Man könnte tausende von ähnlichen Liedern anführen und vielleicht noch weit schönere. Alle sind sie wohlklingend, duftig und außerordentlich mannigfaltig. Überall gibt es neue Farben, eine große Schlichtheit und eine unbeschreibliche Zartheit des Gefühls. Wo aber die Gedanken das Religiöse streifen, sind sie ganz besonders poetisch. Sie bewundern nicht die gewaltigen Werke des ewigen Schöpfers; eine solche Bewunderung gehört schon einer höheren Entwicklungs- und Erkenntnisstufe an; ihr Glaube ist so unschuldig, so rührend und so rein wie die unbefleckte Seele des Kindes. Sie wenden sich an Gott, wie Kinder an ihren Vater. Sie führen ihn häufig mit so unschuldiger Einfalt in ihr Alltagsleben ein, daß seine kunstlose Darstellung in ihnen gerade durch ihre Einfachheit etwas Erhabenes an sich hat. Dadurch erhalten in den Liedern der Kleinrussen auch die gewöhnlichsten Gegenstände etwas unbeschreiblich Poetisches, wozu auch die Überreste verschiedener aus der altslawischen Mythologie herstammenden Sitten, die sie dem Christentum angepaßt haben, sehr viel beitragen. Oftmals fleht ein trauerndes Mädchen Gott an, er möge eine Wachskerze am Himmel entzünden, bis der Liebste über die Donau gesetzt ist. Auf allem liegt der Stempel reinster, ursprünglichster Kindheit und folglich hoher Poesie. Die Form ihrer Lieder, der Mädchenlieder sowohl wie der Kosakenlieder, ist fast immer dramatisch — ein Zeichen für die Entwicklung des Volksgeistes und des tätigen, unruhigen Lebens, das dies Volk so lange geführt hat. Fast niemals haben ihre Lieder eine beschreibende Form und sie gefallen sich nicht in ausführlichen Darstellungen der Natur. Nur hie und da scheint die Natur in der einen oder der andern Strophe hindurch, aber nichtsdestoweniger sind ihre Züge so neu, so fein, so bezeichnend und gut, daß sie den ganzen Gegenstand vor die Seele zaubern. Übrigens nimmt man zu ihnen nur darum seine Zuflucht, um die Gefühle der Seele kräftiger zum Ausdruck zu bringen. Und daher unterwerfen sich die Naturerscheinungen gefügig den Gefühlsregungen. Derselbe Gegenstand spiegelt sich immer gleichzeitig in der inneren und äußeren Welt, oft ist statt der ganzen äußeren Umgebung nur ein einziger markanter Zug oder ein Teil dieser Umgebung berührt. Nirgends findet sich ein Satz wie etwa der folgende: „es war Abend;“ statt dessen ist immer die Rede von gewissen Vorgängen, die abends zu geschehen pflegen, z. B.:

Die Kühe kamen vom Acker, die Schäfchen von der Wiese;

Das Mädchen stand beim Burschen und weinte sich die braunen Augen rot.

Daher haben sehr viele, ohne dies recht zu verstehen, solche und ähnliche Wendungen für unsinnig erklärt. Ein Gefühl findet immer einen starken, plötzlichen, schroffen Ausdruck und wird nie durch lange Perioden abgeschwächt. In einigen Liedern gibt es keine fortlaufende Idee, sie gleichen einer Reihe von Strophen, von denen jede einen besonderen Gedanken in sich schließt. Oft erscheinen sie ganz unbedeutend, weil sie spontan entstanden sind, und da der Blick des Volkes sehr lebhaft ist, so werden gewöhnlich die Gegenstände, die zuerst in die Augen fallen, gleich im Anfang des Liedes erwähnt; dafür aber treten in diesem bunten Durcheinander Strophen hervor, die uns durch die bezaubernde Ursprünglichkeit ihrer Poesie entzücken. Hier vereinigen sich eine leuchtende, treue Malerei und eine wohlklingende Wortmusik. Ein solches Lied wird nicht mit der Feder in der Hand, nicht auf dem Papier, auf Grund strenger Überlegung komponiert, nein, es entsteht im Taumel der Selbstvergessenheit, wenn die Seele singt und klingt und alle Glieder ihre gewöhnliche gleichgültige Lage verlassen und sich freier zu rühren beginnen, wenn die Arme sich in die Höhe strecken und die stürmischen Wellen der Lust den Menschen über alles hinwegtragen. Dies spürt man sogar in den traurigen und wehmütigen Liedern, deren herzzerreißende Klänge schmerzvoll an unsere Seele greifen. Nie konnten solche Töne unter gewöhnlichen Verhältnissen und bei einer nüchternen Betrachtung des Gegenstandes der Seele eines Menschen entquellen. Nur dann, wenn der Wein den prosaischen Gedanken verwirrt und zerstört, wenn die Gedanken seltsam und unbegreiflich in ihrer Disharmonie doch innerlich zusammenklingen — in solch mehr feierlicher als heiterer Ekstase beginnt die Seele sich rätselvoll in unerträglich schmerzlichen Klängen auszuströmen. Hier gibt es keinen Gedanken, keine Überlegung! Der ganze geheimnisvolle Organismus verlangt nach Tönen und nur nach Tönen. Daher ist die Poesie dieser Lieder so unbegreiflich, zauberhaft und graziös wie Musik. Die Gedankenpoesie ist für jedermann weit verständlicher als die Poesie der Töne oder besser gesagt die Poesie der Poesie. Nur ein auserwählter, wahrhafter Dichter, ein Mann, der seinem innersten Wesen nach Poet ist, kann sie verstehen, und daher kommt es, daß oft das allerschönste Lied unbemerkt vorüberrauscht, während ein minderwertiges durch seinen Inhalt gewinnt.

Der kleinrussische Versbau eignet sich sehr für das Lied; in ihm finden sich Versmaß, Tonfall und Rhythmus vereinigt. Ihr Rhythmus ist schnell und rapid, daher ist die einzelne Zeile fast nie zu lang, aber selbst wenn dieses mitunter vorkommt, so wird er in der Mitte durch eine Zäsur mit einem klangvollen Reim durchschnitten. Reine, langgedehnte Jamben kommen selten vor; meistenteils sind es schnelle Trochäen, Daktylen, Amphibrachen, die schnell dahinfliegen, sich einer mit dem anderen frei und launenhaft verbinden und so zu neuen Versmaßen führen, die sie in mannigfaltigster Weise variieren. Die Rhythmen tönen und klingen zusammen wie die silbernen Hufeisen der Tanzenden. Ein sicheres Gehör und musikalisches Gefühl ist ihnen allen gemeinsam. Oft klingt eine Zeile mit einer anderen harmonisch zusammen, trotzdem beide sich nicht einmal miteinander reimen. Die Häufigkeit des Reims ist erstaunlich. Häufig enthält eine Zeile zwei Zäsuren und reimt sich zweimal vor dem Schlußreim, der außerdem in der zweiten Zeile, die gleichfalls in der Mitte doppelt gereimt ist, einen Gegenreim findet. Manches Mal begegnen wir einem solchen Reim, den man eigentlich keinen Reim nennen kann, der aber in seiner Tonfärbung so wohlklingend ist, daß er uns mehr gefällt als ein Reim, und der nie einem Dichter in den Sinn gekommen wäre, während er die Feder in der Hand hält.

Den Charakter der Musik kann man nicht mit einem Wort bezeichnen: sie ist außerordentlich mannigfaltig. In vielen Liedern ist sie leicht, graziös, berührt nur leicht die Erde, und es scheint, als spiele sie neckisch mit den Tönen. Zuweilen nimmt die Melodie eine männliche Physiognomie an und wird kraftvoll, stark und mächtig; schwer stampfen die Füße die Erde, und es scheint, als könne man nur den schwerfälligen Hopak nach dieser Musik tanzen. Ein anderes Mal aber werden die Töne ungewöhnlich frei, breit, schwingen sich gigantisch empor, suchen unendliche Räume zu umfassen, und bei ihren Klängen fühlt der Tänzer sich selbst als Riese: seine Seele, sein ganzes Sein erweitert sich und dehnt sich bis ins Unendliche. Er löst sich plötzlich von der Erde, dann trifft er sie noch kräftiger mit seinen glänzenden Hufeisen, um im nächsten Augenblick wieder in die Luft zu fliegen. Was aber die traurige Musik anbelangt, so kann man sie hier so hören, wie nirgends sonst. Ob es nun der Schmerz um die geknickte Jugend ist, der es nicht vergönnt war, sich auszuleben, oder die Klage über die traurige Lage des damaligen Kleinrußland ... diese Töne leben, brennen und zerreißen unsere Seele. Die melancholische russische Musik drückt, wie M. Maksimowitsch richtig bemerkt hat, ein Gefühl aus, das das Leben vergessen will; sie strebt danach, sich vom Leben zu entfernen und die alltäglichen Nöte und Sorgen zu übertäuben; aber in den kleinrussischen Liedern verschmilzt dies Gefühl mit dem Lebensgefühl: ihre Töne sind so lebendig, man glaubt, daß sie nicht nur zu klingen, sondern auch zu sprechen scheinen — sie reden in Worten, sie sprechen in ganzen Sätzen, und jedes Wort dieser feurigen Reden dringt in die Seele. Ihr Aufschluchzen gleicht manchmal so sehr einem Herzensschrei, daß das Herz des Lauschers plötzlich zusammenzuckt, als hätte ein scharfer Stahl es berührt. Häufig klingt eine so starke, trostlose und gleichgültige Verzweiflung hindurch, daß wir uns beim Hören selbst vergessen und das Gefühl haben, als sei die Hoffnung für immer aus der Welt entflohen. An anderen Stellen hören wir ein kurzes Aufstöhnen und so lebhafte, heftige Seufzer, daß wir uns zitternd fragen: sind das noch Töne? Das ist der unerträgliche Jammer einer Mutter, der eine grausame Gewalt ihr Kind entreißt, um es mit bestialischem Lachen an einem Stein zu zerschmettern. Nichts kann gewaltiger sein, als die Volksmusik, wenn das Volk nur poetische Begabung hat und ein wechselvolles, tatenreiches Leben führt, wenn der Druck der Gewalt und ewiger unüberwindlicher Hindernisse es ihm nicht gestatteten, für einen Moment einzuschlummern, ihm Klagen abnötigen, und wenn diese Klagen niemals und nirgends anders zum Ausdruck kommen konnten, als in seinen Liedern. In solch einer Lage befand sich Kleinrußland zu der Zeit, als sich die Union raubgierig auf das schutzlose Land stürzte. Aus ihnen, aus diesen Tönen kann man sich ein ebenso deutliches Bild von diesen vergangenen Leiden machen, wie von einem Sturm mit Hagelschauern und einem Wolkenbruch, wenn man die diamantenen Tränen erblickt, die die erfrischten Bäume von unten bis oben bedecken, wenn die Sonne ihre abendlichen Strahlen aussendet, wenn die Luft dünn und rein ist, wenn aus der Ferne das Brüllen der Herden zu uns herüberzittert und wenn der bläuliche Rauch, dieser Vorbote des ländlichen Nachtmahls und der Feierstunde, in leuchtenden Ringen gen Himmel steigt und der Abend, der stille, klare Abend die beruhigte Erde umfängt.

1833.

V
Gedanken über Geographie
für die unteren Klassen

Groß und erstaunlich ist das Gebiet der Geographie. Länder, wo der südliche Himmel glüht und wo jedes Geschöpf sich einer doppelten Lebensenergie erfreut, und Gegenden, wo wir in den entstellten Zügen der Natur Grauen und Entsetzen lesen, wo das ganze Land sich in einen starren Leichnam verwandelt; Bergriesen, die in den Himmel ragen, nachlässig hingeworfene Landschaften, die von der ganzen Kraft und Fruchtbarkeit einer üppigen und reichen Vegetation überquellen, und wiederum glühende Wüsten und Steppen, ein losgerissenes Stück Erde inmitten eines grenzenlosen Meers, die Menschen, die Kunst und die Grenze alles Lebens! — wo wollte man Gegenstände finden, die stärker zu unserer Einbildung sprächen, gibt es eine herrlichere Wissenschaft für die Kinder, gibt es eine, die die Poesie ihrer jugendlichen Seele lebhafter beflügeln könnte? Und ist es nicht traurig, wenn man ihnen anstatt all dieser Dinge ein lebloses, trockenes Skelett vorführt und kalt hinzufügt: „Das ist die Erde, auf der wir wohnen; da ist die schöne Welt, die uns der unbegreifliche Baumeister geschenkt hat!“ — Aber mehr noch! Man verbirgt Ihn vor den Kindern und läßt sie statt dessen einen politischen Körper benagen, der die Welt ihrer Begriffe übersteigt und sogar für einen Verstand, der im Besitze höherer Ideen ist, viel Ungereimtes enthält. — Unwillkürlich kommt einem da der Gedanke: sollten wirklich der große Humboldt und jene anderen kühnen Forscher, die so viel Licht in das Gebiet der Wissenschaften hineingetragen, und die uns die wunderbaren Hieroglyphen, mit denen unsere Welt bedeckt ist, entziffert haben, nur einigen wenigen Gelehrten zugänglich sein, sollte die Altersstufe, die mehr denn jede andere das Bedürfnis nach Klarheit und Bestimmtheit hat, auf nichts als unverständliche Darstellungen angewiesen sein?