Hier vereinigt sich die ganze Kirche unter Führung des Sängerchors zu einem feierlichen Dankgesang der Seelen, und dies sind die Worte des Lobgesangs: „Laß unseren Mund sich erfüllen mit Deinem Lobe, o Herr, daß wir Deinen Ruhm singen, Der Du uns würdigest, an Deinem heiligen, göttlichen, unvergänglichen, lebenspendenden Sakramente teilzunehmen; behüte uns in Deinem Heiligtume, auf daß wir den ganzen Tag Belehrung schöpfen aus Deiner Weisheit!“ Hierauf singt der Sängerchor dreimal ein begeistertes: „Halleluja!“, das allen das ewige Wandeln und die Allgegenwart Gottes in Erinnerung ruft. Der Diakon besteigt die Kanzel, um die Anwesenden zum letztenmal zu Dankgebeten aufzufordern. Er hebt die Stola mit drei Fingern seiner Hand empor und spricht: „Vergib! lasset uns, nachdem wir empfangen haben das göttliche, heilige, reine, unvergängliche, himmlische, lebenspendende und furchtbare Sakrament Christi, würdig danken dem Herrn.“ Und alle Anwesenden singen leise und mit dankbarem Herzen: „Herr, erbarme Dich!“ „Hilf, rette, erbarme Dich und erhalte uns durch Deine Gnade, o Gott!“ ruft der Diakon zum letztenmal. Und alle singen den Gesang: „Herr, erbarme Dich! Wir beten, daß dieser ganze Tag heilig, friedlich und sündlos zu Ende gehe und weihen uns, einander und unser ganzes Leben Christus, unserem Gotte!“ Und mit der sanften Fügsamkeit eines Kindes und dem himmlischen Vertrauen auf Gott rufen alle aus: „Dir, o Herr!“ Der Priester hat währenddessen das Corporale zusammengelegt und verkündigt nun mit dem Evangelium in der Hand ... und stimmt einen Lobgesang auf die Dreieinigkeit an, der bisher gleich einem alles erhellenden Leuchtturm den ganzen Gang des Gottesdienstes erleuchtete und jetzt mit noch hellerem Lichte in den verklärten Seelen aufstrahlt; diesmal aber lautet der Lobgesang auf die Dreieinigkeit folgendermaßen: „Da Du bist unsere Heiligung, so singen wir Dir Ruhm und Preis: dem Vater, dem Sohne und dem Heiligen Geiste, jetzo, hinfort und in alle Ewigkeit.“
Dann tritt der Priester vor den Seitenaltar, auf dem der Kelch und die Patene stehen. Alle die Stücke, die bisher auf der Patene lagen und die während des Offertoriums zum Gedächtnis der Heiligen, zu Ehren der Entschlafenen und für das geistige Wohlergehen der Lebenden herausgeschnitten wurden, werden jetzt in den heiligen Kelch getaucht, und durch diesen Akt des Eintauchens nimmt die ganze Kirche am Leibe und Blute Christi teil — sowohl die, die noch auf Erden umherirrt und kämpft, als auch die, die bereits triumphieret im Himmel: die Mutter Gottes, die Propheten, die Apostel, die Kirchenväter, die Priester, die Einsiedler, die Märtyrer, alle Sünder, für die ein Stück aus dem Brote herausgeschnitten wurde, sowohl die, die auf Erden leben, als auch die, die schon dahingegangen sind, nehmen in diesem Augenblick am Leibe und Blute Christi teil. Und der Priester, der in diesem Augenblick als der Vertreter der ganzen Kirche vor Gottes Angesichte steht, trinkt aus dem Kelche diese Kommunion aller und betet, nachdem er die Kommunion in sich aufgenommen hat, für alle, auf daß ihre Sünden weggewaschen werden, denn um der Erlösung aller willen ward dieses Opfer von Christus dargebracht, sowohl für die, die vor Seinem Kommen gelebt haben, als auch für die, die nach seinem Erscheinen leben. Und so sündhaft sein Gebet auch sein mag, der Priester richtet es für alle zu Gott empor, selbst für die heiligsten unter den Menschen, denn Johannes Chrysostomus hat gesagt: „Die ganze Welt muß gereiniget werden.“
Die Kirche ordnet ein allgemeines Gebet für alle an, und die hohe Bedeutung eines solchen Gebets und seine strenge Notwendigkeit sind nicht von den Philosophen und nicht von Gelehrten und Weltweisen des Zeitalters, sondern von den erhabensten Menschen erkannt worden, die durch ihre hohe geistige Vollkommenheit und durch ihr himmlisches engelhaftes Leben bis zur Erkenntnis der tiefsten geistigen Geheimnisse durchdrangen und klar einsahen, daß es keine Trennung unter denen, so in Gott leben, gibt, daß ihr Verkehr infolge der momentanen Verweslichkeit unseres Leibes nicht aufhört, daß die Liebe, die hier erblühte und uns verband auf der Erde, im Himmel als in ihrer Heimat noch viel mächtiger wird, und daß ein Bruder, der uns verlassen hat, uns durch die Macht der Liebe noch weit näher gerückt wird. Und alles, was aus Christus hervorgeht, ist ewig, wie die Quelle selbst ewig ist, aus der es entspringt. Sie haben ja auch durch ihre höheren Sinnesorgane erfahren, daß sogar die triumphierende Kirche im Himmel beten muß, und daß sie in der Tat für ihre auf Erden herumirrenden Brüder betet; sie haben auch erkannt, daß Gott uns im Gebet die höchste Seligkeit beschieden hat, denn Gott tut nichts und erweist niemand eine Wohltat, ohne Sein Geschöpf an Seinem Werke mitwirken zu lassen, auf daß es die hohe Wonne des Wohltuns mitgenieße; der Engel, der der Überbringer Seines Befehls ist, versinkt förmlich in Seligkeit, bloß weil er Seine Befehle überbringen darf. Der Heilige betet im Himmel für seine Mitbrüder, die hier auf Erden weilen, und versinkt in lauter Seligkeit, weil er beten darf. Und alles nimmt mit Gott an allen Seinen höchsten Wonnen und an Seiner Seligkeit teil: Millionen der vollkommensten Geschöpfe gehen aus Gottes Hand hervor, um an der höchsten und erhabensten Seligkeit teilzunehmen, und dies nimmt kein Ende, wie Gottes Seligkeit kein Ende nimmt.
Nachdem der Priester die Kommunion aller mit Gott aus dem Kelche getrunken hat, verteilt er die Weihbrote, denen die Stücke entnommen und aus denen sie herausgeschnitten wurden, an das Volk und übt damit den alten hohen Brauch des Liebesmahls aus, der bei den ersten Christen herrschte. Obwohl heute zu diesem Zweck kein Tisch mehr gedeckt wird, weil die ungebildeten und noch rohen Christen durch törichte Kundgebungen einer ungestümen Freude und durch Worte des Streits statt durch Worte der Liebe die Heiligkeit dieses rührenden himmlischen Mahles im Hause Gottes entweiht hatten, eines Mahles, bei dem alle Teilnehmer Heilige waren, bei dem alle Teile in eins zusammenflossen und währenddessen sie miteinander sprachen und sich unterhielten wie reine, unschuldige Kindlein, als wenn sie bei Gott im Himmel weilten; obwohl die Kirchen selbst einsahen, daß es unbedingt notwendig sei, diesen Brauch aufzuheben und selbst die Erinnerung an dieses Festmahl in vielen Kirchen zu tilgen, konnte die morgenländische Kirche sich nichtsdestoweniger nicht entschließen, diese Sitte gänzlich abzuschaffen, und so feiert sie auch heute noch in der Verteilung des heiligen Brotes an das gesamte in der Kirche versammelte Volk das alte Liebesmahl. Daher nimmt ein jeder, der das Weihbrot empfängt, dieses statt des Brotes entgegen, das von jenem Mahle herstammt, bei dem der Herr der Welt selbst Sich mit Seinen Jüngern unterredet hat, daher muß er es voller Ehrfurcht genießen und sich vorstellen, er sei von allen Menschen wie von lieben Brüdern umgeben, daher genießt er es denn auch, wie das in der Urkirche Sitte war, vor jeder anderen Speise, nimmt es mit sich nach Hause, oder er bringt es den Kranken, den Armen und solchen, die an jenem Tage aus irgendeinem Grunde nicht in der Kirche sein konnten.
Nachdem der Priester die heiligen Brote verteilt hat, schließt er die Liturgie mit einem Gebet und segnet sodann das ganze Volk mit den Worten: „Christus, unser wahrhaftiger Gott, erbarme Sich unser auf die Fürbitte Seiner reinen Mutter, auf Fürbitte unseres Erzbischofs Johannes Chrysostomus (wenn an diesem ebenso wie am vergangenen Tage die Liturgie des Chrysostomus stattfindet), auf Fürbitte des Heiligen (hier nennt er den Heiligen, dem dieser Tag geweiht ist) sowie aller Heiligen; und errette uns, denn Er ist gütig und menschenfreundlich.“ Die Gemeinde bekreuzigt sich, fällt auf die Knie und geht auseinander, während der Chor einen lauten Gesang anstimmt und Gebete für das Leben des Kaisers emporrichtet.
Nunmehr legt der Priester im Inneren des Altarraumes seine Gewänder ab, indem er spricht: „Nun entläßt Du Deinen Knecht!“ und er begleitet diese Handlung mit Lobgesängen und Hymnen zu Ehren des Vaters und Bischofs der Kirche, dem zu Ehren die Liturgie zelebriert wurde, sowie zu Ehren der heiligen reinen Jungfrau, in der sich die Menschenwerdung Dessen vollzog, Dem die ganze Liturgie geweiht ist. Der Diakon verzehrt unterdessen alles, was noch im Kelche enthalten ist, gießt noch etwas Wein und Wasser hinein, spült die inneren Wände des Kelches ab, trinkt sodann den Inhalt des Kelches aus und trocknet ihn sorgfältig mit dem Schwamm ab, damit nichts mehr darin bleibe, dann räumt er die heiligen Gefäße zusammen, bedeckt sie mit Decken, bindet sie zusammen und spricht ebenso wie der Priester: „Nun entläßt Du Deinen Knecht!“ worauf er dieselben Gesänge und Gebete wiederholt. Und beide verlassen die Kirche mit frischen, strahlenden Gesichtern, mit einem von jauchzender Freudigkeit erfüllten Geist und Worten des Dankes für den Herrn auf den Lippen.
Schluß
Die Wirkung, die die heilige Liturgie auf den Geist ausübt, ist gewaltig: sie vollzieht sich sichtbar und vor den Augen der ganzen Welt und bleibt doch verborgen. Und wenn der Kirchenbesucher nur jeder Handlung andächtig und aufmerksam und den Ermahnungen des Diakons gehorsam gefolgt ist, — so wird seine Seele von einer gehobenen Stimmung ergriffen, Christi Gebote werden für ihn erfüllbar, das Joch Christi wird sanft, und Seine Last wird leicht. Wenn er dann den Tempel verlassen hat, woselbst er an dem göttlichen Liebesmahl teilgenommen hat, sieht er alle Menschen als seine Brüder an. Was er auch tut, ob er wieder an seine gewohnten Geschäfte geht, sich seinem Dienst oder seiner Familie widmet, wo und in welchem — — — es auch sei, stets schwebt ihm ganz unwillkürlich das hohe Ziel eines liebevollen Verhaltens gegen seine Mitmenschen vor der Seele, wie es uns der Gottmensch vom Himmel mitgebracht hat; ohne daß er es selbst merkt, wird er freundlicher und gütiger gegen seine Untergebenen. Wenn er selbst einen Vorgesetzten über sich hat, so ordnet er sich ihm liebevoller unter, als wäre es der Heiland selbst, dem er gehorcht. Wenn er einen Menschen sieht, der um Hilfe bittet, ist sein Herz mehr denn sonst zur Hilfe geneigt, er findet mehr [Freude] daran und schenkt dem Armen aus liebendem Herzen ein Almosen. Ist er dagegen selbst arm, so nimmt er jede kleine Gabe voller Dankbarkeit entgegen; sein Herz ist von Rührung ergriffen und will vor Dank vergehen, und niemals betet er so dankerfüllt für seinen Wohltäter. Und alle, die der göttlichen Liturgie aufmerksam gefolgt sind, verlassen die Kirche sanftmütiger, sind gütiger im Umgang mit dem Menschen und freundlicher und milder in allem, was sie tun.
Daher muß ein jeder, der innerlich fortschreiten und besser werden will, die göttliche Liturgie, so oft als nur möglich, besuchen und ihr aufmerksam folgen: sie stimmt den Menschen ganz unmerklich und richtet seine Seele empor. Und wenn sich unsere Gesellschaft noch nicht vollständig aufgelöst hat, wenn die Menschen noch nicht von einem tiefen unversöhnlichen Haß widereinander erfüllt sind, so liegt der letzte tiefste Grund in der göttlichen Liturgie, die den Menschen an das heilige himmlische Gebot der Liebe zu seinen Brüdern mahnt. Wer sich daher in der Liebe stärken will, der sollte dem heiligen Liebesmahl so oft als möglich, voller Furcht, voller Glauben und Liebe beiwohnen. Und wenn er das Gefühl hat, daß er dessen noch nicht würdig ist, mit seinem Munde den Gott in sich aufzunehmen, Der selbst ganz Liebe ist, so soll er wenigstens der Liturgie als Zuschauer beiwohnen, er mag zusehen, wie die anderen das heilige Abendmahl nehmen, um unmerklich und unwillkürlich mit jeder Woche besser und vollkommener zu werden.
Gewaltig und unermeßlich könnte die Wirkung der heiligen Liturgie sein, wenn der Mensch ihr beiwohnte, um das, was er gehört hat, in sein Leben aufzunehmen.