Die große Völkerwanderung, aus der die heutige Bevölkerung Europas hervorgegangen ist, reicht mit ihrem Anfang bis in das ferne Altertum. Sie beginnt vielleicht gleichzeitig mit der Gründung Roms, ja vielleicht sogar schon früher. Während noch das Mittelmeer die neu entstandenen Staaten umspülte, die ersten Schritte eines aufkeimenden Handels beobachten konnte und der Geist der Völker, die die Blüte der antiken Welt bilden, sich immer mehr und mehr entwickelte — verbarg sich in den Tiefen Asiens eine andre unbekannte Welt, die dazu bestimmt war, die ganze antike Herrlichkeit, den Geist der Antike und seine alten Formen zu vernichten und sie durch einen neuen Geist zu ersetzen. Mittelasien bildet einen schroffen Gegensatz zum Süden und zu dem Südwesten dieses Kontinents, sowie zu den afrikanischen und europäischen Küsten des Mittelmeers, wo die blühende Vielgestaltigkeit der Natur, des Bodens, der Erzeugnisse, der Wechsel von Festland und Wasser, und die unzähligen Inselgruppen, die Vorgebirge und Meerbusen geradezu wie geschaffen sind, um die Tatkraft und den Geist des Menschen zu einer rapiden Entwicklung zu bringen. Die Natur Mittelasiens ist von ganz anderer Art: sie ist einförmig und unermeßlich. Seine Steppen gehen ins Uferlose, sie bilden ungeheure Flächen und scheinen einem wüsten Ozean zu gleichen, der nirgends durch eine Insel unterbrochen wird. Die stillen, regungslosen Seen inmitten dieser endlosen Ebenen konnten unmöglich zur Tatkraft anspornen. Es schien, als hätte die Natur selbst dieses Land für Hirtenvölker bestimmt, damit wir uns nach diesen eine Vorstellung von der primitiven Lebensweise der Urvölker bilden könnten. Die Unermeßlichkeit dieser Ebenen konnte im Menschen nie den Gedanken an einen dauernden Wohnsitz aufkommen lassen, ein Gedanke, der gewöhnlich nur beim Anblick von schroffen Felsen, Meeresufern, Inseln und überhaupt in Gegenden entsteht, wo man festen Fuß fassen kann. Wo dagegen die Natur in regungslosem Schlummer liegt, da wird auch der Mensch sorglos und kümmert sich nur um das Allernotwendigste. Die patriarchalischen Bewohner der Steppen nährten sich nur von Milch und Käse, die ihnen ihre halbwilden Haustiere lieferten, und nur selten aßen sie Fleisch. Daher vermehrten sich auch ihre Herden in ganz ungewöhnlichem Maße; ihre Besitzer mußten immer häufiger von einem Ort zum andern ziehen, mit jedem Jahr wurde der Bedarf an Wiesen größer und größer — und so kam es, daß das Land, das uns noch heutzutage durch seine unermeßliche Größe erschreckt, daß das Land, das doppelt so groß war wie die ganze zivilisierte Welt jener Zeit und mit dem sämtliche Bauern der Welt nichts anzufangen wüßten — daß dies Land zu eng für seine Bewohner wurde. Die mächtigeren Fürsten mußten die schwächeren verdrängen. Ein Hirtenvolk, das kein immobiles Eigentum hat, dessen Besitz sich auf ein durch die Zeit erworbenes und befestigtes Recht stützt, gibt leicht dem ersten Ansturm nach und zieht selbst mit seinen Herden weiter. So wurde Asien ein Menschen ausspeiender Vulkan. Jedes Jahr warf es neue Menschenscharen und Herden aus seinem Inneren aus, die ihrerseits die schon früher Ausgespienen aus ihren Niederlassungen verjagten. Diese überschritten die Berge und drangen in Europa ein. Man kann wohl sagen, diese Völker schritten nicht in einer bestimmten Richtung vorwärts, sondern eins verdrängte das andere mechanisch von seinem Platz. Das waren keine Eroberer, sondern eine Art Sklaven, die unter dem Druck einer angedrohten Strafe handelten. So zog sich eine Kette von Völkern von Osten und Nordosten durch ganz Europa bis nach Süden hin. Im Süden stieß sie auf das erste Hindernis, sie bekam die gewaltige Macht der Römer zu spüren und traf mit der antiken Welt zusammen. Unterdessen fuhr Asien weiter fort, neue Scharen von Menschen auszuwerfen. Der Anstoß, der von jedem neuen Ausbruch dieses Vulkans ausging, pflanzte sich durch die ganze Kette fort: die neuen Scharen drängten die vorderen Reihen weiter, jene die vor ihnen marschierenden und so fort. Die Wucht dieser Völkerwanderung wurde bald außerordentlich stark, dafür aber wurde auch der Gegendruck seitens der Römer sehr kräftig, so daß sich an der Grenze des römischen Reiches eine ungeheuere Menge von Völkern zu stauen begann. Bei jedem neuen Ausbruch wurde diese Menge immer größer und stärker, und es wurde den Römern immer schwerer, sich ihrer zu erwehren. Endlich gaben die Römer nach, und die Horden stürmten mit gewaltigem Ungestüm nach dem Süden Europas. Hätte Europa im Süden nicht das Mittelländische Meer zur Grenze gehabt, oder hätten diese Völker irgendein Verständnis für die Schiffahrt besessen, so hätte die Völkerwanderung noch lange fortgedauert — denn Asien hörte nicht auf, neue Menschenscharen auszuwerfen — die Völker wären nach Afrika übergesetzt, Europa wäre noch viele Jahre lang nicht zur Ruhe gekommen, das Chaos hätte noch lange fortbestanden, viele Reiche wären erst viel später gegründet und der Fortschritt der Zivilisation wäre überhaupt um viele Jahrhunderte zurückgeworfen worden. Aber als die Völker den Süden Europas erobert hatten, und als sie das Meer und die Unmöglichkeit, weiter vorwärtszuschreiten, vor sich sahen, da entschlossen sie sich, mit aller Gewalt gegen die nachdrängenden Feinde vorzugehen. Als die letzteren auf solch unerwarteten Widerstand stießen, beschlossen sie auch, ihre Feinde zurückzudrängen, die nun ihrerseits wieder dasselbe mit ihren Gegnern taten, und so geschah es, daß der Anstoß die entgegengesetzte Richtung erhielt, und die Bewegung kam plötzlich zum Stehen. Die Folgen dieser Erscheinung machten sich sogar in Asien fühlbar, und einige Hirtenvölker wurden hierdurch gezwungen, zum Ackerbau überzugehen.
Diese Völkerwanderung hätte sich viel schneller vollzogen, wenn auch Europa aus solch flachen, offen daliegenden Ebenen bestanden hätte, wie sie Asien bedecken. Hier dagegen hatte die Natur auf einer verhältnismäßig kleinen Fläche eine ungeheuere Unregelmäßigkeit und Mannigfaltigkeit hervorgebracht: überall ist das Festland vom Meere durchfurcht, seine Ufer bestehen aus zahllosen Halbinseln und Vorgebirgen, und auch im Innern gibt es nur sehr wenig ebene Flächen; der Boden steigt und senkt sich in einem fort, erhebt sich und bildet ungeheure Gebirge, oder er fällt jäh herab und bildet tiefe Täler, die wie durch einen Erdsturz zwischen diesen entstanden zu sein scheinen. Dazu kam, daß Europa zu jener Zeit noch mit undurchdringlichen Urwäldern bedeckt und von sumpfigen Mooren durchzogen war. Und daher vollzog sich die Völkerwanderung, je tiefer sie bis ins Innere Europas drang, immer langsamer und langsamer: die Menschen mußten sich durch Wälder hindurchschlagen, Berge übersteigen und Sümpfe umgehen. Ihre Niederlassungen bildeten sozusagen Oasen, und die einzelnen Völker wurden durch Urwälder und unerforschte Gegenden voneinander getrennt, so daß sie häufig lange gegen jegliche Überfälle geschützt waren. Und wenn dann eine neue Springflut von gewaltigen Völkermassen, befehligt von einem unternehmenden Führer, herankam und Europa mit wundersamen Fanalen illuminierte, indem sie die alten Urwälder in Brand setzte und der Vernichtung preisgab, dann bot sich den erstaunten Blicken der Ankömmlinge ein Volk dar, von dessen Existenz sie keine Ahnung gehabt hatten, und das in seinen Sitten und Gebräuchen sich zwar weit von ihnen entfernt, dennoch aber eine gewisse Ähnlichkeit mit ihnen bewahrt hatte. Man kann sagen, ganz Europa bestand damals aus lauter Fetzen und Bruchstücken, die die Natur selbst voneinander getrennt hatte; daher war die Unterwerfung dieses Erdteils und seine Vereinigung unter der Gewalt eines Herrschers ein Ding der Unmöglichkeit, und so entstanden die zahlreichen europäischen Nationen, die sich ohne allen Zweifel zu einer Nation verschmolzen und einen einheitlichen Charakter angenommen hätten, wenn Europa eine einzige offene Ebene gewesen wäre. Das war eine neue nie gesehene Welt, von der die antiken zivilisierten Völker nichts wußten, und die sich, wie man wohl sagen darf, auch selbst kaum kannte.
Den Kern dieser Völker bildeten die zahlreichen Stämme germanischer Nation, die sich über den ganzen Westen ausbreiteten. Die Ufer der Nordsee, des Rheins, der Donau und ganz Mitteleuropa bis zur Ostsee waren von ihnen besetzt. Als die Römer zum erstenmal mit ihnen zusammenstießen, bewies der Kulturzustand dieser Völker, daß sie schon lange in Europa ansässig waren, und daß ihre Übersiedelung nach Europa schon im grauesten Altertum stattgefunden haben mußte. Daß sie jedoch aus Asien stammten, dafür konnte man den Beweis in der seltsamen Ähnlichkeit einiger deutscher Stammwörter mit der persischen Sprache finden. Ob nun Asien in grauer Urzeit zugleich die Stämme ausgeworfen hat, die später im Süden inmitten der Berge das persische[8] Volk und in den nordischen Wäldern Europas das Volk der Germanen gebildet haben, oder ob vielleicht später der gewichtige Einfluß der Parther, die aus Mittelasien hervorbrachen, eine Reihe von Wörtern in die persische Sprache eingeführt hat, die man bis dahin nur in den unermeßlichen asiatischen Steppen vernommen, und die sich bereits in Europa verbreitet hatten[9] — wie dem auch sei — jedenfalls stammen die Germanen ursprünglich aus Asien und hat sich ihre Einwanderung in Europa schon in grauer Urzeit vollzogen.
Diese Völker bildeten einen vollkommenen Gegensatz zu den Römern und gewissermaßen eine Welt für sich. Ihre physische und geistige Natur trug den ausgesprochenen Stempel echter Ursprünglichkeit und Eigenart. Ihre physische Organisation widersprach durchaus der der Völker der Alten Welt. Die schwarzen glänzenden Augen, das dunkle Haar, das ausdrucksvolle Gesicht des Südländers, in dem sich die Begierde nach Üppigkeit und übermäßigen Genüssen zu spiegeln schien — dieser gemeinsame Typus der bereits erstarrten antiken Welt — traf hier auf sein vollkommenes Gegenteil: die blauäugigen, blonden, großen und starken Germanen mit dem einseitig wilden, kriegerischen Ausdruck im Gesicht repräsentierten einen völlig neuen Typus der menschlichen Natur, der den Beginn der Neuen Welt kennzeichnete.
Ihre Religion, ihre Lebensweise, ihr Temperament, die Grundelemente ihres Charakters unterschieden sich in jeder Beziehung von den zivilisierten Völkern jener Zeit. Die Religion der Germanen zeichnete sich durch eine besondere Eigenart aus. Ihre Gottheit, der Gegenstand ihrer Anbetung, war die Erde. Es war, als hätte der düstere Anblick des damaligen Europa ihnen die Idee zu dieser Religion eingegeben. Nur selten von Sonnenlicht umflossen, immer nur im Schatten hundertjähriger Eichen lebend, und Höhlen als erste Wohnstätten oder Verstecke für ihre Schätze grabend, sahen sie nichts wie die Erde, deren gewaltige Kraft auf ihrer Oberfläche Pflanzen wachsen ließ, die ihnen als armselige Nahrung dienten, und herrliche, hohe Bäume, die über ihren Köpfen rauschten — und so konnten sie die Erde für die Erzeugerin aller Dinge halten. Von ihr leiteten sie ihren Gott Tuisto-Teut ab, der einen Sohn Mannus hatte und von diesem wiederum die verschiedenen Stämme der germanischen Völker, die sie für die ältesten Bewohner der Welt hielten. Es könnte scheinen, als ob dieser Begriff von der Religion sie ganz wesentlich von Asien unterscheidet, aber wir müssen nicht vergessen, welch gewaltigen Einfluß die Natur und die Bodenverhältnisse stets gehabt haben. Die Natur übt eine despotische Herrschaft über den Urmenschen aus. Je mehr der Mensch sich entwickelt, je mehr sein Geist heranreift, um so mehr Macht bekommt er über die Natur, und dann schreibt er ihr die Gesetze vor, aber im wilden Urzustande muß er sich ihren Gesetzen fügen, ist er ihr Sklave. In Mittelasien liegt der Himmel immer offen vor dem Auge da; dort ist er unübersehbar und von einer gewaltigen Ausdehnung; im Vergleich mit ihm erscheint die Erde armselig und klein. Keine einzige hochgewachsene Pflanze, kein spitzer, kantiger, hoher und schmaler Fels fesselt das Auge; das auf den unabsehbaren Flächen sprießende Gras erscheint hier noch niedriger als sonst. Aber hier strahlt die Sonne in ihrer ganzen Herrlichkeit und überflutet alles mit ihrem Licht: leuchtende Sterne übersäen dicht das Himmelsgewölbe, und sie allein dienen den Menschen zum Halt und Wegweiser. Daher war in Asien überall die Anbetung der Sonne und der Himmelsgestirne vorherrschend. Je mehr dagegen die Völker nach Europa vordrangen, desto seltener sahen sie die Sonne. Das dichte, majestätische Dunkel der europäischen Wälder machte einen tieferen Eindruck auf ihre ungebildete Phantasie. Die Nebel und die aus den Sümpfen aufsteigenden Ausdünstungen verbargen den Himmel vor ihnen, und die Notwendigkeit, sich zeitweise mit dem Ackerbau zu beschäftigen, brachte es mit sich, daß sie sich enger an die Erde anschlossen. Daher war auch bei den germanischen Völkern die Anbetung der Gestirne nur sehr wenig verbreitet, und nur bei ganz wenigen Völkern hat sich eine Erinnerung daran erhalten. Tief im Waldesdickicht, das nie von einem Sonnenstrahl durchdrungen wurde, brachten sie ihrer Göttin, der Mutter Hertha, ihre Opfer dar. Es scheint so, als ob ihnen die Finsternis für heilig galt, darin war ihre Religion schon von Anbeginn allen anderen Religionen unähnlich. Sie glaubten an die Unsterblichkeit. Aber ihr Himmel war ein finsterer Himmel. In ihrer Walhalla sahen sie nur die Fortsetzung ihres kriegerischen Lebens: dorthin versetzten sie ihre germanischen Eichen, ihre flammenden Lagerfeuer und das Getöse ihrer Waffen; bleifarbene Wolken verhüllten ihren Himmel, den sie mit den dunklen Schatten ihrer großen im Kriege gefallenen Helden bevölkerten. Die Anbetung Herthas verbreitete sich fast bei allen germanischen Stämmen. Zu den Gegenständen ihrer Verehrung gehörten auch die Schatten ihrer verstorbenen Helden, die sie sich in übernatürlicher, ins Riesenhafte gesteigerter Größe vorstellten. Auch ihre treuen Gefährten, die Kriegsrosse, genossen dieselbe Verehrung, unter denen die weißen nach Tacitus für besonders heilig galten und in den heiligen Hainen untergebracht wurden. Man spannte sie vor den heiligen Wagen, dem der König und die Priester folgten, und aus dem Schnauben der Rosse deutete man die Zukunft.
Die germanischen Völker blieben lange Zeit ihrer ursprünglichen Lebensweise treu. Sie lebten nur für den Krieg, er bildete ihre ganze Freude. Beim Kriegslärm erbebten sie wie junge, kampfmütige Tiger. Sie dachten nur daran, ihre Kräfte zu messen und sich an der Schlacht zu vergnügen. Habgier und Beutelust spielte nur eine geringe Rolle: als Hauptsache galt ihnen nur, sich in der Schlacht hervorzutun, damit ihre Heldentaten später im Liede besungen würden. Alle Vorteile und ihr ganzes Lebensglück hing mit dem Namen dessen zusammen, der sich mit Kriegsruhm bedeckt hatte. Er wurde zum Führer gewählt; ihn bewunderten und verehrten alle Völker. Er war der Vermittler und Richter in allen Streitfragen, und er verteilte im Kriege nach eigenem Ermessen die ganze Beute; sogar fremde und weit entlegene Stämme sandten ihm Pferdegeschirr zum Geschenk; die verwandten und untergebenen Stämme brachten ihm freiwillig die Erzeugnisse ihrer Felder, Früchte, Rinder und Rosse als Gabe dar. Mut und Tapferkeit galten als etwas Göttliches; alles strömte um die Wette der Fahne des Führers zu, und jedermann kämpfte nicht um der Beute willen, sondern um sich vor ihm auszuzeichnen und ein Wort der Anerkennung von ihm zu hören. Sein Name lebte noch lange in den Heldengesängen fort, nach seinem Tode wurden ihm zu Ehren große Festgelage veranstaltet, und noch lange rühmte sich sein Stamm seiner Heldentaten; seinem Schatten wurden allmählich göttliche Ehren zuteil, und er wurde ein Gegenstand der Anbetung. Solch ein Schicksal war beneidenswert, denn auch im unentwickelten Menschen glüht ja schon die Sehnsucht nach Unsterblichkeit. Alle ohne Unterschied eiferten danach, ruhmvolle Taten zu vollbringen; die Schlachten häuften sich, und die Germanen waren stets bereit, auf den ersten Ruf mit ihren wilden Kriegshorden heranzubrausen.
Sie kämpften fast nackt, indem sie ihre athletische Kraft in aller Schlichtheit an den Tag legten. Ein Mantel, der statt von einer Schnalle, von einem Dorn zusammengehalten wurde, ein Raubtierfell über der Schulter — das war ihre ganze Rüstung. Sie stellten sich in dichten Haufen in keilförmiger Schlachtordnung auf und kämpften von nahem und von ferne mit kurzen Lanzen, die Framen genannt wurden; mit der Löwenkraft ihrer Muskeln schleuderten sie sie so weit, wie es nötig war, um den Feind zu erreichen; nur ihre Schilde waren etwas schöner und prächtiger und waren mit grellen Farben bemalt; Scharen von Frauen und Kindern folgten ihnen in die Schlacht, begleiteten sie mit ihrem Geschrei und spornten sie immer wieder zu neuem Mut an: sie dachten nicht an Flucht, der Gedanke an die Sklaverei, die ihre Frauen und Kinder erwartete, verdoppelte nur die wilde Kraft ihres Ansturms, und der Feind war gezwungen, nachzugeben. Die Frauen sogen ihren Männern mitten im Getümmel der Schlacht die Wunden aus, verbanden sie, ja sie trugen die Verwundeten auf ihren Schultern hinweg. Der Tod des Führers wirkte nicht etwa lähmend auf sie, im Gegenteil, er kettete alle durch das stählerne Band der Rache zusammen und machte sie unüberwindlich. Es galt als größte Schande, seinen Schild wegzuwerfen; der Unglückliche, dem dies passierte, wurde ein Opfer der allgemeinen Verachtung und nahm sich selbst das Leben. Nur auf Grund der allgemeinen Achtung herrschte der Führer, ohne daß ihm sonst irgendwelche Machtmittel zu Gebote standen, unumschränkt über die Stämme, und die Krieger befolgten mit bewunderungswürdigem Gehorsam seine Befehle. Doch nicht nur im Kriege hatte er den Oberbefehl, er behielt zuweilen seine Macht auch während des Friedens bei und nannte sich dann Heerführer[10].
Die Germanen waren sehr freiheitsliebend und wollten keine Gewalt über sich anerkennen. Eine eigentliche Regierung gab es nicht. Sie versammelten sich und veranstalteten Volksversammlungen, die jeden Monat bei Neumond und Vollmond, bei außerordentlichen Anlässen jedoch zu jeder beliebigen Zeit abgehalten wurden. Sie erschienen träge und langsam zu diesen Versammlungen, wie um anzudeuten, daß sie aus freien Stücken kämen; es vergingen einige Tage, bis die nötige Zahl beisammen war und die Beratung beginnen konnte. Sie saßen in voller Rüstung da; nur die Priester hatten das Recht, Schweigen zu gebieten; die Familienältesten präsidierten, die sogenannten Grauhaarigen (grawion), die später diesen Namen in den der Grafen veränderten, die Fürsten und die, die sich während der Schlachten ausgezeichnet hatten, führten das Wort; ihre Rede war schlicht und von jenem kräftigen, gedrängten Lakonismus erfüllt, durch den sich die treuherzige Beredsamkeit junger Völker auszeichnet.
Sie waren schlicht und offenherzig; ihre Verbrechen waren nur die Folgen ihrer Unwissenheit und nicht ihrer Lasterhaftigkeit. Nur Ehrlosigkeit und eine niedrige Gesinnung galten als Verbrechen; Überläufer und Verräter wurden gehängt und einem qualvollen Tode überantwortet; für ein gemeines und ehrloses Vergehen wurde der Schuldige in einen Sumpf versenkt, und es wurde Schlamm und Reisig auf ihn geworfen, wie um etwas zu verbergen, was nie ans Tageslicht kommen sollte. Die untreue Frau war ganz in der Gewalt ihres Mannes: er durfte ihr das Haupthaar abschneiden, ihr ihre Kleider wegnehmen und sie nackt und schmachbedeckt mit Ruten durch Dörfer und Siedelungen jagen; niemand wagte es, auch wenn sie noch so schön war, ihr sein Mitleid zu bezeigen. Aber diese Fälle waren nur selten, denn die Germanen hatten einen wilden und rauhen Charakter, und bei ihnen herrschten nur Bräuche und Sitten, die gewöhnlich viel stärker sind als Gesetze.
In ihrem häuslichen Leben waren sie ganz im Gegensatz zu ihrem unruhigen kriegerischen Wesen sehr sorglos und träge. Sie waren stumpf und sehr faul und lagen in ihren Hütten herum, ohne sich vom Fleck zu rühren. Je mutiger ein Mann zu sein glaubte, um so mehr hielt er es für unter seiner Würde, sich mit irgendeiner Arbeit abzugeben; die Äcker wurden von alten Leuten, von den Schwachen, Minderjährigen und Knechten bebaut; letztere genossen volle Freiheit und mußten nur eine kleine Naturalabgabe von ihren Feldern zahlen. Alle häuslichen Arbeiten lagen auf den Schultern der Frauen. Die Frau brachte ihrem Manne keine Mitgift in die Ehe mit, im Gegenteil, er mußte ihr am Vorabend der Hochzeit einen Ochsen im Joch, ein voll ausgerüstetes Pferd und eine Lanze darbringen, wie um damit auszudrücken, daß sie von nun an an all seinen Beschäftigungen teilnehmen müsse.