Ich bin überzeugt, daß Schiller den nächsten Tag wie im Fieber war und zitterte wie das Espenlaub, da er jeden Augenblick auf das Erscheinen der Polizei gefaßt war; er hätte, weiß Gott, wieviel dafür gegeben, wenn das gestrige Ereignis nur ein Traum gewesen wäre. Ader das Geschehene läßt sich nun einmal nicht mehr ungeschehen machen. In der Tat ließ sich nichts mit der Wut und der Empörung Piragows vergleichen. Schon der Gedanke an die fürchterliche Beleidigung brachte ihn dem Wahnsinn nahe. Die Verbannung nach Sibirien oder Spießrutenlaufen erschienen ihm als die geringsten Strafen, die Schiller verdient hatte. Er flog nach Hause, um sich umzuziehen und von dort direkt zum General zu fahren; ihm wollte er die Unverschämtheit der deutschen Handwerker in den glühendsten Farben schildern. Zu gleicher Zeit wollte er auch eine schriftliche Klage beim Generalstab einreichen: falls aber die angesetzte Strafe nicht genügend streng ausfallen sollte, wollte er die Sache vor alle Instanzen bringen.

Allein dies alles fand einen ganz merkwürdigen Abschluß: unterwegs trat er in eine Konditorei, aß zwei Kuchen aus Blätterteig, warf einen Blick in die Zeitschrift „Die Nordische Biene“ und verließ das Lokal schon weniger wütend und aufgebracht. Der recht angenehm frische Abend lud ihn dazu ein, etwas auf dem Newsky auf und ab zu gehen; gegen neun Uhr hatte er sich so weit beruhigt, daß er fand, am Sonntag ginge es nicht gut, den General zu belästigen, auch würde er ihn wohl schwerlich zu Hause treffen, daher begab sich Piragow zu einer Soiree bei dem Chef der Kontrollbehörde, wo sich ein sehr netter Kreis von Beamten und Offizieren seines Regiments zusammenfand. Er verbrachte den Abend sehr angenehm und zeichnete sich bei der Mazurka so aus, daß nicht nur die Damen, sondern auch die Herren ganz begeistert waren.

Als ich vorgestern auf dem Newsky einherschlenderte und mich dieser beiden Ereignisse erinnerte, dachte ich so bei mir: „Wie herrlich eingerichtet ist doch unsere Welt! Wie merkwürdig, wie unbegreiflich spielt doch das Schicksal mit uns; erreichen wir je, was wir wünschen? erlangen wir je, was die Bestimmung unserer Kräfte und Fähigkeiten zu sein scheint? es kommt immer anders, als man glaubt. Dem einen beschert das Schicksal die herrlichsten Pferde, er aber fährt gleichgültig spazieren, ohne ihre Schönheit zu bemerken, während ein anderer, dessen Herz vor Leidenschaft für Pferde glüht, zu Fuß geht und sich damit begnügen muß, mit der Zunge zu schnalzen, wenn ein schöner Rappe an ihm vorüberjagt. Ein dritter hat einen ausgezeichneten Koch, aber leider einen so kleinen Mund, daß er nicht mehr als zwei Stückchen hineinstopfen kann, sein Freund dagegen hat ein Maul von der Größe des Generalstabstors und muß sich, ach! mit einem simpeln deutschen Kartoffelgericht begnügen. Wie sonderbar spielt doch das Schicksal mit uns!“

Aber am seltsamsten ist doch das, was auf dem Newsky zu geschehen pflegt. Oh! traut ihm nicht, diesem Newsky-Prospekt! Ich hülle mich immer fester in meinen Mantel, wenn ich über diese Straße gehe und gebe mir die größte Mühe, mich um keins der Dinge zu kümmern, die mir dort begegnen. Dort ist alles Trug, alles ist nur ein Traum, und nichts ist das, als was es erscheint. Sie glauben vielleicht, dieser Herr, der dort in einem feinen Rock daherkommt, sei sehr reich: keineswegs; der ganze Kerl besteht aus nichts anderem, als aus diesem Rock. Sie bilden sich ein, daß diese beiden Dickwänste, die dort vor der im Bau begriffenen Kirche stehen, über ihren Stil reden — kein Gedanke. Sie sprechen darüber, welch seltsame Pose zwei Krähen einnehmen, die auf ihrem Giebel einander gegenübersitzen. Sie glauben wohl, daß jener Enthusiast, der mit den Händen gestikuliert, davon spricht, wie seine Frau einem ihm ganz unbekannten Offizier durch das Fenster eine Papierkugel an den Kopf geworfen hat — durchaus nicht, er redet über Lafayette. Sie meinen wirklich, daß diese Damen ... ach, den Damen sollten Sie überhaupt nicht trauen! Blicken Sie auch weniger in die Schaufenster hinein: die dort ausliegenden Nichtigkeiten sind vielleicht sehr schön, aber sie schmecken mächtig nach einigen Hundertrubelscheinen. Vor allem aber möge Gott Sie davor bewahren, den Damen unter die Hüte zu gucken! Wie verlockend auch abends der Mantel einer Schönen im Winde flattert, auf keinen Fall würde ich ihr aus Neugierde nachgehen. Halten Sie sich fern, um Gottes willen, halten Sie sich möglichst fern von der Laterne und gehen Sie schnell, so schnell wie möglich, vorüber! Sie können noch von Glück sagen, wenn Ihnen nur ein häßlicher Fettfleck auf Ihren eleganten Rock tropft. Aber auch abgesehen von der Laterne, überall lauert der Betrug auf Sie. Der Newsky-Prospekt ist immer voller Lug und Trug, am meisten jedoch dann, wenn die Nacht wie ein dichtes Gewölk auf ihn niedersinkt und die weißen und hellgelben Mauern der Häuser hervortreten läßt, wenn die ganze Stadt in Lichterglanz erstrahlt und gleichsam vom Donner erdröhnt, wenn Myriaden von Equipagen über die Brücken rollen, die Vorreiter schreiend auf den Pferden vorbeigaloppieren, und wenn Satan eigenhändig die Lampen anzündet, nur um alles in einem übernatürlichen Licht erscheinen zu lassen.

IV
Über die kleinrussischen Lieder

Erst in den letzten Jahren, in der Zeit, wo das Streben nach Originalität und nach einer eigenartigen nationalen Poesie erwacht ist, haben die kleinrussischen Lieder, die der gebildeten Welt bis dahin ganz unbekannt und nur im Volke lebendig waren, die Aufmerksamkeit auf sich gelenkt. Bis dahin war nur ihre bezaubernde Musik dann und wann in die höheren Kreise gedrungen, die Worte aber waren ganz unbeachtet geblieben und hatten niemandes Neugierde geweckt. Ja, selbst die Melodien wurden niemals in vollständiger Fassung mitgeteilt. Irgendein talentloser Komponist zerstückelte sie mitleidlos und fügte sie in seine eigenen gefühllosen, plumpen Schöpfungen ein.[7] Aber die allerschönsten Stimmen und Lieder haben nur die Steppen der Ukraine vernommen: nur hier erklingen sie unter dem Dache niedriger Lehmhütten, die von Maulbeer- und Kirschbäumen umstanden sind, im Glanze der Morgensonne mittags und abends, während die zitronengelben Garben des Weizens unter der Sichel der Schnitter hinsinken, und nur hin und wieder wird der Gesang unterbrochen durch den Schrei der Steppenmöwe, durch das Lied zahlloser Scharen von Lerchen und den ängstlichen Schlag der Golddrossel.

Ich will mich nicht über die Bedeutung der Volkslieder auslassen. Sie sind die lebendige, leuchtende, farbige Geschichte des Volks, die Wahrheit, die das ganze Leben einer Nation bloßlegt. Wenn dies Leben tatkräftig, wechselvoll, frei und eigenartig und von Poesie erfüllt war, und wenn dies Volk trotz seiner Vielseitigkeit keine höhere Zivilisation erreicht hat, dann lebt sich all sein Feuer, all seine herrliche, jugendliche Kraft in den Volksliedern aus. Sie sind ein Grabdenkmal seiner Vergangenheit — ja mehr als ein Grabdenkmal: ein mit einem beredten Relief geschmückter und mit einer historischen Aufschrift versehener Stein ist nichts im Vergleich mit dieser lebenden, redenden und von der Vergangenheit kündenden Chronik. In dieser Beziehung bedeuten die Volkslieder für Kleinrußland alles: seine Poesie, seine Geschichte und das Grab seiner Väter. Wer nicht in die Tiefen dieser Lieder gedrungen ist, der wird nichts von der Vergangenheit dieses blühenden Stückes Rußland erfahren. Der Historiker darf in ihnen nicht Hinweise auf Tage und Daten von Schlachten, genaue Ortsbeschreibungen oder wahrheitsgetreue Berichte suchen; in dieser Beziehung werden ihn nur die wenigsten Lieder weiterbringen. Wenn er aber das wahre Wesen, die Elemente des Charakters, alle Schwankungen und Nuancen des Gefühls und alles dessen, was ein bestimmtes Volk bewegt, seiner Leiden und Freuden ergründen, wenn er den Geist vergangener Zeitalter, den allgemeinen Charakter des Ganzen und jedes einzelnen Teiles erforschen will, dann wird er in jeder Beziehung befriedigt sein; die Geschichte des Volks wird sich ihm in einer leuchtenden Größe offenbaren.

Die kleinrussischen Lieder können mit vollem Recht historisch genannt werden, weil sie sich nicht einen Augenblick vom Leben entfernen und stets den historischen Moment und den geschichtlichen Zustand treu widerspiegeln. Sie alle sind von der schrankenlosen Freiheit des Kosakenlebens durchdrungen und durchflutet. Aus allem redet die Kraft, der Frohsinn, die Seelenstärke, mit der der Kosak den sorglosen Frieden des Familienlebens aufgibt, um sich in die Poesie der Schlachten, in Gefahren und zügellose Gelage mit den Kameraden zu stürzen. Weder die dunkelbrauige Freundin mit ihrer strahlenden Frische, ihren braunen Augen, dem blendenden Glanz ihrer Zähne, die in hingebender Liebe dem Roß in die Zügel fällt, noch die Tränenbäche vergießende alte Mutter, deren ganzes Dasein in dem einen Gefühl der Mutterliebe aufgeht, — nichts hat die Macht, ihn zurückzuhalten. Eigensinnig und unerschütterlich eilt er in die Steppe und ins Lager der Kameraden hinaus. Die Gesellschaft seiner Kumpane, der lebenslustigen Raubritter, ersetzt ihm alles — Weib, Mutter, Schwestern und Brüder. Die Bande dieser Brüderschaft gehen ihm über alles und sind noch stärker als die Liebe. Das Schwarze Meer leuchtet, die herrliche unermeßliche Steppe vom Taman bis zur Donau — dieser wilde Ozean von Blüten wogt unter dem Hauch des Windes. In der unendlichen Tiefe des Himmels verschwinden Schwäne und Kraniche. Der sterbende Kosak liegt mitten in der Kühle dieser jungfräulichen Natur hingestreckt da, er nimmt seine letzte Kraft zusammen, um nicht zu sterben, ohne noch einmal seinen Kameraden einen Blick nachgesandt zu haben.

Denn wohl wußte es das Kosakenhaupt,

Daß es nicht fern vom Kosakenheer sterben würde.