Weil mein Leben mir so arg verhaßt ist,
Kann ich da noch leben? — sagt’ ich.“
Wahrscheinlich ist es ein Gedicht von Puschkin. Abends wickelte ich mich fest in meinen Mantel und ging vor das Haustor Seiner Exzellenz, ich wartete ziemlich lange, ob sie nicht vielleicht heraustreten und in den Wagen steigen würde, ich hoffte, sie noch einmal zu sehn; aber sie kam nicht. —
Den 6. November.
Der Abteilungschef ist ganz aus dem Häuschen! Als ich in die Kanzlei kam, ließ er mich sofort rufen und sprach: „Sag’ mir bitte, was tust du eigentlich?“ „Wie? ich tue gar nichts,“ antwortete ich. „Höre mal, denk’ doch mal darüber nach, du bist doch schon über 40 Jahre alt — es wäre bald Zeit, daß du vernünftig wirst. Was bildest du dir eigentlich ein? Du glaubst wohl, ich sei nicht hinter all deine Schliche gekommen? Du läufst ja der Tochter unseres Direktors nach! Sieh dich doch nur mal an und mach’ dir mal klar, wer du eigentlich bist! Du bist doch eine Null — und weiter nichts. Du hast ja keinen Heller im Kasten. Wirf doch einen Blick in den Spiegel — wie kannst du nur an so etwas denken!“ Hol’ ihn der Teufel! weil sein Gesicht an eine Medizinflasche erinnert und weil er nur noch ein paar Haare auf dem Kopf hat, die er künstlich zu einem Schopf zusammendreht, den er mit allerhand duftenden Pomaden salbt, und weil er die Nase hoch trägt, bildet er sich ein, daß ihm allein alles erlaubt sei. Ich verstehe, ich verstehe sehr gut, warum er so wütend auf mich ist. Er beneidet mich, vielleicht weiß er, daß ich bevorzugt werde, vielleicht hat er die Zeichen des Wohlwollens bemerkt, die mir zuteil geworden sind. Ach was! Ich spucke auf ihn! Auch was Großes! Ein — Hofrat! trägt ’ne goldene Uhrkette und läßt sich Stiefel zu 30 Rubel das Paar machen. Ach! hol ihn doch der Teufel! Bin ich etwa aus niederem Stande? Bin ich etwa ein Schneider oder der Sohn eines Unteroffiziers! Ich bin ein Edelmann! Ich kann mich doch auch heraufdienen. Ich bin erst 42 Jahre alt —, und da beginnt doch eigentlich der Dienst erst richtig. Warte nur, Freundchen! wir werden auch noch einmal Oberst sein, ja, vielleicht, so Gott will, auch noch ein bissel mehr! Dann schaffe ich mir eine schöne Wohnung an, vielleicht noch eine bessere als deine. Du bildest dir wohl ein, daß es außer dir keine anständigen Menschen gibt? Dann schaffe ich mir einen Frack nach der neuesten Mode an und binde mir eine ebensolche Krawatte um wie du — dann reichst du überhaupt nicht an mich heran. Ich habe bloß kein Geld — das ist das Pech.
Den 8. November.
Heute war ich im Theater. Man gab „Filatka, den russischen Narren“. Ich habe sehr gelacht. Dann folgte noch eine Posse mit allerhand komischen Couplets, in denen es über die Gerichtsbeamten herging, besonders wurde ein Kollegienregistrator aufs Korn genommen; diese Couplets waren sehr kräftig, und ich habe mich gewundert, daß die Zensur sie nicht beanstandet hat. Von den Kaufleuten hieß es geradezu, daß sie das Volk betrügen, daß ihre Söhne verschwenderisch leben und nach dem Adelsstand streben. Dann gab’s auch ein sehr amüsantes Couplet über die Journalisten: der Autor bat das Publikum um Schutz vor ihnen, da sie immer alles herunterreißen. Die heutigen Schriftsteller schreiben sehr interessante Stücke. Ich gehe sehr gern ins Theater. Sobald ich nur ein paar Groschen in der Tasche habe, kann ich der Versuchung nicht widerstehn und geh’ hinein. Es gibt unter den Beamten solche Schweine, die durchaus nicht ins Theater gehen wollen — richtige Bauern — es sei denn, daß man ihnen ein Freibillett schenkt. Da war auch eine Sängerin. Sie sang wunderschön — sie erinnerte mich an jene .... ach! so ’ne Gemeinheit. Doch still, still ... kein Wort mehr davon.
Den 9. November.
Um 8 Uhr begab ich mich in die Kanzlei. Der Abteilungschef tat so, als bemerke er mein Eintreten gar nicht. Ich meinerseits tat auch so, als hätten wir nichts miteinander vorgehabt. Ich sah einige Akten durch und verglich sie miteinander. Um 4 Uhr ging ich wieder fort. Ich kam an der Wohnung des Direktors vorbei, aber es war niemand zu sehn. Nach Tisch lag ich meist wieder auf dem Bett.