Die Kindheit ist zunächst nichts wie ein großes Dürsten, ein instinktives Streben nach Erkenntnis. Sie verlangt nach allem und möchte alles wissen. Am meisten interessiert sie sich für ferne Länder: „Wie ist es dort? was geht dort vor? was gibt es da für Menschen? wie leben sie?“ Diese Fragen drängen sich ihr in reicher Fülle auf, sie alle beziehen sich auf die physische Geographie, und daher muß die gewaltige, reiche, furchtbare und zauberische Welt in ihrem physischen Zustande sie in höherem Maße und in umfassenderer Weise beschäftigen.


In vielen von unseren Lehranstalten trägt man die Geographie in zwei, manches Mal sogar in drei Klassen vor, weil die Zöglinge nicht imstande sind, das ganze Gebiet in einem Jahre durchzunehmen. Und das ist gut, denn die Geographie verdient es, daß man sich nicht nur ein Jahr lang mit ihr beschäftigt; aber die Lehrer verfallen in einen sehr großen Fehler; sie teilen den Erdball in zwei, oder je nach den Klassen, in drei Teile, und dabei fällt der untersten Klasse Europa zu, das gewöhnlich nur nach seiner politischen Seite mit den ausführlichsten Details durchgenommen wird, während die höheren Klassen durch die Steppen und den afrikanischen Sand irren und sich mit den Wilden unterhalten müssen. Abgesehen von der Unvernunft und von der merkwürdigen Form solch einer Lehrmethode gehört noch ein ungeheures Gedächtnis dazu, um diese ganze ungeordnete Masse festzuhalten. Aber selbst wenn man die Möglichkeit solch phänomenaler Begabungen in der Natur zugibt, so wird doch sogar in dem Kopfe eines solchen Phänomens nie ein schönes Ganzes zurückbleiben. — Es werden höchstens sorgfältig bearbeitete, aber völlig getrennte Stücke sein, die von keinem kräftigen Leben beseelt sind, das mit rhythmischem Pulsschlag durch alle Adern rinnt. Es ist wie bei einem Volke, das für eine monarchische Regierung prädestiniert ist und sie im Sturme politischer Erschütterung verloren hat.

Es ist viel besser, wenn der Zögling die Geographie auf zwei verschiedenen Altersstufen durchnimmt. Auf der ersten Stufe sollte er nur einen großen Überblick über die ganze Welt erhalten, aber einen solchen, der seine ganze Aufmerksamkeit anregt und ihm die ganze Weite und ungeheure Größe der geographischen Welt vor Augen führt. Zu diesem Kursus müßten auch die Naturgeschichte, die Physik, die Statistik und alles, was mit der Welt zusammenhängt, ihren Teil beisteuern, damit die Welt den Eindruck einer einzigen, leuchtenden, bunten Dichtung mache und der Schüler nach Möglichkeit mit all ihren Teilen bekannt und vertraut werde. Gar keine Einzelheiten, nur die großen markanten Züge! aber so, daß er ahnt, wo Eiseskälte und wo eine starke Vegetation vorherrscht, wo die Manufaktur und wo die Bildung höher steht, wo die Unwissenheit größer, wo die Erde tiefer ist, und wo die Berge sich mächtiger emportürmen. — In der zweiten Periode des Kindesalters müssen die Grenzen dieser Welt auseinandergerückt werden. Jetzt soll er die Gegenstände, die er früher mit bloßem Auge gesehen, durchs Mikroskop betrachten. Dann wird er auch alle Ausnahmen und Übergänge, und weniger die starken, als die feinen Abweichungen kennen lernen.


Der Schüler soll überhaupt kein Buch bei sich haben. Ein Buch, es mag sein wie es will, wird seine Einbildungskraft stets einengen und abtöten. Er soll nur die Karte vor sich haben. Man soll ihm keine geographische Erscheinung erklären, ohne sie auf der Stelle zu fixieren; selbst wenn es sich nur um eine lebendige, schöne Beschreibung handelt, muß der Schüler beim Zuhören seine Augen auf einen Punkt der Karte richten, und dieser kleine Punkt muß sich vor ihm immer mehr und mehr ausbreiten, und alle Karten, die er während der Rede des Lehrers vor sich sieht, in sich aufnehmen. Dann kann man sicher sein, daß die Erscheinungen sich seinem Gedächtnis für immer einprägen werden, und daß er, während seine Augen das nackte Weltgerippe betrachten, es sofort mit leuchtenden Farben ausfüllen wird.


Vor allem muß er die Gestalt der Erde in seinem Gedächtnis festhalten. Das Kartenzeichnen, mit dem man die Schüler so sehr quält, bringt wenig Nutzen. Die vielen kleinen Details, die vielen einzelnen Staaten und Reiche können sich in seinem Kopfe nur gegenseitig vernichten. Viel besser ist es, man gibt den Kindern vor allem eine scharfe und lebendige Idee von der Gestalt der Erde: ich möchte dazu raten, zu diesem Zwecke das Wasser weiß und die ganze Erde schwarz darzustellen, damit sie sich unwillkürlich dem Gedanken ganz deutlich und durch ihre scharfen Konturen aufdrängen und die Schüler unaufhörlich mit ihrer unregelmäßigen Figur verfolgen. Jetzt wird es ihnen schon viel leichter fallen, die Gestalt der Erde nachzuzeichnen, nur sollte man ihnen nie gestatten, sich in Einzelheiten zu ergehen, d. h. alle kleinen Vorgebirge und Ausbuchtungen der Ufer zu vermerken. Es ist sogar besser, wenn sie diese anfänglich nicht kennen, dafür aber die allgemeine Gestalt der Erde festhalten.


Es ist weit besser, am Anfang die ganze Welt auf einmal zu behandeln, alle Weltteile auf einmal zu überblicken, denn auf diese Weise treten die Gegensätze um so stärker hervor. Wenn man sie in ihrer Gesamtheit kennen gelernt hat, kann man hierauf gründlicher auf jeden Erdteil eingehen. Was nun die Reihenfolge anbelangt, in der die Weltteile durchgegangen werden sollten, so würde ich dazu raten, sich durch die allmählige Entwicklung des Menschen und damit durch die allmählige Entdeckung der Erdteile leiten zu lassen: Man beginne mit Asien, der Wiege der Menschheit, mit ihrer Kindheit, gehe dann zu Afrika, zu ihrer feurigen und zugleich wilden Jugend über, wende sich sodann Europa, ihrer schnellen Klärung und dem Reifen der Vernunft zu, schreite dann mit dieser nach Amerika fort, wo der gereifte, mächtige Mensch wieder mit dem ursprünglichen und sinnlichen Menschen zusammenstößt, und schließe die Darstellung endlich mit den im grenzenlosen Ozean verstreuten Inseln.