Die Kleidung der Germanen war ganz anders, als dies in der römischen Welt und bei allen südlichen Völkern üblich war, die eine gewisse Liebhaberei für leichte, weite Gewänder hatten; sie trugen enge Kleider, die sich fest an den Körper anschmiegten, und die Tierfelle, in die sie sich mit Vorliebe hüllten, verliehen ihnen ein wildes, tierisches Aussehen. Die Kleidung der Frauen unterschied sich nur wenig von der der Männer; einzelne trugen hochrote Leinwandröcke, die nur bis zum Gürtel reichten, so daß der Hals, der Busen und die Arme offen blieben. Die Kinder waren sich ganz allein überlassen und wuchsen in der Gesellschaft der Haustiere auf. Erst wenn sie volljährig wurden, durften sie Waffen tragen und an den Versammlungen teilnehmen. Die Gastfreundschaft, die allen wilden Völkern von primitiven Sitten eigen ist, war auch den Germanen eigentümlich; der Gast wurde reichlich beschenkt, und wenn jemand nicht in der Lage war, einen Gast zu bewirten, führte er ihn selbst zu einem seiner Genossen.

Am häufigsten jedoch konnte man die alten Germanen bei ihren Festgelagen antreffen, wo manches Mal mehrere Nächte hindurch gezecht wurde, dann war der Wald prachtvoll erleuchtet von lohenden Eichen, und ein Getränk aus gegorenem Gerstensaft, wahrscheinlich der Urahne des heutigen Biers, das in Deutschland so viel getrunken wird, ließ ihren Gedanken, Reden und Entschlüssen freien Lauf. Bei diesen Gelagen kamen alle ihre Unternehmungen zur Reife. Hier faßten sie die Pläne zu ihren kühnen, gewagten Angriffen, die während einer gemächlichen Volksversammlung wohl nicht jedem und auch nicht immer in den Sinn gekommen wären. Sie waren stürmisch, waghalsig, und wenn sie einmal wach, erschüttert und aus ihrer kaltblütigen Indolenz aufgerüttelt waren, kannte ihre Leidenschaft keine Grenzen. Ihre Verwegenheit kam ganz besonders beim Würfelspiel zum Ausdruck, da konnte der wilde Germane so leidenschaftlich werden, daß er sein Haus, seine Waffen, sein Weib, seine Kinder und zuletzt sich selbst verspielte und in die Sklaverei verkaufte — ein Zustand, der ihn schlimmer dünken mußte als der Tod! Vielleicht war dieses wilde Temperament die Quelle jener starken, kühnen Leidenschaften, die den Europäer erfüllen.

So geartet waren die germanischen Völker — diese wilden Elemente, aus denen das neue Europa hervorgegangen ist. Sie zerfielen in unzählige Stämme und überzogen das nördliche Europa ebenso dicht wie die dichten europäischen Wälder. Um einen klaren Überblick über sie zu gewinnen, wollen wir mit den Gegenden beginnen, wo die Alte Welt diese ersten Begründer der Neuen Welt zuerst erblickte, d. h. mit der Donau, die den Römern als Grenze diente. Hier wohnten Stämme, die zwar noch frei aber doch nicht mehr ganz wild waren, und die schon Beziehungen mit dem antiken, zivilisierten Rom angeknüpft hatten, als da sind: die Hermunduren, die Narisker, die Markomannen und die Quaden. Ferner lag eine große Kette von germanischen Stämmen an den Ufern des Rheins von seiner Quelle bis tief herab zu der Stelle, wo er ins Meer fällt. Das waren die Vangionen, Triboker, Nemeter, Matiaken, Ubier; auf sie folgten die Tenkterer, die besten Reiter, deren Reiterei auch bei den Römern berühmt war, und deren ganzer Besitz aus ihren Rossen bestand und immer dem Tapfersten hinterlassen wurde; dann folgten die Usipier und hart an der Mündung des Rheins, wo er ins Meer strömt — die mächtigen Bataver.

Das mittlere Deutschland war ganz mit Wäldern bedeckt und barg die wildesten und mächtigsten Stämme in sich. Von Westen nach Osten fortschreitend, treffen wir zuerst auf die Chatten, die Ahnen der heutigen Hessen; sie bewohnten die aus zahllosen Hügeln bestehenden Ufer des Main. Dieses Volk verbreitete Schrecken um sich durch sein Fußvolk, durch dessen vortreffliche Aufstellung und Organisation, durch seine umsichtige Angriffstaktik und den wilden Ausdruck seiner Gesichter. Die Sitten und Gebräuche der Chatten setzten einen durch ihre Eigenart unwillkürlich in Erstaunen. Kein Jüngling durfte sich das Haar schneiden, ehe er nicht seine Hände in Feindesblut gewaschen hatte, während der Schlacht mußten sie in den vorderen Reihen kämpfen, und dann jagten sie den Feinden mit ihren struppigen, behaarten Gesichtern Angst und Schrecken ein. Jeder Chatte trug einen eisernen Ring am Arm, was sonst für schmachvoll galt, weil der Ring an eine Kette erinnerte, doch durfte er ihn nicht früher ablegen, als bis er mit eigener Hand einen Feind getötet hatte. Südlich von den Chatten wohnten die Cherusker, die Bewohner des Harzes, weiter folgten die Fosen, die Sigambrer, die Brukterer, die Angrivarier, die Chasuarier und endlich die Harier, die sich durch eine ganz eigene Angriffsweise auszeichneten. Sie führten ihre Überfälle in dunklen finsteren Nächten aus, färbten sich, um Schrecken und Furcht einzuflößen, ihren Leib, trugen schwarz angestrichene Schilde und boten sich dem erstaunten Blicke der Feinde, die diesen Anblick nicht zu ertragen vermochten, wie ein Leichenzug dar. Östlich von ihnen in etwas freieren, offener daliegenden Gegenden wohnten die Sueven. Diese bestanden aus einer Menge verschiedener Stämme und führten noch lange Zeit ein Hirtenleben, obwohl sich der Boden wegen seiner vielen Sümpfe nur wenig dazu eignete.

Überhaupt kann man sagen, je mehr man sich dem Süden oder dem Südwesten näherte, um so mehr Ackerbau treibende Stämme traf man an; oder Ackerbau und Viehzucht traten zusammen auf; je mehr man sich dagegen dem Osten, Ungarn, Dacien und Polen näherte, um so mehr überwog das Hirtenleben, und je tiefer man endlich in die Wälder des Harzes eindrang, um so finsterer und kräftiger wurden die germanischen Stämme. Aber die allergefährlichsten unter ihnen, die selbst die Römer fast gar nicht kannten, und die dennoch die eigentlichen Zerstörer ihrer Herrschaft wurden — das waren alle die Stämme, die die Küsten des Meeres und die an der Ostsee gelegenen Länder bevölkerten. Bis hierher waren die Römer nie vorgedrungen. Hier wohnten Seeräuber, die unternehmungslustigsten unter den Germanen, die schon die Lage des Landes und des Meeres dazu zwang, sich in die kühnsten Unternehmungen zu stürzen.

So ein Leben führten die Friesen und Chauken am Ufer der Nordsee, dann ein wenig weiter die gewaltigsten unter den Korsaren des Nordens, die Sachsen, ferner in Holstein die Cimbern, an der Ostsee die Goten, die Wariner, die Rugier und Burgunder und in Preußen die Longobarden, die Vandalen und die Heruler. Außerdem gab es in Mitteldeutschland noch eine ganze Reihe von Abkömmlingen dieser Stämme, die ganz verborgen in Wäldern und Sümpfen lebten; während der häufigen Schlachten und Kämpfe zwischen den einzelnen Stämmen wurden sie aus ihren Verstecken hinausgedrängt und sahen sich nun gezwungen, Plätze aufzusuchen, bis zu denen kein Mensch vordringen konnte. Auch die Berge der Alpen und der Karpathen bargen eine Menge von Fetzen oder Überresten verschiedener Stämme in sich: gallische, germanische und wendische Völker, die in dem wilden Europa herumvagabundierten. Der Nordwesten des Erdteils konnte infolge seiner ungeheuren Unfruchtbarkeit und Armut und seiner langen, öden und ungeheueren Strecken keine starken Völker hervorbringen und großziehen. In seinen weit verstreuten, obdachlosen, verwaisten Bewohnern — den Finnen, und den Abkömmlingen estnischer Stämme erstarb alles Leben, ebenso wie in der Natur jener Gegenden.

Dies war jene besondere Welt in dem wilden Europa! Das waren die Völker, deren gewaltige Kraft die Römer vor allem an sich erfahren sollten. Und wenn das Weltreich nicht schon viel früher zusammenbrach, so liegt der Grund nur in der ungeheuren Zersplitterung der germanischen Völker, in der Bodenbeschaffenheit Europas, die sie hinderte, zu einem Ganzen zu verschmelzen, in der Einfachheit ihrer Sitten, die sie veranlaßten, sich mit den rohen Erzeugnissen ihres Landes zu begnügen, in dem für diese nur auf die Zerstörung ausgehenden Wilden so bezeichnenden Mangel an Habgier, in ihrem seßhaften Leben und in ihrer Liebe zur Freiheit, die sie immer wieder zwang, sich in die Tiefe der Wälder zurückzuziehen. Die Römer waren sich der Gefahr voll bewußt, die ihnen von der frischen Kraft dieser europäischen Völker her drohte. Und daher waren sie darauf bedacht, keine Grenze des Reiches, weder die asiatische im Osten, noch die afrikanische im Süden, so zu schützen und zu befestigen, wie die europäische im Norden. Hier, kann man wohl sagen, konzentrierte sich ihre ganze militärische Schutzmacht. Und man muß zugeben, daß die Verteidigungsmaßregeln, die während der damaligen Lage des an Erschöpfung zugrunde gehenden Reiches aufgeboten wurden, sehr vernünftig waren. Das römische Reich überließ seine gefährdeten Grenzen den frischen, kriegerischen Völkern, die sie am besten verteidigen konnten und sich anfänglich mit wenigem begnügten. Aber es muß zur Ehre der germanischen Völker gesagt werden, daß nur die äußerste Not sie zwang, dieses Geschenk Roms anzunehmen. Diese Abhängigkeit erschien ihnen wie Sklaverei, und sie eilten wieder in die Tiefe ihrer Wälder zurück — um dort ein Versteck für ihre Freiheit zu suchen. Die Anschläge der Römer zwangen sie, starke Bündnisse miteinander zu schließen, aber diese Bündnisse waren nie offensiver Natur, ihr Zweck bestand immer nur darin, die Freiheit, die den Germanen teurer als alles war, vor Gefahren zu schützen. Eins von diesen Bündnissen, das unter dem Namen des fränkischen Bundes bekannt wurde, wuchs und erstarkte dank der günstigen Lage des Landes und dem immer heftiger werdenden Ansturm seitens aller andern Stämme. Die verschiedenen Völker, die ihm beitraten, hatten einen Teil von Westfalen und Hessen besetzt und sich so eng miteinander verschmolzen, daß sie schließlich nur eine Nation unter dem Namen der Franken bildeten. Doch dieses Bündnis wäre den Römern nie so gefährlich geworden, und ganz Deutschland hätte sich auch weiter nicht geregt, wenn nicht eine fremde Kraft, d. h. Völker, die aus Asien kamen, einen Druck auf die Germanen ausgeübt hätte. Der östliche Teil Europas war äußerst gefährlich wegen seiner weiten Ebenen. Das war ein weitgeöffnetes Tor nach Westeuropa, der große Weg, auf dem die so verschieden gearteten Völker eines nach dem andern herangezogen kamen, hier waren auch die Wälder bedeutend häufiger niedergebrannt, wie in anderen Gegenden; auch die Sümpfe waren hier am frühesten ausgetrocknet und mit jedem Jahrhundert wurde dieser Weg freier und bequemer für die großen Völkerzüge. Die weiten offenen Flächen gaben den Völkern und Stämmen die Möglichkeit, sich zu großen Massen zu vereinigen, und eigneten sich ungemein für ein Nomadenleben, das seinerseits günstige Gelegenheiten zu Angriffen in großem Maßstabe bietet. Ein ganzes Volk konnte plötzlich seine fliegenden Wohnsitze verlassen und mit seiner ganzen Masse einen furchtbaren, unwiderstehlichen Überfall auf ein andres ausführen.

Eins von den germanischen Völkern ward früher denn alle übrigen dazu bestimmt, eine allgemeine Völkerbewegung hervorzurufen. Dieses Volk waren die Goten[11], ein Volk, auf dem ein furchtbarer Fluch zu lasten schien, der es zu ewigem Wanderleben verurteilte. Die Goten mußten lange herumirren, bald erschienen sie in Skandinavien, bald an den beiden Küsten der Ostsee und endlich im weiten Osten Europas. Nach dem Zeugnis des Geschichtsforschers Jornandes saßen sie ursprünglich in Skandinavien. Es ist sogar möglich, daß dies eins der Urvölker Europas war. Nachdem sie ihre schneebedeckte Heimat verlassen hatten, drangen sie bis an die Küsten Preußens und riefen eine große allgemeine Umwälzung hervor. Sie verdrängten die Vandalen, die Longobarden, die Heruler, die Burgunder und Sachsen aus jenen Landstrichen und zwangen sie gegen ihren eigenen Willen, sich am eifrigsten an der Zerstörung des weströmischen Reiches zu beteiligen. Die allgemeine Erschütterung machte sich in ganz Europa bemerkbar: diese ganze Kette der mächtigen baltischen Stämme näherte sich den Grenzen Roms, drängte viele Stämme ins Gebirge und in die Sümpfe zurück, konzentrierte ihre Kräfte noch mehr und machte so die Römer mit neuen Völkern bekannt. Von nun an konnte man Herulern, Vandalen und Longobarden in ihren Armeen begegnen.

Unterdessen hatten die Goten, nachdem sie vor sich her einen Weg gebahnt hatten, die am Ufer der Donau lebenden Völker, die Markomannen und die Quaden, teils vertrieben, teils unterworfen; nun vereinigten sie sich in großen Massen in den südlichen Ebenen Daciens und zogen zusammen mit den unterjochten Stämmen dem Schwarzen Meere entgegen. Je mehr sie nach Süden vordrangen, desto besser wurde der Weg, und um so schneller vollzog sich ihre Wanderung. Endlich erschienen sie mitten in Griechenland und in Kleinasien und brannten die Küsten des Schwarzen Meeres nieder. Chalcedon und Ephesus wurden eingeäschert. Athen wurde in furchtbarer Weise und schonungslos zerstört. Kaiser Decius erkannte die Gefahr, die den östlichen Grenzen seines gewaltigen Reiches drohte; er führte selbst seine Truppen gen Osten und fiel in der Schlacht mit der Waffe in der Hand, während sein Heer im Westen gegen die Vandalen, Heruler und Sueven kämpfte, die von den Goten aus ihrer Heimat vertrieben worden waren. Mit Beute beladen kehrten die Goten zurück, besetzten das heutige Rußland, erhielten auf Grund eines Vertrages mit den Römern ganz Dacien und setzten sich hier fest. Sie rissen die Herrschaft über die Völker, die an den Ufern der Donau wohnten, an sich und beunruhigten das sorglose Kaiserreich durch ihre Gegenwart. Als die Imperatoren, diese mächtigen Beherrscher der Welt, durch eigene schmerzliche Erfahrung den wilden Mut der Goten kennen gelernt hatten, beschlossen sie, sie in ihre Armee aufzunehmen und diesem unüberwindlichen Volk von Barbaren Sold zu bezahlen. Dadurch gewannen sie sich kräftige Verteidiger, zugleich aber zogen sie sich mächtige Feinde heran, denn sie enthüllten ihnen die Geheimnisse einer wohlausgebildeten Taktik, die ihnen später ein noch größeres Übergewicht verleihen mußte. Übrigens aber war die Strategie der Goten auch schon ohnedies unüberwindlich. Sie vereinigten in sich die Taktik der leichtbeweglichen Wandervölker und die der ansässigen bodenständigen Stämme. Sie formierten sich in gewaltigen, dichtgedrängten Massen und zeigten die gleiche Standhaftigkeit im Ansturm des ersten Angriffs, wie während des Höhepunktes der Schlacht oder bei ihrem Ausgang, wo ihre Kraft allmählich erlischt. Eine Schlacht mochte sich noch so lange hinziehen, es war unmöglich, die Reihen der Goten ins Wanken zu bringen. Sie begleiteten ihren Angriff, gleich anderen germanischen Stämmen, mit Gesängen. In ihren Liedern verherrlichten sie die Namen ihrer alten Helden: Fridigern, Vidicula Ethespamar und anderer. Die geistliche Obergewalt lag in den Händen eines einzelnen, dieser war zugleich König, Heerführer und Oberpriester; trotz alledem aber hing er von dem Rate der Tapferen ab.

Bei den Goten herrschte von Urzeiten an das königliche Geschlecht der Balten, und nur aus diesem Geschlecht durfte ihr König gewählt werden. Sie beteten Wotan an, der im grauen Altertum zusammen mit Odin, diesem nordischen Ulyß[12], ihr Heerführer gewesen war. Von allen germanischen Stämmen waren die Goten am meisten zur Assimilation der Kultur befähigt. Bis zur Mitte des IV. Jahrhunderts wurde die Macht der Goten von den Völkern, die an der Donau sowie von denen, die im Westen und Osten des heutigen Rußland saßen, anerkannt. Der Name ihres Königs Hermanrich stand in hohen Ehren an den Ufern des Schwarzen Meeres sowohl als auch in Livland. Allein die gotische Herrschaft wurde durch den großen Völkerzug der Hunnen, die aus Asien hereinbrachen, erschüttert.