Nachdem Onißko seine Toilette beendigt hatte, überschritt er nicht ganz ohne Furcht und geheime Freude die Schwelle. Der Böse schien ihn necken zu wollen (er gab dies später selbst zu), indem er ihm fortwährend die schlanken Füßchen seiner Nachbarin vorzauberte: „Ach, wenn doch der Lehrer nicht wäre!“ wiederholte er mehrmals bei sich selbst; „was hätte es ihn gekostet, wenn er sich’s hätte einfallen lassen, sich nur ein klein wenig später zu verlieben?“ Und nachdenklich durchmaß er langsamen Schrittes die große Viehweide, durch die ihn sein Weg hindurchführte. Doch jetzt durchbrach ein vielstimmiges Gebell die nachdenkliche Stimmung, die ihn gleich einer Wolke umfing, und seine Gedanken stoben aufgescheucht wie eine Schar wilder Enten nach allen Richtungen auseinander. Er richtete die Augen empor und sah nun, daß er nicht mehr weiter konnte. Vor ihm erhob sich ein Tor, durch das wie durch ein Transparent der ganze unbewegliche Besitz des Kosaken hindurchschimmerte. Ein blauer Schlitzrock und ein feuerfarbenes Band leuchteten ihm entgegen ... Das Herz hüpfte ihm in dem Busen ... die blonde Schöne öffnete das Tor, trieb die lästigen Hunde mit einer langen Rute auseinander und stand nun vor ihm.
Der Hof Charjkas stellte ein großes Quadrat dar, das auf einer Böschung, die sich gegen den Teich hinabsenkte, lag und von allen Seiten mit einem geflochtenen Zaun umgeben war. Wenn das Tor geöffnet war, sah man unmittelbar vor sich eine sauber geweißte Hütte mit mächtigen Fenstern von ungleicher Größe und eine eichene Tür, die schon ganz schwarz vor Alter war; das Häuschen stand auf einem niedrigen Lehmfundament (einer sogenannten Prisba), das nach der in Kleinrußland herrschenden Sitte mit Wäsche, Suppenschüsseln und einem Topf, einem alten Invaliden aus Ton, bedeckt war, dem trotz seiner Wunden und Verletzungen noch kein Abschied bewilligt wird, und den man zum Dank für seine treuen Dienste mit Spülwasser zu füllen pflegt. Zu beiden Seiten der Hütte befanden sich Ställe und Speicher mit struppigen beschädigten Dächern. Hinter der Hütte ragte eine Tenne empor, die ihrerseits von einem Taubenschlag überragt wurde, über den man nur noch die vorüberziehenden Wolken und die in der Luft herumflatternden Tauben erblickte. Weiter unten streckte sich der Gemüsegarten gleich einem kostbaren türkischen Schal bis zum Teiche hinab. Auf dem ganzen Hofe erblickte man überall Strohhaufen, die unordentlich herumlagen.
Katerina schien ein wenig verwundert über Onißkos Besuch. Da sie annahm, daß ihn ohne Zweifel lediglich die Not zu ihrem Vater geführt haben konnte, öffnete sie das Tor nur zur Hälfte und sagte ein wenig verlegen: „Vater ist nicht zu Hause; er wird auch kaum bis zum Abend heimkommen.“
„Mag es ihm so leicht aufstoßen, wie es aus seinem Innern aufsteigt! Was wär’ ich für ein Tölpel vor dem Herrn, wenn ich trockenen Brei fressen wollte, wo mir Quarkkuchen mit saurem Rahm vor der Nase stehen?“
Die blonde Schöne blieb überrascht und verblüfft stehen, denn sie wußte nicht, wie sie diese Worte verstehen sollte. Ein Lächeln, das durch sein seltsames Benehmen veranlaßt war, huschte über ihr Gesicht und schien anzudeuten, daß sie auf weitere Aufklärung warte.
Der Küchenmeister fühlte selbst, daß er sich nicht ganz deutlich ausgedrückt und dazu ihres Vaters mit etwas rauhen Worten gedacht hatte; er fuhr daher fort: „Da müßte mich doch schon der Böse selbst zum Alten führen, wenn dieser eine so hübsche Tochter hat.“
„Ah, ist es das!“ sagte Katerina lächelnd und leicht errötend. „Bitte, tretet ein!“ und sie schritt voraus und ging auf die Tür der Hütte zu.
In Kleinrußland haben die Mädchen viel mehr Freiheit als irgendwo anders, und daher darf es nicht seltsam erscheinen, daß unsere Schöne, ohne daß ihr Vater etwas davon wußte, einen Gast bei sich empfing. „Bist du zu Fuß hierher gekommen, Onißko?“ fragte sie ihn, indem sie sich auf der Schwelle an der Tür der Hütte niederließ und eine würdige und ehrbare Haltung anzunehmen suchte, obwohl ihr schelmisches Lächeln, bei dem sie eine lange Reihe schöner Zähne sehen ließ, sie deutlich verriet.
— Wieso zu Fuß? — Teufel auch! sollte sie über das, was gestern vorgefallen ist, unterrichtet sein? dachte der Küchenmeister. — „Gewiß doch zu Fuß, meine Schöne. Wahrhaftig, der Teufel müßte mich reiten, wenn ich absichtlich den Braunen meines Herrn angespannt hätte, bloß um von einem Hof zum anderen zu gelangen!“
„Aber von der Küche bis zur Vorratskammer ist es doch nicht so weit!“