Der Vortrag des Lehrers muß fesselnd und bilderreich sein, alle eindrucksvollen Gegenden, alle großen Naturerscheinungen müssen mit leuchtenden Farben geschildert werden. Was stark auf die Phantasie wirkt, das geht dem Gedächtnis nicht leicht verloren. Der Vortrag muß dem Stil eines Reisenden gleichen. Die strenge analytische Systematik, besonders wenn sie sich auf Kleinigkeiten erstreckt, kann nicht lange im Kopf eines Jünglings haften. Das Kind behält nur dann ein System, wenn es es nicht mit Augen sieht und wenn es ihm verborgen bleibt. Sein System — ist das Interesse, der Faden, an dem sich die Ereignisse oder die Erzählungen aufreihen. Alles, was wahrhaft notwendig ist, alles, was mehr mit unserem Leben zusammenhängt, was wir später noch besser bei uns selbst anwenden können, — dies alles ist interessant. Übrigens: was ist in der Geographie uninteressant? Sie ist so tief wie das Meer, sie erweitert unsere eigensten Handlungen und unsern Wirkungskreis, und obgleich sie uns die Grenzen eines jeden Landes zeigt, verhüllt sie ihre eigenen so geschickt, daß sie selbst für Erwachsene ein philosophisch anziehender Gegenstand bleibt. Kurz gesagt, man muß versuchen, den Schüler so viel als möglich mit der Welt bekannt zu machen, mit all ihrer unendlichen Mannigfaltigkeit, aber in einer Weise, daß sein Gedächtnis nicht überbürdet wird, sondern daß ihm dies alles wie ein mit helleuchtenden Farben gemaltes Bild erscheint. Hierfür bieten uns die Beschreibungen der Reisenden einen reichen Schatz dar; es gibt deren eine ganze Menge; wie mir scheint, hat man es jedoch noch nicht verstanden, in dieser Hinsicht, genügenden Nutzen aus ihnen zu ziehen.
An der Trägheit und Unaufmerksamkeit des Schülers hat meist der Lehrer schuld, sie sind nur Zeugnisse für seine eigne Nachlässigkeit; er hat es also nicht verstanden, die Aufmerksamkeit seiner jugendlichen Hörer zu fesseln, oder er hat es nicht gewollt; er hat sie gezwungen, seine bittern Pillen mit Widerwillen zu schlucken. Man darf nie einen vollständigen Mangel an Fähigkeiten bei einem Kinde voraussetzen. Ich bin oft Zeuge gewesen, wie ein Kind, das allgemein für ganz unbegabt und von der Natur als stiefmütterlich behandelt gehalten wurde, mit ungeteilter Aufmerksamkeit einer grauenerregenden Erzählung lauschte, und wie auf seinem fast seelenlosen, von keinem Gefühl der Teilnahme belebten Gesichte unruhige Spannung und Angst miteinander abwechselten. Sollte es wirklich nicht möglich sein, diese Aufmerksamkeit für die Wissenschaft nutzbar zu machen?
1829.
VI
Der letzte Tag von Pompeji
Ein Bild von Brylow
Dies Bild von Brylow ist eine der glänzendsten Erscheinungen des XIX. Jahrhunderts. Es ist der Auferstehungstag der Malerei, die lange Zeit in einer Art von lethargischem Schlafe verharrte. Ich will nicht von den Ursachen eines solch ungewöhnlichen Stillstandes reden, obgleich dieser einen sehr interessanten Gegenstand für die Forschung darbietet; ich will nur erwähnen, daß, wenn auch das Ende des XVIII. und der Anfang des XIX. Jahrhunderts uns in der Malerei nichts Vollendetes und Gewaltiges gebracht, sie doch in ihren einzelnen Teilen mancherlei Förderliches geleistet haben. Die Malerei zerfiel in unzählige Atome und Teilchen. Jedes dieser Atome ward unendlich viel tiefer erkannt und fortentwickelt wie in früheren Zeiten. Man entdeckte geheimnisvolle Erscheinungen, von denen man früher nicht einmal etwas ahnte: All das an der Natur, was der Mensch am häufigsten sieht, was ihn umgibt und ein Leben mit ihm lebt, diese sichtbare Natur mit all ihren kleinen Zügen, die von den großen Künstlern vernachlässigt wurden, erreichte eine bewunderungswürdige Wahrheit und Vollkommenheit der Darstellung. Alles wetteiferte miteinander, um das lebendige Kolorit, das die Natur ausströmt, zu erfassen. Alles Geheimnisvolle in ihrem Schoße, diese stumme Sprache der Landschaft ward entdeckt, oder richtiger, ward ihr geraubt, ward der Natur entrissen, obwohl ihr freilich nur Stücke entrissen wurden und obwohl alle Erzeugnisse dieses Jahrhunderts an Experimente oder, besser gesagt, an Notizen, Materialsammlungen und flüchtige Gedanken erinnern, die ein Reisender in aller Eile in sein Tagebuch einträgt, um sie nicht zu vergessen und um später ein Ganzes aus ihnen zu machen. Die Malerei zerfiel in ihre primitivsten, beschränktesten Zweige: die Stecherkunst, die Lithographie, und eine Unzahl unbedeutender Erscheinungen wurde mit großem Eifer bis in ihre einzelnen Teile bearbeitet. Dies verdanken wir dem XIX. Jahrhundert. Das Kolorit, das im XIX. Jahrhundert verwendet wird, bedeutet einen großen Fortschritt in der Erkenntnis der Natur. Man sehe sich nur einmal diese immer wieder erscheinenden Fragmente, Perspektiven und Landschaften an, die im XIX. Jahrhundert das Zusammenfließen des Menschen mit der ihn umgebenden Natur zum Ausdruck bringen: wie differenziert sich hier die von Licht umflutete Häuserflucht, indem sie aus der Finsternis hervortritt! wie durchsichtig ist das vom Licht getroffene Wasser, wie flutet es im Schattendunkel der Zweige! wie schwül und strahlend verliert sich der leuchtende Himmel in der Ferne! wie nah rückt er dem Beschauer die einzelnen Gegenstände: welch kühne, welch unerhörte Verwerfung der Schatten dort, wo man sie früher nicht einmal ahnte, und zugleich bei aller Schärfe welch wundervolle Zartheit, welch eine geheime Musik selbst in den gewöhnlichsten leblosen Gegenständen! Aber worin es unsere Zeit am weitesten gebracht hat, das ist die Beleuchtung. Die Beleuchtung verleiht all unseren Schöpfungen solch eine Kraft, ja, man kann sagen, solch eine Einheitlichkeit, daß sie, obwohl sie keine tiefere Bedeutung in sich tragen, die auf etwas Geniales schließen läßt, doch unserm Auge unendlich angenehm sind. Sie können uns durch ihren Gesamtausdruck zwar nicht fesseln, trotzdem aber entdeckt man bei genauerer Beobachtung in ihrem Schöpfer häufig eine, wenn auch beschränkte Kunsterfahrung.
Man betrachte einmal all diese unaufhörlich erscheinenden Gravüren, diese Produkte eines starken Talents, in denen die Natur so lebendig pulsiert, daß man meinen sollte, sie wären in Farbe getaucht. Die Morgenröte leuchtet in ihnen so zart am Himmel, daß wir beim längeren Hinsehen den purpurnen Widerschein des Abends zu erkennen glauben; die von Sonnenlicht überfluteten Bäume scheinen gleichsam wie mit einer dünnen Staubschicht bedeckt; aus dem tiefsten Dunkel der Schatten blitzt ein leuchtendes, blühendes Weiß sinnberückend hervor. Wenn man sie anblickt, so fürchtet man sich, sie mit dem Atem zu streifen. Dieser Effekt, der sich überall in der Natur findet, und durch den Kampf von Licht und Schatten entsteht, dieser Effekt ist das Ziel und Streben all unserer Künstler geworden. Man kann sagen, das XIX. Jahrhundert sei das Jahrhundert der Effekte. Jedermann vom Ersten bis zum Letzten hascht nach Effekt, vom Poeten bis zum Konditor, so daß diese Effekte uns wahrlich schon zu langweilen beginnen, und es ist möglich, daß das XIX. Jahrhundert infolge einer seltsamen Laune sich endlich wieder dem Schlichten zuwenden wird. Übrigens kann man sagen, daß die Effekte sich am meisten für die Malerei eignen, wie überhaupt für alles, was wir mit den Augen genießen: hier fällt, wenn sie an unrechter Stelle angebracht und wenn sie falsch sind, ihre Falschheit und Zweckwidrigkeit sofort einem jeden auf. Ganz anders ist es bei Erzeugnissen, die sich nur dem inneren Auge erschließen: hier wirken falsche Effekte schädlich, weil sie die Lüge verbreiten, denn die einfältige Menge stürzt sich kritiklos auf alles, was glänzt. In den Händen eines echten, wahren Talentes dagegen sind sie stets wahrhaftig und steigern den Menschen ins Riesenhafte; wo sie jedoch in die Hand eines unechten Talentes geraten, da werden sie dem wahren Kunstkenner ein Greuel, da wirken sie so widerwärtig wie ein Zwerg in dem Gewande eines Riesen, oder ein gemeiner Mensch, der sich mit einer unverdienten, nur dem Verdienst gebührenden Auszeichnung schmückt. Aber alles dieses gehört nicht eigentlich zum gegenwärtigen Thema. Man muß zugeben, daß im allgemeinen das Streben nach Effekt eher nützt als schadet; es treibt uns eher vorwärts als rückwärts und hat sogar in der allerletzten Zeit viel zur Vervollkommnung beigetragen. Von dem Wunsch getrieben, einen Effekt hervorzubringen, haben viele ihr Objekt genauer studiert und ihre geistigen Fähigkeiten viel lebhafter angespannt. Und wenn der wahre Effekt sich größtenteils nur in kleinen Vorwürfen offenbarte, so lag die Schuld mehr an dem Mangel an großen Genies, als in der ungeheuren Zersplitterung des Lebens und der Kenntnisse, der man sie gewöhnlich zuschreibt. Außerdem hat das Streben nach Effekt dazu beigetragen, daß die Details mit großer Gründlichkeit herausgearbeitet und daß sie durch ihr starkes Insaugefallen allen zugänglich gemacht werden. Ich erinnere mich nicht, wer es ausgesprochen hat, im XIX. Jahrhundert sei die Erscheinung eines universalen Genies, das das ganze Leben des XIX. Jahrhunderts in sich aufnehmen könnte, ein Ding der Unmöglichkeit. Das ist durchaus unrichtig, das ist ein Gedanke, den nur die Hoffnungslosigkeit eingeben kann und der von einem gewissen Kleinmut zeugt. Im Gegenteil, nie wird der Flug der Seele eines Genius so strahlend sein, wie in unserer Zeit; noch nie war das notwendige Material so gut für ihn vorbereitet wie im XIX. Jahrhundert. Und sein Schritt wird sicherlich der eines Riesen und jedem, vom Kleinsten bis zum Größten, sichtbar sein.
Das Bild von Brylow kann eine vollwertige, universale Schöpfung genannt werden. In ihr ist alles enthalten. Wenigstens hat es eine so gewaltige Mannigfaltigkeit in sein Bereich gezogen, wie vor ihm nie ein anderes Bild. Das Thema entspricht ganz dem Geschmack unseres Jahrhunderts, das aus dem Gefühl seiner ungeheuren Zersplitterung heraus darnach strebt, alle Erscheinungen zu ganzen Gruppen zusammenzuschließen, und das daher die großen Krisen, die von der ganzen Masse empfunden werden, bevorzugt. Jeder kennt jene herrlichen Werke, zu denen die „Vision des Balthasar“, die „Zerstörung Ninives“ und noch einige andere gehören; hier sind die gewaltigen Katastrophen in ihrer ganzen schrecklichen Größe dargestellt, in einer vollkommenen Beleuchtung; in furchtbarer Macht lassen ungeheure Blitze die schreckliche Finsternis aufleuchten und zucken über den Köpfen des betenden Volks. Der Gesamteindruck dieser Bilder ist erschütternd und von seltener Einheitlichkeit; doch aber bilden sie nur den Ausdruck für eine Seite dieses Gedankens. Sie erinnern an eine ferne Landschaft und liefern nur einen einzigen allgemeinen Eindruck. Wir haben nur ein Gefühl für die furchtbare Lage der ganzen Volksmasse, erkennen aber keinen einzelnen Menschen, der den ganzen Schrecken der sich vor seinen Augen vollziehenden Zerstörung zum Ausdruck bringt. Diesen Gedanken, den wir nur in starker perspektivischer Verkürzung gesehen, stellt uns Brylow plötzlich unmittelbar vor Augen, und dieser Gedanke wächst ins Riesenhafte und scheint auch uns in seinen Bannkreis zu ziehen. Die Darstellung, die Komposition seiner Idee ist mit außerordentlicher Kühnheit ausgeführt: er hat den Blitzstrahl ergriffen und läßt ihn stürmend auf sein Bild niederfallen. Der Blitz hat alles mit seinem Licht übergossen und überflutet, wie um alles sichtbar zu machen, so daß kein Gegenstand dem Beschauer verborgen bleibt. Daher liegt auch auf allem eine ungeheuere Lichtfülle. Die Figuren sind mit kraftvoller Hand hingeworfen, wie nur ein gewaltiger Genius es vermag. Diese ganze Gruppe, die im Augenblick, wo der Blitz niederfällt, wie erstarrt stehengeblieben ist, und in der sich tausend verschiedene Gefühle spiegeln, dieser stolze Athlet, der einen Schreckensschrei ausstößt, in dem Kraft, Hochmut und Ohnmacht liegen, und der sich mit seinem Mantel gegen den Wirbelwind von Steinen deckt, dieses Weib, das zu Boden gestürzt ist und ihren herrlichen Arm von einer nie dagewesenen Schönheit ausstreckt, dieses Kind, das den Beschauer mit seinem Blick zu durchbohren scheint, dieser vom Blitzschlag betäubte Greis, der von seinen Kindern getragen wird, dessen schrecklicher Körper schon einen Grabeshauch auszuströmen und dessen Hand mit den weit ausgespreizten Fingern in der Luft erstarrt zu sein scheint, diese Mutter, die die Flucht aufgibt und trotz der Bitten ihres Sohnes, dessen angsterfülltes Flehen der Beschauer zu vernehmen meint, unbeugsam bei ihrem Entschluß verharrt, diese Menge, die entsetzt von den Mauern zurückweicht oder voller Schrecken und doch wieder ihren Schreck plötzlich vergessend, wild auf die Erscheinung hinstarrt, die das Ende der Welt ankündigt, dieser Priester im weißen Gewande, der in hoffnungsloser Wut seinen Blick auf die ganze Welt richtet — dies alles ist so gewaltig, so kühn, so harmonisch ineinandergefügt, wie es nur im Kopfe eines universalen Genius möglich war.