Ich will hier nicht den Inhalt des Bildes analysieren, noch die dargestellten Vorgänge erläutern und erklären. Hierfür hat jeder sein eigenes Auge und sein eigenes Gefühlsmaß; außerdem ist dies alles so augenfällig und steht in so naher Beziehung zu dem menschlichen Leben und zu der Natur, die der Mensch vor sich sieht und begreift, weil beide jedem, dem Kleinsten wie dem Größten, verständlich sind: ich will nur die Vorzüge und die scharf hervorstehenden Eigentümlichkeiten des Brylowschen Stils hervorheben, um so mehr, da sie wohl den meisten entgangen sein werden. Brylow ist der erste Maler, bei dem die Plastik bis zur höchsten Vollkommenheit gediehen ist. Seine Gestalten sind trotz des furchtbaren Ereignisses und trotz der Lage, in der sie sich befinden, doch nicht von jenem wilden Entsetzen erfaßt, von dem die herben Schöpfungen Michelangelos erfüllt sind, bei deren Anblick wir erbeben. Auch finden wir bei Brylow nicht jene Vorherrschaft der himmlischen, unerreichbaren und zarten Gefühle, von denen Raffaels Bilder überquellen. Seine Gestalten sind schön, trotz all der Schrecken ihrer Situation. Sie überwinden das Entsetzen durch ihre Schönheit. Er ist hier nicht so, wie bei Michelangelo, bei dem der Körper nur dazu dient, um die Kraft der Seele, ihre Leiden, ihre Seufzer und ihre furchtbaren Erschütterungen sehen zu lassen, bei dem die Plastik unterging und die Kontur des Menschen riesenhafte Dimensionen annahm, weil sie nur dem Gedanken zum Symbol dient, und bei dem nicht der Mensch, sondern allein seine Leidenschaften vor uns erscheinen. Bei Brylow erscheint der Mensch nur dazu, um seine ganze Schönheit und die hohe Anmut seiner Natur zu offenbaren. Die Leidenschaften und die wahrhaften, flammenden Gefühle treten uns in so wunderbaren Formen, in so herrlichen Menschengestalten entgegen, daß ein Rausch des Entzückens uns erfaßt. Als ich das Bild zum dritten- und viertenmal ansah, schien es mir, als sei die Skulptur — jene Skulptur, die in der Antike solch eine plastische Vollkommenheit erreicht hat, als sei die Skulptur endlich in die Malerei übergegangen und hätte sich überdies mit einer geheimnisvollen Musik erfüllt. Brylows Menschen haben stolze und schöne Bewegungen; seine Frauengestalten haben etwas Strahlendes, aber es sind nicht die Frauen Raffaels mit ihren feinen, kaum erkennbaren Engelszügen — das sind leidenschaftliche, wilde, südliche Italienerinnen, in der ganzen reinen Schönheit des Mittags stark, kraftvoll, glühend in der Fülle ihrer Leidenschaften und in der Macht ihrer Schönheit und herrlich in ihrer Weiblichkeit. Brylow hat keine Gestalt geschaffen, die nicht Schönheit atmete; all seine Menschen sind schön. Die Gesamtbewegungen seiner Gruppen sind von gewaltigem Rhythmus und sind in ihrer Gesamtwirkung schon etwas Schönes. Bei ihrer Erschaffung hat Brylow seine Phantasie ebenso stark gezügelt und kraftvoll gelenkt, wie der Bewohner der Wüste einen arabischen Hengst. Daher ist das ganze Bild so voller Spannkraft und Pracht.

Im allgemeinen entdecken wir in dem Bilde einen gewissen Mangel an Idealität, d. h. einer abstrakten Idealität; darin besteht sein stärkster Vorzug. Wenn diese Idealität, dieses Übergewicht der Idee hinzugekommen wäre, dann hätte das Bild einen ganz anderen Ausdruck erhalten und nicht den Eindruck hervorgerufen, den es jetzt macht. Das Mitleid und jene furchtbare innere Ergriffenheit hätten sich nicht so der Seelen der Beschauer bemächtigt, und der wunderbare, von Liebe zur Schönheit und Wahrheit erfüllte Gedanke wäre ganz verloren gegangen. Was uns schreckt, sind nicht die Zerstörung, nicht der Tod, im Gegenteil, in diesem Augenblick liegt etwas Poetisches, ein wie im Wirbelwind dahinstürmender, geistiger Genuß; wir trauern um unser süßes Sinnenglück, um unsere herrliche Erde. Brylow hat diesen Gedanken in seiner ganzen Kraft erfaßt. Er hat den Menschen in seiner höchsten Schönheit dargestellt, sein Weib ist der Inbegriff aller Herrlichkeit der Welt. Seine Augen strahlen hell wie die Sterne, seine Kraft und Wollust atmende Brust verspricht die Wonnen der Seligkeit. Und dieses wundersame Weib, diese Krone der Schöpfung, dieses Ideal unserer Erde muß zugrunde gehen in dem allgemeinen Untergang wie das letzte verächtlichste Geschöpf, das es nicht wert ist, zu ihren Füßen dahinzukriechen. Ihre Tränen selbst, Ihre Angst und ihr Schluchzen — alles ist schön.

Die äußere ins Auge fallende Eigenart oder die Manier Brylows bildet auch einen völlig originellen und einen besonderen Fortschritt. Auf seinen Bildern liegt ein Meer von Licht. Das ist sein Charakter. Seine Schatten sind kräftig und scharf, gehen aber in der Gesamtmasse unter, verschwinden im Licht. Wie in der Natur, so sind sie auch bei Brylow kaum bemerkbar. Man könnte seinen Pinsel glänzend und durchsichtig nennen. Die Rundung eines schönen Körpers hat etwas Durchscheinendes und erinnert an Porzellan; das Licht, das ihn mit seinem Glanze überflutet, scheint zu gleicher Zeit in ihn einzudringen. Und dieses Licht ist wiederum so zart, daß es zu phosphoreszieren scheint. Selbst der Schatten erscheint bei ihm durchsichtig und strömt bei aller Kraft und Stärke eine reine, weiche Zartheit und Poesie aus. Seine Pinselführung prägt sich einem für alle Zeiten ein. Ich hatte zuerst nur ein Bild von ihm gesehen — das Porträt der Familie Witgenstein. Es prägte sich sofort und mit einem Schlage meiner Phantasie ein und lebt dort für immer in seinem leuchtenden Glanze. Als ich auf dem Wege war, mir das Bild „Die Zerstörung von Pompeji“ anzusehen, war das erste ganz aus meinem Gedächtnis geschwunden. Ich näherte mich mit einer größeren Menge von Menschen dem Saal, wo das Bild hing, und ich hatte, wie das in solchen Fällen zu geschehen pflegt, für einen Augenblick ganz vergessen, daß ich gekommen war, um mir ein Werk Brylows anzusehen; ich hatte sogar vergessen, ob überhaupt ein Brylow auf der Welt existiert. Aber als mein Blick auf das Bild fiel, als es vor mir aufstrahlte, da durchzuckte mich wie ein Blitz der Gedanke an jenes Porträt, und ich glaubte das Wort „Brylow“ zu hören. Ich hatte ihn wiedererkannt. Sein Pinsel hat etwas von jener Poesie, die man nur empfinden kann und die man stets wiedererkennt: unsere Sinne erkennen und fühlen stets die spezifischen Eigentümlichkeiten, obwohl wir sie mit Worten nie auszudrücken vermögen. Sein Kolorit hat eine Leuchtkraft, wie man sie früher fast nie gekannt hat; seine Farben glühen und treffen sprühend unsere Augen. Bei einem Künstler, der nur eine kleine Stufe tiefer stände als Brylow, wären sie unerträglich, bei ihm aber sind sie von jener Harmonie belebt und von jener inneren Musik durchdrungen, die die lebendigen Geschöpfe der Natur erfüllt.

Aber die stärkste Eigenart und das, was das Größte an Brylow ist, das ist die ungeheure Vielseitigkeit und der ungeheure Umfang seines Talents. Er läßt nichts außer acht, bei ihm ist alles von der Grundidee und den Hauptgestalten bis zum letzten Pflasterstein frisch und lebendig. Er bemüht sich, alle Gegenstände zu umfassen und ihnen allen den machtvollen Stempel seines Talents aufzudrücken. Gewöhnlich pflegten sich die Künstler früherer Zeiten nur eine einzelne Seite eines Gegenstands vorzunehmen und auf diese ihr ganzes Talent zu konzentrieren, das sich daher auch zu einer ungewöhnlichen, man möchte sagen, abstrakten Größe entwickelte. Raffael malte gewöhnlich nur Gesichter und stellte das Erwachen himmlischer Leidenschaften und Neigungen auf ihnen dar; alles übrige, selbst die Gewänder, ließ er seine Schüler vollenden. Auch alle übrigen großen Künstler vernachlässigten, ergriffen von der Erhabenheit der Religion oder der Erhabenheit der Leidenschaften, alles Beiwerk und alles Sekundäre auf ihren Gemälden. Bei ihnen hat der Himmel immer eine dunkelbraune Farbe; ihre Wolken erinnern mehr an Heubündel oder an Granitmassen; die Bäume bilden entweder in ihrer Regelmäßigkeit etwas Kindlich-Einförmiges oder in ihrer willkürlichen Form etwas Unharmonisch-Häßliches. Für Brylow dagegen sind alle Gegenstände vom größten bis zum kleinsten wertvoll. Er sucht die Natur mit seinen Riesenarmen zu umfassen und drückt sie mit der Leidenschaft eines Liebhabers an sein Herz. Vielleicht ist ihm dabei die detaillierte Durcharbeitung der Teile, mit der ihm das XIX. Jahrhundert vorangegangen ist, von Nutzen gewesen. Vielleicht hätte Brylow, wenn er früher zur Welt gekommen wäre, nicht dieses vielseitige aufs Ganze und Kolossale gerichtete Streben besessen, und vielleicht gehören daher seine Werke zu den ersten, die durch ihre Lebendigkeit und als reine Spiegel der Natur einem jeden verständlich sind. Seine Werke gehören zu den ersten, die sowohl der Künstler, der einen hochentwickelten Kunstgeschmack hat, wie der Laie, der nicht einmal weiß, was Kunst ist (wenn auch nicht in gleicher Weise), begreifen kann. Es sind die ersten Werke, denen das beneidenswerte Los zuteil ward, sich einen Weltruf zu erobern, und das hervorragendste unter ihnen ist bis heute das Gemälde „Der letzte Tag von Pompeji“, das sich durch seine ungewöhnliche Größe und die Vereinigung aller höchsten Schönheiten nur mit einer Oper vergleichen läßt, wenn die Oper wirklich eine Vereinigung der dreieinigen Welt der Künste, der Malerei, der Poesie und der Musik darstellt.

1834. Im August.

VII
Der Gefangene
Ein Kapitel aus einem historischen Roman

Im Jahre 1543, zu Beginn des Frühjahrs, wurde nachts die Ruhe des kleinen Städtchens Lukoma durch eine Abteilung der ordentlichen königlichen Truppen gestört. Der abnehmende Mond, der mit seiner leuchtenden Sichel durch die Wolken brach, die sich immerfort um ihn zusammenballten, erhellte für einen Augenblick den Boden der Schlucht, auf deren Grunde sich das kleine Städtchen angesiedelt hatte. Zum Erstaunen der wenig zahlreichen Stadtbewohner, die erwacht waren, zog die Abteilung, deren bloßes Erscheinen sonst der Vorbote von allerhand Unruhen und Plünderungen war, mit einer schauerlichen Ruhe durch die Gassen. Man merkte, daß die ganze Kraft ihrer stark gespannten Aufmerksamkeit sich auf den Gefangenen konzentrierte, der in ihrer Mitte einherritt; er hatte wohl das seltsamste Kostüm an, das einem Menschen je gewaltsam aufgezwungen wurde. Sein Körper war von unten bis oben mit Gewehren bedeckt, die an ihm festgebunden waren, wahrscheinlich, um ihm eine gewisse Bewegungslosigkeit zu verleihen. Ein Kanonengestell war auf seinem Rücken befestigt. Sein Roß konnte sich kaum fortbewegen, und der unglückliche Gefangene wäre längst herabgefallen, wenn er nicht mit einem dicken Seil an den Sattel gebunden gewesen wäre. Hätte ein Mondstrahl auch nur für einen Augenblick sein Gesicht gestreift, er hätte sich in den blutigen Schweißtropfen gebrochen, die ihm über die Wangen rannen. Aber der Mond konnte das Gesicht des Gefangenen nicht sehen, da es hinter einer eisernen Maske verborgen war. Die neugierigen Bewohner versuchten hin und wieder mit offenem Munde näher an den Gefangenen heranzutreten, wenn sie aber die drohend geballte Faust oder den Säbel eines der Begleiter erblickten, schraken sie zurück, liefen eilig in ihre elenden Hütten und wickelten sich, in der Kühle der Nachtluft fröstelnd, fester in die um die Schulter geworfenen tatarischen Pelze.

Die Abteilung hatte die Stadt passiert und näherte sich einem einsamen Kloster. Dieses Gebäude, das aus zwei völlig verschiedenen Teilen bestand, lag ganz am Ende der Stadt auf einem steilen Abhang. Der untere Teil der Kirche war aus Stein und bestand sozusagen ganz aus Spalten und Rissen; er war von Feuerrauch und Pulverdampf geschwärzt, stellenweise war er ganz grün, mit Nesseln, Hopfen und wilden Glockenblumen bedeckt, und bildete eine lebendige Chronik des Landes, das unter so viel blutigen Ernten zu leiden gehabt hatte. Der obere Teil mit seinen fünf geschwungenen, hölzernen Kuppeln, die eine entartete byzantinische Architektur geschaffen und die von barbarischen Nachahmern noch mehr verunstaltet waren, bestand ganz aus Holz. Die neuen Bretter, die zwischen den alten rauchgeschwärzten hervorschimmerten, verliehen der Kirche eine gewisse Buntheit und ließen erkennen, daß fromme Pilger sie vor nicht gar zu langer Zeit ausgebessert hatten. Ein blasser Strahl der Mondsichel stahl sich durch die krausen Zweige der Apfelbäume, die mit ihrem dichten Laubwerk einen Teil des Gebäudes verdeckten, und fiel auf die niedrige Tür und das über ihr angebrachte zackige Gesims, das mit kleinen, eigensinnig wuchernden gelben Blumen bedeckt war; sie leuchteten auf und glichen einer feurigen oder goldenen Aufschrift auf dem natürlichen Gesims. Einer aus der Menge, ein Mann mit einem nicht enden wollenden Schnurrbart, wie man noch nie einen ähnlichen gesehen hatte, — er war noch länger als seine Arme — ein Mensch, den man nach seinem Benehmen und seinem frechen, gebieterischen Blick wohl für den Führer der Abteilung halten konnte, schlug mit dem Flintenlauf an das Tor. Die morschen Klostermauern dröhnten und gaben einen Ton von sich, der wie die Stimme eines Sterbenden klang und in der Luft verhallte. Darnach trat wieder tiefe Stille ein. Ein wildes Fluchen in den verschiedensten Mundarten donnerte unter dem gewaltigen Schnurrbart des Abteilungschefs hervor: „Macht auf! verfluchtes Popenvolk! Sonst weiß ich schon, wie ich euch wecken will!“ Ein Pistolenschuß ertönte, die Kugel drang durch das Tor und schlug ins Kirchenfenster ein, so daß innen die Scheiben klirrend zu Boden fielen. Dies verursachte eine große Verwirrung in den Zellen, die an die Kirche grenzten; man sah Lichter aufblitzen; ein Schlüsselbund erklirrte; das Tor öffnete sich knarrend, und vier Mönche mit dem Prior an der Spitze traten bleich mit einem Kreuz in der Hand heraus.

„Hebt euch weg! unreine Geister, Bewohner der Hölle!“ sagte kaum hörbar mit zitternder Stimme der Prior. „Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes, hebe dich weg von hier, Satan!“

„Allez! Das kläfft noch! Verfluchter Kerl!“ brüllte der Führer in einer Sprache, der kein Mensch hätte einen Namen geben können — aus so verschiedenartigen Elementen war sie zusammengebraut — „Was kläffst du Strolch und sagst, wir seien Teufel; wir Teufel? Wir sind von den Königlichen!“