Heute saß ich im Arbeitszimmer unseres Direktors, schnitt dreiundzwanzig Federn für ihn und für Ihre, oh, oh, oh, und für Ihre Exzellenz vier Federn. Er hat es gern, wenn recht viele Federn auf seinem Tisch bereit liegen. Oh, das muß ein Kopf sein! Er schweigt beständig, aber in diesem Kopf — glaub’ ich — erwägt er alles. Ich möchte gern wissen, worüber er am meisten nachdenkt, und was er für Pläne schmiedet. Ich möchte das Leben dieser Herrn gern so aus der Nähe beobachten, alle diese Equivoquen und Hofintrigen; wie sie sich bewegen, und was sie in ihrem Kreise tun und treiben: das würde ich gern erfahren! — Schon häufig hatte ich Lust, mich mit Seiner Exzellenz in ein Gespräch einzulassen, aber weiß der Teufel, die Zunge versagt mir ihren Dienst. Schließlich sagt man nur, daß es draußen kalt oder warm ist, und mehr bringt man bei dem besten Willen nicht heraus. Wie gern würde ich einen Blick ins Gastzimmer werfen, aber die Tür steht nur selten offen; von dem Gastzimmer aus sieht man in ein zweites Zimmer! Gott, was für eine noble Einrichtung! Was für Spiegel! Welch ein Porzellan! Ich würde auch gerne mal in den Teil des Hauses hineinblicken, wo Ihre Exz.... ja, da möchte ich gern einmal rein: in ihrem Boudoir, was stehen da wohl für Fläschchen und Büchsen, was für herrlich duftende Blumen, die man kaum anzuhauchen wagt, da liegt vielleicht auch ihr Kleid, das sie eben abgelegt hat, und das mehr einem Lufthauch als einem Kleidungsstück gleicht. Wie gern würde ich auch einen Blick ins Schlafzimmer werfen. Das muß ein Wunderland ... das muß ein Paradies sein, wie es, glaube ich, selbst im Himmel kein ähnliches gibt. Ich möchte das Bänkchen sehn, auf das sie des Morgens beim Aufstehn ihr Füßchen setzt, ich möchte sehn, wie sie sich die schneeweißen Strümpfe anzieht ... O Gott! o Gott! Doch still! still! Kein Wort mehr! Heute fiel’s mir plötzlich wie Schuppen von den Augen: ich erinnerte mich des Gesprächs der beiden Hunde, das ich auf dem Newsky-Prospekt belauscht hatte. „Gut,“ dachte ich bei mir, „ich werde jetzt alles erfahren! Ich müßte nur den Briefwechsel dieser beiden elenden Hunde auffangen. Daraus werde ich gewiß so manches erfahren.“ Ich muß hier anmerken: einmal habe ich Maggie sogar zu mir herangelockt und ihr gesagt: „Hör’ einmal, Maggie, wir sind jetzt allein, wenn du willst, werde ich sogar die Tür schließen, so daß uns niemand sehen kann — erzähle mir alles, was du von dem Fräulein weißt: was treibt sie und wie ist sie, ich schwöre dir, niemand soll etwas davon erfahren.“ Aber das listige Hündchen kniff nur den Schwanz ein, duckte sich ganz zusammen und schlich leise zur Tür hinaus, als hätte es nichts gehört. Ich vermute schon lange, daß die Hunde viel klüger sind als die Menschen; ich bin sogar überzeugt, daß sie sprechen können, nur sind sie sehr eigensinnig. Ein Hund ist ein großer Politiker: er bemerkt alles und beobachtet jeden Schritt, den der Mensch macht. Nein, es mag biegen oder brechen, morgen gehe ich zu Swerkow, frage Fidel aus und nehme, wenn es glückt, alle Briefe, die Maggie ihr geschrieben, an mich.

Den 12. November.

Um 2 Uhr machte ich mich auf, denn ich wollte Fidel durchaus sehen und aushorchen. Ich kann den Kohlgeruch, der aus allen Krämerläden in der Meschtschanskaja aufsteigt, auf den Tod nicht leiden, dazu dringt noch ein solcher Gestank aus allen Pforten, daß ich mir die Nase zuhielt und mich, so schnell ich nur konnte, aus dem Staub machte. Und dann verpesteten einem die gräßlichen Handwerker noch derartig die Luft mit dem Ruß und dem Rauch, der aus ihren Werkstätten aufsteigt, daß es für einen anständigen Menschen tatsächlich unmöglich ist, hier spazierenzugehen. Als ich zum sechsten Stock emporgestiegen war und die Glocke gezogen hatte, trat ein Mädchen heraus, das nicht übel aussah, und dessen Gesicht mit kleinen Sommersprossen bedeckt war. Ich erkannte sie. Es war dieselbe, die die alte Frau begleitet hatte. Sie errötete ein wenig, und ich begriff sie sogleich. — Die Kleine sehnte sich nach einem Schatz. „Was wünschen Sie?“ fragte sie. „Ich muß mit Ihrem Hündchen sprechen.“ Das Mädchen war offenbar sehr dumm! Ich merkte sofort, daß sie dumm war! In diesem Moment kam der Hund bellend herangesprungen: ich wollte ihn fassen, aber das Scheusal hätte mich mit seinen Zähnen beinahe an der Nase gepackt. Plötzlich erblickte ich in der Ecke sein Lager. Ach, das ist ja, was ich brauche! Ich trat näher, wühlte das Stroh im Holzkasten durcheinander und holte zu meiner großen Freude ein kleines Papierbündel hervor. Als das garstige Tier das sah, biß es mich erst in die Wade, dann aber merkte es, daß ich die Papiere eingesteckt hatte, und fing an zu winseln und zu schmeicheln, ich aber sagte: „Nein, mein Schatz, lebe wohl!“ und lief davon. Ich glaube, das Mädchen hielt mich für einen Wahnsinnigen, denn sie erschrak furchtbar. Als ich nach Hause kam, wollte ich mich sofort an die Arbeit machen und die Briefe entziffern — denn bei Licht sehe ich nicht gut. Aber Mawra war gerade dabei, den Fußboden zu waschen. Diese dummen Finnländerinnen sind besonders immer dann reinlich, wenn man es nicht brauchen kann. So ging ich denn hinaus, um einen Spaziergang zu machen und das Geschehene zu überdenken. Endlich werde ich alles erfahren! Alle ihre Pläne und Intrigen, alle geheimen Triebfedern und werde alles ergründen. Diese Briefe werden mir alles enthüllen. Die Hunde sind ein kluges Volk, sie kennen die politischen Verhältnisse, und daher werde ich dort alles Wissenswerte über unsern Chef finden, das Porträt und die Machinationen dieses Mannes. Sicherlich wird auch einiges über sie darin enthalten sein, das ... doch still, kein Wort mehr. Gegen Abend kam ich nach Hause und lag die meiste Zeit über auf dem Bett.

Den 13. November.

Nun wollen wir mal sehn! Der Brief ist ziemlich leserlich geschrieben. Doch aber liegt etwas Hündisches in der Handschrift. Wir wollen mal sehn:

„Liebe Fidel! Ich kann mich noch immer nicht recht an deinen plebejischen Namen gewöhnen. Konnte man dir wirklich keinen besseren geben? Fidel, Rose — wie vulgär das klingt! Aber lassen wir das jetzt beiseite, es freut mich sehr, daß wir beschlossen haben, einander zu schreiben.“

Der Brief ist recht orthographisch geschrieben. Die Interpunktionszeichen sind immer auf ihrem richtigen Platze, und die Buchstaben sind nirgends verwechselt. Ja, ich glaube, daß selbst unser Abteilungschef nicht so korrekt schreiben kann, obgleich er behauptet, daß er die Universität besucht habe. Sehen wir weiter!

„Mir scheint, eine der größten Freuden des Lebens ist, seine Gedanken, Gefühle und Eindrücke mit einem Freunde zu teilen.“

Hm ... diesen Gedanken hat sie aus einem deutschen Aufsatz, der in russischer Sprache erschienen ist. Ich kann mich nicht auf den Titel besinnen.

„Ich spreche aus Erfahrung, obgleich ich nicht weiter in der Welt herumgekommen bin, als bis vor unsere Haustür. Ist mein Leben nicht von Wohlstand umgeben? Mein Fräulein, das der Papa Sophie nennt, liebt mich grenzenlos.“