Nur hie und da werden die Erzeugnisse der Kunst von den Geographen behandelt. Es gibt keinen Übergang von der Natur zu den Produkten des Menschen. Die letzteren sind wie durch eine Axt von ihrem Urquell abgespalten. Ich rede nicht einmal davon, daß bei ihnen jener Ehebund des Menschen mit der Natur, der die Manufaktur gebiert, gar nicht erwähnt wird. Bevor also der Schüler zur Betrachtung der Industrie und den Erzeugnissen menschlicher Handarbeit fortschreitet, muß er hierzu durch die Kenntnis der Bodenerzeugnisse vorbereitet werden, damit er selbst daraus schließen kann, welche Industrien sich in einem bestimmten Reiche vorfinden müssen; falls Ausnahmen in dieser Hinsicht vorkommen sollten, ist es unbedingt nötig, auf ihre Ursachen hinzuweisen: vielleicht liegen sie in dem sorglosen Charakter der Bevölkerung, in fremdartigen Nebenumständen, in dem übergroßen Reichtum der Nachbarn, in dem Mangel an Kommunikationsmitteln oder ähnlichen Verhältnissen. Wenn er erst über die Industrie orientiert ist, kann er auch zum Handel übergehen, der ja ohnedies nicht sehr interessant und nicht leicht verständlich ist.


Bei der Aufzählung der Völker muß der Lehrer durchaus auf die Physiognomie und die Eigentümlichkeiten hinweisen, die der Charakter eines Volks, sozusagen unter dem Einflusse geographischer Verhältnisse angenommen hat. Er muß alle Völker der Erde in große Familien einordnen, erst die gemeinschaftlichen Züge einer jeden Gruppe schildern und dann erst zu ihren unterscheidenden Merkmalen übergehen. Dann muß er ihre physische Geschichte, d. h. die Geschichte ihrer Charakteränderungen folgen lassen, damit es dem Schüler klar werde, warum z. B. die Teutonen in Deutschland durch einen festen, phlegmatischen Charakter ausgezeichnet sind, und warum derselbe Stamm nach Überschreitung der Alpen ein so munteres, leichtes Wesen annimmt.


Auch Karten, die die Ausbreitung der Bildung auf der Erdkugel darstellen, sind für Kinder von großem Nutzen. Dieser Nutzen wird zur Notwendigkeit, sobald man zu Europa übergeht. Da es jedoch bei uns solche Karten noch nicht gibt, muß der Lehrer sich der kleinen Mühe unterziehen und selbst eine solche anfertigen. Die Punkte, wo die Kultur einen hohen Grad erreicht hat, muß er durch leuchtende Farben hervorheben und dort leichte Schatten aufsetzen, wo sie tiefer steht. Diese Schatten werden immer dunkler, je tiefer wir herabsteigen, und verwandeln sich in völlige Finsternis in dem Maße als die Natur verwildert und der Mensch bis zum seelenlosen Eskimo hinabsinkt.

Die Größe der Erde und der einzelnen Staaten wird man sich nie durch Feststellung ihres Quadratinhalts einprägen. Man braucht nur einen Blick auf die Karte zu werfen, das ist das einzige Mittel, sie kennen zu lernen. Es wäre nicht unangebracht, jedes Reich besonders auszuschneiden, so daß es ein einzelnes Stück und durch Zusammenfügung mit den andern einen Weltteil bilde. So könnte man die Größe und Form eines jeden Reiches sichtbar machen.


Bei der Darstellung einer jeden Stadt muß man ihre Lage genau bestimmen: ob sie auf dem Berge liegt oder sich ins Tal hinabzieht, muß ihr Leben, ihre Bedeutung, ihre Einkunftsquellen schildern — und überhaupt mit einigen kräftigen Strichen ihren Charakter zeichnen. Der Lehrer muß aus dem reichhaltigen Material all das hervorziehen, was eine Eigentümlichkeit dieser Stadt ist, und wodurch sie sich von den vielen anderen unterscheidet. Der Schüler soll wissen, was Rom, was Paris, was Petersburg ist. Er darf die anderen europäischen Städte nicht etwa an dem eigenen Maßstabe, der sich beim Anblick von Petersburg in seinem Kopf gebildet hat, messen. Bei der Darstellung jeder einzelnen Stadt muß das, was allen Städten gemeinsam ist, ausgeschlossen werden. In vielen von unseren Geographiebüchern wird auch heute noch bei der Erwähnung einer Gouvernementsstadt erzählt, daß es dort ein Gymnasium, eine Kathedrale, und bei Zitierung einer Kreisstadt bemerkt, daß es in ihr eine Kreisschule gibt usw. Wozu soll das dienen? Es genügt, wenn man dem Schüler gleich am Anfang sagt, daß es bei uns in jeder Gouvernementstadt ein Gymnasium und eine Kirche gibt. In der ganzen Welt aber gibt es nur einen Kreml, einen Vatikan, ein Palais-Royal, eine Reiterstatue Peters des Großen von Falkonet, ein Petscherski-Kloster in Kiew, einen King Bench! Über diese wird das Kind gewiß Genaueres erfahren wollen. Man darf sich nicht mit nichtigen Dingen, wie mit dem Aufzählen von Häusern und Kirchen, aufhalten, die den Schüler nur langweilen können, dies sollte nur in Ausnahmefällen gestattet sein, wenn etwas entweder durch seine Größe oder durch ein negatives Merkmal aus der Kategorie des Alltäglichen hervorragt. Statt dessen kann man über die Architektur einer Stadt sprechen — in welchem Stil sie erbaut ist, und ob die Gebäude durch Größe oder Schönheit auffallen. Bei der Darstellung einer sehr alten Stadt muß man darauf aufmerksam machen, wie majestätisch ihre, wenn auch seltsam anmutende altertümliche, in Jahrhunderten bewährte und in den Erschütterungen groß gewordene Architektur und wie leicht und elegant dagegen der Stil einer anderen Stadt ist, die nur ein Jahrhundert zu ihrer Entstehung brauchte. Beim Gedanken an irgendein deutsches Städtchen muß der Schüler sich sofort enge Gassen und kleine, schmale, hohe Häuschen, an denen alles so einfach, so lieb und so bukolisch ist, vorstellen, und daneben eckige Kirchen mit hoch in die Luft ragenden Turmspitzen. Mit dem Gedanken an Rom, diesem dumpfen Echo der ganzen antiken, in dem Wirbel der Jahrhunderte untergegangenen Welt, muß sich unweigerlich der Gedanke an mächtige, sich kühn vom Boden erhebende Gebäude verbinden, die, auf schlanke Hallen und gigantische Säulen gestützt, verfallen, gleich als sönnen sie über die verflossenen Tage ihrer großen, herrlichen Jugend nach. Zu diesem Zweck wäre es gut, den Schülern recht häufig die Fassaden der berühmtesten Bauten zu zeigen; dann würde sich ihre ungewöhnliche Gestalt dem Gedächtnis einprägen, und dies würde unwillkürlich und unmerklich zur Bildung ihres jungen Geschmacks beitragen.


Hin und wieder muß auch die Geschichte durch die Erinnerung an vergangene Ereignisse die geographische Welt beleuchten. Das Vergangene muß aber schon sehr augenfällig und von rein geographischen Ursachen bewirkt sein, um an sie zu erinnern. Wenn jedoch der Schüler zur selben Zeit Geschichte studiert, dann fließen Geographie und Geschichte miteinander zusammen, um ein organisches Ganzes zu bilden.