenn die Kartoffelpreise über das gewöhnliche Maß stiegen, legte er doch nie eine Kopeke zu, sondern verminderte lieber das Quantum; wenn er auch manches Mal nicht ganz satt wurde, so gewöhnte er sich doch daran. Seine Ordnungsliebe ging so weit, daß er bei sich beschlossen hatte, seine Frau nicht häufiger als zweimal am Tage zu küssen und, um ihr nur ja keinen überzähligen Kuß auf die Lippen zu drücken, tat er nie mehr als einen Kaffeelöffel voll Pfeffer in die Suppe; übrigens wurde diese Regel am Sonntag nicht so streng eingehalten, da Schiller an diesem Tage stets zwei Flaschen Bier und eine Flasche Kümmel trank, auf den er freilich immer schimpfte. Er pflegte jedoch nicht so zu trinken wie die Engländer, die sich gleich nach dem Mittag einschließen und sich ganz allein und still für sich berauschen. Er als Deutscher bedurfte beim Zechen stets der Anregung und Begeisterung und trank daher immer in Gesellschaft, entweder mit dem Schuster Hoffmann oder mit dem Tischler Kunz, der ebenfalls ein Deutscher und dazu ein großer Säufer war. Dies war der Charakter unseres ehrenwerten Schiller, der nunmehr in eine sehr schwierige Lage geraten war. Obgleich er ein Phlegmatiker und ein Deutscher war, so erregte doch das Betragen Piragows so etwas wie Eifersucht in ihm. Er zerbrach sich den Kopf, es wollte ihm aber durchaus nichts einfallen, auf welche Art und Weise er den russischen Offizier abschütteln könnte.

Unterdessen spielte Piragow, wenn er sich im Kreise seiner Kameraden befand und gemütlich die Pfeife rauchte, — die Vorsehung hat es nun einmal so eingerichtet, daß, wo Offiziere beisammen weilen, auch die Pfeife nicht fehlen darf — häufig auf das Techtelmechtel mit der reizenden Blondine an; mit einem bedeutungsvollen und angenehmen Lächeln rühmte er sich bereits einer großen Intimität mit ihr; in Wirklichkeit aber begann er bereits, die Hoffnung zu verlieren, daß er sie jemals würde erobern können.