Anscheinend hatte Geiserichs Vorschlag ihn in seinen eigenen Plänen befestigt. Auf sein Gebot sammelten sich all seine zahllosen Stämme, und er zog mit ihnen gen Westen. Das römische Reich merkte bald, welch große Gefahr ihm drohte. Alle Nationen, die das Westeuropa jener Zeit bevölkerten, wurden von einer gewaltigen Aufregung ergriffen. Und nun geschah etwas Außerordentliches: Das ganze barbarische Westeuropa vereinigte sich zu einem einzigen Bündnis, die Römer schlossen sich den Zerstörern ihres Reichs, den Westgoten, Alanen und Franken an. Nomaden- und Hirtenvölker stürzten sich auf seßhafte und zum Teil schon ackerbauende Völker, das ungestüme despotische Asien auf das gefestigte, freie Europa. Hier müssen wir bemerken, daß die germanischen Völker um so freiheitsliebender waren, je weiter gen Westen sie lebten. Die Alpen waren von alters her eine Schutzwehr der europäischen Freiheit und im weiten Umkreise um sie herum haben sich die Stämme auch heute noch einen gewissen Unabhängigkeitszug bewahrt. Die Marneebene in Frankreich sollte der Schauplatz dieser in der Geschichte einzig dastehenden Schlacht werden. Das freie Westeuropa, die Römer, die Westgoten, die Aremoriker, die Breonen, die Burgunder, die Sachsen, die Alanen und die Franken unter Führung ihrer Könige und Feldherrn und unter der Oberleitung des gewandten Aëtius und das nomadisierende Osteuropa: die Ostgoten, Alanen, Gepiden, Markomannen, Veneter, Longobarden, Heruler, Akatirer, Avaren, Thüringer, Roktolanen sowie einige slawische Stämme unter der Führung ihrer Fürsten, Könige und Prinzen, geleitet von dem einen allmächtigen Willen Attilas, sollten eine Entscheidung über so manches herbeiführen, was für die Nachwelt von höchster Bedeutung ward. Das freie Europa hielt stand. Die unüberwindliche verderbenbringende Reiterei Attilas und die verbündeten Völker wurden zurückgeworfen, und der unbezwingliche Hunne, der seine ganze ihm zu Gebote stehende Willenskraft eingesetzt hatte, kehrte mit seinen Roßherden und Völkern in die Ebenen Ungarns und Pannoniens zurück. Aëtius, der nicht den Wunsch hatte, daß die Westgoten, die sich in dieser blutigen Schlacht mehr denn alle übrigen ausgezeichnet hatten, ein zu großes Übergewicht gewönnen, erleichterte Attila den Rückzug. Die große Völkerliga zerfiel, nachdem sie ihre Aufgabe erfüllt hatte, und alles kehrte, da man annahm, die Gefahr sei vorüber, in seinen Anfangszustand zurück.

Aber der fürchterliche Hunnenführer raufte sich zornig seinen edlen Haarschopf und fiel nach einem Jahr, nachdem er die Reihen seiner Truppen durch neue ergänzt hatte, in Italien ein, wo der sorglose Kaiser Valentinian und sogar Aëtius selbst nichts von Gefahr ahnten. Die erste Stadt, die Attilas schwere Hand zu spüren bekam, war Aquileja. Er äscherte sie vollkommen ein und wurde so die Veranlassung, daß ein Häuflein überlebender Einwohner am Adriatischen Meere die Stadt Venedig gründeten. Von hier zog er wie eine feurige Geißel durch ganz Italien. Die Städte Concordia, Brescia, Vicenza, Padua, Verona, Mantua, Mailand, Modena, Parma ließen nichts wie niedergebrannte Mauern sehen. „Ich schwöre es,“ rief der wilde Hunne, „da soll kein Gras mehr wachsen, wo der Huf meines Rosses den Boden berührt hat!“ Endlich sah auch Rom Attila vor seinen Mauern. Der erschrockene Papst trat in vollem Ornat und begleitet von einer ganzen Prozession dem unerbittlichen Hunnen entgegen und, — war es nun die Pracht des christlichen Ritus oder der unter den wilden, ja selbst unter den heidnischen Völkern vielfach verbreitete Gedanke, daß Rom etwas Heiliges in seinen Mauern berge — genug, Attila begnügte sich damit, einen großen Tribut zu erheben, zog sich zurück und verließ Italien.

Schon sollte die vereinigte Liga der westlichen Völker seine Macht und Rache kennen lernen, aber sein plötzlicher Tod rettete sie. Attila fand einen seltsamen Tod. Er, der so düster und zurückhaltend gewesen war, der es nicht einmal geduldet hatte, daß der Griff seines Säbels und sein Filzsattel mit goldenem Zierat oder Edelsteinen geschmückt werde, veränderte von einem Tage zum andern seine Lebensweise. Nachdem er die Tochter des Kaisers von Baktrien, ein Mädchen von wunderbarer Schönheit, geheiratet hatte, gab er sich, ganz berauscht von Wein und Gelagen, mit einer so wilden Leidenschaft der Sinnenlust hin, daß er seine ganze stählerne Lebenskraft wie in einem Zuge ausströmen ließ. Ein Blutstrom rann ihm aus Ohren, Mund und Nase, und er erstickte.

In einer unbekannten Wüste, in stockfinstrer Nacht grub man Attila das Grab und begleitete diese Arbeit mit Gesängen, in denen seine Heldentaten gepriesen wurden. Sein Leichnam wurde in einen dreiwändigen Sarg gelegt — die eine Wand war von Gold, die andre von Silber und die letzte von Kupfer; seine Waffen und das Geschirr seiner Rosse wurde mit ihm ins Grab gesenkt. Alle Knechte und Sklaven, die die Grube gegraben, wurden am Grabe erstochen, damit kein Lebender je die Stelle fände, wo die Gebeine des großen Mannes ruhten[13].

Nach dem Tode Attilas stoben die Hunnen plötzlich auseinander und zerstreuten sich wie alle asiatischen Völker, die nur durch den mächtigen Willen eines Führers zusammengehalten werden. Nunmehr breiteten sich die europäischen Völker weiter und freier aus, sie wurden selbständiger, und im Osten traten slawische Stämme mehr in den Vordergrund, die sich allmählich vermehrten und in sechzig verschiedene Stämme teilten; sie zogen bis nach Tirol, machten nach dem Abzug der Ostgoten an den Grenzen des griechischen Kaiserreichs von sich reden, drangen immer mehr in die weiten Ebenen ein und verwandelten sich allmählich in seßhafte Völker.

Über Italien lagen nach den Verwüstungen Attilas noch lange Rauchwolken, aber selbst in den halbzerstörten Ruinen nisteten noch immer allerhand Tücken und Ränke, und in diesem völlig erschöpften Reiche gab es immer noch elende Ehrgeizlinge. Dem Senator Maximus war es gelungen, Aëtius, die einzige Stütze des schwankenden Thrones, vor dem ohnmächtigen Kaiser Valentinian zu verdächtigen, und der undankbare Valentinian erschlug ihn mit eigener Hand. Nun aber, als er dieser Stütze verlustig gegangen war, fiel er selbst von der Hand des Maximus, dieser setzte sich die Kaiserkrone auf sein von kindischem Ehrgeiz erfülltes Haupt und heiratete die Witwe Eudoxia. Die Witwe aber dürstete nach Rache, sie war empört über den gemeinen Mord an ihrem Gemahl, Italiens Schicksal beunruhigte sie wenig, und so forderte sie Geiserich im geheimen auf, nach Rom zu kommen, um den Tod des Kaisers, seines Verbündeten und Freundes, zu rächen.

Geiserich ließ nicht gern lange auf sich warten; sofort verließ er mit seinen Vandalen die afrikanische Küste, schiffte sich auf seinen Piratenschiffen ein und landete in Italien. Und alles, was vom Schwert Attilas verschont geblieben war, das vernichtete Geiserich in gewohnter Weise. Er untersuchte nicht lange, wer recht und wer unrecht hatte, oder wem er Hilfe leisten sollte. Alle traf dasselbe Schicksal. Geiserich verstand sich besonders gut auf das Plündern; nach ihm fand niemand etwas, woran er sich hätte bereichern können. Rom, das bis dahin selbst von den Heiden verschont geblieben war, wurde von diesem christlichen König ganz erbarmungslos geplündert; alles, was überhaupt mitgenommen werden konnte, wurde mitgenommen. Er füllte seine Schiffe mit einer Unzahl von Gefangenen, mit denen er selbst nichts anzufangen wußte; er nahm eine Menge von Schauspielern und Künstlern mit, selbst die Frau des Kaisers samt ihren Töchtern, denen er doch zu Hilfe geeilt war, zuletzt holte er auch die goldene Kuppel vom Kapitol herunter und schleppte sie zugleich mit anderen Schätzen nach Afrika.

Nach all diesen Ereignissen erinnerte Italien kaum noch an den Schatten seines ehemaligen Ruhms. Einst in herrlicher Blüte prangend, der Glanzpunkt der europäischen Natur, bot es jetzt den wilden Anblick eines verwüsteten, zerstörten Landes dar. Der Name des Kaisers war in den verlassenen Städten kaum noch zu hören. Der römische Imperator hatte gar keine Einkünfte mehr. Er war nicht mehr imstande, seinem eigenen Heer, das aus Herulern, Rugiern und Turcilingern bestand, seinen Sold zu bezahlen. Und so setzte denn ihr Anführer Odoaker den Kaiser ab und wurde selbst ein unbeschränkter und völlig unabhängiger Herrscher; allein, er wollte die kaiserliche Würde gar nicht mehr annehmen, sondern nannte sich ganz einfach König der Heruler. Ein anderer Teil des römischen Heeres befand sich in Gallien, es war durch die Alpen gewissermaßen von der Heimat abgeschnitten, und sein Anführer Syagrius, der von den Ereignissen in Italien gar keine Kunde hatte, verteidigte hier das gar nicht mehr existierende Reich gegen den vereinigten Frankenbund, der um diese Zeit bereits übermächtig zu werden begann, weil ein unternehmender König und Feldherr, Chlodwig, an seiner Spitze stand. Syagrius, der von seinem Reich abgeschnitten war und gar keine Verstärkungen erhielt, fiel es schwer, diesen frischen Kräften Widerstand zu leisten: er gab nach, und Gallien wurde von fränkischen Stämmen überschwemmt. Bald darnach brachen die Ostgoten unter der Führung von Theoderich von den nördlichen Grenzen des oströmischen Reiches auf, nahmen Italien ein und brachten die dort lebenden Völker unter ihre Herrschaft. Kurze Zeit nachher setzten die Angelsachsen auf ihren plumpen, kühnen Schiffen über das Meer, unterwarfen England — und damit fand die große Völkerwanderung, soweit sie sich in großen Massen vollzog, endgültig ihren Abschluß, aber in engeren Grenzen und in kleinerem Umfange nahm sie auch noch weiter ihren Fortgang. Die vielen wilden Jäger, die dieses allgemeine Herüber- und Hinüberwandern und dieser beständige Wechsel der Wohnsitze herangezogen hatten, waren von einer starken Leidenschaft für allerhand Abenteuer und Wandern ergriffen, und obgleich ganz Europa jetzt scheinbar unbeweglich dalag, rührte es sich und wogte es dort hin und her wie auf einem ungeheuren Marktplatz. Alle Nationen waren so durcheinandergemengt, daß es vergeblich gewesen wäre, eine reine und unberührte entdecken zu wollen, und erst mit der Zeit drückten bestimmte stabile Regierungsformen oder Beschäftigungen den bedeutendsten unter ihnen eine besondere Eigenart und bestimmte unterscheidende Merkmale auf. Damals gab es vier große Völkergruppen oder -massen, die die anderen an Bedeutung überragten, gleichsam vier Hauptpunkte, in denen sich die Macht Europas konzentrierte. In Spanien — die Westgoten, die mit einem Teil der von ihnen unterjochten Völker dort eingefallen waren, sich daselbst, d. h. in Spanien mit den Alanen, Sueven, Vandalen und einigen anderen von diesen abhängenden Stämmen vereinigt und in dem Gebirge von Asturien eine Menge feindlicher Banditenbanden wider sich aufgeregt hatten. Ferner in Gallien die Franken, die bereits aus den früheren Nachbarn der Römer, den Germanen von der Donau und vom Rhein, den Usipiern, Sigambern, Cheruskern, Chatten, Brukteren, Angrivariern, Chasuariern und anderen eine Nation gebildet, sich mit den einheimischen römischen Galliern vereinigt, mit den unterworfenen Aremorikern, Bretonen, Alemannen, Burgundern und zum Teil auch mit den Bajuwaren und Friesen verbunden, ohne sich doch mit ihnen zu verschmelzen, und die das Gebiet ihrer Herrschaft bis über die Alpen über den Rhein hinaus ausgedehnt hatten.

Das war eine der mächtigsten Völkergruppen. Im nördlichen Deutschland saßen die Sachsen, die durch ihre Wildheit und ihr Korsarentum Schrecken erregten und sich nur wenig mit anderen Stämmen vermischt hatten, und in Italien die Ostgoten, in deren Masse sich viele Abkömmlinge von Völkern befanden, die in Osteuropa herumwanderten — Sueven, Alanen, Avaren, Slawen, Gepiden — und die unter der geschickten und festen Regierung Theoderichs eine Zeitlang das Übergewicht in Europa erlangten. Außerdem übten diese großen Völkermassen noch eine Schutzherrschaft über eine Menge weit abseits wohnender Stämme aus.

Die Grenzen zwischen ihnen verloren sich oft in unbekannte Räume; in dem von den Grenzen eingeschlossenen Lande erhielten sich häufig viele Völker, die hier ganz unabhängig durch- und nebeneinander lebten. So in Mitteldeutschland — die Longobarden, dann ein Teil der Bajuwaren, die sich in Italien ausgezeichnet, und alle Völker, die einst in den ehemals unermeßlichen Wäldern des Harzes und des felsigen Vorgebirges der Alpen gelebt hatten. Der Osten Europas war von den völlig zerstreuten slawischen Stämmen besetzt, die unter dem ewigen Druck aller aus Asien nach Europa strömenden Völker noch nicht Zeit gefunden hatten, tätig in die Weltgeschichte einzugreifen. Jenseits des so bezeichneten Kreises im Norden und Osten wohnten verschiedene Völker, die noch in dunkler Tatenlosigkeit dahinlebten.