Mit großer Sorgfalt betrachtete er alle Löcher in den Erdwänden, die jetzt ganz verschüttet waren, und einst als Zellen und einzige Zufluchtsstätte im Lande gedient hatten, wo selten ein Jahr verging, ohne daß die Zerstörung durch Steppen und Felder raste, und wo niemand massivere Gebäude und Schlösser errichtete, weil jedermann wußte, wie geringe Dauer ihnen beschieden war. Endlich erreichten sie eine hölzerne ganz mit Moos und Schimmel bedeckte Tür, die mit Balken und Steinen verrammelt war.
Der Führer blieb vor ihr stehen und betrachtete sie argwöhnisch von oben bis unten. „Nun!“ sagte er, wies mit den Augen nach der Tür hin, und es war, als ginge ein Windstoß von seiner struppigen Braue aus. Sofort machten sich einige von seinen Leuten an die Arbeit; nur mit Mühe gelang es ihnen, die Balken zu entfernen.
Die Tür öffnete sich! Gott! welch ein grauenerregender Anblick bot sich den Augen der Anwesenden dar! Schweigend blickten sie einander an, ehe sie wagten, dort einzutreten. Es liegt etwas von den Schrecken des Grabes in solch einem unterirdischen Gang. Dort herrscht der Tod in seiner starren Majestät, er reckt seine knöchernen Gliedmaßen unter all den blühenden Städten und Dörfern, unter der heiteren, lebensfrohen Welt. Aber wenn dieses Todesgrauen atmende Innere der Erde noch von lebenden Wesen, von jenen Höllengeistern bevölkert wird, deren Anblick uns schon allein erzittern läßt, dann erscheint es noch furchtbarer. Der Modergeruch war so stark, daß anfänglich allen der Atem stockte. Eine riesengroße Kröte hockte da und glotzte die Eindringlinge, die sie in ihrer Ruhe gestört hatten, mit ihren gräßlichen hervorquellenden Augen an. Die viereckige Höhle hatte nur einen einzigen Eingang; große Stücke von Spinngeweben hingen in langen Fetzen von dem Erdgewölbe herab, das die Decke der Höhle bildete. Große Haufen von Erde, die von der Decke herabgestürzt waren, lagen am Boden. Auf einem dieser Haufen lagen Menschenknochen, und blitzschnell huschten schnellfüßige Eidechsen zwischen ihnen hindurch. Eine Eule oder eine Fledermaus hätte in dieser Umgebung noch schön gewirkt.
„Warum ist das keine Stube! ’s ist eine schöne Stube!“ schrie der Führer. „Allez, hinein! Du, Hund, du wirst hier gut schlafen! Leg’ dich mal auf den Erdklumpen und nimm dir die Kröte zum Kopfkissen, oder besser, nimm sie dir für die Nacht zur Frau!“
Einer von den Königlichen lachte über diesen Scherz, aber sein Gelächter fand in diesen feuchten Hallen ein so schreckliches, tonloses Echo, daß er selbst erschrak. Der Gefangene, der bis dahin stillgestanden war, wurde in die Mitte der Höhle gestoßen und hörte nur noch, wie hinter ihm die Tür knarrte und die Balken krachten, die den Eingang versperrten. Das Licht erlosch, und Finsternis umfing das Innere der Höhle.
Der Unglückliche erbebte. Es schien ihm, als hätte man den Sargdeckel über ihm zugeschlagen, und das Krachen der Balken, die den Eingang versperrten, schien ihm dem Klirren des Spatens zu gleichen, wenn die Erde mit schrecklichem Laute auf die letzten Überreste eines Menschen fällt und die Menge gleichgültig wie das Grab und wie im Traume flüstert: „Er ist nicht mehr — aber einst lebte er.“ Nach dem ersten Schrecken verfiel der Gefangene in eine sinnlose Spannung, in einen seelenlosen Zustand, der gewöhnlich einzutreten pflegt, wenn ein Schlag einen so furchtbar trifft, daß der Mensch nicht einmal den Mut hat, an ihn zu denken, sondern seine Augen auf irgendeinen unbedeutenden Gegenstand heftet und ihn aufmerksam betrachtet. In solchen Augenblicken gehört er einer anderen Welt an und hat keinen Teil mehr an dem, was die Menschen bewegt: er sieht gedankenlos vor sich hin, er fühlt, ohne zu empfinden, und ist von einem seltsamen Leben erfüllt. Zuerst heftete er seine Aufmerksamkeit auf die ihn umgebende Finsternis. Für eine Spanne Zeit war alles vergessen — ihr Schrecken und der Gedanke daran, daß er lebendig begraben war. Mit all seinen Sinnen suchte er sich mit der Finsternis vertraut zu machen, und vor ihm tat sich eine ganz neue seltsame Welt auf: plötzlich sah er helle Streifen die Dunkelheit durchziehen — eine letzte Erinnerung an das Licht. Diese Streifen nahmen alle möglichen Farben an und bildeten die seltsamsten Figuren. Es gibt keine absolute Finsternis für das Auge. Man mag es zudrücken, soviel man will, es malt und zaubert uns Farben vor, die es früher einmal gesehen hat. Diese bunten Arabesken nahmen entweder die Form eines bunten Schals oder eines reich geäderten Marmors oder endlich jene seltsame Gestalt an, die uns so wunderbar fremdartig anmutet, wenn wir ein Stück eines Flügels oder das Beinchen eines Insekts unter dem Mikroskop betrachten. Zuweilen sah er einen schlanken Fensterrahmen, den es doch in seiner Höhle nicht gab, vor seinem Blick auftauchen. Ein phantastisches Azurblau leuchtete in dem schwarzen Rahmen auf, verwandelte sich dann in ein Kaffeebraun, verschwand ganz und ging dann in ein dunkles Schwarz über, das mit Pünktchen von gelber, blauer oder unbestimmter Farbe besät war.
Bald aber verschwand diese ganze Welt, und des Gefangenen bemächtigte sich eine andere Empfindung. Anfänglich konnte er sich von diesem Gefühle keine Rechenschaft geben, dann aber gewann es immer mehr an Bestimmtheit. Er hatte ein Gefühl der Kälte auf seiner Hand, und seine Finger glitten unwillkürlich über etwas Schlüpfriges hin. Plötzlich fuhr ihm der Gedanke an die Kröte durch den Kopf! ... Er schrie auf und fühlte sich augenblicklich in die Wirklichkeit versetzt! Seine Gedanken tauchten plötzlich tief unter in den Schrecken der Gegenwart. Hierzu kam noch die gänzliche Erschöpfung seiner Kräfte und die furchtbare Stickluft: dies alles hatte zur Folge, daß er in eine tiefe Ohnmacht versank.
Unterdessen machten sich’s die königlichen Truppen in den Klosterzellen bequem, als ob sie zu Hause wären; sie schickten die Mönche fort, um die Ställe zu reinigen, und fingen fröhlich an zu zechen, voller Freude, daß sie sich endlich des Menschen, dessen sie bedurften, bemächtigt hatten.
1830.