Die Königspforte tut sich auf, und der Diakon erhebt feierlich seine Stimme: „Tretet heran mit Gottesfurcht und Glauben!“ Nun erscheint der verwandelte Seraphim — d. h. der in der Königspforte stehende Priester mit dem Kelch in der Hand — vor der ganzen Gemeinde.

Verzehrt von der Sehnsucht nach ihrem Gotte und von der heißen Flamme der Liebe zu Ihm, treten alle Kommunikanten, einer nach dem anderen, die Hände auf der Brust gekreuzt, vor den Priester und sprechen gebeugten Hauptes leise bei sich selbst folgendes Gebet, in dem sie ihren Glauben zu dem Gekreuzigten bekennen: „Ich glaube, o Herr, und bekenne, daß Du in Wahrheit bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes, der in die Welt gekommen ist, die Sünder zu erlösen, deren vornehmster ich selbst bin. Ich glaube auch, daß dies Dein heiliger Leib und daß dies Dein gerechtes Blut ist; daher bete ich zu Dir: erbarme Dich meiner und vergib mir meine Sünden, die freiwilligen wie die unfreiwilligen, deren ich mich in Worten oder Taten, wissentlich oder unwissentlich schuldig gemacht habe, und gib, daß ich nicht als Verworfener teilhaftig werde Deines heiligen Sakramentes zur Vergebung der Sünden und zum ewigen Leben.“ Hier hält der Andächtige einen Augenblick inne, um die Bedeutung dessen, wozu er sich anschickt, in Gedanken zu erfassen, und fährt sodann aus innerstem Herzen fort, indem er folgende Worte spricht:

„Laß mich heute Deines heiligen Abendmahls teilhaftig werden, o Sohn Gottes, denn nicht als Dein Feind will ich Dein Geheimnis verraten, noch Dich küssen mit dem Kusse des Judas, sondern ich will Dich bekennen gleich dem Übeltäter, indem ich spreche: „Herr, gedenke an mich, wenn Du in Dein Reich kommst.“ Und indem der Betende in seinem Inneren einen Augenblick andächtig innehält, fährt er fort: „Gib, o Herr, daß ich mir aus Deinem heiligen Abendmahl nicht das Gericht und die Verdammnis esse und trinke, sondern daß es mir zum Heil meiner Seele und meines Körpers gereiche.“

Nachdem nun ein jeglicher dieses Bekenntnis abgelegt hat, naht er sich dem Geistlichen nicht wie einem gewöhnlichen Priester, sondern wie dem feurigen Seraphim selbst, indem er sich bereit hält, mit offenem Munde die glühende Kohle des heiligen göttlichen Leibes und Blutes, die ihm im Löffel gereicht wird, in sich aufzunehmen, sie, die den ganzen häßlichen Schmutz und Unrat seiner Sünden zu Asche verbrennen soll, wie trockenes Reisig, die ewige Nacht aus seiner Seele verscheuchen und ihn selbst in einen strahlenden Seraph verwandeln soll. Und wenn dann der Priester den heiligen Löffel an seine Lippen führt, den Kommunikanten beim Namen nennt und spricht: „Der Knecht Gottes empfängt das gerechte und heilige Blut des Herrn und Gottes, unseres Heilandes Jesu Christi, zur Vergebung der Sünden und zum ewigen Leben,“ nimmt er den Leib und das Blut des Herrn in sich auf; so steht er in seinem Inneren einen Augenblick seinem Gott gegenüber, indem er Ihm selbst vor das Angesicht tritt. Dieser Augenblick ist unzeitlich und er unterscheidet sich durch nichts von der Ewigkeit, denn er ist erfüllt von Dem, Der da der Grund aller Ewigkeit ist.

Indem der Mensch durch den Genuß des Leibes und des Blutes dieses großen Augenblicks teilhaftig geworden ist, steht er von heiliger Ehrfurcht erfüllt da; nun wird sein Mund mit dem heiligen Aër abgetrocknet, und diese Handlung wird mit den Worten des Seraphs begleitet, die dieser an den Propheten Jesaias richtete: „Siehe, hiermit sind deine Lippen gerühret, daß deine Missetat von dir genommen werde und deine Sünde versöhnet sei.“ Nunmehr tritt er selbst als ein Heiliger von dem heiligen Kelche zurück, indem er sich vor den Heiligen verbeugt, sie grüßt und sich vor den Anwesenden verneigt, die seinem Herzen jetzt soviel näher stehen als bis dahin und die nun durch das Band einer heiligen himmlischen Blutsverwandtschaft mit ihm verbunden sind; dann geht er wieder an seinen Platz zurück, ganz erfüllt von dem Gedanken, daß er Christus selbst in sich aufgenommen hat, daß Christus in ihm weilt und in fleischlicher Gestalt in seinen Leib hinabgestiegen ist, wie in ein Grab, um bis in die geheimste Kammer seines Herzens einzudringen und aufzuerstehen in seinem Geiste, denn in ihm selbst vollzieht Er Sein Begräbnis und Seine Auferstehung. Und die ganze Kirche leuchtet auf im Lichte dieser geistigen Auferstehung und jauchzend stimmt der Sängerchor einen Jubelgesang an:

„Wir haben gesehen Christi Auferstehung, so lasset uns anbeten den heiligen Herrn Jesum, Ihn, den Einzigen, Sündlosen. Wir beten Dein Kreuz an, o Christus, und lobsingen und preisen Deine heilige Auferstehung, denn Du bist unser Gott, wir kennen keinen, außer Dir, und preisen Deinen Namen. Kommet her, alle ihr Gläubigen, lasset uns anbeten die heilige Auferstehung Christi, denn durch das Kreuz ward der ganzen Welt große Freude zuteil. Wir segnen den Herrn ewiglich und preisen Seine Auferstehung: denn Er erlitt und erduldete den Kreuzestod, und indem er starb, hat Er den Tod überwunden.“ Und hierauf singt der Chor gleich den Engeln, die sich zu dieser Zeit versammeln:

„Strahle auf und leuchte, neues Jerusalem, denn Gottes Ruhm ist über dir aufgegangen. Jubele und freue dich nun, o Zion. Und du, reine Jungfrau und Mutter Gottes schmücke dich, denn Er, Den du geboren hast, ist auferstanden. O großes, heiligstes Passahfest Christi! O Weisheit, du Wort und Kraft Gottes! laß uns deiner noch in vollkommener Weise teilhaftig werden an dem nie endenden Tage deines Reiches!“

Während die frohlockende Kirche also widerhallt von den Auferstehungsliedern, stellt der Priester, im geschlossenen Altarraum, den heiligen Kelch auf den heiligen Hochaltar, der gleich der Patene wieder mit einer Decke zugedeckt wird, und richtet ein Dankgebet an den Herrn und Wohltäter unserer Seelen dafür, daß Er alle durch Seine Gnade teilnehmen ließ an Seinem himmlischen ewigen Sakramente, und er schließt mit der Bitte, Gott möge uns auf den rechten Weg führen, uns alle in der heiligen Ehrfurcht zu Ihm befestigen, unser Leben behüten und unseren Schritten Kraft und Festigkeit verleihen.

Und nun öffnet sich die Königspforte zum letztenmal, denn dieses offene Tor soll die offenen Pforten des Himmelreiches versinnbildlichen, das Christus allen zuteil werden ließ, indem Er Sich selbst der ganzen Welt zur Speise darbrachte. Das Hinaustragen des heiligen Kelches, wobei der Diakon die Worte spricht: „Tretet heran mit Gottesfurcht und Glauben,“ sowie das Zurücktragen des Kelches soll versinnbildlichen, daß Christus zum Volke hinausgeht, um alle Menschen mit Sich in das Haus Seines Vaters zurückzuführen. Vom Chor ertönt ein donnernder feierlicher Jubelgesang zur Antwort: „Gesegnet sei Der da kommt im Namen des Herrn; unser Herr und Gott erscheine, Der uns erscheint.“ Und die ganze Gemeinde vereinigt sich mit dem Chor und stimmt einen donnernden geistlichen Lobgesang an, der aus der Tiefe des gewaltig erstarkten und erhobenen Geistes kommt. Der Priester segnet die Anwesenden mit den Worten: „Errette, o Herr, Deine Menschen und segne Dein Eigentum,“ denn er nimmt an, daß in diesem Augenblick alle durch ihre Reinheit zu Gottes eigenstem Eigentum geworden sind — dann schwingt er sich in Gedanken empor und gedenkt der Himmelfahrt Christi, die den Abschluß Seines Erdenwandels bildete: er tritt zusammen mit dem Diakon vor den heiligen Hochaltar, verneigt sich und räuchert zum letztenmal, indem er spricht: „Aufgefahren zum Himmel bist Du, o Herr, die ganze Erde ist Deines Ruhmes voll,“ inzwischen aber begeistert der Chor durch jauchzende Jubelgesänge und Töne, die von strahlender geistiger Freude erfüllt sind, die verklärten Gemüter der Anwesenden zu folgenden Worten, dem höchsten Ausdruck geistiger Freude: „Wir haben das wahre Licht geschaut, wir haben den himmlischen Geist empfangen, wir haben uns mit dem wahrhaften Glauben erfüllt und beten an die Heilige unteilbare Dreieinigkeit, denn Sie hat uns erlöst.“

Der Diakon erscheint mit der heiligen Patene auf dem Haupte im heiligen Tor, er spricht kein Wort, blickt stumm auf die ganze Versammlung und entfernt sich hierauf wieder, womit er andeuten will, daß Christus uns verlassen hat und gen Himmel gefahren ist. Nach dem Diakon erscheint der Priester mit dem heiligen Kelch im heiligen Tore und verkündigt, daß der Herr, Der gen Himmel gefahren ist, alle Tage bis zum Ende der Welt bei uns weilet, indem er spricht: „Immerdar, jetzo, hinfort und in alle Ewigkeit,“ worauf der Kelch und die Patene zurückgetragen und auf den Seitenaltar gestellt werden, auf dem das Offertorium stattfand und der jetzt nicht mehr die Krippe, die eine Zeugin der Geburt Christi war, sondern jenen höchsten Ort des Ruhmes darstellt, auf dem sich die Himmelfahrt Christi in den Schoß des Vaters vollzog.