Dies war die Lage Europas am Ende des V. Jahrhunderts, dessen Ausgang so laut und unruhig war, als durch den unbeschreiblichen Ratschluß der Vorsehung das gewaltige Chaos, das die dunklen Elemente zu einer neuen Welt in sich trug, sich auf Europa niedersenkte, als sich Völker in ungeheuren Massen verheerend auf andere Völker stürzten, zu jener Zeit, als noch gewaltige, finstere Taten geschahen, als die Namen eines Alarich, Geiserich und Attila gleich unruhigen Kometen durch die Welt schwirrten, während die Alte Welt im Osten langsam vermoderte, als die römische Kultur sich zaghaft an die Küsten Syriens, Alexandriens und Konstantinopels drängte und die ketzerischen Lehren eines Nestor und Eutiches an ihren gebrechlichen altersschwachen Kräften nagten.
IX
Memoiren eines Wahnsinnigen
Den 3. Oktober.
Heute hat sich etwas Außerordentliches ereignet. Ich stand diesen Morgen ziemlich spät auf, und als Mawra mir meine frisch geputzten Stiefel hereinbrachte, fragte ich sie, wieviel die Uhr sei. Als ich hörte, daß es längst zehn geschlagen hätte, beeilte ich mich mit dem Ankleiden. Ich muß gestehn, am liebsten wäre ich gar nicht in die Kanzlei gegangen, da ich im voraus wußte, was für eine saure Miene unser Abteilungschef machen würde. Schon seit geraumer Zeit pflegt er mich immer wieder zu fragen: „Sag’ mal, Freundchen, was geht eigentlich in deinem Oberstübchen vor, du läufst hin und her wie ein Irrsinniger und wirfst alles so durcheinander, daß sich selbst der Teufel nicht mehr auskennt, du schreibst die Titel mit kleinem Anfangsbuchstaben und datierst und numerierst die Akten nicht.“ So ein verdammter Kerl! Sicherlich plagt ihn der Neid, weil ich im Arbeitszimmer des Direktors sitze und die Federn für Seine Exzellenz schneide. Mit einem Wort: ich wäre gar nicht in die Kanzlei gegangen, wenn ich nicht die Hoffnung gehabt hätte, den Kassierer zu sehn, und von diesem Juden wenigstens einen kleinen Vorschuß auf mein Gehalt herauszukriegen. Das ist auch so eine Kreatur. Gerechter Gott, eher bricht das Jüngste Gericht herein, als daß er einem das Gehalt für einen Monat vorausbezahlt! Bitte ihn, soviel du willst, geh meinetwegen zugrunde, sei in der größten Klemme — der alte Satan rückt nicht mit Geld heraus. Dafür muß er sich von seiner Köchin zu Hause ohrfeigen lassen. Das ist ja weltbekannt. Ich sehe auch nicht ein, was es für Vorteile hat, im Departement zu dienen. Man hat da doch gar keine Einnahmen! In den Gouvernementsverwaltungen, in den Zivil- und Staatsbehörden dagegen, das ist eine ganz andere Sache! Da sitzt einer ganz in die Ecke gedrückt da und kritzelt irgend etwas — sein Frack ist ganz fadenscheinig — er hat eine Fratze, daß man ausspucken möchte. Aber seht mal hin, was er sich für eine Villa leistet! Man darf es gar nicht erst wagen, ihm eine schön vergoldete Porzellantasse anzubieten. „Das,“ sagt er, „solch ein Geschenk, das ist was für ’nen Doktor.“ Er dagegen muß gleich ein paar Pferde, eine Equipage oder einen Biberkragen für 300 Rubel haben. Äußerlich ist er so bescheiden und spricht so zart: „Wollen Sie mir nicht für einen Augenblick Ihr Messerchen leihen, um meine Feder zu schneiden!“ und dabei rupft er einen derartig, daß er einem kaum das Hemd am Leibe übrigläßt. Das muß man allerdings zugeben, unser Dienst hat etwas Vornehmes, überall herrscht eine solche Reinlichkeit, wie sie sich in keiner Gouvernementskanzlei finden dürfte, alle Tische sind aus Mahagoni, und die Vorgesetzten sagen „Sie“ zu einem. Ja, ich muß gestehn, ich hätte längst die Kanzlei verlassen, wenn nicht dieser vornehme Ton bei uns herrschte.
Ich legte meinen alten Mantel an und nahm einen Regenschirm in die Hand, denn es regnete heftig. Die Straßen waren leer; nur ein paar alte Weiber, die sich mit ihren über den Kopf geschlagenen Röcken vor dem Regen schützten, einige russische Kaufleute unter riesigen Schirmen und ein paar Droschken kamen mir entgegen. Von den besseren Leuten begegnete ich nur einigen von unseren Beamten. Bei einer Straßenkreuzung erblickte ich einen von ihnen. Als ich ihn bemerkte, dachte ich mir sofort: „He, Freundchen, du gehst mir nicht in die Kanzlei, du eilst jener Schönen nach, die vor dir herläuft, und spähst nach ihren Füßchen. Solche Teufelskerle, diese Beamten! Bei Gott! Die geben selbst einem Offizier nichts nach! Da braucht nur irgendein Mädel in einem netten Hütchen vorüberzugehn, sofort hat er sie schon gekapert.“ Als mir dies durch den Sinn ging, fiel mein Blick auf einen Wagen, der gerade vor einem Laden hielt, an dem ich vorüberkam. Ich erkannte ihn sofort: es war der Wagen unseres Direktors. Ich überlegte: „Er hat in diesem Laden nichts zu tun — gewiß ist es seine Tochter!“ Ich drückte mich dicht an die Wand. Der Bediente öffnete den Schlag, und sie hüpfte heraus wie ein Vögelchen. Sie wandte ihr Köpfchen nach rechts und nach links, wie reizend zuckte sie mit den Brauen und wie blitzten ihre Augen! ..... Gott! mein Gott, ich bin verloren, ganz verloren! ... Warum mußte sie aber auch bei solch einem Wetter ausfahren! Da soll noch jemand behaupten, daß die Frauen keine Leidenschaft für allerhand Putz und Flitterwerk haben. Sie hatte mich nicht erkannt, ich hatte ja absichtlich versucht, mich ganz hinter meinem Kragen zu verkriechen, weil ich einen ganz alten, fleckigen Mantel von altmodischem Schnitt umgelegt hatte. Jetzt trägt man Mäntel mit einem langen Kragen, und der meine hat mehrere kurze übereinander; obendrein war das Tuch nicht einmal decatiert. Ihr Hündchen, das nicht Zeit gehabt hatte, in die Ladentür zu schlüpfen, blieb auf der Straße. Ich kenne dieses Hündchen, es heißt Maggie; ich hatte keine Minute auf der Straße gestanden, da hörte ich plötzlich ein feines Stimmchen: „Guten Tag, Maggie!“ Was ist denn das, wer spricht denn da?! Ich schaute mich nach allen Seiten um und sah zwei Damen unter einem Regenschirm daherkommen: die eine war schon recht alt, die andere noch jung; sie gingen an mir vorüber, da erklang es aufs neue: „Schäm’ dich, Maggie!“ Hol’s der Teufel! Ich sah, daß Maggie einen Hund beschnüffelte, der hinter den Damen einherlief. „Aha!“ sagte ich zu mir; „wie wird mir, sollte ich am Ende betrunken sein? Aber das passiert mir ja nur höchst selten!“ „Nein, Fidel, du irrst dich!“ Jetzt sah ich’s deutlich: die, die dies sagte, war Maggie selbst: „Ich war, wau, wau, ich war, wau, wau, wau, sehr krank!“ „Sieh einer das Hündchen an!“ Ich muß gestehn, ich war sehr erstaunt, als ich hörte, daß es geradeso sprach wie ein Mensch. Aber als ich später alles ordentlich überlegte, hörte ich auf, mich zu wundern. Wahrhaftig, so etwas ist auf Erden schon häufiger vorgekommen! Man erzählt sich, daß in England einmal ein Fisch ans Land geschwommen sei, der zwei Worte in einer so merkwürdigen Sprache gesprochen hätte, daß sich die Gelehrten schon drei Jahre darüber den Kopf zerbrechen und doch nicht herauskriegen können, was das für eine Sprache war. Ich habe auch in der Zeitung von zwei Kühen gelesen, die in einen Laden gekommen seien und ein Pfund Tee verlangt hätten. Aber ich muß sagen, ich wunderte mich doch noch mehr, als ich Maggie sagen hörte: „Ich habe dir geschrieben, Fidel; gewiß hat Polkan dir meinen Brief nicht überbracht.“ Teufel auch, ich habe noch nie im Leben gehört, daß ein Hund schreiben kann. Richtig schreiben kann doch nur ein Edelmann ... Natürlich, es kommt wohl auch einmal vor, daß irgendein Kaufmann, ein Bureaumensch oder sogar ein Leibeigner etwas hinkritzelt! Aber das ist doch immer nur ein mechanisches Geschreibsel! Ohne Punkte, ohne Komma und ohne alles Stilgefühl! ...
Das setzte mich in Erstaunen. Ich muß gestehn, seit einiger Zeit fange ich an, Dinge zu sehen und zu hören, die bis jetzt noch kein Mensch gesehen und gehört hat. „Ich will mal diesem Hündchen folgen“, sagte ich zu mir, „und erfahren, wie und was es denkt.“ Ich spannte meinen Schirm auf und ging hinter den Damen her. Wir bogen in die Erbsenstraße, dann in die Meschtschanskaja, nachher in die Storljarnaja und endlich zur Kokuschkin-Brücke ein und blieben vor einem großen Hause stehn. „Dieses Haus kenne ich!“ sagte ich zu mir, „es gehört Swerkow.“ So ein Kasten! Was leben da nicht alles für Leute! Wie viele Köchinnen und wie viel Zugereiste gibt es da! Auch von uns Beamten gibt es da eine ganze Menge! Die sitzen wie Hunde einer auf dem andern und hetzen noch einen dritten auf ihn. Hier wohnt auch einer meiner Freunde, der sehr gut Piston bläst. Die Damen stiegen in den fünften Stock hinauf. „Schön,“ sagte ich zu mir „jetzt will ich nicht mitgehen, ich will mir die Gegend merken und nicht versäumen, mir die erste Gelegenheit zunutze zu machen.“
Den 4. Oktober.
Heute ist Mittwoch und daher habe ich meinen Chef in seinem Arbeitszimmer aufgesucht. Ich kam absichtlich etwas früher, setzte mich hin und spitzte noch einmal alle Federn an. Unser Direktor muß ein sehr kluger Mensch sein. Sein ganzes Kabinett ist mit Bücherschränken angefüllt. Ich las die Titel einiger Bücher. Lauter gelehrtes Zeug, so gelehrt, daß unsereiner sich gar nicht dranwagen kann — alles französische oder deutsche Bücher. Und wenn man ihm erst ins Gesicht sieht — uff — welche Würde leuchtet einem aus seinen Augen entgegen. Ich habe noch nie gehört, daß er ein unnützes Wort gesagt hätte. Wenn man ihm ein Papier reicht, bemerkt er höchstens: „Wie ist es heute draußen?“ „Feucht, Euere Exzellenz!“ Ja, das ist keine Gesellschaft für unsereinen. Er ist ein Staatsmann! Dennoch aber merke ich, daß er mich besonders gern hat. Ach, wenn doch auch seine Tochter ... so eine verfluchte Geschichte! ... Doch still davon! Kein Wort mehr! Ich las heute in der „Biene“. Die Franzosen sind doch ein dummes Volk! Was wollen sie eigentlich? Bei Gott, ich möchte sie alle übers Knie legen und auspeitschen. Ich las auch eine sehr nette Beschreibung eines Balles, die ein Gutsbesitzer aus Kursk verfaßt hatte. Diese Kursker Gutsbesitzer schreiben doch sehr gut. Da bemerkte ich, daß die Uhr halb eins schlug, und dennoch wollte „unser Chef“ noch immer nicht aus seinem Schlafzimmer herauskommen. Aber keine Feder ist imstande, das zu beschreiben, was sich um halb zwei Uhr abspielte. Die Tür wurde geöffnet, ich glaubte schon, es sei der Direktor, und sprang, mit den Papieren in der Hand, vom Stuhl auf: aber es war sie, sie selbst! Alle Heiligen! wie herrlich war sie angezogen! Ihr Kleid war schneeweiß wie das Gefieder eines Schwanes — ein wundervolles Kleid. Und wie sie mich anblickte — glich sie der Sonne — bei Gott — der Sonne! Sie grüßte und sagte: „Ist Papa nicht hier gewesen?“ Herr Gott! was für eine Stimme! — der reinste Kanarienvogel, wahrhaftig, der reinste Kanarienvogel! „Euere Exzellenz!“ wollte ich sagen, „vernichten Sie mich nicht, aber wenn Sie mich schon durchaus vernichten wollen, so tun Sie es mit Ihrem hochgeborenen Händchen!“ Aber hol’s der Teufel, die Zunge versagte mir ihren Dienst, und ich sagte nur: „Durchaus nicht!“ Sie sah erst mich an, dann die Bücher und ließ dabei ihr Taschentuch fallen; ich sprang eilig hinzu, glitt aber auf dem verfluchten Parkett aus und hätte mir fast die Nase zerschlagen, doch hielt sie mich noch im letzten Moment aufrecht und hob das Tuch auf! Alle Heiligen! Welch ein Tuch! der allerfeinste Batist — Ambrosia — das reine Ambrosia! Man glaubte ihm förmlich die Vornehmheit seiner Besitzerin anzumerken. Sie bedankte sich und lächelte flüchtig, so daß sich ihre zuckersüßen Lippen kaum merklich kräuselten, dann ging sie. Ich blieb noch eine Stunde lang sitzen, als plötzlich der Diener hereintrat und sagte: „Aksentjij Iwanowitsch, gehen Sie nach Hause, der Herr ist schon fortgefahren.“ Ich kann dieses Bedientenvolk nicht leiden; immer rekeln sie sich im Vorzimmer herum, und unsereins zu grüßen, das fällt ihnen gar nicht ein. Aber das ist noch nicht das Ärgste; einmal kam ein solcher Hund sogar auf den Gedanken, mir eine Prise anzubieten, ohne vom Stuhl aufzustehen. Ja, weißt du denn nicht, du dummer Sklave, daß ich ein Beamter und ein Edelmann bin?! Indessen nahm ich meinen Hut, legte mir allein meinen Mantel um, denn diesen hohen Herrn fällt es doch nicht ein, unsereinem hineinzuhelfen, und ging meiner Wege. Zu Hause lag ich meistens auf dem Bett. Dann schrieb ich ein paar schöne Verse ab:
„Da mein Lieb ein Stündchen nicht zu sehn ist —
’s muß ein Jahr schon her sein, dacht’ ich;