Die Hunnen oder Hjongnu waren nach de Guignes ein mächtiger Volksstamm, der die großen Steppen der Tatarei und der Mandschurei bewohnte und China in Unruhe versetzte; da sie jedoch der verschlagenen chinesischen Politik nicht gewachsen waren, wurden sie allmählich den chinesischen Kaisern tributpflichtig. Allein ein großer Teil der Hunnen erhob sich mit seinen Wagen und Roßherden und zog nach Westen, besetzte die Länder jenseits des Kaspischen Meeres und entzog sich so den Blicken Chinas. Ihre Ansiedelung an den Ufern des Kaspischen Meeres verlegen die römischen Historiker in die Zeit Domitians. Es ist hier vielleicht am Platz, darauf hinzuweisen, daß die gebildete griechisch-römische Welt jener Zeit bis zur Regierungszeit des Kaisers Valens gar nicht einmal wußte, daß dieses Volk existiert, bis plötzlich die aus den Gebirgen Asiens hervorbrechenden Hunnen und mit ihnen die Avaren, Unnuguren, Usenguren (Uturguren, Cuturguren) und alle die anderen Völker vor ihnen auftauchten, deren Namen für das feine und zugleich korrumpierte Gehör der Griechen und Römer einen so rohen Klang hatten. Der verheerende, unabwendbare Andrang dieser Bewohner Asiens, ihre Gewohnheit, rohes Fleisch zu essen, die Schädel der Feinde als Becher zu benutzen und die ersten besten unter ihren Gefangenen den Schatten ihrer Ahnen auf blutigen Scheiterhaufen zum Opfer zu bringen, ihre kalmückischen Züge, die flachen, plumpen, braunen Gesichter, die einem schon durch ihren wilden Ausdruck Angst einjagen konnten, ihre kleine Gestalt, die nur aus Muskeln zu bestehen schien — dies alles versetzte die asiatisch-römischen Provinzen in solchen Schrecken, daß deren Bewohner daran zweifelten, ob sie sie wirklich zur menschlichen Gattung rechnen sollten. Sie waren der Ansicht, die Magier und Zauberer, die in den ungeheuren Wüsten am Kaspischen Meer hausten, wären in unreinen Verkehr mit Teufeln getreten, und diesem Bunde seien die Hunnen entsprossen.
War es nur ein seltsamer Instinkt, der die Hunnen zurücktrieb, oder erschreckten sie die allzu bunten mit Gärten und Städten übersäten Flächen des römischen Asiens, die die Nomadenvölker für Gefängnisse halten und daher fliehen, oder fanden sie keine öden, freien Steppen, deren sie für ihre zahllosen Herden unbedingt bedurften — genug, sie zogen, statt die Richtung nach Süden einzuschlagen, — nach Nordwesten, berührten auf ihrem Wege den Kaukasus, scheuchten ein paar Volksstämme, die an seinem Fuße wohnten, auf und nahmen sie auf ihrer Wanderung mit sich, und diese große Masse von Nomaden ergoß sich über Europa. Auf dem vorgeschobensten Posten Europas standen damals, wie wir gesehen haben, die Goten. Ihre zahlreichen Stämme und die von ihnen unterjochten Völker waren die ersten Wachtposten Europas und standen in dichten Scharen vor seinem mächtigen Tore, ein Tor, das leider viel zu gewaltig für den kleinen Erdteil — Europa — war. Und die Goten, dieselben Goten, die bis dahin für das unüberwindliche Bollwerk Europas und für eine unbesiegbare Macht gegolten hatten, wichen vor den Hunnen zurück. Es konnte auch gar nicht anders kommen. Die geheimnisvolle Kraft eines solchen Ansturms seitens solcher asiatischer Völkermassen war den Goten vollkommen unbekannt. Wenn die Goten gewußt hätten, daß ein solcher Einfall asiatischer Stämme nur durch den ersten gewaltigen Anprall gefährlich ist, und daß nur die Fähigkeit, ihnen einen dauernden Widerstand entgegenzusetzen und die Schlacht in die Länge zu ziehen, den Sieg entscheiden kann — wenn die Goten dies gewußt hätten, dann hätten sich die Hunnen wieder in den Kaukasus zurückgezogen, und Europa hätte nichts von der großen Erschütterung verspürt, die sein ganzes Äußere umwandeln sollte. Aber dies Geheimnis blieb den Goten unbekannt. Übrigens muß man auch anerkennen, daß es einer schier übermenschlichen Tapferkeit und Geistesgegenwart bedurfte, um dem ersten Ansturm der Hunnen zu widerstehen. Sie begleiteten ihren Angriff mit so entsetzlichem Geschrei, ihre ungeheuren Massen kamen so dichtgedrängt herangeflogen, ihre beinahe wilden Rosse kamen so wütend angerast, als stürzten sie einen steilen Abhang hinunter und als könnten die Reiter selbst ihren Sturmschritt nicht hemmen; ihr schmales, zwischen den dicken Backen fast verschwindendes Auge war so scharf und sicher, sie gaben der Schlacht jeden Augenblick eine so rasche Wendung, sie konnten sich so schnell in alle Winde zerstreuen und verschwinden, sich so plötzlich wieder in einem Haufen vereinigen, sie schleuderten mit so großer Treffsicherheit einen ganzen Wald von Lanzen gegen ihren Feind, selbst wenn sie die Flucht ergriffen, wußten sie sich so vorzüglich durch ihre Geschosse zu decken und sie begleiteten dies alles mit einem so wilden, betäubenden Geschrei, daß sich schwerlich ein Heerführer finden konnte, dessen Auge nicht unsicher, dessen Kopf nicht schwindlig geworden wäre im Kampfe mit den Hunnen.
Nachdem sie die Goten vertrieben hatten, nahmen die Hunnen den westlichen Teil der polnischen Provinzen des heutigen Rußland, den Norden und die Donauländer ein — wieder nahm die Geographie Europas ein andres Ansehen an. Dadurch, daß die Hunnen einen so großen Flächenraum besetzten, mußten sie notwendigerweise eine starke Erschütterung und eine mächtige Verschiebung in den Wohnsitzen der einzelnen Völker hervorrufen. Die zurückgedrängten Goten zogen, obwohl ihnen dies nicht leicht wurde, nach Westen und Süden weiter; die Vandalen und Sueven, mit denen sich die Römer, oder besser gesagt, die römischen Germanen an den Grenzen schon vielfach gemessen hatten, zogen durch Frankreich über die Alpen und drangen in Spanien ein. Und hier in Spanien stießen plötzlich Völker aus den verschiedensten Himmelsgegenden zur allgemeinen Verwunderung miteinander zusammen: die Sueven von den Küsten der Ostsee und aus dem schneebedeckten Skandinavien und die Alanen, die die Hunnen auf ihrem Zuge vom Fuße des Kaukasus verscheucht und hierher getrieben hatten.
Fünfzig Jahre lang irrten die Hunnen in den Steppen Rußlands herum, zogen mit ihren Zeltwagen von Ort zu Ort und trieben ihre Roßherden von einem Platz zum andern, ohne weitere Eroberungen zu machen; denn auch diesmal wurde Westeuropa durch seine Urwälder und seine hügelige Bodenbeschaffenheit gerettet, auch fehlte es den Hunnen an einem unternehmenden Anführer. Sie begnügten sich damit, ihre nächsten Nachbarn zu überfallen, raubten meist ihre Frauen und Kinder und trieben ihre Herden mit sich fort. Unter diesen Raubzügen hatten die Goten, da sie ihnen am nächsten wohnten, am meisten zu leiden. Die Goten teilten sich um diese Zeit in zwei große Stämme: in die Westgoten, die sich ihre Könige aus der älteren herrschenden Linie der Balten, und in die Ostgoten, die ihre Könige aus dem neuen Herrschergeschlecht der Amaler wählten. Immer mehr von den Hunnen zurückgedrängt, drangen sie bis zum Süden der jetzigen Ukraine und der Moldau vor. Ein Teil der Westgoten, die sich nirgends sicher fühlten, wandte sich, geführt von Fridigern, Alatheus und Saphrax, mit der Bitte an den römischen Kaiser, er möge es ihnen erlauben, die Donau zu überschreiten, sich am südlichen Ufer des Flusses anzusiedeln und die römischen Provinzen gegen Überfälle der immer mächtiger werdenden Barbaren zu verteidigen. Der Kaiser Valentinian, der das Reich gemeinschaftlich mit seinem Bruder Valens regierte, nahm diese unerwartete Hilfe mit Freuden an — und die Westgoten überschritten die Donau. Unterdessen hatten die Ostgoten und ein Teil der Westgoten, die im Südosten wohnten, häufig unter Hungersnöten zu leiden, und da sie sahen, daß die Not immer stärker wurde, baten sie den Kaiser Valens, der die östlichen Provinzen verwaltete und in Konstantinopel residierte, sie mit allerhand Waren zu versorgen und ihnen zu gestatten, mit den Bewohnern des Landes Handel zu treiben.
Der Kaiser befahl den Regenten von Thracien, Lupicinus und Maximus, die Bitten der Goten in allen Punkten zu erfüllen; beide waren typische Griechen aus der byzantinischen Zeit — hinterlistig und immer bereit, auch ohne dringende Veranlassung ein Verbrechen zu begehen, den Barbaren gegenüber aber hielten sie jede Missetat für erlaubt. Sie ließen sich mit den Goten nicht erst in Handelsgeschäfte ein, sondern raubten sie ganz einfach aus und trieben sie bis zum Äußersten, so daß diese genötigt waren, ihre eigenen Frauen und Kinder zu verkaufen; endlich luden sie die heldenmütigsten Goten unter freundschaftlichen Vorwänden zu sich ein und beschlossen, sie heimlich umzubringen. Dies rief die Rachsucht dieses wilden Volkes, das sich jedoch noch ein ursprünglich menschliches Gefühl bewahrt hatte, wach. Ungeheure Scharen von Goten fielen in Thracien ein, drangen bis Konstantinopel vor, brannten alles nieder und plünderten und äscherten alle Städte und ihre Umgegenden ein, die sie auf ihrem Wege antrafen. Der Kaiser Valens befand sich in einer sehr mißlichen Lage. Er war ein eifriger Arianer und verfolgte unbarmherzig alle Gegner dieser Sekte. Infolgedessen hatte er viele Feinde, und selbst sein Bruder Valentinian, der Kaiser von Rom war, verweigerte ihm seine Hilfe. Überdies war der Kaiser Valens auch sehr grausam und mißtrauisch; man hatte ihm geweissagt, ein Mann, dessen Name mit den Buchstaben Theo... beginnt, würde seinen Untergang herbeiführen — und so ließ er denn sämtliche Theoderiche, Theodate und Theodosiusse, die irgendein bedeutenderes Amt bekleideten, erdolchen oder erwürgen. Es versteht sich von selbst, daß diese Taten in seinen Untertanen keinen allzu großen Eifer und keine Neigung, ihren Monarchen zu verteidigen, wachriefen, und außerdem waren diese Untertanen ein erbärmliches und charakterloses Volk; die Soldaten waren jederzeit bereit, zu meutern und beim ersten Anlaß die Flucht zu ergreifen; die Staatsgelder wanderten in die Hände von Eunuchen, Günstlingen, Konkubinen und schlauen Priestern, und so erhielt Valens schließlich die Strafe für sein früheres Leben. Verlassen von den fliehenden Soldaten, suchte er Schutz in einer armseligen Hütte und wurde zusammen mit dieser von den rachsüchtigen Goten verbrannt. Nur der Unkenntnis der Goten, die sich nicht auf die Belagerung einer Stadt verstanden, verdankte Konstantinopel seine Rettung. Triumphierend und mit Beute beladen kehrten die Goten zu ihren Wohnsitzen zurück, bei den Römern eine schauerliche Erinnerung an ihren Besuch hinterlassend.
Bald darauf erfolgte die endgültige Teilung des römischen Reichs. Der Kaiser Theodosius hoffte, es noch durch diese Säkularisierung zu retten, er glaubte, die Schwäche des Reiches sei die Folge seiner unermeßlichen Größe und der Unmöglichkeit seiner Beherrschung durch einen einzelnen. Die östliche Hälfte, die von nun an mit Recht die griechische genannt wurde — noch treffender hätte man sie das Reich der Eunuchen, Komödianten, Günstlinge, Rennbahnen, der Verschwörer, der gemeinen Mörder und der disputierenden Mönche nennen können — erhielt Arcadius, der ganz unter dem Einfluß seines verschmitzten Vormunds Rufinus stand; die westliche Hälfte, die mit Unrecht die römische genannt wurde, weil hier alle beliebigen Ämter der Verwaltung von Emporkömmlingen besetzt waren, die von Goten, Vandalen oder anderen germanischen Völkern abstammten und nur mit einem dünnen äußerlichen Firniß römischer Bildung überzogen waren: diese westliche Hälfte, die mitten im eigenen Herzen gewaltsam eindringende Feinde beherbergte, und die wie ein lebendiger Leichnam die Lebenskraft in sich schwinden sah und fühlte, dies weströmische Reich fiel dem minderjährigen Honorius zu, der sich völlig von Stilicho leiten ließ; letzterer war von Geburt ein Vandale, der unter Theodosius ein treuer und tapferer Vasall gewesen war, aber unter dessen unbedeutendem Sohn ein gemeiner Schwächling wurde. Die Vormünder, die die entgegengesetzten Enden Europas regierten, haßten einander. Das erste Geschenk, das Rufinus, der schlau war wie ein byzantinischer Grieche, seinem Feinde Stilicho übersandte, war das mächtige Heer der Westgoten, die er überredet hatte, Italien zu erobern, während er ihnen versprach, seinerseits Rom jede Hilfe zu verweigern. Und die Westgoten verließen insgesamt ihre Wohnsitze in Dacien und an den Ufern der Donau und drangen in Italien ein. Aber für Stilicho hatte diese Invasion gar keine Schrecken, im Gegenteil, er freute sich im geheimen über sie und knüpfte eine Menge von Plänen an sie. Vor allem hoffte er, mit Hilfe dieser zahlreichen Menge junger, kräftiger Barbaren viele andere Barbaren, die schon ins Innere des römischen Reichs eingedrungen waren, zu vernichten. Damals gehörte Gallien zu Rom und es gehörte doch auch wieder nicht dazu. Der starke Frankenbund stand mit den unter seiner Hegemonie vereinigten Stämmen an der Grenze dieses Landes; im Osten und Süden, d. h. im Herzen Frankreichs, hatten sich’s die Alemannen und Burgunder bequem gemacht. In Spanien hielten die Sueven, die Alanen und Vandalen die besten Teile des Landes, d. h. den Süden, besetzt, und die römischen Präfekten und Befehlshaber spielten unter ihnen eine recht traurige Rolle: sie bekleideten eine Würde, ohne die geringste Macht zu besitzen. Es schien fast, als läge über der halben Welt statt des römischen Reichs nur sein langer, mächtiger Schatten. Dieses Reich glich einer tausendjährigen Eiche, die einen durch ihren ungeheuren Umfang in Erstaunen setzt, aber deren Inneres schon längst verfault und vermodert ist. Stilicho wußte geschickt Alarich von seiner Absicht, sich in Italien niederzulassen, abzubringen, indem er ihm das reiche blühende Spanien anbot. Er hatte sogar den Plan, diese Barbaren gegen seinen Feind Rufinus aufzuhetzen; ja er träumte schon davon, sich, wenn der Plan gelingen sollte, an Stelle des schwachen Honorius zum Kaiser ausrufen zu lassen, aber die Sache war zu fein gesponnen, und statt dessen sank sein eigener Kopf vom Rumpfe. Der schwache, unbedeutende Honorius, der auch nicht einen von Stilichos Plänen erfaßt hatte, befahl einem seiner Feldherrn, der ebenso unverständig war wie er, den Goten, die sich schon nach Spanien gewandt hatten, um sie zu schädigen, in den Rücken zu fallen. Da aber kehrte Alarich mit einem Male um und stand nun plötzlich vor den Toren Roms. Wie gewöhnlich floh Honorius; der Senat, der seine Ohnmacht einsah, flehte den mächtigen Goten an, er möge doch abziehen, versprach ihm, Tribut zu bezahlen, und folgte ihm sofort einen Teil aus; der Sieger entschloß sich, auf den anderen Teil zu warten, und zog sich von Rom zurück. Kaum aber hörte Honorius, daß die Gefahr vorüber sei, als er nach Rom zurückkehrte, doch er dachte nicht daran, den versprochenen Tribut zu bezahlen. Da jedoch erschien Alarich in heller Empörung vor den Mauern Roms, und drohte, die ewige Stadt in einen Haufen Asche zu verwandeln.
Am 23. August 409 nahmen die Mauern der Weltresidenz den Anführer der Goten in sich auf. Die herrlichen Häuser und Paläste wurden geplündert, aber der fürchterliche Alarich verbot die Brandstiftung und das Blutvergießen. Hieraus kann man ermessen, wie groß seine Willenskraft und die Macht war, die er über seine wilden Heerscharen besaß, konnte er sie doch davon abhalten, wovon selbst ein Befehlshaber gebildeter Truppen seine Soldaten nicht immer abzuhalten imstande ist. Von Honorius war in der Stadt keine Spur zu entdecken, er hatte längst Zeit gefunden, sich davonzumachen. Dafür aber machte der Eroberer kein Hehl aus seiner tiefen Verachtung der Römer; er ernannte ihren Präfekten Attalus zum Kaiser und ließ ihn auf den Knien vor der Tür seines Zeltes vorbeirutschen. Nachdem er seinen Rachedurst gestillt hatte, verließ er Rom und zog nach dem Süden Italiens. Hier schmiedete er große Pläne; er erbaute eine Flotte und wollte schon seine siegreichen Fahnen nach der afrikanischen Küste tragen, da gebot der Tod seinem Siegeszuge Halt. Um ihm ein Grab zu bereiten, leiteten die Westgoten das Bett des Busentostromes ab, gruben auf seinem Grunde ein tiefes Grab, in das sie den Leichnam hinabsenkten, schütteten es zu und lenkten den Strom in sein früheres Bett zurück, damit niemand das Grab des großen Goten schänden oder ihm Schimpf antun könnte. Nach Alarichs Tode ward Athaulf zum König gewählt und dieser führte die Goten endlich nach Spanien, wo sie sich sehr bald festsetzten und ein mächtiges gotisches Königreich gründeten, nachdem sie die unbedeutenden römischen Befehlshaber von dort vertrieben hatten.
Die Einwanderung der Westgoten machte sich an allen Enden Spaniens lebhaft bemerkbar. Die Alanen und Sueven wurden stark bedrängt und sahen sich gezwungen, die Herrschaft der Goten anzuerkennen. Selbst die Vandalen, die bis dahin in Spanien die stärkste Vormacht gebildet hatten, wurden energisch zurückgedrängt und gegen die Küste des Mittelmeers zurückgeworfen. Schon dachte der König Geiserich daran, nach Afrika überzusetzen. Da trat ein Ereignis ein, das die Verwirklichung seines Planes, wie absichtlich, noch beschleunigte. Um diese Zeit herrschte in Rom für den minderjährigen Valentinian und seine Mutter der berühmte Aëtius; er war sehr unternehmend, ehrgeizig, schlau und nicht wählerisch in den Mitteln, wenn es galt, zu erringen, was er wünschte. Aëtius hatte einen mächtigen Feind in Bonifacius, dem Statthalter in Afrika, und daher war er entschlossen, ihn zugrunde zu richten. Zu diesem Zweck ließ er ihn im Auftrag des Kaisers nach Rom rufen. Bonifacius aber hatte den Plan durchschaut, und daher war er entschlossen, in Afrika zu bleiben und Geiserich um Hilfe anzugehen. 427 landete Geiserich mit seinen Vandalen und einem Teil der Alanen an der afrikanischen Küste und bezeichnete seinen Weg durch Brandstiftungen und Verwüstungen. Zu spät sah Bonifacius ein, welchen Fehler er begangen hatte, sich einen solchen Gast einzuladen. Er hatte sich bereits mit seinem Kaiser ausgesöhnt und wollte nun seinem unruhigen Verbündeten Einhalt gebieten. Aber es war nicht so leicht, mit Geiserich fertig zu werden, und Bonifacius ward geschlagen. Geiserich steckte Karthago in Flammen, plünderte die Häuser, metzelte die Einwohner nieder und riß alle Reichtümer an sich, die er nur finden konnte.
Die schnellen Erfolge entfachten seinen wilden Ehrgeiz noch mehr. Bald war die ganze Küste Nordafrikas der Herrschaft der Vandalen unterworfen. Mit Feuer und Schwert bekehrte er die Bevölkerung zum arianischen Glauben und gründete eins der mächtigsten Reiche dieser wilden und finsteren Epoche. Nun aber wurde Geiserich übermütig. Seine fürchterliche Flotte zerstreute sich über das Mittelmeer und machte durch ihre Raubzüge jegliche Schiffahrt unmöglich. Jedes Jahr erschien dieser numidische Löwe an sämtlichen Küsten des Mittelmeers, von Griechenland und Illyrien bis Gibraltar, und raubte, als sammele er die Ernte von den eigenen Feldern ein, alles, was diese blühenden und bevölkerten Gegenden erzeugten. Spanien, Sizilien, Sardinien, Dalmatien hatten abwechselnd die fürchterliche und zerstörende Hand dieses gekrönten Piraten zu fühlen, der hier so schnell das erste Reich christlicher Corsaren gegründet hatte. Endlich aber erfaßte ihn inmitten aller Größe und der Pracht der zusammengeraubten Reichtümer jener Geisteszustand, jene schreckliche Melancholie, die den Geist verdorren läßt und quält und stets der Vorbote der Tyrannei, dieser furchtbaren Seelenkrankheit der Herrscher, ist. Er begann mißtrauisch zu werden gegen alle, die ihn umgaben, und sein Argwohn erstreckte sich zuletzt sogar auf seine Gemahlin, die Tochter eines Königs der Westgoten: er bildete sich ein, sie habe die Absicht, ihn zu vergiften. Ganz hingenommen von diesem Gedanken, befahl er, ihr Nase und Ohren abzuschneiden, und schickte sie so verunstaltet zu ihrem Vater. Weil er aber die Rache der Goten fürchtete, machte er dem Hunnenführer Attila den Vorschlag, von Norden aus in Spanien und Italien einzubrechen.
Attila residierte in Dacien; hier hatte er, unweit der Donau, sein Standlager aus rohen, hölzernen Hütten aufgeschlagen, in deren Mitte sich sein plumper Palast erhob. Attila war der Führer, der den Hunnen bis dahin gefehlt hatte. Er hatte gezeigt, welch furchtbare Gewalt die vorwärtsstürmende Kraft der Asiaten annehmen kann. Der ganze Nordosten Europas erkannte seine Herrschaft an. Die lange Kette der Völker, die dem schier unüberwindlichen Hunnenkönige Tribut zahlten, begann mit dem Kaukasus und endete am Rhein. Die Goten, die Gepiden, die Alanen, die Heruler, die Akatirer, die Thüringer und die Slawen, sie alle wurden von den Grenzen seines schnell wachsenden Nomadenreichs umschlossen. Der griechische Kaiser, der seine Verachtung kennen gelernt hatte, sandte ihm demütig seinen Tribut und lag im Staube vor seiner Macht und Größe. Attila war ein Mensch von kleiner Gestalt, fast ein Zwerg, mit einem ungeheuren Kopf und kleinen Kalmückenaugen, und sein Blick war so schnell, daß keiner seiner Untertanen ihn ertragen konnte, ohne unwillkürlich zu zittern. Mit diesem Blick allein beherrschte er alle seine Stämme, die trotz ihrer zerstreuten Wohnsitze und trotz der Verschiedenheit ihrer Lebensweise, ihrer Sitten und Gebräuche durch sein Wort zu einem einzigen Wesen zusammenschmolzen. Mitten unter seinen Höflingen, die mit geraubtem Golde prunkten, ging dieser merkwürdige Mensch in einem groben, weiten Gewand umher, lag auf einem gewöhnlichen Lager von Filz und trank fast nur Wasser aus einem Holzeimer; weder sein Roß, noch sein Sattel waren je mit Edelsteinen geschmückt, und er nannte sich selbst die Geißel Gottes, die gesandt ward, um die Welt zu züchtigen. Seine Macht über die Truppen war grenzenlos: sie glaubten, daß er ein verzaubertes Schwert besäße, mit dem er die ganze Welt erobern müsse. Die unterworfenen Völker beugten sich mit bewunderungswürdigem Gehorsam unter seine Herrschaft. Übrigens war auch jeder Gedanke an eine Empörung völlig ausgeschlossen, denn Attila hätte leicht vor seinem Zelt eine Pyramide von Schädeln errichten können, bei deren Anblick wohl einem jeden die Lust zu solchen Unternehmungen vergangen wäre. Er ließ sich nicht gern ohne Grund in einen Krieg ein, besonders wenn der Friede für ihn dieselben Vorteile hatte. Er war ein furchtbarer Richter. Er konnte auch großmütig sein, aber nur gegen Sklaven, die zu seinen Füßen lagen. Aber Attilas Rache .... jedoch niemand hätte den Mut gehabt, seine Rache heraufzubeschwören.