Mein Freund! Halte dich nicht für mehr, als für einen Lehrling und für einen Schüler. Glaube nicht, daß du schon zu alt bist, um noch zu lernen, daß deine Kräfte und Fähigkeiten schon die rechte Reife und den höchsten Grad der Entwicklung erreicht und daß dein Charakter und deine Seele schon ihre rechte Gestalt angenommen haben und nicht mehr besser werden können. Für einen Christen gibt es keine vollendete Lehrzeit, er bleibt ein ewiger Lehrling, ein Schüler bis zum Grabe. Nach dem gewöhnlichen Lauf der Dinge erreicht der Mensch seine höchste Verstandesreife mit dreißig Jahren. Zwischen dem dreißigsten und vierzigsten Jahre geht es mit seinen Kräften noch ein wenig aufwärts; jenseits dieser Altersgrenze aber gibt es kein Fortschreiten mehr und wird alles, was der Mensch produziert, nicht nur keineswegs besser, sondern sogar schwächer und kälter als das, was er früher hervorgebracht hat. Dies gilt jedoch nicht für einen Christen, und wo für die andern die Grenze der Vollkommenheit liegt, da beginnt der Weg erst für den Christen. Die begabtesten und fähigsten Menschen werden, wenn sie das vierzigste Jahr überschritten haben, stumpf, müde und schwach. Nimm alle Philosophen und die größten weltumspannenden Genies: ihre Blütezeit fällt in die Epoche ihrer besten Mannesjahre; von da ab beginnt ihr Geist bereits nachzulassen, und im Alter fallen sie sogar häufig in Kindheit zurück. Denke zum Beispiel an Kant, der während seiner letzten Jahre fast gänzlich das Gedächtnis verlor, ein Kind wurde und starb. Vergleiche damit das Leben aller Heiligen, und du wirst sehen, daß sie an Verstand und Geisteskräften erstarkten, je gebrechlicher sie wurden und je mehr sie sich dem Tode näherten. Selbst die unter ihnen, die von Natur keineswegs mit glänzenden Gaben ausgestattet waren und ihr ganzes Leben lang für einfältig und dumm galten, setzten die Menschen später durch die Weisheit ihrer Reden in Erstaunen. Woher kommt das wohl? Weil sie sich jene vorwärtstreibende Kraft erhielten, die jeder andere Mensch nur während seiner Jugendjahre besitzt, wenn er von Heldentaten träumt, denen der Lohn des allgemeinen Beifalls winkt, wenn er noch in rosige Fernen blickt, die für den Jüngling soviel Verlockendes haben. Versinken aber diese Fernen erst einmal und mit ihnen die Heldentaten — so erlischt auch die Kraft, die ihn vorwärts treibt. Vor dem Christen aber strahlt ewig eine lockende Ferne und ihm stehen stets unvergängliche Heldentaten bevor. Wie ein Jüngling sehnt er sich nach den Kämpfen des Lebens; ihm fehlt es nie an einem Feind, gegen den er zu streiten und anzukämpfen hätte, weil sein in sich zurückgewandter Blick, der immer an Schärfe und Klarheit zunimmt, ihm in seinem Innern stets neue Gebrechen und Fehler aufdeckt, die ihn zu neuen Kämpfen aufrufen. Daher können auch seine Kräfte nie ganz einschlummern oder schwächer werden, sie werden vielmehr unaufhörlich geweckt, und der Wunsch, besser zu sein und sich den himmlischen Beifall zu verdienen, ist ihm ein solcher Ansporn, wie ihn nicht einmal der ehrgeizigste Mensch in seiner unersättlichen Ehrsucht besitzt. Das ist der Grund, weswegen der Christ noch weiter fortschreitet, wenn die andern Menschen bereits Rückschritte machen, und warum er immer klüger wird, je weiter er fortschreitet.

Der Verstand ist nicht das höchste Vermögen in uns. Er hat lediglich polizeiliche Funktionen; er kann nur die Dinge ordnen und jedem Ding seinen Platz anweisen, das bereits in uns liegt. Er selbst aber schreitet nicht vorwärts, wenn ihm die beiden andern Vermögen in uns, aus denen er seine Weisheit schöpft, nicht vorangehen. Abstrakte Lektüre, Grübeleien und ein fortgesetztes Studium aller Wissenschaften tragen nur sehr wenig zu seiner Entwicklung bei: zuweilen ersticken sie ihn sogar und hemmen sie ihn in seiner selbständigen Entwicklung. Er ist weit abhängiger von den Zuständen des Gemüts: sowie die Leidenschaften in uns zu toben beginnen, wird er blind und töricht; ist unsere Seele dagegen ruhig und von keiner Leidenschaft bewegt, so erhellt und klärt auch er sich und läßt uns klug und weise handeln. Die Vernunft ist ein weit höheres Vermögen; aber sie wird nur durch den Sieg über die Leidenschaften erworben. Nur solche Menschen haben sie besessen, die ihre eigene Selbsterziehung nie vernachlässigten. Aber auch die Vernunft setzt den Menschen noch nicht in den Stand, fortzuschreiten und vorwärts zu streben. Es gibt ein noch höheres Vermögen; es heißt Weisheit, und diese kann uns nur Christus allein verleihen. Sie wird keinem von uns bei seiner Geburt in die Wiege gelegt, sie ist keinem von uns angeboren, sondern ist ein Geschenk der höchsten, himmlischen Gnade. Der, der schon Verstand und Vernunft besitzt, kann sich die Weisheit nur dadurch erwerben, daß er Gott Tag und Nacht immer wieder in heißem Gebet bittet, sie ihm herabzusenden, daß er seine Seele bis zur reinsten unschuldigsten Güte und Milde erhebt und alles in sich nach bestem Vermögen reinigt und in Ordnung bringt, um diesen himmlischen Gast in sich aufzunehmen, der solche Wohnungen meidet, in denen noch keine Ordnung im seelischen Hausgerät herrscht und wo noch nicht alles ganz einträchtig und harmonisch zusammenklingt. Wenn jedoch die Weisheit das Haus betritt, dann beginnt ein himmlisches Leben für den Menschen, und er lernt die ganze wundersame Süßigkeit kennen, die darin liegt, ein Schüler zu sein; die ganze Welt wird seine Lehrerin, der geringste unter den Menschen kann ihm zum Lehrer werden. Aus dem einfachsten Rat weiß er die weise Belehrung, die in ihm steckt, herauszulesen; das törichteste Ding wendet ihm seine tiefste, klügste Seite zu, und das ganze Weltall liegt vor ihm, wie ein offenes Buch der Weisheit; mehr Schätze als alle andern wird er aus diesem Buch schöpfen, denn weit lauter als den andern wird es ihm aus ihm entgegentönen, daß er ein Schüler ist. Sollte ihn jedoch auch nur für einen Augenblick der Wahn anwandeln, daß seine Lehrjahre beendet seien, daß er kein Schüler mehr sei, und sollte er sich durch eine ihm erteilte Lehre oder Belehrung gekränkt fühlen, so wird die Weisheit plötzlich von ihm genommen werden, und er wird im Dunkeln zurückbleiben, wie König Salomon in seinen letzten Tagen.

1846.

XIII
Karamsin
Aus einem Brief an N. M. Jasykow

Ich habe den Aufsatz, den Pogodin zu Ehren Karamsins geschrieben hat, mit großem Vergnügen gelesen. Das ist Pogodins beste Arbeit, sowohl der Sauberkeit und Vornehmheit des Inhalts, als auch der äußeren Form nach: seine gewöhnlichen groben und plumpen Ausfälle fehlen hier ganz, und auch der Stil hat nichts von jener rohen Flüchtigkeit, die ihm so sehr schadet. Vielmehr ist hier alles schön aufgebaut, wohl überlegt, geordnet und vorzüglich disponiert. Alle Stellen aus Karamsin sind so klug ausgewählt, daß Karamsin gewissermaßen ganz durch sich selbst beleuchtet wird, er charakterisiert sich gleichsam selbst, bestimmt sich mit seinen eigenen Worten den Wert und tritt damit dem Leser lebendig vor Augen. Denn Karamsin ist in der Tat eine außergewöhnliche Erscheinung. Unter unseren Schriftstellern ist er sicherlich der, von dem man mit dem meisten Recht behaupten kann, er habe seine Aufgabe ganz erfüllt, sein Pfund nicht in der Erde vergraben und für die fünf Talente, die ihm verliehen waren, noch fünf neue hinzuerworben! Karamsin war der erste, der den Beweis erbracht hat, daß ein Schriftsteller bei uns unabhängig sei und von allen gleichmäßig als angesehenster Bürger unseres Staates geachtet werden kann. Er hat zuerst feierlich verkündet, daß die Zensur einem Schriftsteller nicht im Wege stehen könne, und daß sie, wenn er nur in so hohem Maße von dem reinen Streben nach dem Guten beseelt sei, daß dieses Streben seine ganze Seele erfüllt, ihm in Fleisch und Blut übergegangen und sein tägliches Brot geworden ist, nie zu streng gegen ihn verfahren werde, und daß er überall Freiheit genießen könne. Er hat das ausgesprochen und bewiesen. Kein Mensch hat eine so kühne und edle Sprache geführt wie Karamsin, ohne daß er darum seine eigenen Gedanken und Meinungen zu unterdrücken brauchte, trotzdem sie durchaus nicht in allen Punkten mit den Anschauungen der damaligen Regierung übereinstimmten, und man hat unwillkürlich das Gefühl, daß er allein ein Recht dazu hatte. Welch eine Lehre für einen Schriftsteller! Und wie komisch erscheinen danach die unter uns, die da behaupten, man könne in Rußland nie die ganze Wahrheit sagen, denn sie sei uns ein Dorn im Auge! Und dabei drücken sie sich selbst so töricht und roh aus, daß sie weit mehr, als durch die Wahrheit selbst, durch die hochmütigen Worte verletzen, mit denen sie ihre Wahrheit zum Ausdruck bringen, und deren maßlose Heftigkeit nur die Zuchtlosigkeit eines undisziplinierten verworrenen Geistes bezeugt; und dann wundern sie sich noch und sind sie empört, daß niemand ihre Wahrheit anerkennen und anhören will! Nein, man muß ein so reines, harmonisches Gemüt besitzen wie Karamsin, dann erst hat man ein Recht, jene Wahrheit zu verkünden: dann werden uns alle anhören, vom Zaren bis herab zum letzten Bettler im Staate; ja man wird uns mit solch einer Liebe und Hingebung zuhören, wie man in keinem Lande der Welt einem parlamentarischen Redner und Verteidiger der Bürgerrechte und keinem der hervorragenden Prediger zuzuhören pflegt, die die Elite der modernen Gesellschaft um sich versammeln. Mit solch einer Liebe und Hingebung vermag eben nur unser herrliches Rußland zuzuhören [von dem man sich erzählt, daß es die Wahrheit überhaupt nicht liebt].

1846

XIV
Vom Theater, von einer einseitigen Ansicht über das Theater und von der Einseitigkeit überhaupt
An den Grafen A. P. T...

Sie sind sehr einseitig und zwar sind Sie erst seit kurzer Zeit so einseitig geworden; und Sie sind es nur deshalb geworden, weil ein Mensch, der sich in der Gemütsverfassung befindet, in der Sie sich jetzt eben befinden, nicht anders als einseitig werden kann. Sie denken nur noch an das Heil und die Rettung Ihrer Seele, und da Sie noch immer den Weg nicht entdecken können, auf dem es Ihnen bestimmt ist, Ihr Seelenheil zu finden, so halten Sie alles auf der Welt für sündhaft und für ein Hindernis auf dem Wege zu Ihrer Rettung. Ein Mönch kann nicht strenger sein, als Sie. So sind auch Ihre Ausfälle gegen das Theater ganz einseitig und ungerecht. Sie suchen darin eine Stütze für Ihre Ansicht, daß auch einige Geistliche, die Sie kennen, gegen das Theater eifern: und sie haben ganz recht, während Sie unrecht haben. Denken Sie einmal etwas tiefer darüber nach: sind Sie wirklich gegen das Theater oder nur gegen jene Form, jene Gestalt, in der es heute auftritt. Die Kirche wandte sich in den ersten Jahrhunderten, als das Christentum überall zur Annahme gelangt war, gegen das Theater, das war zu einer Zeit, als das Theater noch der einzige Zufluchtsort des von überall vertriebenen Heidentums und eine Freistätte seiner wilden Bacchanale war. Das war der Grund, weswegen Johannes Chrysostomus so mächtig gegen das Theater eiferte. Aber die Zeiten haben sich geändert. Die ganze Welt hat sich erneut durch das Heraufkommen junger und frischer europäischer Völker, deren Bildung und Erziehung bereits auf christlicher Grundlage begann, und nun waren es die heiligen Männer selbst, die das Theater wieder begründeten und einführten: an den geistlichen Akademien wurden Theater gegründet. Unser Dimitrij Rostowski, der mit Recht zu den heiligen Kirchenvätern gezählt wird, dichtete selbst Stücke, die zur Aufführung bestimmt waren. Folglich liegt die Schuld nicht beim Theater. Man kann alles in sein Gegenteil verkehren und allem einen schlechten Sinn unterlegen; der Mensch ist hierzu fähig. Man muß einem Ding jedoch stets auf den Grund gehen und in Betracht ziehen, was es sein soll, und es nicht nach den Karikaturen beurteilen, die nach ihm hergestellt wurden. Das Theater ist durchaus keine geringe Sache und keine unwichtige Angelegenheit, wenn man berücksichtigt, daß es eine große Menge von fünf- bis sechstausend Menschen mit einem Male in seinen Räumen aufnehmen und beherbergen kann und daß diese ganze Menge, in der die einzelnen, für sich genommen, nichts miteinander gemein haben, plötzlich von einer großen Erschütterung ergriffen werden, in einem einzigen Augenblick in einen Strom von Tränen oder in ein einziges allgemeines Gelächter ausbrechen kann. Das ist ein Katheder, von dem aus man der Welt sehr viel Gutes sagen kann. Sie müssen freilich einen Unterschied machen zwischen dem eigentlichen, sogenannten höheren Theater und jenen Ballettaufführungen, Tänzen, Possen, Melodramen und all jenem Flitter und falschen Prunk der Ausstattungsstücke, die nur für das Auge berechnet sind und die nur einem korrupten Geschmack oder einem korrupten Gefühl schmeicheln, und Sie müssen daneben das eigentliche Theater ins Auge fassen. Ein Theater, in dem hohe Tragödien und Komödien aufgeführt werden, muß in völliger Unabhängigkeit von allen anderen Künsten dastehen. Es wäre ja auch merkwürdig, Shakespeare mit Tänzern und Tänzerinnen in weißledernen Hosen unter einen Hut bringen zu wollen. Welch eine Kombination! Die Beine sind etwas für sich, und ebenso ist der Kopf etwas für sich. In einzelnen Gegenden Europas hat man das begriffen: dort gibt es eigene Theater für die Werke der höheren dramatischen Kunst, und nur diese Theater werden von der Regierung subventioniert. Man sollte ganz ernsthaft darüber nachdenken, ob es nicht möglich wäre, die besten Werke der dramatischen Kunst so zur Aufführung zu bringen, daß das Publikum auf sie aufmerksam würde und daß die wohltätige moralische Wirkung, die von allen großen Dichtern ausgeht, ganz zur Geltung käme. Shakespeare, Sheridan, Molière, Goethe, Schiller, Beaumarchais, sogar Lessing, Regnard und viele andere unter den Dichtern zweiten Ranges aus dem verflossenen Jahrhundert haben nichts geschrieben, was dazu beitragen konnte, unsere Achtung vor den großen Gegenständen zu verringern; in ihren Dichtungen sind nicht die leisesten Nachwirkungen davon zu spüren, was in den Werken der fanatischen Autoren jener Zeit gärt und brodelt, die sich mit politischen Fragen beschäftigten und die Saat der Mißachtung gegen das Heilige ausstreuten. Wenn auch bei jenen einmal Hohn und Spott aufblitzen, so richten sie sich gegen die Heuchelei, Gotteslästerung, Verdrehung der Wahrheit und niemals gegen das, was die Wurzel aller menschlichen Tugend bildet; im Gegenteil, ihre Liebe für das Gute ist selbst dort noch streng und deutlich vernehmbar, wo sie ganze Garben funkelnder Epigramme aufblitzen lassen. Häufige Wiederholungen dramatischer Werke hohen Stils, d. h. jener wahrhaft klassischen Stücke, die sich mit dem Wesen und mit der Seele der Menschen beschäftigen, müssen dazu führen, daß die Menschen sich festen Grundsätzen zuneigen und in ihnen bestärkt werden und daß sich ihre Charaktere unmerklich innerlich kräftigen und befestigen, während diese Flut von leichten und nichtssagenden Stücken, von all diesen Possen und schlecht durchdachten Dramen bis hinauf zum Ballett und selbst zur Oper nur ablenkt und zerstreut und die Gesellschaft oberflächlich und leichtsinnig macht. Eine Welt, deren Aufmerksamkeit durch Millionen glänzender Gegenstände in Anspruch genommen wird, die unsere Gedanken nach allen Richtungen ablenken und zerstreuen, wird Christus nicht so bald auf ihrem Wege begegnen. Sie ist noch zu weit von den himmlischen Wahrheiten des Christentums entfernt. Sie wird erschrocken zurückweichen, wie vor finsteren Klostermauern, wenn man ihr keine unsichtbare Leiter reicht, die zum Christentum emporführt, und wenn man sie nicht auf einen höheren Platz geleitet, von dem aus sie den unendlichen Horizont des Christentums besser überschauen und alles besser erkennen kann, was ihr früher gänzlich unverständlich war. In der Welt gibt es vielerlei, was allen, die sich vom Christentum entfernt haben, als Leiter dienen kann, die sie unsichtbar zum Christentum emporleitet, darunter auch das Theater, wenn es seiner höchsten Bestimmung zugeführt werden könnte. Man müßte die vollkommensten Werke aller Zeiten und Völker in ihrer ganzen strahlenden Schönheit zur Aufführung bringen. Man müßte sie häufiger, ja so häufig als möglich, aufführen, man müßte ein und dasselbe Werk fortwährend wiederholen. Und das ist sehr wohl möglich. Man kann allen Stücken ihre Frische und Neuheit wiedergeben, so daß sie alle interessieren, die Kleinsten wie den Größten, wenn man es nur versteht, sie richtig aufzuführen. Das sind Torheiten, daß sie veraltet sind und daß das Publikum den Geschmack an ihnen verloren hat. Das Publikum ist gar nicht so launenhaft, es wird einem immer dorthin folgen, wohin man es führt. Wenn ihm die Autoren nicht stets ihre üblen Melodramen vorsetzen würden, würde das Publikum auch keinen Geschmack an ihnen finden und nicht nach ihnen verlangen. Man nehme das abgespielteste Stück und führe es auf, wie es sich gehört, dann wird das Publikum in Scharen herbeiströmen. Molière wird ihm ganz neu erscheinen. Shakespeare wird es mehr locken als die modernste Posse. Aber freilich muß eine solche Aufführung tatsächlich und absolut künstlerisch sein, und diese Aufgabe muß stets einem wahrhaften Künstler und dem allerersten und tüchtigsten Schauspieler, der sich in der ganzen Truppe findet, anvertraut werden. Auch soll man ihm nicht etwa noch einen Gehilfen, irgendeinen Beamten und Sekretär, als Anhängsel zugesellen, sondern er soll alles allein machen und allein über alles verfügen. Es muß sogar besonders dafür gesorgt werden, daß die ganze Verantwortlichkeit ihm allein zufalle; man muß ihn öffentlich vor versammeltem Publikum sämtliche Nebenrollen — und zwar eine nach der anderen — spielen lassen, um den weniger bedeutenden Schauspielern lebendige Vorbilder vor Augen zu stellen; denn diese studieren ihre Rollen nach toten Vorbildern, die durch eine dunkle Überlieferung bis auf sie gekommen sind, sie schöpfen ihre Belehrung aus Büchern und nehmen kein wirkliches lebendiges Interesse an ihren Rollen. Schon diese Darstellung untergeordneter Rollen durch einen erstklassigen Schauspieler kann das Publikum anlocken und es reizen, sich ein und dasselbe Stück zwanzigmal nacheinander anzusehen. Wen könnte es nicht interessieren, Schtschepkin oder Karatygin Rollen spielen zu sehen, die sie bisher noch niemals gespielt haben! Wenn dann ein solcher erstklassiger Schauspieler auf seine alte Rolle zurückkommt, nachdem er sämtliche anderen Rollen gespielt hat, wird er sich einen ganz andern, umfassenderen Begriff von seiner Rolle, sowie von dem ganzen Stück gebildet haben; das Stück aber wird durch diese Vollkommenheit der Darstellung — etwas bisher völlig Unerhörtes — für den Zuschauer noch mehr an Interesse gewinnen. Es gibt nichts, was den Menschen stärker ergreift und erschüttert, als jene vollkommene Ausgeglichenheit und Übereinstimmung aller Teile, wie sie ihm bisher nur in der Ausführung eines Musikstückes durch ein Orchester entgegentreten konnte, und durch die man es dahin zu bringen vermag, daß ein Werk der dramatischen Kunst häufiger hintereinander gegeben werden kann, als die beliebteste Oper. Man mag sagen, was man will, aber die in Worte gefaßten Töne des Herzens und der Seele sind weit mannigfaltiger, als die Töne der Musik. Ich muß jedoch wiederholen, dies alles ist nur dann möglich, wenn diese Aufgabe auch tatsächlich so ausgeführt, wie es sich gehört, und wenn die volle Verantwortlichkeit für das Repertoire einem erstklassigen Schauspieler zufällt, d. h. wenn die Tragödien von dem ersten tragischen und die Komödien vom ersten komischen Schauspieler inszeniert werden und wenn beide ganz allein die Leitung des Ganzen innehaben. [Ich sage: sie allein, weil ich weiß, wieviel Leute es bei uns gibt, die bei jeder Sache dabei sein wollen und sich überall herandrängen. Sowie irgendein Posten geschaffen wird, der mit irgendwelchen Geldeinnahmen verknüpft ist, so ist auch schon irgendein Sekretär bei der Hand, der sich hinzudrängt. Woher er plötzlich kommt, das weiß Gott allein: es ist, wie wenn er plötzlich aus dem Wasser emporgetaucht wäre; er beweist euch sofort, so klar wie daß zwei mal zwei vier ist, seine Unentbehrlichkeit, beginnt damit, daß er Papiere und Akten über ökonomische Fragen vollschreibt und dann fängt er allmählich an, sich in alles hineinzumengen, bis schließlich alles in Unordnung gerät. Diese Sekretäre sind wie ein unsichtbarer Mottenschwarm; sie haben alle Berufe und Ämter unterwühlt, und das Verhältnis zwischen Vorgesetzten und Untergebenen einerseits und den Untergebenen und Vorgesetzten andererseits gänzlich verwirrt und verschoben. Wir haben uns erst neulich über alle Berufe und Ämter unterhalten, die es in unserem Vaterlande gibt. Indem wir ein jedes Amt innerhalb der ihm gezogenen Grenzen betrachteten, fanden wir, daß sie gerade das sind, was sie sein sollen, daß sie gewissermaßen wie durch die Hand des Höchsten dafür geschaffen sind, um allen Bedürfnissen unseres Staatslebens zu genügen, und daß sie alle insgesamt von ihrem wahren Ziel abgewichen sind, weil jedermann mit allen andern darum zu wetteifern schien, die Grenze der ihm gezogenen Berufspflichten zu zerstören oder sich völlig über sie hinwegzusetzen. Alle, selbst ganz kluge und ehrliche Leute, wollten durchaus, wenn auch nur um ein Zollbreit, mehr Macht haben und den Kreis ihrer Tätigkeit überschreiten, weil sie glaubten, daß sie selbst und ihr Beruf hierdurch vornehmer und edler werden müßten. Wir sind damals sämtliche Beamtenkategorien, von den höchsten bis zu den niedrigsten, durchgegangen, die Sekretäre aber haben wir vergessen, und gerade sie neigen am meisten dazu, die Grenzen ihres Berufs zu überschreiten. Wo ein Sekretär lediglich Schreiberarbeit zu leisten hat, sucht er die Rolle eines Vermittlers zwischen Vorgesetzten und Untergebenen zu spielen. Wo man eines solchen Vermittlers zwischen Vorgesetzten und Untergebenen bedarf und wo ihm diese Vermittlung übertragen wird, da beginnt er, wichtig zu tun; er tut dem Untergebenen gegenüber so, als ob er selbst sein Vorgesetzter wäre, er richtet sich ein Vorzimmer ein, läßt die Leute stundenlang auf sich warten, kurz: statt den Untergebenen den Zutritt zu ihrem Vorgesetzten zu erleichtern, trägt er nur dazu bei, ihn noch mehr zu erschweren. Und dies alles geschieht häufig nur deshalb, um der Stellung eines Sekretärs einen Schein von Vornehmheit zu geben. Ich habe sogar einige treffliche und gescheite Leute gekannt, die die Untergebenen ihres Vorgesetzten in meiner Gegenwart so behandelten, daß ich für diese Menschen erröten mußte. Mein Chlestakow war in solchen Augenblicken ein Stümper gegen sie. Dies alles wäre übrigens noch nicht so schlimm, wenn es nicht so viele traurige Folgen hätte. Viele wahrhaft nützliche und unentbehrliche Menschen sind schon aus dem Staatsdienst ausgetreten lediglich wegen der Niedertracht eines Sekretärs, der die gleiche Achtung für sich in Anspruch nahm, die sie allein dem Vorgesetzten schuldeten, und der sich, wenn ihm jemand diese Achtung verweigerte, dadurch rächte, daß er ihn zu verleumden suchte, dem Vorgesetzten eine schlechte Meinung von ihm beibrachte, kurz sich der niederträchtigsten Mittel bediente, deren nur ein ehrloser Mensch fähig ist. In den Departements für die schönen Künste usw. liegt die Oberleitung in den Händen eines Komitees oder eines unmittelbaren Vorgesetzten, der an der Spitze steht, und da gibt es meist keinen Sekretär, der die Rolle eines Vermittlers spielt: da hat er lediglich die Verfügungen anderer schriftlich zu fixieren oder er hat die Geschäftsführung und die Verwaltung der Finanzen inne; zuweilen aber kommt es doch auch dort vor, daß er sich dort infolge der Trägheit der Mitglieder oder aus irgendeinem andern Grunde immer tiefer einnistet und die Rolle eines Vermittlers oder sogar eines künstlerischen Leiters an sich reißt. Und dann ist einfach der Teufel los: der Zuckerbäcker fängt an Stiefel zu machen und der Schuster muß Kuchen backen. Ein Künstler erhält Instruktionen, die nicht von einem Künstler herrühren; es erscheint eine Verordnung, von der man überhaupt nicht verstehen kann, wozu sie erlassen worden ist. Oft wundert man sich, wie ein Mensch, der doch bis dahin ganz gescheit war, plötzlich ein so törichtes Schriftstück abfassen konnte; dabei aber ist er nicht im mindesten daran beteiligt; das Schriftstück stammt aus einer Quelle, an die kein Mensch auch nur denken konnte, wie das Sprichwort sagt: Ein Schreiber hat’s hingeschmiert, dem der Name Hündchen gebührt.]

Bei jeglicher Kunst sollte die letzte und höchste Durchführung und Ausführung in den Händen eines höchsten Meisters dieser Kunst liegen [und nicht in den Händen irgendeines Sekretärs, der lediglich bei der Verwaltung des Geschäfts und der Finanzen verwendet werden sollte]. Nur der Meister selbst kann Unterricht in seiner Kunst erteilen, da er allein alles kennt, was dazu erforderlich ist, und kein anderer. Nur ein erstklassiger Schauspieler, der ein wirklicher Künstler ist, kann eine gute Auswahl von Stücken treffen und sie nach strengen Grundsätzen sichten; er allein kennt das Geheimnis, wie die Proben geleitet werden müssen, er weiß, wie wichtig es ist, häufige Leseproben und Probeaufführungen des ganzen Stückes zu veranstalten. Er wird es dem Schauspieler nicht einmal erlauben, seine Rolle zu Hause auswendig zu lernen, sondern es so einrichten, daß die Schauspieler das Ganze zusammen einstudieren und daß jeder seine Rolle ganz von selbst während der Proben lernt und im Kopfe behält, so daß er durch die Umstände selbst, durch das ihn umgebende Milieu und durch die bloße Berührung mit ihm unwillkürlich den richtigen und seiner Rolle angemessenen Ton trifft. Dann kann auch ein schlechter Schauspieler manches Gute lernen: solange die Schauspieler ihre Rolle noch nicht auswendig können, können sie sich vieles von einem guten Schauspieler aneignen. Hier erfüllt sich jeder, ohne selbst zu wissen, wie es geschieht, mit Wahrheit und Natürlichkeit, sowohl in der Rede als auch in den Bewegungen. Der Ton der Frage verleiht dem Ton der Antwort seine Farbe. Ist die Frage in einem geschwollenen hochtrabenden Ton gehalten, so wird auch die Antwort hochtrabend sein; stelle eine einfache Frage, so wird auch die Antwort einfach ausfallen. Selbst der einfachste, schlichteste Mensch ist imstande, eine passende Antwort zu geben. Aber wenn der Schauspieler seine Rolle zu Hause auswendig gelernt hat, dann wird seine Antwort geschwollen und einstudiert klingen, und diesen Ton der Antwort wird er nie wieder loswerden können. Du wirst nie einen andern aus ihm machen, kein Wort, keinen Tonfall wird er von dem besseren Schauspieler lernen; die ganze Umgebung, alle Dinge und Charaktere, unter denen sich der von ihm dargestellte Charakter bewegt, werden stumm für ihn bleiben, und auch das Stück wird ihm fremd bleiben und ihm nichts sagen, und er wird sich wie ein Toter zwischen Toten bewegen. Nur ein Schauspieler, der ein wahrhafter Künstler ist, hat ein Gefühl für das Leben, das in einem Stück pulsiert, und kann es dahin bringen, daß dieses Leben auch allen Schauspielern sichtbar, und lebendig von ihnen empfunden wird, nur er allein hat den richtigen Maßstab für die Veranstaltung der Proben, wie sie geleitet werden müssen, wann man mit ihnen aufhören kann, und wieviel Proben genügen, um das Stück dem Publikum in wirklicher Vollendung vorzuführen. Man muß es nur verstehen, diesen Schauspieler und Künstler dazu zu bewegen, daß er sich dieser Sache wie seiner eigensten intimsten Aufgabe annimmt, man muß ihm beweisen, daß das seine Pflicht ist und daß die Ehre seiner eigenen Kunst dies von ihm fordert — so wird er es tun, so wird er es durchführen, weil er seine Kunst lieb hat. Ja, er wird sogar noch mehr tun, er wird dafür sorgen, daß auch der unbedeutendste Schauspieler seine Rolle gut spielt, und wird seine eigene Aufgabe in der strengen Vollendung des Ganzen sehen. Er wird nie dulden, daß ein banales oder nichtssagendes Stück auf die Bühne gelangt, [das vielleicht ein Beamter, dem es nur darum zu tun ist, daß möglichst viel Geld in die Kasse kommt, aufführen lassen würde], er wird es nicht dulden, weil schon sein inneres, ästhetisches Gefühl das Stück ablehnen wird. Er ist auch nicht imstande, einen Druck auf die ihm anvertrauten Schauspieler auszuüben, sie zu tyrannisieren und zu schikanieren, [wie das Leute aus dem Beamtenstande tun], die Rücksicht auf den Ruhm und das Ansehen seines Namens wird ihm dies nicht erlauben. [Irgendein Beamter, z. B. ein Sekretär dagegen wird dreist und ruhig eine Gemeinheit begehen, da er fest davon überzeugt ist, daß niemand was davon erfahren wird, selbst wenn er sich noch so viel Gemeinheiten zuschulden kommen läßt, weil er ja eine Null ist, die niemand beachtet. Wenn sich dagegen ein Schtschepkin oder Karatygin etwas Unrechtes zuschulden kommen lassen würden, so würde dies sofort allgemeines Stadtgespräch werden. Darum ist es so ungeheuer wichtig, daß bei jeder Sache die Hauptlast der Verantwortung auf einen Mann fällt, den bereits jeder in der Gesellschaft kennt.] Und endlich wird ein Schauspieler, der zugleich ein Künstler ist, der völlig in seiner Kunst lebt und aufgeht, dessen höchstes Lebenselement die Kunst ist, über deren Reinerhaltung er wacht und die er hütet wie ein Heiligtum, es nie dulden, daß das Theater eine Pflanzstätte des Lasters werde. — Also: die Schuld liegt nicht beim Theater. Man reinige das Theater erst einmal von all dem Schutt und Plunder, der darauf ruht, und dann mag man zusehen und darüber urteilen, was das Theater ist. Ich habe hier nicht deshalb die Sprache aufs Theater gebracht, weil ich durchaus vom Theater sprechen wollte, sondern deshalb, weil man das, was hier übers Theater gesagt wurde, auf alle Dinge anwenden kann. Es gibt viele Gegenstände, die darunter zu leiden haben, daß man ihre eigentliche Bedeutung verfälscht und verdreht, und da es ja überhaupt viele Leute in der Welt gibt, die die Neigung haben, gleich in der ersten Hitze und Erregung zu handeln oder, wie es im Sprichwort heißt, „das Kind mit dem Bade auszuschütten“[3] lieben, so wird vieles, was uns allen zu Nutz und Frommen dienen könnte, vernichtet. Einseitige Menschen, die überdies noch Fanatiker sind, sind ein Krebsschaden für die Gesellschaft; wehe dem Lande oder dem Staat, in dem solche Leute einen Teil der Macht in die Hände bekommen. Sie wissen nichts von christlicher Demut und von Zweifeln an sich selbst; sie sind fest davon überzeugt, daß die ganze Welt lügt und nur sie allein die Wahrheit reden. Lieber Freund! Geben Sie doch ein wenig mehr acht auf sich! Sie befinden sich gerade in diesem gefährlichen Zustande. Es ist ein Glück, daß Sie noch keine Stellung haben und daß Sie nicht mit der Verwaltung eines Amtes betraut sind: Sie, den ich als Menschen kenne, der dazu befähigt ist, die schwierigsten und verantwortlichsten Stellungen auszufüllen, Sie könnten weit mehr Unheil und Unordnung anrichten, als der unbegabteste von allen unbegabten Menschen. Nehmen Sie sich auch mit Ihrem Urteil über alle Dinge in acht! Seien Sie nicht wie jene frommen Eiferer, die mit einem Male alles, was es auf der Welt gibt, vernichten möchten, da sie alles für eitel Teufelswerk halten. Es ist ihr Los, in die gröbsten Irrtümer zu verfallen. Etwas Ähnliches hat sich neulich auf literarischem Gebiet ereignet. Da sind plötzlich Leute erschienen und haben öffentlich in der Presse erklärt, Puschkin sei ein Deist und kein Christ gewesen; wie wenn sie in Puschkins Seele hineingeblickt hätten, und wie wenn Puschkin durchaus verpflichtet gewesen wäre, in seinen Gedichten von den höchsten Dogmen des Christentums zu sprechen, wozu sich selbst ein Priester der Kirche nur mit großer Angst und tiefster Ehrfurcht entschließt, nachdem er sich durch einen wahrhaft heiligen Lebenswandel dazu vorbereitet hat! Nach der Ansicht dieser Leute sollte man die höchsten und erhabensten Ideen des Christentums in Reimform bringen und sie wohl gar zu einer Art Versspiel machen. Puschkin hat sehr klug daran getan, daß er es nicht wagte, das, wovon seine Seele noch nicht bis ins Innerste durchdrungen war, in Verse zu kleiden, und daß er es vorzog, allen denen, die sich bereits sehr weit von Christus entfernt hatten, eine unsichtbare Sprosse zum Höchsten zu sein, statt sie durch seelenlose Verse, wie sie von Leuten geschrieben werden, die sich Christen nennen, dem Christentum völlig zu entfremden. Ich kann gar nicht verstehen, wie es einem Kritiker auch nur einfallen konnte, in der Presse ganz offen und vor allen Leuten eine solche Beschuldigung gegen Puschkin zu erheben, seine Werke wirkten demoralisierend auf die Menschen, wo doch selbst die Zensur laut Vorschrift verpflichtet ist, wenn der Sinn eines Werks nicht ganz klar aus dem Werk hervorgeht, ihm eine möglichst ungesuchte und einfache Deutung zu geben, die möglichst günstig für den Autor ist, und nicht eine falsche und gekünstelte, die dem Autor schaden muß. Wenn das sogar der Zensur zur Vorschrift gemacht wird, die immer stumm sein und schweigen muß und nicht einmal die Möglichkeit hat, sich vor dem Publikum zu rechtfertigen, um wieviel mehr muß sich die Kritik das zum Gebot machen, die selbst über die unbedeutendsten Motive und Handlungen Aufklärung geben und sich ihretwegen rechtfertigen kann! Öffentlich erklären, ein Mensch sei kein Christ, ja er sei sogar ein Feind Christi, indem man sich auf einige Fehler seines Charakters und darauf beruft, daß er der Welt und ihren Versuchungen erlegen sei, wie doch jeder von uns ihnen erliegt — ist das etwa christlich gehandelt? Ja, wer von uns ist denn dann ein Christ? Auf diese Weise kann ich schließlich auch dem Kritiker selbst vorwerfen, daß er kein Christ sei. Ich kann sagen, ein Christ könne nicht mit solcher Sicherheit auf seinen Verstand bauen, um ein Urteil in einer so dunklen Sache zu fällen, die Gott allein kennt und begreift, denn ein Christ weiß, daß unser Verstand nur bei einem ganz reinen heiligen Leben der vollen Klarheit teilhaftig und dazu befähigt wird, einen Gegenstand von allen Seiten zu sehen; der Lebenswandel eines solchen Menschen aber ist vielleicht doch noch nicht so ganz rein und heilig. Ein Christ wird sich erst besinnen, ehe er sich entschließt, jemand eines solchen schweren Verbrechens anzuklagen, wie des, er wolle Gott nicht in der Gestalt anerkennen, in der ihn uns Gottes Sohn selbst, der zu uns auf die Erde herabgestiegen ist, anzubeten geboten hat, — denn das ist eine furchtbare Beschuldigung. Er wird ferner erklären: in der Poesie ist noch vieles ein Geheimnis; es ist schon nicht leicht, über einen gewöhnlichen Menschen ein Urteil zu fällen, und erst ein abschließendes und endgültiges Urteil über einen Dichter fällen zu wollen, das kann nur ein Mensch, der selbst etwas vom Geist der Poesie in sich trägt und beinahe ein dem Dichter selbst ebenbürtiger Dichter ist — wie dies ja auch für jedes einfache Handwerk oder jede Kunstfertigkeit zutrifft, wo ja auch jeder in gewissem Maße mitsprechen kann, wo aber nur der Meister selbst ein umfassendes und endgültiges Urteil fällen darf. Kurz, der Christ wird in erster Linie Demut üben, die sein vornehmstes Banner ist, an dem man erkennen kann, daß er ein Christ ist. Statt von den Stellen in Puschkin zu reden, deren Sinn noch dunkel ist und auf zwei verschiedene Weisen ausgelegt werden kann, wird ein Christ nur von den Werken sprechen, die ganz klar sind, die aus seinem reifen Mannesalter und nicht aus seiner schwärmerischen Jugendzeit stammen. Er wird sein gewaltiges Gedicht „An einen Kirchenfürsten“ anführen, in dem Puschkin von sich selbst redet und sagt: auch in den Jahren, als er noch für die Schönheit und das Treiben dieser Erdenwelt begeistert gewesen sei, habe der bloße Anblick des Dieners Christi einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht.