Du mußt das, dessen die Seele bedarf, was ihr not tut, mit solcher Kraft und Stärke lieben lernen, wie du einst den Rausch deiner Jugend liebtest — dann werden deine Gedanken denselben Höhenflug nehmen, wie deine Verse, und deinem Munde werden feueratmende Worte entströmen. Du wirst uns dann die große Leere deines peinvollen Lebens schildern, aber du wirst sie so schildern, daß der Mensch erschauert, daß er sich der stählernen Kraft, die sich plötzlich in ihm regt, bewußt wird, und Gott für das Übel danken wird, das ihm seine Kraft zum Bewußtsein brachte. Jasykow hätte nicht in die Fußstapfen Puschkins treten und seinen Vers nach seinem Vorbilde behandeln und formen dürfen; seine Domäne ist weder die Elegie, noch sind es die Formen der Anthologie, sondern die des Dithyrambus und des Hymnus. Das Gefühl haben alle. Und er hätte seine Fackel eher an Dershawin als an Puschkin entzünden sollen. Seine Verse gehen auch nur dann zu Herzen, wenn sie sich im vollen Glanz der Lyrik entfalten; ein Gegenstand gewinnt nur dann Leben, wenn er sich entweder bewegt, oder tönt, oder leuchtet, und nicht, wenn er ruht. Das Los der verschiedenen Dichter ist sehr ungleich. Der eine hat die Aufgabe, ein treuer Spiegel und ein treues Echo des Lebens zu sein, und dazu ward ihm ein vielseitiges Talent für das beschreibende Genre verliehen. Ein anderer erhält die Bestimmung, eine die Gesellschaft vorwärtstreibende, sie erweckende Kraft zu sein, sie zu den höchsten und hochherzigsten Regungen anzufeuern — und dazu ward ihm ein lyrisches Talent verliehen. Wenn ein solches Talent seinen Weg nicht findet, so liegt es daran, daß es seine geistigen Augen nicht auf sich selbst richtet. Aber die Vorsehung sorgt besser für den Menschen. Sie führt ihn durch Unglück, Bosheit und Krankheit mit Gewalt dahin, wohin er allein nicht den Weg gefunden hätte. In der Lyrik Jasykows machte sich übrigens wieder ein Streben zur Umkehr auf den rechten, ihm vorgezeichneten Weg erkennbar. Erst neulich haben wir sein Gedicht „Das Erdbeben“ kennen gelernt, das nach der Ansicht Shukowskis unser bestes Gedicht ist.
Unter den Dichtern der Puschkinschen Epoche nimmt Fürst Wjasemski eine besondere Stelle ein. Obwohl seine literarische Wirksamkeit lange vor Puschkin begann, müssen wir ihn doch erst hier nennen, da er erst nach dem Auftreten Puschkins den Höhepunkt seiner Entwicklung erreichte. Fürst Wjasemski steht in diametralem Gegensatz zu Jasykow: während jener durch seine Gedankenarmut auffällt, setzt dieser durch die Fülle seiner Ideen in Erstaunen. Der Vers ist für ihn nur Mittel zum Zweck, das erste beste Werkzeug, das sich ihm darbietet. Er verwendet nicht die geringste Sorgfalt auf seine äußere Form, ebensowenig wie auf die Konzentration, auf die Vollendung und Abrundung der Gedanken, um seine Idee dem Leser wie ein kostbares Kleinod vor Augen zu stellen: er ist kein Künstler und legt wenig Wert auf das alles. Seine Gedichte sind — Improvisationen, obwohl man freilich für derartige Improvisationen sehr große und vielseitige Fähigkeiten und einen Kopf von großer Reife und Ausbildung mitbringen muß. Er vereinigt in sich eine außerordentliche Menge vielseitiger Talente, eine starke Anschauung, Beobachtungsgabe, eine Fähigkeit für unerwartete Schlüsse und Folgerungen, Gefühl, Verstand, Scharfsinn, Heiterkeit und sogar Melancholie. Jedes dieser Gedichte ist ein buntes Gemisch aus all diesen Eigenschaften. Er ist kein geborener Poet. Die Vorsehung, die ihn mit allen Talenten begabt hatte, hatte ihm gleichsam als Zugabe auch noch die Gabe der Dichtkunst verliehen, um etwas Ganzes und Vollkommenes aus ihm zu machen. In seinem Buch: Die Biographie Von Wisins tritt die reiche Fülle seiner Talente, über die er verfügte, mit besonderer Deutlichkeit zu Tage. Aus diesem Buche spricht der Politiker, der Philosoph, der feine Kunstliebhaber und Kritiker, der gediegene Staatsmann und sogar der erfahrene Kenner der praktischen Seiten des Lebens — kurz, hier finden sich alle Fähigkeiten vereinigt, über die ein tiefer, ernster Historiker im höchsten Sinne dieses Wortes verfügen muß. Und wenn dieselbe Feder, die die Biographie Von Wisins geschrieben hat, uns die Regierungszeit Katharinas geschildert hätte, die uns heute bereits durch ihren Reichtum, ihre Buntheit und durch die große Zahl außerordentlicher Menschen und Charaktere, die sich hier begegneten, in einem beinahe phantastischen Lichte erscheint, so könnte man mit ziemlicher Bestimmtheit sagen, daß Europa wohl nie ein historisches Werk von ähnlicher Bedeutung hervorgebracht hätte. Das aber ist gerade der wunde Punkt im Schaffen des Fürsten Wjasemski, daß es ihm an einer großen, umfassenden Aufgabe fehlt, und das macht sich sogar in seinen Gedichten bemerkbar. Man hat das Gefühl, daß sich die einzelnen Teile nicht zu einer harmonischen Gesamtwirkung zusammenfügen und merkt ihnen einen großen, inneren Zwiespalt an. Die Worte harmonieren nicht miteinander, ebensowenig wie die Verse; dicht neben einem starken kraftvollen Vers, wie wir ihn in ähnlicher Schönheit bei keinem andern Dichter finden, steht eine andere Zeile, die der ersten nicht im mindesten gleichkommt; bald greift er uns mit einem Gefühl an die Seele, das mitten aus unserem Herzen gerissen scheint; bald wieder stößt er uns ab durch einen Ton, der uns innerlich fremd ist, und der dem Gegenstand nicht im mindesten entspricht, man fühlt, daß ihm die innere Sammlung fehlt, daß er nicht zur vollen, lebendigen Entfaltung seiner Kräfte gelangen kann. Tief unten auf dem Grunde des Ganzen macht sich eine gewisse Gedrücktheit und Unfreiheit bemerkbar. Das Los eines Menschen, dem die reichsten und mannigfaltigsten Talente verliehen werden, und der keine große Aufgabe finden kann, die alle seine Fähigkeiten bis auf die letzte in Anspruch nimmt, ist schlimmer, als das des ärmsten Bettlers. Nur eine solche Sache, die den Menschen in sein Inneres zurückführt und ihn veranlaßt, in sich selbst einzukehren, bringt wahre Erlösung. Nur bei solch einer Arbeit, sagt der Dichter, können
Der Seele Flügel sich entfalten,
Erstarkt der Wille, und das Walten
Des Schicksals zeichnet klar sich ab.
Während unsere Poesie ihren Weg unter der Führung und Leitung der Dichter aller Zeiten und Völker so schnell und in so eigenartiger Weise zurücklegte, während die Klänge aller Länder, in denen es eine Dichtkunst gibt, ihr Ohr trafen und sie selbst sich in allen Tonarten und Akkorden versuchte, stand ein Dichter einsam und abseits von allen andern. Er hatte den unscheinbarsten und schmalsten Pfad gewählt und schritt solange still und geräuschlos auf ihm dahin, bis er eines Tages über alle andern hinausgewachsen war, wie eine starke Eiche sich hoch über ein Gehölz erhebt, in dem sie sich anfänglich versteckte. Dieser Dichter war — Krylow. Er hatte die Form der Fabel gewählt, die alle Welt bisher für eine alte, kaum noch verwendbare Gattung oder gar für ein Kinderspielzeug gehalten und darum vernachlässigt hatte, und er brachte es fertig, mit Hilfe dieser Fabel zu einem wirklichen Volksdichter zu werden. Das war einer von unsern harten starken russischen Köpfen, ein Geist, der dem Geist unserer Sprichwörter so nahe verwandt ist; hier regt sich jener Verstand, der die Stärke des Russen ausmacht, und sich in der Fähigkeit, Folgerungen zu ziehen, bekundet, der sogenannte nachhinkende Verstand. Das Sprichwort stellt nicht etwa eine vorgefaßte Meinung oder eine Vermutung über eine Sache dar, sondern vielmehr das Fazit, die Summe des Ganzen, den Bodensatz, den Niederschlag völlig durchgegorener und bereits vollendeter Tatsachen, den endgültigen Extrakt, die Essenz aus der ganzen Sache, aus allen ihren Faktoren und nicht bloß aus einem einzigen Faktor. Das kommt auch in dem Spruch zum Ausdruck: „Bloße Reden ergeben noch kein Sprichwort.“ Dieser „nachhinkende“ Verstand, dieses Talent für radikale endgültige Folgerungen, das dem russischen Volk vor allen andern Völkern eigen ist, macht, daß unsere Sprichworte so viel bedeutsamer sind, als die aller andern Nationen. Nicht nur in dem reichen Gedankengehalt, sondern auch in dem Ausdruck spiegeln sich viele von unseren nationalen Eigentümlichkeiten. In ihnen ist alles enthalten: Spott, Ironie, eine Mahnung, kurz alles, was geeignet ist, den Menschen aufzurütteln und seinen wundesten Punkt zu berühren; wie ein hundertäugiger Argus blickt jedes von ihnen den Menschen an. Alle großen Männer von Puschkin bis auf Suworow und Peter den Großen haben unsere Sprichwörter geliebt und bewundert. Die hohe Würdigung, die man ihnen angedeihen ließ, kommt in vielen Aussprüchen zum Ausdruck: „Ein Sprichwort wird nicht umsonst geprägt“ oder „ein Sprichwort bleibt ewig bestehen.“ Es ist ja bekannt, daß, wenn man sich darauf versteht, seine Rede durch ein geschickt gewähltes Sprichwort zu bekräftigen, man sie dadurch dem Volke mit einem Schlage verständlich macht, selbst wenn sie seine Begriffe noch so sehr übersteigt.
Das sind die Wurzeln, aus denen Krylow hervorgewachsen ist. Seine Fabeln sind nicht etwa für Kinder geschrieben. Man würde sich eines groben Irrtums schuldig machen, wenn man ihn einen Fabeldichter von der Art der Lafontaines, Dmitriews, Chemnitzers oder gar eines Ismailow nennen wollte. Seine Gleichnisse sind ein festes nationales Besitztum und bilden das Buch der Weisheit unsers Volkes. Seine Tiere denken und handeln nach echt russischer Weise. Die Streiche, die sie einander spielen, sind ein Spiegelbild der Kniffe, der Listen, der Streiche, die in Rußland üblich sind und dessen, was in unserem Lande zu passieren pflegt. Abgesehen von der getreuen Erfassung des tierischen Charakters, die bei ihm so genau und treffend ist, daß nicht nur der Fuchs, der Bär und der Wolf, sondern sogar der Topf lebendig werden, lassen alle Geschöpfe auch ihre echt russische Wesensart erkennen.
Selbst der Esel, der bei ihm so wunderbar typisch charakterisiert ist, daß er nur seine Ohren aus irgendeiner Fabel hervorzustecken braucht, damit der Leser sofort ausruft: das ist Krylows Esel, — selbst der Esel ist, trotzdem er doch den Ländern einer andern Zone angehört, bei Krylow ein echter Russe. Nachdem er mehrere Jahre hindurch fremde Gemüsegärten geplündert hat, wird er plötzlich von einem mächtigen Ehrgeiz erfaßt, er will durchaus einen Orden haben, und tut fürchterlich wichtig, als sein Herr ihm ein Glöckchen um den Hals gehängt hat, denn er kommt nicht auf den Gedanken, daß ja jetzt jeder seiner Diebstähle und jeder schlechte Streich, den er begehen wird, von allen bemerkt werden und daß es nun bei jeder Gelegenheit kräftige Schläge auf die Lenden setzen wird. Kurz — überall befindet man sich bei ihm in Rußland, überall fühlt man sich an Rußland erinnert. Überdies hat jede seiner Fabeln noch ihren historischen Ursprung. Denn trotz seiner Bedachtsamkeit und seiner scheinbaren Gleichgültigkeit gegen die Vorgänge und Ereignisse seiner Zeit verfolgte der Dichter jede Begebenheit, die sich in seinem Vaterlande abspielte mit großer Aufmerksamkeit: alles fand bei ihm eine Resonanz, und in seinen Urteilen findet stets das kluge Maß, die rechte Mitte ihren Ausdruck, aus ihnen spricht die versöhnende Stimme des Mittlers, eine Eigentümlichkeit, die Rußlands Stärke ausmacht, wenn der russische Geist sich zu seiner wirklichen Höhe emporschwingt. Durch ein streng abgewogenes kräftiges Wort beleuchtet Krylow mit einem Schlage den ganzen Gegenstand und bestimmt er sein wahres eigentliches Wesen. Als einmal ein paar allzusehr für das militärische Wesen begeisterte Leute behauptet hatten, daß der ganze Staat ausschließlich auf die militärische Macht gegründet werden müsse und daß in ihr das ganze Heil liege, während die Zivilbeamten sich ihrerseits über alles, was mit dem Militär zusammenhing, lustig machten, bloß weil ein Paar Leute das ganze Militärwesen zu einer Epauletten- und Litzenfrage gemacht hatten, da schrieb er seinen berühmten Streit zwischen den Kanonen und den Segeln, in dem er beide Parteien mit folgenden vier Zeilen in ihre rechtmäßigen Grenzen verweist:
Darin besteht des Staates wahre Macht,
Daß alle Teile weise Frieden halten.