Herrschet Jubel in den Hallen,

Rauscht das Fest am Newastrand.

Und Kanonenschüsse schallen

Donnernd durch das weite Land.

Puschkin allein konnte die ganze Schönheit einer solchen Handlung empfinden. Seinem Untertan nicht nur vergeben können, sondern diese Tat, diesen Akt der Vergebung auch noch feiern, wie den Sieg über einen Feind — das ist ein wahrhaft göttlicher Zug. Nur im Himmel ist man solcher Handlungen fähig. Nur dort ist mehr Freude über die Reue eines Sünders als über einen Gerechten und alle unsichtbaren himmlischen Heerscharen nehmen an dem himmlischen Festmahle Gottes teil. Puschkin war ein Kenner alles Großen im Menschen, für das er ein tiefes Verständnis hatte, und wie hätte es auch anders sein können, wenn die innere Vornehmheit ein charakteristischer Zug fast aller unserer Schriftsteller ist? Es ist höchst merkwürdig, daß die Schriftsteller in allen anderen Ländern wegen ihres persönlichen Charakters nicht die volle Achtung der Gesellschaft genießen. Bei uns ist es gerade umgekehrt. Bei uns wird selbst ein Mensch, der kein Schriftsteller, sondern ein bloßer Pfuscher ist, der nicht allein keine schöne Seele hat, sondern sich bisweilen sogar recht gemeine und niedrige Handlungen zuschulden kommen läßt, im Innern Rußlands durchaus nicht für einen gemeinen Menschen gehalten. Im Gegenteil, in allen Russen, selbst in denen, die kaum etwas von den Schriftstellern hören, lebt etwas wie eine innere Überzeugung, daß der Schriftsteller ein höheres Wesen ist, daß er unbedingt ein edler Mensch sein muß, daß sich vieles für ihn nicht schickt und daß er sich manches nicht gestatten darf, was man andern verzeiht. In einer unserer Provinzen gab ein Adliger, der zugleich Literat war, während der Wahlen zur Adelsversammlung seine Stimme einem Menschen, der kein ganz reines Gewissen hatte — da wandten sich alle Adligen sofort gegen ihn, tadelten ihn und sagten vorwurfsvoll: „Und das will ein Schriftsteller sein!“

1846.

XI
Diskussionen
Aus einem Brief an L***

Der Streit um den Grundcharakter unserer europäischen und slawischen Natur, der, wie du sagst, bereits in unsere Salons einzudringen beginnt, beweist nur, daß wir bereits zu erwachen anfangen, aber noch nicht ganz erwacht sind; daher ist es gar nicht verwunderlich, daß auf beiden Seiten viel törichtes Zeug zusammengeredet wird. All diese Slawisten und Europäisten — Altgläubige und Neugläubige — Östlinge und Westlinge — (was sie aber in Wahrheit sind, weiß ich dir nicht zu sagen, weil sie mir bis jetzt nur eine Karikatur auf das zu sein scheinen, was sie wirklich sein wollen) — sie alle sprechen von zwei ganz verschiedenen Seiten derselben Sache, ohne auch nur zu ahnen, daß sie sich ja gar nicht widersprechen, und daß eigentlich gar kein Anlaß zum Streit für sie vorliegt. Die einen stehen zu nahe vor einem Gebäude und sehen nur einen Teil von ihm, die andern stehen zu weit und sehen die ganze Fassade, können aber dafür die einzelnen Teile nicht genau sehen. Natürlich ist die Wahrheit mehr auf seiten der Slawophilen und Östlinge, weil sie ja doch die ganze Fassade sehen, und folglich vom Ganzen und nicht von den Teilen reden. Aber auch die Europäer und Westlinge haben bis zu einem gewissen Grade recht, weil sie mit einer gewissen Ausführlichkeit und Bestimmtheit von der Mauer reden, die sie unmittelbar vor Augen haben; ihr Fehler besteht nur darin, daß sie über dem Giebel, der diese Mauer krönt, die Spitze, in die der ganze Bau ausläuft, d. h. das Kapitäl, die Kuppel und alle oberen Teile, nicht sehen. Man könnte den einen den Rat geben, doch, wenn auch nur für einen Augenblick, etwas näher heranzukommen, und den andern, ein wenig zurückzutreten. Aber sie werden nicht darauf eingehen, weil der Geist des Hochmuts beide gefangen hält. Jeder von beiden ist überzeugt, daß das Recht ganz und ausschließlich auf seiner Seite, und das Unrecht ganz und ausschließlich auf seiten des andern ist. Freilich ist mehr Hochmut auf seiten der Slawophilen; sie prahlen gern, jeder von ihnen bildet sich ein, er habe Amerika entdeckt, und macht aus jeder Mücke, die er findet, einen Elefanten. Natürlich bringen sie mit solch trotzigen Großsprechereien die Westlinge nur noch mehr gegen sich auf, die vieles schon längst aufgegeben hätten, weil sie heute bereits mancherlei kennen lernen, wovon sie früher nie etwas gehört haben, und sich nur noch dagegen sträuben, weil sie dem allzu trotzig tuenden Gegner nicht gern nachgeben wollen. [Diese Streitigkeiten wären alle miteinander nicht gefährlich, wenn sie sich nur auf die Salons und die Zeitschriften beschränkten. Das Schlimme ist, daß zwei entgegengesetzte Anschauungen, die noch so wenig ausgereift und geklärt sind, bereits die Köpfe vieler Männer von Ämtern und Würden zu beeinflussen beginnen. Man hat mir erzählt, es käme vor — und dies sei besonders dort der Fall, wo ein Amt oder wo die Macht in den Händen zweier Personen liegt — daß ein Vorgesetzter vollkommen in europäischem Geiste zu wirken und zu regieren sucht, während der andere ganz im altrussischen Geist zu wirken und alle alten Einrichtungen zu befestigen strebt, die in einem absoluten Gegensatz zu denen stehen, die sein Kollege einzuführen plant. Und daraus erwächst, sowohl für die Sache selbst wie für die Beamten, nur Unheil: sie wissen nicht mehr, wem sie gehorchen sollen. Und da beide Ansichten, trotzdem sie so extrem sind, noch keinem völlig klar sind, machen sich, wie man sagt, allerhand Schelme diesen Umstand zunutze. Auch der Gauner hat jetzt die Möglichkeit, sich, sei es unter der Maske eines Slawophilen oder Europaschwärmers — wie sich’s trifft — d. h. je nachdem was dem Vorgesetzten gerade mehr gefällt, ein hübsches Pöstchen zu ergattern und dort entweder als Verteidiger der alten Sitten oder als Vorkämpfer einer neuen Ordnung allerhand Durchstechereien zu verüben.] Diese Streithändel sind überhaupt eine Angelegenheit, an der sich klügere und ältere Leute nicht beteiligen sollten. Mag sich doch die Jugend zuerst gründlich austoben: das ist ihre Sache. Glaube mir, es ist nun einmal so und muß auch so sein, daß sich die größten Schreier gründlich sattschreien müssen, damit die klugen Leute unterdessen einmal gründlich nachdenken können. Höre aufmerksam zu, wenn sich die Menschen um dich herum streiten, aber mische dich nicht selbst in ihren Streit. Die Idee des Werks, das du schreiben willst, ist sehr vernünftig, und ich bin sogar überzeugt, daß du dies besser machen wirst, als ein großer Schriftsteller. Nur um eins bitte ich dich, arbeite nach Möglichkeit nur in Stunden größter Kaltblütigkeit und Ruhe daran. Gott bewahre dich vor jeglicher Heftigkeit und Hitze, auch bei dem unbedeutendsten Ausdruck. Zorn ist nie am Platze, am wenigsten bei einer guten Sache, weil er ihr gutes Recht nur trübt und verdunkelt. Sei immer eingedenk, daß du kein Jüngling mehr, sondern bereits ein Mann in vorgeschrittenem Alter bist. Einem jungen Mann stünde es vielleicht noch an, heftig zu sein und zu zürnen: wenigstens verleiht ihm der Zorn in den Augen mancher Leute etwas Schönes. Wenn dagegen ein alter Mann heftig wird, wird er ganz einfach häßlich und wird von den jungen Leuten verspottet und lächerlich gemacht. Siehe zu, daß man nicht einmal von dir sagt: „Dieser häßliche, alte Mann! Sein ganzes Leben lang hat er auf der Bärenhaut gelegen und nichts getan und nun tritt er plötzlich auf und macht andern Leuten Vorwürfe wegen ihres schlechten Lebenswandels.“ Aus dem Munde eines alten Mannes sollen nur gütige, nicht aber laute und polternde Worte kommen. Ein Geist reinster Milde und Sanftmut muß die hohen Reden des Greises durchwehen, so daß die jungen Leute kein Wort der Entgegnung finden und das Gefühl haben, daß jede Rede hier unziemlich wäre und daß ein ergrautes Haupt etwas Ehrwürdiges habe.

1844.

XII
Der Christ schreitet vorwärts
An Schtsch—w